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Regina Ehrismann: Wege aus der Islamfeindlichkeit

Cover Regina Ehrismann: Wege aus der Islamfeindlichkeit. Strategische Ansätze zum Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt in Deutschland. epubli (Berlin) 2016. 2. Auflage. 128 Seiten. ISBN 978-3-7418-6256-4. D: 9,99 EUR, A: 9,99 EUR.
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Thema

Regina Ehrismann setzt sich in ihrer Publikation mit islamfeindlichen Einstellungen in Deutschlands gesellschaftlicher Mitte auseinander. Ausgehend vom Ansatz der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit beleuchtet die Autorin Ursachen und Formen von Islamfeindlichkeit und entfaltet daran anknüpfend Ansätze zum Abbau dieser und weiterer Diskriminierungsformen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen.

Autorin

Regina Ehrismann ist Islamwissenschaftlerin und Sozialpädagogin.

Aufbau

Das 121 Seiten umfassende Buch gliedert sich in folgende Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland
  3. Islamfeindlichkeit in Deutschland
  4. Der Mehrebenenansatz
  5. Ausgewählte Umsetzungsbeispiele
  6. Übertragbarkeit und Grenzen
  7. Fazit

Inhalt

In der kurz gehaltenen Einleitung erläutert Ehrismann die Notwendigkeit, vorhandene Ressentiments gegenüber Muslimen als „größte religiöse Minderheit in Deutschland“ (S. 1) näher zu betrachten. Das ihrer Ansicht nach größte Problemfeld besteht dabei in der Islamfeindlichkeit, die von der Mitte der Gesellschaft ausgeht.

Im Kapitel Gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland unternimmt die Autorin einen knappen Exkurs in die deutsche Migrationsgeschichte ab Mitte des 20. Jahrhunderts und schlägt den Bogen bis in die Gegenwart. In diesem Zusammenhang skizziert Ehrismann Barrieren beim Umgang mit gesellschaftlicher Diversität in Deutschland und hebt den Mehrwert des Diversity-Ansatzes hervor, der das (positive) Potenzial von Vielfalt auszuschöpfen versucht (vgl. S. 10).

Der Abschnitt Islamfeindlichkeit in Deutschland widmet sich begrifflichen Definitionen und Fakten. So geht die Verfasserin zum einen auf diverse Termini ein, die im Kontext von Islamfeindlichkeit häufig verwendet werden (z.B. Islamophobie) und grenzt diese jeweils voneinander ab (vgl. S. 11 f.). Zum anderen erklärt sie auch aktuell besonders präsente und negativ konnotierte Begriffe wie Islamismus und Salafismus, um diese historisch als auch in Bezug auf ihre gegenwärtige Bedeutung und Reichweite einzuordnen (vgl. S. 15 ff.). Anschließend deutet die Autorin Islamfeindlichkeit als Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und kulturellem Rassismus. Dabei geht sie auf die gegenwärtigen Ausprägungen der Islamfeindlichkeit ein, bei denen „Eigenschaften und Überzeugungen auf muslimische Menschen projiziert [werden, M.B.], die sich selbst durch fundierte Studien nicht erschüttern lassen.“ (S. 33) Nach Ehrismann „entwickelt sich ein diffuses und variables Feindbild, das je nach Situation verändert oder neu definiert werden kann.“ (S. 33) Sie zeigt hieran anknüpfend Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in der Geschichte sowie der Gegenwart auf (vgl. S. 32 und 34 f.). Im letzten Teil des Kapitels erläutert die Autorin Ausmaße und Entwicklungen von Islamfeindlichkeit in Deutschland und thematisiert hier u.a. die zunehmenden Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sowie die Beobachtung, dass „Grenzen zwischen Islamfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit sowie der Abwertung von Asylsuchenden verschwimmen.“ (S. 37) Anschließend erweitert sie diese Perspektive um einen gesamtgesellschaftlichen Blick und konstatiert: „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit allgemein und Islamfeindlichkeit im Besonderen sind somit Ausdruck von sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit und Desintegrationsängsten.“ (S. 42 f.)

Es folgt das Kapitel Der Mehrebenenansatz, in dem Ehrismann verschiedene Dimensionen betrachtet, im Rahmen derer letztlich ein sukzessiver Abbau von Islamfeindlichkeit in Deutschland angestrebt werden soll: Die personelle Ebene (z.B. persönliche Kontakte), die gruppen- und gemeinwesenbezogene Ebene (z.B. interkulturelle Öffnung), die strukturelle und institutionelle Ebene (z. B. Stadtentwicklungspolitik) sowie die gesamtgesellschaftliche Ebene (im Sinne einer „Willkommenskultur“). Die Verfasserin schließt das Kapitel mit ihrer Version für eine Willkommenskultur in Deutschland ab: „Dazu müssen Ressentiments und rassistische Strukturen thematisiert und eingedämmt sowie eine Vision für ein gemeinsames vielfältiges Zusammenleben entwickelt werden.“ (S. 76)

Die Autorin geht im darauffolgenden Abschnitt auf Ausgewählte Umsetzungsbeispiele ein. Im Feld „Diversity an Schulen und Hochschulen“ erklärt sie beispielsweise, dass im Bereich der Aus- und Weiterbildung von schulischen Lehrkräften Fachwissen zum Islam vermittel werden müsste, um die Lehrenden für den Umgang mit muslimischen Schülern zu sensibilisieren und auch Strategien im Kontext von „radikalen islamistischen Ansichten“ (S. 81) zu vermitteln. Weitere konkrete Umsetzungsbeispiele erläutert Ehrismann für die Felder der Medienberichterstattung, der Polizei und der Politik.

Im Kapitel Übertragbarkeit und Grenzen zeigt die Verfasserin die Komplexität von Diskriminierung auf und die daran gekoppelten Grenzen von strategischen Ansätzen zum adäquaten Umgang mit Vielfalt in unserer Gesellschaft (vgl. 104 f.).

Im Fazit unterstreicht Ehrismann, dass Muslime nur eine Kategorie unserer Gesellschaft bilden, die sich ihrer Meinung nach insgesamt hin zu mehr Wertschätzung gegenüber allen Ausprägungen von Vielfalt entwickeln müsste. Sie betont, dass für den Abbau jeglicher Diskriminierungsformen „eine ‚Sicherung‘ der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zustände sowie eine von seinem Wert für die Wirtschaft unabhängige Betrachtung des Menschen“ (S. 106) die Grundvoraussetzung bilden.

Retrospektiv stellt die Autorin eine Tradition der „Leugnung und Unterdrückung gesellschaftlicher Vielfalt […] in Deutschland“ (S. 107) fest. Perspektivisch wird es laut Ehrismann daher „sicherlich noch einige Jahre dauern, bis jeder in Deutschland lebende Mensch in seinen Werten und Haltungen mit dieser Tradition vollständig gebrochen hat.“ (S. 107)

Diskussion

Regina Ehrismann nähert sich dem Thema Islamfeindlichkeit mit dem Ziel, theoretisches Fundament mit (alltags-)praktischen Empfehlungen zu verknüpfen. Dabei nutzt die Autorin einen interdisziplinären Zugang, der neben Perspektiven der Migrations- und Integrationsforschung etwa auch psychologische Aspekte umfasst (vgl. z.B. S. 71 f.). Auch bei den Handlungsempfehlungen beschränkt sich die Verfasserin keineswegs auf ein Praxisfeld, sondern schließt von der Medienberichterstattung über Polizeiarbeit bis hin zur Migrationspolitik viele unterschiedliche Bereiche in ihre Überlegungen ein. So erhält der Leser einen multiperspektivischen Einblick in eine komplexe Thematik.

Der weit gefasste Blick der Autorin hat gleichzeitig zur Konsequenz, dass viele Überlegungen an der Oberfläche bleiben. Allgemeine und teilweise visionäre Forderungen sind an zahlreichen Stellen des Buches zu finden und lassen konkretere Reflexionen und/oder Empfehlungen vermissen. Aussagen wie „Es muss insgesamt mehr Demokratie geschaffen werden.“ (S. 95) oder „So muss eine Willkommenskultur einerseits gesetzlich implementiert, andererseits von der Bevölkerung auch real empfunden werden. Dazu müssen Ressentiments und rassistische Strukturen thematisiert und eingedämmt […] werden.“ (S. 76) zeigen dies exemplarisch auf.

Die Autorin ordnet das Thema Islamfeindlichkeit immer wieder in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext ein und betont dabei die Notwendigkeit des Abbaus jeglicher Diskriminierung, um zu einer positiv gestalteten Gesellschaft der Vielfalt zu gelangen (z.B. S. 64). Um (dennoch) die aktuellen Spezifika und „Spielarten“ der Islamfeindlichkeit herauszuarbeiten, hätte sich eine Reflexion in Verbindung zum Flüchtlingsdiskurs angeboten; die Autorin reißt das Thema bedauerlicherweise lediglich an (vgl. S. 36 f.), wobei gerade hier tiefergehende Analysen aufschlussreich und bereichernd gewesen wären.

Auch an anderen Stellen wären stärkere Gegenwartsbezüge sinnvoll gewesen, um die Aktualität und Brisanz des von Ehrismann gewählten Themas hervorzuheben; dies zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass die Beispiele zur Medienberichterstattung zum Islam teilweise deutlich veraltet sind (vgl. S. 84).

Fazit

Das Buch von Regina Ehrismann ist besonders für Leser interessant, die sich einen ersten allgemeinen und disziplinübergreifenden Überblick zur Islamfeindlichkeit in Deutschland verschaffen möchten. Durch den starken Praxisbezug ist das Werk auch für Personen geeignet, die im beruflichen Alltag mit Islamfeindlichkeit konfrontiert sind und nach Hintergrundwissen sowie weiteren inhaltlichen und praktischen Anknüpfungspunkten suchen.


Rezensentin
Dr. Masoumeh Bayat
Promotion bei Prof. Dr. Sigrid Baringhorst im Fach Politikwissenschaft an der Universität Siegen zum Thema „Die politische und mediale Repräsentation der in Deutschland lebenden Muslime am Beispiel der Deutschen Islam Konferenz (DIK)“. Koordinatorin eines Projekts der Europäischen Kommission zum Thema „Integration“.
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Zitiervorschlag
Masoumeh Bayat. Rezension vom 30.05.2017 zu: Regina Ehrismann: Wege aus der Islamfeindlichkeit. Strategische Ansätze zum Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt in Deutschland. epubli (Berlin) 2016. 2. Auflage. ISBN 978-3-7418-6256-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22008.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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