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Peter Dürrmann: Besondere stationäre Dementenbetreuung

Cover Peter Dürrmann: Besondere stationäre Dementenbetreuung. Vincentz Verlag (Hannover) 2001. 184 Seiten. ISBN 978-3-87870-647-2. 17,80 EUR.
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Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches

Die fachliche Diskussion in Deutschland über die angemessene Versorgung Demenzkranker in den Heimen wurde und wird teilweise noch durch die beiden Position "Integration" (Demenzkranke zusammen mit Nicht-Demenzkranken) und "Segregation" (Einrichtung spezifischer Wohnbereiche für Demenzkranke mit krankheitsspezifischen Verhaltensweisen) bestimmt, wobei das Modell "Integration" bis vor einigen Jahren für die Sozialministerien der Länder, die überörtlichen Sozialhilfeträger und die Verbände der Wohlfahrtspflege als das allein gültige Leitkonzept der stationären Altenpflege galt. "Segregative" Versorgungskonzepte hingegen blieben eher randständig und wurden teils negativ sanktioniert. Erst mit der Aufarbeitung der positiven Erfahrungen anderer Länder mit relativ homogenen Bewohnergruppen (Demenzstationen u. a.) ist eine Versachlichung der Fachdiskussion in diesem Kontext festzustellen.

Das vorliegend Buch ist Ausdruck dieses neuen Verständnisses der Demenzversorgung in den Heimen. Es enthält Beiträge verschiedener Fachtagungen ("Poller Runden"), die in einem Heim mit einem explizit homogenen Versorgungskonzept (Seniorenpflegeheim Polle in 37647 Polle) durchgeführt wurden.

Inhalt

Im ersten Kapitel "Grundlagen stationärer Dementenbetreuung" wird von Jens Bruder (Heimarzt und Gerontopsychiater) das Hamburger Modellprogramm "Stationäre Dementenbetreuung" (1989 – 1994) vorgestellt. Parallel wurden in den städtischen Heimen der Hansestadt verschiedene Betreuungsformen erprobt mit dem Ergebnis, dass bei der Homogenisierung der Bewohnerschaft positive Effekte hinsichtlich des Verhaltens und der Aktivität festgestellt wurden. Hierauf basiert die Empfehlung, "Sonderbereiche für schwer und verhaltensgestörte Demenzkranke" mit 15 – 30 Plätzen in den Heimen einzurichten mit einem verbesserten Personalschlüssel (mindestens 1 : 1,8).

Das zweite Kapitel "Das Krankheitsbild" enthält zwei Beiträge von Jan Wojnar (Heimarzt und Gerontopsychiater) über das Verstehen der Demenzkranken und über die medikamentöse Behandlung von Verhaltensstörungen.

Im dritten Kapitel "Pflege- und Betreuungsverständnis" explizieren Nicole Richard (Pädagogin) und Michael Goßen in knappen Worten Aspekte der "Integrativen Validation" und der "Basalen Stimulierung". Ein weiterer Beitrag von Martin Runge (Geriater) befasst sich mit der "Sturzprävention bei mobilen Demenzkranken", wobei er eingehend auf die Wirkung von Hüftprotektoren eingeht.

Im vierten Kapitel "Strukturen und Konzepte" stellt Peter Dürrmann (Heimleiter und Sozialpädagoge) die Demenzstation des Poller Seniorenheimes vor, wobei er eingehend die Betreuungskonzeption, die milieutherapeutischen Maßnahmen und die Auswirkungen dieser sozialen Umwelt auf die Bewohner beschreibt. Sibylle Heeg (Architektin) befasst sich mit der Bedeutung der Pflegeheimarchitektur und Milieugestaltung für das Wohlbefinden und die Verhaltenskompetenz der Demenzkranken, indem sie u. a. den Stand der Forschung hierüber referiert und auf neuere Versorgungsstrukturen (Kleinsteinrichtungen u. a.) verweist.

Das fünfte Kapitel "Verantwortung der Leitungskräfte" enthält zwei Beiträge von Alfred Hoffmann (Pädagoge) und Günter Viets (Heimleiter und Religionspädagoge) über Führungs- und Leitungskonzepte im Bereich der Einführung innovativer Strukturen, die als Umsetzung von "Visionen" in das Gefüge des Heimes aufgefasst werden können.

Im sechsten Kapitel "Rechtliche Ansprüche und Finanzierung" referiert Hannelore Puckhaber (Juristin) die gesetzlichen Ansprüche Demenzkranker und Peter Dürrmann erläutert anhand eigener "Erhebungen" und "Berechnungen" den seiner Meinung nach erforderlichen Mehrbedarf an Pflegepersonal für die Pflege und Betreuung Demenzkranker im Heim. In Anlehnung an das "Hamburger Modell" konnte er über die Pflegesätze der Pflegeversicherung hinausgehende Zuwendungen seitens der Kostenträger aushandeln.

Kritische Würdigung

Die überwiegende Zahl der Beiträge ist von Inhalt, Darstellungsweise, Verständlichkeit und auch hinsichtlich der Praxisbezogenheit akzeptabel in der Hinsicht, dass relativ neue Erfahrungen und Erkenntnisse, die überwiegend aus dem Alltag der Pflegeheime in Deutschland herrühren, vorgestellt werden. Sie können Anlass zu Anregungen und neuen Perspektiven in der Pflege und Betreuung in den Heimen bieten, denn sie enthalten ein beträchtliches Innovationspotential, wie z. B. die Homogenisierung der Bewohnerschaft, die speziellen Raum- und Milieukonzepte und die Praxis, im Falle der fortgeschrittenen körperlichen Hinfälligkeit Demenzkranke auf die geriatrischen Pflegestationen zu verlegen. Nur der Aspekt der erforderlichen beschützenden Unterbringung dieser Bewohnergruppe ist nicht ausreichend thematisiert worden.

Kritisch und letztlich für die Pflege abträglich betrachtet der Rezensent die Verwendung neuerer Betreuungsmodelle wie Validation, basale Stimulierung, Snoezelen etc.. Es muss darauf verwiesen werden, dass diese Konstrukte weder wissenschaftlich fundiert noch empirisch geprüft worden sind. Es besteht daher die Gefahr, dass durch den Einsatz dieser äußerst beschränkten und teils kontraproduktiven Interventionsformen die intuitiven Fähigkeiten der Pflegekräfte im Umgang mit den Demenzkranken in den Heimen verloren gehen.

Kritisch betrachtet der Rezensent u. a. auch aus sozialpolitischen Gründen das "Hamburger Modell" hinsichtlich der beträchtlichen Mehrkosten aufgrund des erhöhten Personalschlüssels.

Hier wird erstmals in Deutschland ohne jedwede fachliche Veranlassung und Begründung gezielt der Kostenrahmen der Pflegeversicherung ausgehebelt.

Fazit

Trotz der kritischen Einwände kann das Fazit gezogen werden, dass hier eine praxisnahe und innovationsreiche Publikation vorliegt, die es verdient, u. a. von engagierten Pflegekräften und Heimleitungen in Einrichtungen der stationären Altenhilfe gelesen und diskutiert zu werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 18.01.2002 zu: Peter Dürrmann: Besondere stationäre Dementenbetreuung. Vincentz Verlag (Hannover) 2001. ISBN 978-3-87870-647-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/220.php, Datum des Zugriffs 24.10.2019.


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