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Ken Plummer: Cosmopolitan Sexualities

Cover Ken Plummer: Cosmopolitan Sexualities. Polity Books (Cambridge) 2015. 248 Seiten. ISBN 978-0-7456-7100-0. 22,90 EUR.
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Thema

In „Cosmopolitan Sexualities“ beschäftigt sich Ken Plummer mit der Frage, welcher globalen Ethik es in einer durch soziokulturelle Vielfalt gekennzeichneten Welt bedarf, damit Menschen auf Grund ihrer Sexualität weniger Leid erfahren und friedvoller miteinander leben können.

Autor

Ken Plummer ist emeritierter Professor der University of Essex in Großbritanien, an der er über 30 Jahre Soziologie lehrte. Er ist Gründer und Herausgeber des Peer-Reviewed Journals „Sexualities“, welches eines der bedeutendsten Journals der nicht-medizinischen Sexualforschung ist.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile:

  1. „Humanism and the Making of Cosmopolitan Sexualities“
  2. „Inclusive Sexualities: Nudging towards a better world.“

Beide Hauptteile haben jeweils drei Unterkapitel. Mit dem Epilog umfassen diese Teile in etwa 200 Seiten. Neben dem Literaturverzeichnis sind zusätzlich mehr als 30 Seiten Notizen, ein „Sexualitätenverzeichnis“ und ein zusätzliches Sachregister angehängt, sodass das Buch insgesamt aus fast 300 Seiten besteht.

Zu Teil I: „Humanism and the Making of Cosmopolitan Sexualities“

1. Plural Sexualities: Making valued Human Lives. In diesem Kapitel stellt der Autor seinen theoretischen Zugang zur Untersuchung kosmopolitischer Sexualitäten vor, den er in der Tradition des kritischen Humanismus verortet. Aus dem Grund, dass dem Humanismus viel Kritik entgegengebracht werden könne, verteidigt er seine Position und geht auf die Gegenargumente näher ein. Notwendig sei eine normative Herangehensweise vor allem wegen der postmodernen sexuellen Verhältnisse, die durch eine bis dato nicht unbekannte sexuellen Vielfalt, ein „human sexual labyrinth“ gekennzeichnet seien. In dieser sexuellen Vielfalt sieht er die Ursache für menschliches Leid und Konflikte zwischen Sexualkulturen, die es erforderlich machten, „kosmopolitische Sexualitäten“ zu erschaffen. Am Ende des Kapitels stellt er positive humanistische Werte zur Diskussion, die die ethische Grundlagen der „kosmopolitischen Sexualitäten“ bilden könnten.

2. Transformational Sexualities: Making Twenty-First-Century Sexual Lives. In diesem Kapitel beschäftigt sich Ken Plummer mit dem sozialen Wandel des 21. Jahrhunderts und der damit verbundenen Entstehung neuer Sexualitäten und Konfliktlinien. Eine Reihe dieser neuen „transformativen Sexualitäten“ werden dann mitsamt ihrer Subtypen ausführlicher vorstellt, wie zum Beispiel „elektronische“ und „kommodifizierte“ Sexualitäten. Diese postmodernen Sexualitäten, so Plummers Argumentation, konkurrierten mit modernen und traditionellen Lebenswelten um Macht und Deutungshoheiten und brächten so neue Ungleichheiten und Vulnerabilitäten hervor. Im Rahmen von Demokratien führten die neuen Sexualitäten jedoch auch zu einem neuen Bewusstsein für sexuelle Politiken und zur Formierung von sozialen Bewegungen.

3. Cosmopolitan Sexualities: Living with Different Lives. Im dritten Kapitel geht der Autor dann näher auf Konzept des Kosmopolitismus als zentrale Antwort für den zuvor dargelegten Problematiken beim Umgang mit sexueller Vielfalt in einer globalen Welt ein. „Kosmopolitische Sexualitäten“ sind für Ken Plummer solche, die die Allgegenwärtigkeit menschlicher Konflikte anerkennen, aber die wechselseitige Empathie und den Dialog zwischen Menschen und Sexualkulturen fördern, indem sie stetig auf der Suche nach den gemeinsamen Regeln sind. Diese Regeln des Zusammenlebens dürften allerdings nicht festgeschrieben, sondern müssten immer wieder aufs Neue verhandelt werden. Er zeigt, dass „kosmopolitische Sexualitäten“ deutlich erkennbar am Entstehen, aber auch mit einer Reihe von Widersprüchen und Grenzen konfrontiert sind. Auf diese Dilemmata und Spannungsfelder der „kosmopolitschen Sexualitäten“ geht er anschließend ausführlich ein.

Zu Teil II: Inclusive Sexualities: Nudging Towards a Better World

4. Cultural Sexualities: Cultivating Awareness of Complexity. Im vierten Kapitel befasst sich Ken Plummer zunächst mit der globalen Sexualforschung, die seines Erachtens notwendig ist, um die Komplexität und Vielfalt erfassen und zwischen konfligierenden Sexualkulturen vermitteln zu können. Danach geht er auf verschiedene Sexualkulturen auf unterschiedlichen analytischen Ebenen ein, von Weltkulturen mit ihren „Makrosexualitäten“ bis hin zu lokalen Kulturen mit ihren „Mikrosexualitäten“. Einen Fokus legt Ken Plummer bei seinen Ausführungen auf den Beziehungen zwischen hegemonialen und subalternen Sexualkulturen.

5. Contested Sexualities: Inventing Enemies, Making Boundaries. Im fünften Kapitel gibt Ken Plummer einen Überblick zu den Ursachen für Konflikte zwischen Sexualkulturen und stellt vor, auf welche Weise diese Konflikte ausgetragen werden. Zudem zeigt er auf, wie Gesellschaften und Gruppen Sexualitäten regulieren, sexuelle Normen aufrechterhalten und damit Vulnerabilität und soziale Exklusion erschaffen. Ferner setzt er sich mit den zentralen Fragen auseinander, wo genau die Grenzen der „kosmopolitischen Sexualität“ liegen sollen und wie man mit intoleranten Gruppen umgegangen werden, die anderen sexuellen Rechte absprechen.

6. Communicative Sexualities: On the Hope and Empathy for a Global Humanity. Im sechsten Kapitel stellt Ken Plummer „kommunikative Sexualitäten“ vor, die für ihn Voraussetzung dafür sind, dass Sexualitäten in der Welt vermenschlicht werden können. Von ihm aufgegriffen werden dafür die „universellen“ Werte und Normen aus dem ersten Kapitel. Zudem entwirft er einen Weg hin zur Utopie der „kosmopolitischen Sexualitäten“ und plädiert trotz der Unausweichbarkeit von Enttäuschungen für die Etablierung und Aufrechterhaltung von Empathie, Optimismus, Hoffnung.

Im Epilogue greift Ken Plummer erneut ein Thema auf, mit dem er sich bereits in anderen wissenschaftlichen Büchern und Artikeln ausführlicher beschäftigt hat: Die Bedeutung des Geschichtenerzählens für das Verständnis von Sexualkulturen und für die Herbeiführung sozialen Wandels hin zu mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Diskussion und Fazit

Ausgehend vom „kritischen Humanismus“ verfolgt Ken Plummer mit seinem Buch das Ziel, eine erste Roadmap für die Entstehung einer „universellen“ sexuellen Ethik zu skizzieren, die der „kosmopolitischen Sexualitäten“. Ihm schwebt dabei perspektivisch eine globalisierte Welt vor, in der sexuelle Vielfalt weniger Leiden und Konflikte erzeugt und Sexualkulturen harmonisch miteinander zusammenleben. Um die Leser*innen für seine Idee zu gewinnen, werden sie Schritt für Schritt mitgenommen: zunächst in das „menschliche sexuelle Labyrinth“ aus dem sich die Notwendigkeit für die Verwirklichung der Idee ergibt, später dann in die theoretische Grundlagen und die innere Haltung, die für den Erfolg ausschlaggebend ist. Das alles wird von Ken Plummer so gut nachvollziehbar vermittelt, dass die Lesenden am Ende des Buches von seiner Utopie überzeugt sind und bereit sind, die Reise trotz der unüberbrückbar erscheinenden Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Wer bereits die Bücher „Telling Sexual Stories“ (1995) und „Intimate Citizenship“ (2003) gelesen hat, wird thematische und argumentative Überschneidungen zu diesen feststellen können, die jedoch nicht als bloße Wiederholungen, sondern gerade in gegenseitiger Ergänzung als ein wichtigen Beitrag zur soziologischen Theoriebildung gesehen werden müssen.

Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle Forschende, die sich mit Human Rights und Citizenship auseinandersetzen, sowie allen anderen, die sich mit der Frage beschäftigen, auf welcher Grundlage es uns Menschen in dieser Welt gelingen kann, in Zukunft friedvoll miteinander zu leben.


Rezension von
Thomas Wilke
Sozial- und Kulturwissenschaften (M.A.) und Dozent an der University of Applied Sciences Frankfurt, Doktorand an der Goethe-Universität Frankfurt und Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung
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Zitiervorschlag
Thomas Wilke. Rezension vom 29.05.2017 zu: Ken Plummer: Cosmopolitan Sexualities. Polity Books (Cambridge) 2015. ISBN 978-0-7456-7100-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22009.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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