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Melanie Moll, Winfried Thielmann: Wissenschaftliches Deutsch

Cover Melanie Moll, Winfried Thielmann: Wissenschaftliches Deutsch. Verstehen, schreiben, sprechen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-8252-4650-1. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.

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Thema

Das Lehrbuch möchte Studierende in die Lage versetzen, die sprachlichen Mittel der Wissenschaft zu nutzen. Dabei soll es sowohl um das Grundverständnis zum Thema Wissenschaftliches Deutsch, als auch um die Wissenschaft und das Studium an sich gehen. Die Autoren bemängeln, dass die meisten Einführungen in Hochschulen oder Lehrbüchern Wissenschaftliches Deutsch eher als Stilfrage behandeln, was diese zum Ausgangspunkt für das Lehrbuch nehmen. Sie distanzieren sich von dem Anspruch eines rezeptartige Vorgehens und legen den Schwerpunkt eher auf das Verständnis von Wissenschaft und möchten mit dem Lehrbuch eine Unterstützung anbieten, sich vor diesem Hintergrund entsprechend artikulieren zu können.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Melanie Moll ist Direktorin der „Deutschkurse bei der Universität Münster e.V.“

Prof. Dr. phil. habil. Winfried Thiemann ist Professor für Deutsch als Fremdsprache und Zweitsprache an der Technischen Universität in Chemnitz.

Aufbau

Das Buch ist nach einem Vorwort in zehn Hauptkapitel, die jeweils als Frage formuliert sind aufgeteilt:

  1. Wo bin ich bloß gelandet?
  2. Warum reden alle von der Wissenschaft und sagen nicht, was es ist?
  3. Warum reden alle so kompliziert
  4. Warum verstehe ich nur Bahnhof?
  5. Wie soll ich bloß diese Seiten vollkriegen?
  6. Wer schreibt hier eigentlich was warum für wen?
  7. Was soll dieser Zitierkram?
  8. Was ist denn jetzt richtig?
  9. Wie funktioniert das eigentlich, das Argumentieren?
  10. Warum denn so pingelig? Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Kapitel 1 Wo bin ich hier bloß gelandet? thematisiert den Übergang von der Schule zur Universität. Hierbei beleuchten Melanie Moll und Winfried Thiemann die Unterschiede zwischen den beiden Institutionen und machen auf die divergierenden Anforderungen und Rahmenbedingungen von Schule und Hochschule aufmerksam. Sie unterscheiden dabei z.B. in schulisches und universitäres Wissen.

In Kapitel 2 Warum reden alle von der Wissenschaft und sagen nicht, was es ist? werden die Begriffe Wissenschaft und Wissenschaftliche Praxis, insofern Prinzipien und Widersprüche näher beschrieben.

Warum reden alle so kompliziert? ist die Leitfrage des dritten Kapitels und grenzt die Fach- von der Gemeinsprache ab. Dabei wird in den Nominalstil als gängige fachsprachliche Verfahrensweise eingeführt. Im Anschluss konzentriert sich das Kapitel auf die Wissenschaftssprache. Die Unterschiede zwischen Fach- und Wissenschaftssprache werden anhand einzelner Textbeispiele veranschaulicht und sehr genau dargelegt. In der Conklusio, so Autorin und Autor, ist wissenschaftliches Schreiben „nicht kompliziert, sondern komplex“ (51).

In Kapitel 4 mit der Leitfrage Warum verstehe ich nur Bahnhof? Wissenschaftliche Texte verstehen lesen, Dozenten verstehen befassen sich die Autoren mit dem Lesen von wissenschaftlichen Texten und Aspekten des universitären Sprachstils. Die Rezeption wird dabei vor dem Hintergrund dreier Varianten:

  1. Erweiterung bestehenden Wissens,
  2. Lösung eines bekannten Problems und
  3. radikal Neues.

Im ersten Teil zur Erweiterung bestehenden Wissens ziehen Moll und Thiemann beispielhaft einen fachwissenschaftlichen Zeitschriftenartikel heran und machen anhand des Beitrags sehr differenziert auf die sprachlichen Besonderheiten aufmerksam. Im Teil zur Lösung eines bekannten Problems nutzen Autorin und Autor einen Aufsatz von Albert Einstein und gehen auf bestimmte Formulierungen ein. Es folgt hierbei ein Exkurs zum Thema Wissenschaftliche Erkenntnis- und Wissensformen (Theorien, Hypothesen etc.). Im daran anschließenden Teil radikal Neues verwenden Moll und Thielmann die Einleitung eines sprachwissenschaftlichen Beitrags, um u.a. auf die Struktur des Textes und seinen Aufbau zu referieren. Sie schließen das Kapitel mit Aspekten zum wissenschaftlichen Schreibstil. Um zu einem besseren Verständnis von Hochschulsprache beizutragen, werden im Unterkapitel Warum verstehe ich meinen Dozenten nicht? Ausschnitte aus einer Vorlesungen aufgedröselt und entlang der Ausführungen Merkmale und Strukturen des Sprachstils herauszufiltern und zu besprechen.

Wie soll ich bloß diese Seiten vollkriegen? als fünftes Kapitel konzentriert sich auf das wissenschaftliche Schreiben bzw. die Fragestellung und die Einleitung. Unterteilt ist es in Fragen der Darstellung, der Anwendung, des Abwägens sowie des Kritisierens und der Frage, ob man am Anfang beginnen soll oder mittendrin. Auch das Begründen erhält ein eigenes Unterkapitel. Da die anschließenden Kapitel sehr konkrete Hinweise enthalten, ist Kapitel 5 eher grundlegend gestaltet. So werden unter anderem das direkte Zitieren und das Paraphrasieren beleuchtet. Daneben wird anhand einer Einleitung aus einer studentischen Hausarbeit kritisch betrachtet und auf Fehlerquellen hin untersucht.

Kapitel 6 trägt den Titel Wer schreibt hier eigentlich was warum für wen? In diesem wird das Ziel verfolgt, Studierenden zu vermitteln, wie sie Inhalte strukturieren und gliedern. Ferner soll aufgezeigt werden, wie es gelingt, Textteile sinnvoll zu verknüpfen und die einzelnen Arbeitsschritte offen zu legen bzw. zu kommentieren. Dabei werden nicht nur die Fragestellung und die Gliederung thematisiert, sondern ebenso auch die Verwendung von „Ich“ oder „Man“ sowie die Adressaten- bzw. Leserorientierung. Daneben werden im zweiten Unterkapitel auch detailliert sprachliche Mittel für das wissenschaftliche Schreiben vorgestellt.

Unter der Leitfrage Was soll dieser Zitierkram? beschäftigt sich Kapitel 7 mit der Verwendung von Fachliteratur zur Integration von Erkenntnissen in den eigenen Text. Dabei beleuchten die Autoren die Bezugnahme auf Literatur in diversen Kontexten, wie z.B. zur Präsentation von Forschungsständen, zur Einführung von Fachbegriffen sowie zur Stärkung der eigenen Position. Außerdem stellen die Autoren eine breite Palette an sprachlichen Mitteln vor, mit denen es möglich ist, verschieden Modi der Textwiedergabe (z.B. argumentative Einstufung) umzusetzen. Die Formale Gestaltung und bibliographische Angaben runden das Kapitel ab.

Im achten Kapitel Was ist denn jetzt richtig? dreht sich alles um Begriffsdefinitionen. Moll und Thielmann räumen an dieser Stelle nicht nur mit dem Mythos der „richtigen Definition“ auf. Sie machen auch auf die Relevanz der genauen und konsequenten Begriffsverwendung aufmerksam. Wichtig sei es, „die einzelnen Positionen vorzustellen, sie u einander ins Verhältnis zu setzen […] und zu einem begründeten Schuss zu kommen, warum die eine oder andere Auffassung […] die tragfähigste ist.“ (162) Ebenfalls liefern sie wieder mannigfaltige Ausdrucksmittel, um Definitionen und Begriffsbestimmungen angemessen auszuformulieren.

Das vorletzte Kapitel Wie funktioniert das eigentlich, das Argumentieren? beginnt mit grundsätzlichen Überlegungen zum Thema, wie z.B. Ziel und Zwecks des Argumentierens und die Trennung in schriftliche sowie mündliche Argumentation. Ferner wird die Differenz zwischen alltäglichem und wissenschaftlichem Argumentieren erörtert, wobei auch eine Checkliste vorlegt wird. Im Anschluss werden in dem Kapitel Argumentationsstrategien vorgestellt und dem*der Leser*in auf knapp 20 Seiten ein breiter Fundus sprachlicher Mittel für das Argumentieren (u.a. Kritik äußern, Vergleichen, Gegenüberstellen) offeriert.

Mit dem zehnten Kapitel Warum denn so pingelig? schließen die Autoren das Lehrbuch ab.

Das Kapitel befasst sich mit den sprachlichen Merkmalen qualitativ hochwertiger wissenschaftlicher Texte, die sich durch Präzision und Leser*innenfreundlichkeit auszeichnen. Es geht dabei auch um Fehlerquellen, die man vermeiden kann. Ein Unterkapitel umfasst sprachliche Mängel, die sich negativ auf die Präzision und Verständlichkeit eines Textes auswirken, wie z.B. die Anlehnung an Alltagssprache oder die nachlässige Verwendung von adäquaten Ausdruckskombinationen. Zuletzt geht das Kapitel auf den verständlichen Satzbau ein.

Diskussion und Fazit

Mit dem Lehrbuch liegt die mit Abstand anspruchsvollste Einführung in das wissenschaftliche Schreiben vor, was als Segen und Fluch zugleich betrachten werden kann. Segen, weil Studierenden hier sehr differenziert und ausführlich nicht nur Techniken, sondern gleich das ganze Grundverständnis universitärer Kommunikation vermittelt wird. Dadurch gelingt es Melanie Moll und Winfried Thiemann, zu verdeutlichen, dass wissenschaftliches Schreiben Arbeit ist und sich merklich von anderen Schreibkontexten abhebt. Fluch, weil das Buch an manchen Stellen so kompliziert wird, dass es Erstsemester abschrecken könnte, anstatt die Angst zu nehmen, sich mit Wissenschaft und wissenschaftlichem Arbeiten auseinander zu setzen. Meines Erachtens sind die Autoren dahingehend über das Ziel hinaus geschossen. Als Band zum schnellen Nachschlagen ist das Lehrbuch nämlich nicht geeignet, sondern muss mit langem Atem durchgearbeitet werden, da es sich des Öfteren nicht gleich erschließen lässt. Um eine ausgiebige Auseinandersetzung kommen Rezipienten nicht herum.

Positiv stechen die vielen Beispiele sowie die umfangreichen Darstellungen, Tabellen und Formulierungshilfen heraus. Diese ziehen sich kontinuierlich durch das Werk und machen die Ausführungen weitestgehend nachvollziehbar. Ebenso ist der Sprachmodus gelungen, dem einen Spagat zwischen Anspruch und Leserorientierung großteilig gelingt. Der*die Leser*in wird direkt angesprochen und von den Autoren quasi an die Hand genommen, um in das Universum der Hochschule und wissenschaftlichen Kommunikation einzutauchen. Vor allem durch die kurzen Einführungen am Beginn jedes Kapitels sollte dies relativ einfach fallen.

Störend wirkt die zu Anfang doch sehr polarisierende Darstellung der Universität im Kontext der Abgrenzung zur Schule, wofür z.B. diese nicht haltbare Aussage steht: „Universitäten bilden grundsätzlich nicht aus. Sie sind […] keine Ausbildungsinstitutionen. Dies genau unterscheidet sie von Fachhochschulen.“ Das zeugt über einen hohen Identifikationsgrad mit der eigenen Institution, könnte aber suggerieren, dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Entwicklungen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften eher ausblieb. Da die Faktentreue zur Wissenschaftlichkeit gehört, irritieren solche Formulierungen.

Vor dem Hintergrund fällt das Fazit ambivalent aus: Ja, es ist ein anspruchsvolles Buch, das Beachtung finden sollte, da es heraussticht. Nein, weil es durch seinen Anspruch nicht alle erreichen wird und kann. Grundsätzlich kann es in Kombination mit anderen Einführungen in das wissenschaftliche Schreiben gewinnbringend sein.


Rezensent
Jens M. Schneider
Sozialarbeitswissenschaftler, M.A. (Hochschule Fresenius - Standort Frankfurt am Main)
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Zitiervorschlag
Jens M. Schneider. Rezension vom 17.07.2017 zu: Melanie Moll, Winfried Thielmann: Wissenschaftliches Deutsch. Verstehen, schreiben, sprechen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. ISBN 978-3-8252-4650-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22011.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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