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Paolo Becchi, Svea Burmester: Das Prinzip Menschenwürde

Cover Paolo Becchi, Svea Burmester: Das Prinzip Menschenwürde. Eine Einführung. Duncker & Humblot (Berlin) 2016. 83 Seiten. ISBN 978-3-428-14723-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Das Buch ist als Einführung in das Prinzip der Menschenwürde gedacht, das nach Auffassung des Autors zu Beginn dieses Jahrtausends in das Zentrum der philosophischen Debatte gerückt ist. Es will in die Geschichte und philosophischen Diskussionen zum Thema Menschenwürde, gerade auch in seiner verfassungsrechtlichen Dimension einführen. Das Buch erschien in 1. Auflage 2013 in italienischer Sprache.

Autor

Paolo Becchi, Professor für Rechts- und Staatsphilosophie an der Universität Luzern, ist Mitglied des Instituto Italiano di Bioetica, der Hans-Jonas-Gesellschaft, Direktionsmitglied des Instituts für angewandte Ethik (Grünstadt) und des Interdisziplinären Zentrums Medizin-Ethik-Recht der Universität Halle-Wittenberg, wissenschaftlicher Beirat der Rechtsphilosophischen Hefte und Redaktor der Zeitschrift „Ragion Pratica“. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen der Bioethik und des Medizinrechts, was auch in diesem Buch deutlich wird.

Aufbau

Das Buch von gut 50 Seiten ist in sieben Kapitel gegliedert.

  1. begriffshistorischer Überblick über den Würde-Begriff (11-19),
  2. Debatte der Nachkriegszeit (20-29),
  3. Diskussion und Neuorientierung (30-37),
  4. Bedeutung der Menschenwürde in Rechtsdokumenten der EU und des Europarates (38-44),
  5. Selbstbestimmungsrecht als ein Zentrum der Menschenwürde und seine Grenzen (44-51),
  6. Zusammenhang mit der medizinischen Bioethik (52-57).
  7. Zum Abschluss werden einige Folgerungen aus den vorstehenden Darlegungen und Überlegungen gezogen (58-59).

Zu erwähnen ist noch ein Anhang über die schweizerische Bundesverfassung.

Inhalt

1. Der begriffshistorische Überblick stellt die unterschiedlichen Bedeutungsvarianten dar, die der Begriff der Menschenwürde ausgehend von der römischen Antike hatte. Einerseits die besondere Stellung des Menschen im Universum, andererseits seine Stellung in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Ist die erste Bedeutung von Würde universalistisch, jedem Menschen als Gabe zukommend absolut, so ist sie in der zweiten Bedeutung relativ, man kann sie erlangen und verlieren. Nachgezeichnet wird die Entwicklung oder Bewegung beider Bedeutungsvarianten, vom Christentum., bis hin zu Kant und Hegel.

2. Für die Nachkriegszeit wird die Diskussion um den Würde-Begriff in Deutschland ins Zentrum gestellt, das Grundgesetz, eines der ersten Dokumente, welches die Menschenwürde als „unantastbar“, damit als absoluten Wert normiert. Betont wird, dass damit die Menschenwürde in das positive Recht aufgenommen wird. In die Darstellung wird ein Vergleich mit der italienischen Verfassung aufgenommen, in der die Menschenwürde wesentlich in ihrer sozialen Dimension im Zentrum steht, in der italienischen Verfassung ein „relativer Begriff“ (27) in ihrer sozialen Dimension, gleichzeitig aber auch in einer „absoluten Bedeutung“, wenn dort etwa die Rede von „unverletzbaren Rechte(n) des Menschen“ die Rede ist. Beiden unterschiedlichen Konzepte der Würde, dem absoluten und dem relativen haftet nach Auffassung des Autors „der Mangel der Einseitigkeit an“, demgegenüber als Ideal „stünde eine Verbindung der zwei Dimensionen der Würde“ (29).

3. In dem Kapitel über die Neuorientierung wird, wiederum vor allem an der Deutschen Verfassungsdiskussion, zurückgehend auf Ernst Bloch und Werner Maihofer erkenntlich gemacht, wie sich der Akzent der Menschenwürde vom „zu achten“ in Richtung „zu schützen“, d.h. auf die sozialstaatliche Ausprägung der Menschenwürde verschob, genauer gesagt, erweiterte. In das Zentrum gerät das Werk von John Rawls, die „Theorie der Gerechtigkeit“ und in der Folgezeit auch die weitere Diskussion im angloamerikanischen Raum, mit den beiden wichtigsten Vertretern, Martha Nussbaum und Ronald Dworkin, deren Konzept der Autor kurz vorstellt. Dies gilt ebenso für das Werk von Avishai Margalit, bei dem die Selbstachtung jedes Einzelnen im Zentrum steht. Es handelt sich in diesem Abschnitt, wie der Autor hervorhebt, um einen „Streifzug durch die neuen Auffassungen von Würde“ ( 36). Dabei betont der Autor, dass auch die „alte Würdevorstellung“, die vor allem den „Schutz vor“ intendierte, angesichts der Ereignisse in der Neuzeit, von denen etwa Guantanamo erwähnt wird, nach wie vor Geltung und Bedeutung hat.

4. Auf der europäischen Ebene wird der Schutz der Menschenwürde in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union hervorgehoben, während sich die EMRK nicht explizit auf die Menschenwürde bezieht. Eher ausführlich dargestellt wird die, wohl eher weniger bekannte Oviedo Convention des Europarates von 1997, die den Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde in Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin regelt.

5. Wie steht es um das Selbstbestimmungsrecht des Menschen und seine Grenzen in Zeiten der Gentechnologie und Biomedizin? Mit welchem Menschenbild ist dies jeweils verbunden. Das wird im folgenden sehr anschaulich dargestellt, insbesondere auch, dass beides, Menschenwürde und Selbstbestimmung nicht immer „deckungsgleich“ sind (51), dass die Menschenwürde nicht nur Garant der Selbstbestimmung sondern zu gleich ein Grenze der Selbstbestimmung markieren kann. Wie ist das z.B. wenn eine Frau ihre Gebärmutter „entgeltlich ausleiht“ (50.), wie erklärt sich das Wiederheraufkommen der Religion, etwa auch bei Jürgen Habermas?

6. Das führt zur Diskussion der kritischen Aspekte der Biomedizin, geht es etwa um den Todeszeitpunkt aber vor allem, wenn es um den Lebensanfang geht, um Embryonenforschung und eugenische Präimplantationsdiagnostik.

7. Vor diesem Hintergrund, der deutlich werden lässt, welch komplexen Fragen sich dem Prinzip der Menschenwürde in der Gegenwart und vor allem auch in der Zukunft stellen, hält der Autor den abstrakten Würde-Begriff für eher problematisch und plädiert für einen Würde-Begriff, der einen wechselnden Bedeutungsgehalt in wechselnden Lebensphasen hat, in wechselnden Phasen unserer Fähigkeit, als selbstbestimmte Wesen zu leben,

Diskussion

Das Buch macht durchaus anschaulich deutlich, wie sich das Prinzip der Menschenwürde, unterschiedlichster Auslegungen fähig, gerade auch in der deutschen Verfassungsgeschichte, von einem Abwehr- zu einem sozialstaatlichen Schutzkonzept entwickelt hat, auf der internationalen Eben der Menschenrechte, wie auch in unterschiedlichem Grade in nationalen Verfassungen. Etwas in den Hintergrund gerät dabei, dass das Prinzip als Schutzkonzept bezogen auf Sicherheit zugleich als Eingriffsrecht in Grundrechte transformiert werden kann. Dass das Abwehrkonzept keineswegs an Bedeutung verloren hat, macht der Autor deutlich, in der absoluten Absage an jede Diskussion, die darauf zielt, Formen der Folter in Zeiten des Terrorismus wieder hoffähig zu machen.

Eine besondere Spannung enthält das Buch, wo es die Frage des Prinzips der Menschenwürde mit den aktuellen Fragen der gentechnologischen und biomedizinischen Entwicklung verbindet, weil es in diesen Abschnitten deutlich macht, wie wenig ein abstrakte Menschenwürde unmittelbar Antworten auf aktuelle Fragen geben kann. Der abschließende Gedanke des Autors, den „Bedeutungsgehalt der Würde“ in den verschiedenen Lebensphasen des Menschen unterschiedlich auszugestalten ist ein, in Kommentaren durchaus bereits beherzigter Vorschlag, der aber nicht ohne Gefahren ist, was der Autor durchaus einräumt. Verlangt jeder Lebensabschnitt „auf seine Weise“, dass dem Menschen mit „Respekt“ begegnet wird, dem Kind nicht anders als dem gealterten Menschen, dem Gesunden nicht anders als einem Menschen mit schwersten Einschränkungen und berücksichtigt man noch, dass dies kaum einschränkungslos für jede Lebensart gelten kann, so bleibt zwischen dem Prinzip Menschenwürde und der konkreten Situation, in der es zur Anwendung kommen soll, nach Auffassung des Rezensenten immer eine Lücke, in welcher der Kampf um die Menschenwürde, stets seine Fortsetzung finden wird.

Fazit

Es ist beachtlich, welche Fülle an Informationen, welches Wissen und Herstellen von Zusammenhängen der Autor in einem Buch – sieht man von dem Anhang und Literaturverzeichnis ab auf 59 Seiten – ausbreitet. Das verweist andererseits, angesichts der thematischen Fülle und Dichte, in der Vertikale von der Antike bis in die biomedizinische Diskussion der Neuzeit, in der Horizontale der Vergleich der bundesrepublikanischen mit der italienischen Verfassung, wobei im Anhang auch noch die schweizerische Bundesverfassung einbezogen wird, auch auf den Preis einer derart dichten Darstellung. Es ist dann notwendigerweise eine verdichtete „Einführung“, so der Untertitel, für – wie ich hinzufügen möchte – mehr oder weniger bereits eingeführte Leser. Ansonsten könnten viele kurze Hinweise auf Autoren kaum verstanden werden.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 10.01.2017 zu: Paolo Becchi, Svea Burmester: Das Prinzip Menschenwürde. Eine Einführung. Duncker & Humblot (Berlin) 2016. ISBN 978-3-428-14723-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21998.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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