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Marie-Hélène Adam, Szilvia Gellai u.a. (Hrsg.): Technisierte Lebenswelt

Cover Marie-Hélène Adam, Szilvia Gellai, Julia Knifka (Hrsg.): Technisierte Lebenswelt. Über den Prozess der Figuration von Mensch und Technik. transcript (Bielefeld) 2016. 387 Seiten. ISBN 978-3-8376-3079-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Fragte angesichts der Durchsetzung der Computertechnologie in der industriellen Produktion und im Heimbereich vor etwa einem Vierteljahrhundert noch ein Buch mit dem Titel „Computerwelten – Alltagswelten“ [1] danach, ob „sich diese beiden Welten wirklich nicht miteinander vereinbaren“ [2] ließen, so scheinen sich diese beiden Seiten heute nicht mehr zu unterscheiden, sondern zu der einen technisierten Alltagswelt verwachsen zu sein, die uns überall begegnet. Verwirklicht hat sich nämlich in weiten Teilen bereits das, was ungefähr zu derselben damaligen Zeit Mark Weiser in seinen berühmt gewordenen Aufsatz als die Entwicklung des Computers im 21. Jahrhundert prognostizierte: [3] Die ‚rechnenden‘ Maschinen wandern in ganz gewöhnliche Alltagsgegenstände ein und sind dort im Hintergrund aktiv – auch wenn wir das gar nicht bemerken. Sie werden so nach und nach zu einer allgemeinen Eigenschaft unserer Umgebung. Der damals für die Zukunft geprägte Terminus ‚ubiquitous computing‘ – auf Deutsch etwa: allgegenwärtige Datenverarbeitung – scheint in vielen Bereichen heute schon eine Zustandsbeschreibung zu sein. Und die Entwicklung geht weiter: Computer werden nicht nur in Gestalt mobiler Telefone – die immer mehr Funktionen erhalten und sich per Internet und Smart Home sozusagen in eine Universalfernbedienung für unsere Umgebung verwandeln – permanent mitgeführt, sondern rücken dem Menschen etwa als Wearables und ‚intelligente‘ Prothesen auch immer mehr ‚auf den Leib‘. Indem die Computer vernetzt sind, dienen sie nicht nur den Menschen als allgemeines Kommunikationsmittel, sondern haben sich im ‚Internet der Dinge‘ selbst jede Menge mitzuteilen, was wiederum der ‚Industrie 4.0‘ qualitativ neue und weitreichende Automatisierungspotentiale eröffnet… – Diese Aufzählung ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen.

Bei aller Digitalisierung unserer Lebensumstände ist die so hergestellte Einheit von Alltagswelt und Computerwelt jedoch allem Anschein nach nicht so beschaffen, dass jenes damals thematisierte ‚Spannungsfeld‘ mit ihr verschwunden wäre. Wie in dem erwähnten Buch die Vorstellung einer technischen „Kolonialisierung des Alltagslebens“ [4] diskutiert wird, so ist auch heute in – meist wohl eher loser – Anknüpfung an Jürgen Habermas die „Kolonialisierung der Lebenswelt durch Technik“ [5] ein bleibendes Thema. Es scheint geradezu, als hätten es die Menschen bei der Technik nicht einfach, wie das traditionelle Konzept will, mit Mitteln für ihre im Handeln umgesetzten Zwecke zu tun, sondern mit etwas, das – als hätte es ein Eigenleben [6] – „‚de-humanisierende‘ bzw. entfremdende Wirkungen erzeugt“ und sie „zwingt, sich der Logik der Technik zu unterwerfen“ [7].

Diese Entwicklungen sind der Hintergrund des Sammelbands „Technisierte Lebenswelt“, der auf eine Tagung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Mai 2014 zurückgeht und die dort gehaltenen Beiträge um zusätzliche Artikel ergänzt. Es soll der Frage nachgegangen werden, was die Technisierung des Alltags eigentlich genau bedeutet und was für Veränderungen, Spannungsfelder und Friktionen damit einhergehen. Marie-Hélène Adam, Szilvia Gellai und Julia Knifka, die am KIT tätig sind und den Band herausgeben, betonen dabei, wie wichtig es ist, bei der Diskussion des Themas nicht in die theoretischen Dualismen von Individuum und Gesellschaft einerseits und Innen und Außen des Menschen andererseits zu verfallen, die in den Diskursen um die technisierte Alltagswelt vielfach dominieren, indem nur nach den äußeren Mitteln der Einzelnen gefragt wird. Sie schließen damit, wie bereits im Untertitel des Bandes anklingt, der nach dem „Prozess der Figuration von Mensch und Technik“ fragt, an Überlegungen von Norbert Elias an, der mit dem Konzept der sozialen „Figuration“ einen Ausweg aus den genannten Oppositionen zu finden versucht. Es besagt, dass „die Individuen ihre Bedeutung – ebenso wie bei einem Tanz – erst in […] der miteinander vollzogenen Handlung erhalten“ (17) [8], sodass sich die verbreitete Selbsterfahrung, ein von der Gesellschaft und überhaupt der ‚Außenwelt‘ abgeschlossener „Homo clausus“ [9] zu sein, selbst als einer spezifischen Figuration der modernen Gesellschaft zugehörig erweist.

In Anknüpfung an und Abgrenzung zu Donna Haraways Konzept des Cyborg und Nicole Karafyllis‘ Biofakt soll also von vornherein die in der Technik und technisch manipulierten Körperlichkeit enthaltene soziale Dimension ins Zentrum des Interesses gestellt werden. – Und zwar insbesondere im Hinblick auf die Lebenswelt. Mit diesem Begriff, der ebenfalls über jene Dualismen hinauszugehen beansprucht, [10] soll hier weniger auf Habermas als Alfred Schütz Bezug genommen werden, der den Husserl‘schen Terminus bekanntlich zuerst in das soziologische Denken eingeführt hat. Wie schon Husserl fasst Schütz die Lebenswelt als die der Wissenschaft vorausgesetzte Welt, wie sie im „vorwissenschaftlichen“ [11] Leben besteht: Nicht allein um die ‚objektive Lage‘ der Gesellschaftsmitglieder geht es hier, sondern darum, wie die natürliche und soziale Welt subjektiv und intersubjektiv für sie, nämlich im Sinne der ihnen im praktischen Leben „selbstverständlichen Wirklichkeit“ [12] existiert. Sie ist daher auch Ausgangspunkt, Ort und Gegenstand ihres Handelns. Dementsprechend ist die Frage nach der Technisierung der Lebenswelt sowohl als eine nach den neueren „technischen Praxen“ zu verstehen als auch danach, wie sich im Zuge derselben für die Beteiligten „Welt- und Selbsterfahrung verändern“ (15). Indem diese Praxen von vornherein als soziale zu denken sind, ist zugleich zu untersuchen, was die eminente Zunahme technologischer Vermittlung für die sozialen und kulturellen Verhältnisse bedeutet – und auch, das wäre zu ergänzen, inwiefern sie umgekehrt aus ihnen hervorgeht.

Diese Fragen ergeht nun nicht nur an die Soziologie, sondern begrüßenswerter Weise inter- und transdisziplinär an alle Wissenschaften, die etwas zu ihrer Beantwortung beizutragen haben: Der in der „Edition Kulturwissenschaft“ beim Bielefelder transcript-Verlag erschienene Band versammelt daher Beiträge, die sich mit diversen sozial-, kultur-, sprach- und kommunikationswissenschaftlichen sowie philosophischen Aspekten auseinandersetzen – und auch Stimmen aus Architektur und Technik tragen ihre Gesichtspunkte bei. Der mit fast 400 Seiten recht umfangreiche Sammelband beleuchtet die Technisierung der Lebenswelt in 20 Beiträgen plus Einleitung also von sehr vielen verschiedenen Perspektiven in vielen verschiedenen Punkten – wie sich bereits an den weit gespannten Themenabschnitten abzeichnet: Um „Lebensräume“, „Körperwelten“, „Medienkulturen“, „Möglichkeitsräume“ und „Techniknarrative“ soll es gehen.

Worauf hingewiesen sein sollte, um bei dem Thema keine falschen Erwartungen zu wecken, ist zum einen, dass die aktuelle technologische Umgestaltung der Produktion (Stichwort ‚Industrie 4.0‘) bzw. der alltäglichen Arbeitswelt (‚Arbeit 4.0‘) im Band nur am Rande vorkommt – wer hierüber mehr erfahren möchte, sollte sich anderweitig umsehen. Ferner sind die versammelten Betrachtungen zwar mehr oder minder am Konzept der Lebenswelt orientiert, aber keine lebensweltorientierten Untersuchungen im Sinne von Hans Thiersch: Die speziellen Fragestellungen der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Lebenswelt werden in dem Band nicht behandelt. Und schließlich können bei dem hier vorliegenden Format der Beiträge keine detailliert in die Tiefe gehenden oder umfassenden Analysen erwartet werden: Es geht den Herausgeber_innen um „beispielhafte Erörterungen zu aktuellen Entwicklungen“ (9), sodass die Frage nur sein kann, ob es dem Sammelband gelingt, aufschlussreiche Einblicke und fundierte Anregungen zur weiteren Befassung mit dem Themenkomplex zu bieten.

Aufbau

Der erste Abschnitt des Buches behandelt die Technisierung menschlicher „Lebensräume“. Die Entwicklung im Smart-Home-Bereich stellt hier ein prominentes Beispiel dar. Insofern mit der Frage nach der Gestaltung des Lebens- und Wohnraums auch die Baukunst angesprochen ist, macht sich Elisabeth Bergmann in „Zwischen blow up und Prothese“ einige „Gedanken zur Rolle der Technik in der Architektur“. Der diesbezüglichen Technik selbst widmet sich sodann der Beitrag von Daniel Pathmaperuma, indem er unter dem Gesichtspunkt der technischen Gestaltung der Mensch-Technik-Interaktion „Neuartige Benutzerschnittstellen für Smart Homes“ vorstellt. Beiden Beiträgen geht es dabei in ihrer jeweiligen Perspektive darum, wie der Mensch mit seinen Bedürfnissen bei der Gestaltung seiner Bedingungen und Mittel wieder mehr ins Zentrum gerückt werden kann. An dritter und letzter Stelle in diesem Abschnitt beschäftigt sich Viola Hofmann mit den „Wahrnehmungsmöglichkeiten technisierter Umwelt“ am Beispiel von „Körper und Mode“. Auch auf das Thema Benutzerschnittstellen wird dabei – Stichwort Smart Clothes – noch einmal von einer anderen Seite her Licht geworfen.

Berührte der zuletzt genannte Text schon den Bereich des menschlichen Körpers, so wird dieser im folgenden Abschnitt namens „Körperwelten“ eigens Thema. Dabei geht es darum, wie er und die ihn betreffenden Diskurse von den neuesten technischen Umwälzungen affiziert werden. Eröffnet wird dieses Themenfeld von Robert Stock mit seinem Beitrag „Körper im/als Schaltkreis. DIY-Apparaturen und audiovisuelle Praktiken sinnlicher Wahrnehmung“, der sich mit dem body hacking befasst: einer Anwendung der Hacker-Ethik – welche u.a. mit Technologien die allgemeine Lebensqualität steigern will – auf den eigenen Körper. In Do-it-yourself-Praktiken wird dieser durch neuere Technologien so modifiziert, dass er in irgendeiner Form ‚effektiver‘ oder anderweitig ‚besser‘ wird. Das Augenmerk des Artikels liegt dabei unter Berücksichtigung diesbezüglicher künstlerischer Performances auf den so stattfindenden „Re-Konfigurierungen sinnlicher Wahrnehmungen“ (90). Florian Braune diskutiert in „Roboter(proth)et(h)ik: Bionic legs und Exoskelette im Spannungsfeld von Roboterprothesen und Politik“ den technologischen Stand dieser Abteilung der Prothetik und ihre Anwendungsbereiche, die von Rehabilitation bis zum physischen Enhancement reichen. In Bezug auf die Politik werden vor allem die Möglichkeiten einer militärischen Nutzung dargestellt und bei der Diskussion der ethischen Aspekte kritisch berücksichtigt. Die Quantified Self (QS)-Bewegung ist der Gegenstand von Marie Lena Heidingsfelder, wobei sie der Frage nachgeht, ob bzw. inwiefern „Quantified-Self-Technologien als Indikatoren für die Cyborgisierung des Menschen“ gelten können. Auf diesen Beitrag wird unten noch ein näherer Blick geworfen. Inwiefern „der künftige Mensch“ (146) als Cyborg und Biofakt gelten muss, ist auch ein Aspekt des Artikels „Leib und Lebenswelt im Zeitalter informatischer Vernetzung“ von Klaus Wiegerling, der eine Prognose über die „Transformation unseres Körpers durch intelligente Implantate und Prothesen sowie biotechnologische Eingriffe“ (140) aufstellt und die Eigenarten einer auf diese Weise geschaffenen „Sekundäre[n] Leiblichkeit“ (146) diskutiert.

Mit dem Gebiet der Medien und „Medienkulturen“ befassen sich die Beiträge im gleichnamigen dritten Abschnitt. Ausgangspunkt bildet hier wiederum das Konzept des Cyborgs, das Bianca Westermann zur Analyse der permanenten und omnipräsenten Smartphone-Nutzung produktiv zu machen sucht: „Ist der Cyborg in der Realität angekommen? Mobile Medien und Mensch-Maschinen als Elemente des Alltags“. Ein Reiz der Anwendung des Cyborg-Konzepts in diesem Kontext sieht die Autorin darin, die bereits stattgefundene und in Zukunft anstehende Entwicklung des Einsatzes mobiler Medientechnologien als einen tiefgreifenden Transformationsprozess zu reflektieren (170). Wie weit der mit der Digitalisierung und der Vernetzung einhergehende Kulturwandel bereits geht, lässt sich auch daran absehen, dass sich eine eigene Kultur um Tod, Abschied und Trauern im ‚Web 2.0‘ entwickelt hat und weiterhin entwickelt: Die Möglichkeit zur Umwandlung von Facebook-Profilen in Gedächtnisseiten (175) sowie Sterbe- und Kondolenzvideos auf YouTube (182 ff.) sind hier nur zwei Phänomene, denen sich Ramón Reichert in „Thanatographie 2.0. Technologien memorialer Praktiken“ widmet. Kultureller Wandel lässt sich auch in einer etwas anderen Hinsicht konstatieren: Auch wenn sich im ‚Netz‘ viele Texte mit wissenschaftlichem Anspruch finden, werden mit ihm vorrangig neuere Textformen, wie sie Chats und Foren-Diskussionen vorkommen, assoziiert – und in Bezug darauf ein Sprachverfall ‚diagnostiziert‘. Deswegen fragt Monika Hanauska: „Veränderte Sprache – Sprachwandel?! Wirkt sich die internetbasierte Kommunikation auf die Sprache aus?“ und kommt dabei auch zu einer Kritik jener verbreiteten Sprachkritik. Florian Kautkrämer widmet sich schließlich dem Wandel in der medialen Darstellung von Kriegen: Seit dem Arabischen Frühling haben neue Medien wie das Handy bzw. Smartphone, aber auch montierte GoPro-Kameras eine bedeutende Rolle in diesem Kontext gewonnen – zusammen mit neuen Distributionsformen durch das Internet. Der Artikel „GoPro-Vision und involvierter Blick: Neue Bilder der Kriegsberichterstattung“ befasst sich daher mit der Eigenart dieser sowohl subjektiven als auch performativen Kameraperspektive und untersucht ihre Bedeutung im Hinblick auf die Darstellung von Kriegsgeschehen.

Unter dem Titel „Möglichkeitsräume“ soll es im folgenden vierten Abschnitt um Veränderungen der Lebenswelt gehen, die sich nicht aus der Verwendung der in ihr präsenten Technik unmittelbar ergeben, sondern durch die mit ihr gegebenen Möglichkeiten bestimmt sind. Tobias Matzner diskutiert unter dem Titel „Personen verwalten oder Personen sein (müssen)?“, was es mit den „Normen der Privatheit (nicht nur) in der digitalen Kommunikation“, so der Untertitel, auf sich hat. Näheres hierzu findet sich in den Ausführungen unten. In Anschluss an Paul Virilio setzt sich Bruno Gransche mit den potentiellen Wirkungen neuartiger Technologien und ihrer kognitiven Antizipierbarkeit auseinander: Sowohl Biotechnologien als auch Systeme künstlicher Intelligenz (z.B. in der kognitiven Robotik) haben gemeinsam, dass ihre Wirkungspotentiale offen sind und sich daher nicht antizipieren lassen. Ist damit eine klassische Risikokalkulation beim quasi-experimentellen „Anstellen“ (248) dieser „Neogefahren“ (250) unmöglich gemacht, stellt sich die Frage, wie dann ein Bezug auf mögliche negative Folgen aussehen kann. „Von Quallen-Katzen und Spinnen-Ziegen. Narrative Vernunft und Neogefahren lebendiger Technik“ versucht hierauf eine begründete Antwort zu geben. Klaus Birnstiel greift auf Heideggers Philosophie des Gestells und seine Auffassung von Technik als eines nicht nur poietischen, sondern „auf Wahrheit hin orientieren Geschehens“ (274) zurück, um so einer zukünftigen Technikphilosophie die Grundlage zu bereiten: „Das Wahr-Werden der technischen Welt. Prolegomena zu einer Philosophie des iGestells“. Schon mehr zum folgenden Abschnitt gehört der Beitrag von Natascha Adamowsky, die die „Ästhetik technischer Praktiken im Science-Fiction-Film“ untersucht. Ihre Analyse bezieht sich dabei auf Jose Padilhas Remake von „RoboCop“ (2012), dessen Original von Paul Verhoeven (1987) sich durch einige Medien- und Gesellschaftskritik auszeichnet. Angesichts der „andauernde[n] Aktualität der Probleme und Fragen, um die das Original kreiste“ (280), beschäftigt sie sich unter anderem mit der Frage, wie Padilha die ursprüngliche Dystopie für heutige Zeiten mit ihrem fortgeschrittenen technologischen Niveau und den damit gegebenen ‚Möglichkeitsräumen‘ zu aktualisieren sucht.

Im fünften und letzten Abschnitt schließlich gehen die „Möglichkeitsräume“ in den Bereich des Fiktionalen über, indem „Techniknarrative“ thematisiert werden. Den Anfang macht hier Szilvia Gellai mit „Der gläserne Mensch in Dave Eggers‘ The Circle“ – ein Roman, in dessen Verlauf das Social Web mehr und mehr panoptische Züge annimmt und so die Privatsphäre zum Verschwinden bringt. Zur Erschließung des Romans wird vorweg die Rede vom ‚gläsernen Menschen‘ näher mit Hilfe einen Exkurses zur Physik des Glases erläutert. Dieser führt zugleich zu einer Anknüpfung an Espen J. Aarseth‘ literarische Fassung des (ursprünglich physikalischen) Konzepts der Ergodizität, welches dargestellt und im Weiteren für die Analyse fruchtbar gemacht wird. ‚Sehen und Gesehenwerden‘ im Sinne panoptischer Überwachung bleibt auch das Thema von Kai Löser, der sich wieder dem Bereich audiovisueller Medien zuwendet: „‚Die Sehmaschine‘. Artificial Intelligence und die Ästhetik technischer Überwachung in der TV-Serie Person of Interest“. Durch Big Data und Data Mining leistet in ihr eine Maschine, was in Philip K. Dicks „Minority Report“ noch auf Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten beruhen sollte: Die Vorhersage von Verbrechen, die genutzt wird, um es zu verhindern und den Täter_innen vor der Tat habhaft zu werden. Lösers Analyse zeigt unter anderem, wie die Menschen dabei als „triviale Maschinen“ (318) gelten, während die Maschine umgekehrt als Subjekt vorstellig gemacht wird – deren maschinellen ‚Blick‘ es dann ästhetisch zu gestalten gilt. Ein solche Umkehrung findet sich auch in den Computerspielen, die Martin Hennig untersucht, wenn etwa in „SimCity: Städte der Zukunft“ die „autonome Maschine […] als dystopischer Antipode der entautonomisierten Stadtbewohner“ (328) figuriert. Sein Artikel „Von autonomen Maschinen und der Kontrolle des Spiele(r)s: Mensch-Technik-Verhältnisse im Computerspiel“ verschafft hier nicht nur einen gewissen analytischen Überblick über die dementsprechenden Spielinhalte, sondern setzt sie auch ins Verhältnis zur technischen Entwicklung insbesondere im Bereich der Computerspiele – schließlich reflektiert sich so das Medium an dieser Stelle im- oder explizit selbst. Wirft der Sammelband an vielen Stellen die Frage nach dem technisch modifizierten Menschen, dem Cyborg auf, so wenden sich Marie-Hélène Adam und Julia Knifka den humanoiden Robotern, den Androiden zu. In ihrem Beitrag „Beyond the Uncanny Valley“ widmen sie sich unter Bezugnahme auf Sigmund Freud, Masahiro Mori – aus dessen Theorie auch der Terminus des ‚Unheimlichen Tals‘ (‚Uncanny Valley‘) stammt –, Judith Butler und anderen der „Inszenierung des Unheimlichen als Wunsch- und Angstbilder in der Serie Echte Menschen – Real Humans“.

Den Abschluss bildet ein von Annegret Scheibe geführtes Interview mit Thomas Le Blanc, für das dessen Credo „Wir Phantasten sind die einzigen Realisten“ als Titel fungiert. Thema ist das interdisziplinäre Zukunftsprojekt „Future Life – We read the Future”, das Unternehmen und Politik in Bezug auf neue Technologien und Produkte berät – mit Rückgriff auf die von dem Interviewten selbst gegründete Phantastische Bibliothek Wetzlar, die mittlerweile die weltweit größte öffentlich zugängliche Bibliothek für phantastische Literatur darstellt.

Ausgewählte Inhalte und Diskussion

Im Rahmen dieser Besprechung können nur wenige einzelne Punkte der umfangreichen und vielfältigen Beitragssammlung näher beleuchtet werden. Ich möchte daher im Folgenden auf einige Aspekte der Beiträge von Marie Lena Heidingsfelder, Tobias Matzner, Florian Braune, Klaus Wiegerling, Marie-Hélene Adam und Julia Knifka sowie Martin Hennig eingehen.

Heutzutage messen nicht mehr nur manche Menschen mit chronischen Krankheiten und Leistungssportler_innen ihre Vitalitätswerte und Alltagsaktivitäten: Das obligatorische Smartphone ermöglicht, insbesondere in Verbindung mit Wearables wie etwa Fitness-Trackern, [13] allen, derartige Daten zu erheben und diese in ihrem zeitlichen Verlauf zu überwachen. Und dieses Angebot weckt offenbar in der Lebenswelt vieler auch ein entsprechendes Interesse: Was 2007 in den USA als Terminus in die Welt kam, ist mittlerweile zu einer Bewegung geworden, die auch in Deutschland angekommen ist: Quantified Self (QS). Ziel ist ein quantitatives Self-Tracking in Bezug auf Vitaldaten und Aktivitäten. Einmal erhoben, werden die Daten dann auch gerne innerhalb der ‚Community‘ lokal oder per Internet ausgetauscht. Dem Selbstverständnis dieser Bewegung zufolge geht es um eine „Selbsterkenntnis“, die auf eine „Selbstverbesserung“ zielt und damit darauf, „effektiver in der Welt [zu] handeln“ [14]. Marie Lena Heidingsfelder widmet sich diesem Diskurs und fragt nach den kritischen Aspekten dieses Ansatzes eines ‚self knowledge through numbers‘, wobei sie Michel Foucaults Konzept der Regierungstechniken ebenso zurate zieht wie Ulrich Bröcklings soziologische Analyse der Subjektivierungsform des „unternehmerischen Selbst“ [15]. Es geht ihr nicht zuletzt darum zu zeigen, dass die „scheinbar egoistischen Praktiken“ (133) bei näherer Betrachtung in einem spezifischen sozialen Zusammenhang stehen und nur durch Berücksichtigung desselben theoretisch – samt ihrer kritikablen Aspekte – erfasst werden können. In der Tat lässt sich in der Zusammenschau der im Einzelnen vorgetragenen Überlegungen ein aufschlussreiches Bild skizzieren:

Im Unterschied zu früheren Gesellschaften sind moderne Menschen nicht mehr persönlichen Herrschaften und deren „Gnade“ unterworfen, die sie auch als eine „der Götter“ (131) sehen, sondern sie sind, wie Heidingsfelder pointiert formuliert, „gezwungen, frei zu sein“ (136). Die moderne Freiheit schließt die Notwendigkeit ein, für sich und um sich selbst zu sorgen, wobei das jeweilige „Ziel individuell definiert“ (131) wird. Die Menschen müssen und wollen daher wissen, „wo die Anforderungen des Alltags liegen“ (134) – die dann nicht zuletzt in den „Maßgabe[n] des Marktes“ (136) bestehen –, um sich zugunsten des angestrebten Erfolges in ihrer Lebenswelt an diesen ausrichten zu können. Indem sie das „Kontrollieren des Selbst und seiner Lüste“ (131) in diesem Sinne für eine erfolgsversprechende Notwendigkeit ansehen, internalisieren sie die gegebenen sozialen Maßgaben und machen diese in Form der „Selbst-Beherrschung“ (132) selbst gegen sich geltend. [16] Insofern ihnen dabei „Erfolg […] eine Ableitung der eigenverantwortlichen Anstrengungen“ (131) zu sein scheint, nehmen sie eine instrumentelle, wenn nicht sogar „eine ‚maschinelle‘ Perspektive auf das Selbst“ (135; Herv. von mir) [17] ein: Es gilt, das eigene Erfolgspotential, das sogenannte „Kapital möglichst gut zu kennen, um es ausschöpfen zu können“ (ebd.). Ein solcher Blick auf sich selbst ist also bereits ein Moment von „Prozessen, durch die das Selbst durch sich selbst konstruiert und modifiziert“ (133) wird. Das so konstruierte Selbst wird gepflegt und fortgeschrieben in der „moderne[n] Sorge um sich selbst“ (131), die auf Selbstoptimierung zielt und dabei neuerdings in konsequenter Fortsetzung ihrer instrumentellen Vorstellungswelt „technische Anschlüsse finden und Prozesse technisch optimieren“ (134) möchte. [18] Die Vorstellungen des Quantified Self ist insofern ihrem Prinzip nach nicht neu – mit den neuen Technologien und Medien bieten sich aber neue Möglichkeiten für eine so verfasste ‚Selbsterkenntnis‘: etwa indem immer weitere Daten in immer größerem Umfang zu diesem Zweck erhoben werden können. Auf diese Weise sollen dann z.B. „Zusammenhänge zwischen körperlichen Parametern, Erfolgen im Privatleben und Leistungen im Berufsleben aufgezeigt werden“ (136), um durch Berücksichtigung und Ausnutzung so gefundener Gesetzmäßigkeiten die eigene Erfolgsfähigkeit und damit auch den Erfolg selbst zu steigern. So kommt „das Selbst gewissermaßen auf den Prüfstand, und zwar in einer mechanistischen Perspektive von festen Kausalzusammenhängen, die es zu berücksichtigen und zu kontrollieren gilt“ (ebd.). Nach dem Gesagten ist freilich klar, dass das angestrebte Selbst bei allem Einsatz auf diese Weise „nie erreicht“ (ebd.) werden kann. Ebenso wenig wie der allgemeine Erfolg: Der wird zwar allen versprochen, doch ist es kein Zufall, wenn damit bei manchen vielmehr „die Angst vor dem sozialen Abstieg“ (ebd.) geschürt wird – schließlich geht es darum, sich in Konkurrenzsituationen besser bewähren zu können – ein Aspekt, der bei Heidingsfelders Überlegungen noch ergänzt werden könnte.

Das so nach den geltenden Anforderungen zurecht gemachte und auf Erfolg ausgelegte Selbst wird dann auch gerne – z.B. online – präsentiert: Schließlich soll der darin enthaltene Anspruch auch in irgendeiner Form gesellschaftliche Anerkennung finden. Dabei setzt sich Konkurrenz auf dieser Ebene fort, wenn es, wie es in der Einleitung heißt, um „die Maximierung der eigenen Ergebnisse im Wettbewerb mit anderen“ (22) geht. Es deutet sich hierin bereits an, dass und weshalb aus „der propagierten ‚self knowledge through numbers‘“ (129) leicht auch „die ‚self exhibition through numbers‘“ (ebd.; Herv. im Orig.) wird.

Angesichts einer solchen Kultur der Selbstdarstellung wird es oft als die am nächsten liegende Frage angesehen, ob sich in diesen Darstellungen eigentlich das ausdrückt, was der Mensch ‚in Wirklichkeit ist‘ – und ob das authentische Selbst in der ihm eigenen Privatsphäre nicht vielleicht besser vor allzu großer Exposition geschützt werden sollte. Tobias Matzner nimmt sich in seinem lesenswerten Beitrag vor, beide Fragen weniger zu beantworten, als vielmehr ihrerseits zu hinterfragen. Auch er möchte dabei unter anderem darauf hinaus, dass solche „Probleme als Frage der Techniknutzung durch Individuen“ (241) nicht gut gefasst sind, weil so deren maßgebliche Einbettung in einen sozialen Kontext mit Machtstrukturen, Normen und Bedeutungen verkannt wird.

Die verschiedenen Selbstdarstellungen in der Lebenswelt online sind zumeist „sorgsam komponiert[e] […] Erscheinungsbilder […], die sich an unterschiedliche Gruppen“ (228) wie Freund_innenkreis, Kolleg_innenkreis, potentielle Arbeitgeber_innen, Mitglieder im Sportverein etc. richten und in Bezug auf sie unterschiedliche Zwecke verfolgen – ganz wie im Leben offline auch. Was in trivialisierter Form bereits ins Allgemeinwissen eingegangen ist: „Wir alle spielen Theater“ (Erving Goffmann), füllen ‚Rollen‘ aus in unseren sozialen Beziehungen, das gerät in diesem Zusammenhang ganz in Vergessenheit: Gegenüber den Internetpräsentationen gilt unser herkömmliches Lebens als „Urbild des digitalen Abbilds“ (229), sodass sich nur noch die Frage nach dessen Authentizität zu stellen scheint. Und das umso mehr, als es um Punkte geht, die der Privatsphäre zugerechnet werden. Die gilt dann nämlich – ähnlich wie bei Goffmann – als ‚Backstagebereich‘, „als Raum, wo wir die Masken ablegen und diejenigen sein können, die wir ‚wirklich‘ sind“ (230) und wo die Auftritte in den Rollen auf der gesellschaftlichen Bühne „verwaltet und gestaltet“ (ebd.) werden. Dem hält Matzner mit Hannah Arendt entgegen, dass etwas nur dann soziale Wirklichkeit sein kann, wenn es anderen Menschen ebenso erscheint – sodass die soziale Wirklichkeit der Person nicht in der „Verborgenheit des Privaten“ (237) zu verorten ist, sondern vielmehr „auf der Seite der öffentlichen Erscheinung“ (232) selbst. Die Privatsphäre ist damit umgekehrt gerade als lebensweltlicher Ort des Rückzugs von der sozialen Wirklichkeit von Bedeutung. – Insoweit die Menschen nicht, wie es der Moderne eigentümlich ist, „Identität und Bestätigung vor allem aus vormals privaten Betätigungen ziehen“ (ebd.), wodurch sie dann auch „das Privatleben mit starken Ansprüchen und Konformitätszwängen durchziehen“ (ebd.).

Mit dieser Analyse wirft sich für Matzner die Frage auf, was dann eigentlich genau mit den Privatheitsnormen etwa des Datenschutzes geschützt werden soll. Offenbar nicht ein Ort für die Authentizität der Person, sondern ein „Bereich des Lebens, der relativ zum aktuellen Kontext als unverfügbar oder schützenswert gilt“ (234). Es geht bei diesen Normen also darum, „Kommunikationskontexte auseinanderzuhalten“ (233), damit nicht „Informationen aus dem einen Kontext in den anderen gelangen“ (234). Die Folge ist, dass die Erscheinung, also soziale Wirklichkeit von Personen nicht nur von „den anderen, denen sie erscheinen, abhängt“, sondern auch „von sozialen Normen“ – so oder so also von „Machtstrukturen“ (240 f.). Also schützen die Privatheitsnormen nicht einfach eine vorausgesetzte Person, sondern tragen durch die Definition der Bedingungen ihrer sozialen Wirklichkeit „dazu bei, diese Person erst zu schaffen“ (241; Herv. von mir).

Matzner weist diesen Zusammenhang exemplarisch anhand einer Studie zu Facebook-Profilen von Jugendlichen in Kanada [19] auf: Es zeigt sich, dass weibliche Teenager sich – allgemein und auch in den für ihre Identitätsdarstellung zentralen Profilbildern – öfter mit ihren (männlichen) Beziehungspartnern und Freundinnen zeigen, während männliche Teenager Bilder ihrer Freundin präsentieren. Diese Praxis entspricht verschiedenen geltenden Geschlechternormen, z.B.: „Frauen sind Teil einer Beziehung, Männer haben eine Frau“ (236). Um ‚gut anzukommen‘, müssen die weiblichen Teenager also mehr von sich Preis geben – mehr auch, als ihnen oft lieb ist –, während die männlichen sich umgekehrt nicht zu sehr als Teil ihrer sexuellen und freundschaftlichen Beziehungen darstellen dürfen. In Anbetracht dieser Netzkultur wäre es nun ein leicht zu habender Rat, dass die Teenager einfach die ‚privaten Informationen‘ über ihre ‚wirkliche‘ Situation nicht teilen sollten. Das käme in Anbetracht obiger Analyse jedoch einem Rückzug vor der sozialen Wirklichkeit in diesem Kontext gleich – und damit der Entscheidung, deren Definition anderen zu überlassen. Somit ist bei der Berufung auf Privatheitsnormen auch zu bedenken, dass sich damit „leicht asymmetrische Machtbeziehungen reproduzieren können“, insofern „die jeweils anderen dieser Machtbeziehung […] unter einer auf das Individuum fokussierten Vorstellung der Privatheit leicht aus dem Blick geraten“ (241; Herv. von mir).

Von daher kommt Matzner explizit zu einem Schluss, der auch durch Heidingsfelders Überlegungen nahegelegt wird: Das Problematische liegt seinem Prinzip nach weniger in den Technologien selbst als in den sozialen Verhältnissen, Praxen und Diskursen, denen sie dienen sollen (vgl. 240 f.). Zu einem ähnlichen Schluss kommen auch andere Autor_innen des Bandes. So verschiebt etwa Florian Braune in Bezug auf die Möglichkeit von Autonomieverlusten durch die Roboterprothetik den Fokus ebenfalls dahingehend, dass es „nicht die Technologie selbst [ist], sondern der sie nach seinen Vorstellungen programmierende Mensch, der Anlass zur Sorge bereiten könnte“ (118). [20] Es kommt ganz darauf an, worum es bei der Entwicklung, Gestaltung und Anwendung von Technologien geht: Prothesen lassen sich ebenso für zivile wie auch militärische Zwecke entwickeln. Wissenschaft und Technologie an sich bieten die Möglichkeit zum ‚dual use‘ – bis die technischen Produkte den jeweiligen Zwecken in dem Maße entsprechend gestaltet sind, dass sie für andere nicht mehr ohne Weiteres zu gebrauchen sind.

In diesem Sinne ist auch zu fragen, worin genau jeweils die durch Technologie zu erreichende ‚Verbesserung‘ menschlicher Vermögen bestehen soll, wie Klaus Wiegerling ausführt: Das lässt sich nämlich ebenfalls „nicht unabhängig von institutionellen und kulturellen Rahmungen“ (147) bestimmen. Das zeigte sich schon in Heidingsfelders Untersuchung der Quantified Self-Bewegung: Bei der angestrebten Verbesserung der „Leistungsfähigkeit korrelieren die Präferenzen mit Rollenerwartungen“ (148), die einem als ‚Leistungsgesellschaft‘ apostrophierten sozialen Zusammenhang entspringen. Genauso bei Fragen der ‚Gesundheit‘ und deren Wiederherstellung: Was genau darunter verstanden wird, impliziert „eine Bewertungsfrage, bezogen auf gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen an das Leben“ (ebd.). Gilt z.B. nur als gesund, „wer imstande ist, Entbehrungen auf sich zu nehmen“ (ebd.) oder ein bestimmtes Maß von für ‚normal‘ befundenen Belastungen auszuhalten? Welche Rolle spielt es, ‚gesund‘ zu sein? Was heißt es, diesem Maßstab nicht zu entsprechen? Welche Kalkulationen knüpfen sich an die Gesundheit? – Diese sozialen Kriterien jedenfalls sind es dann auch, die über das Ziel der Heilung hinaus zum Enhancement treiben – das sich schließlich vollkommen vom Ausgangspunkt lösen und ins Gegenteil verkehren kann, wenn etwa der Optimierungswunsch zum „Optimierungszwang“ (137) gerät, oder wenn es um den potentiell tödlichen Einsatz biomechanischer Hilfsskelette durch das Militär geht (vgl. 116).

Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Wirkmächtigkeit von Gendernormen in der Konzeption und dem Einsatz von Technologien. Hier bietet sich in dem Beitrag von Marie-Hélene Adam und Julia Knifka ein interessantes Beispiel, an dem sich zugleich zeigt, dass sich die maßgebliche Rolle des gesellschaftlichen ‚Kontextes‘ bis in die entsprechenden Narrative hineinzieht. Den theoretischen Bezugspunkt bildet zunächst Judith Butlers Kritik an der Vorstellung, dass das biologische Geschlecht (sex) von der Konstitution sozialer Geschlechteridentität (gender) unabhängig und ihr vorausgesetzt sei, und ihre daraus abgeleitete Konsequenz, bereits jene binär verstandene körperliche Geschlechtlichkeit als Resultat von sozialer Normierung zu verstehen. [21] Dieser Hinweis auf soziale Züge des biologischen Geschlechts lässt nun auch die – fiktionale oder reale – Gestaltung und Programmierung von menschenähnlichen Maschinen (vgl. 353 f.) in einem interessanten Licht erscheinen: Deren ‚Körper‘ sind schon von ihrer Materialität her gesellschaftlich ‚gemacht‘ – und insofern ist ihr Fall etwas anders gelagert als bei Lebewesen. Aber die Art und Weise, wie die Körper gemacht werden, gibt Aufschluss über die gesellschaftlich gültigen Maßstäbe. Im Rahmen ihrer Funktionalität könnten die Maschinen nämlich beliebige Gestalten und Verhaltensweisen annehmen. Nichtsdestotrotz findet in dem Maße, wie Androiden – es geht hier zunächst um Science Fiction – an die Stelle handelnder Menschen treten (sollen), eine Zuweisung von Geschlechtlichkeit statt. Und die bezieht sich nicht nur auf gesellschaftliche ‚Geschlechterrollen‘, sondern schließt auch den Körper ein: Die Androiden werden in umfassender Weise „im Sinne des binären Modells geschlechtlich markiert“ (354) – entweder durch Zuordnung zu entsprechenden Phänotypen oder durch geschlechtlich codiertes respektive attribuiertes Verhalten. An der Produktion künstlicher Körper – ob fiktional oder real – zeigt sich insofern auf jeden Fall ganz ‚plastisch‘, dass körperliche Geschlechtlichkeit nicht bloß eine Frage der Biologie ist, sondern in der Gesellschaft als eine Art normatives Ideal existiert, das den sozial bestimmten Geschlechterrollen bzw. -identitäten entspricht. Das natürlich Gegebene, wie auch immer es an sich bestimmt sein mag, fungiert dann aber wie im Falle des künstlichen so auch im Falle des biologischen Körpers als Material einer sozialen ‚Formung‘, die auf einer ‚tieferen‘ Ebene als die Geschlechtsidentität ansetzt. Obgleich eine solche nicht stattfinden müsste, wenn diese Kriterien der Natur per se schon zu eigen wären, scheint die Bestimmung im Resultat von Natur zu sein – bzw. dort, wo der Akt der kulturellen Formung offenkundig ist, der Natur des Menschen zu entsprechen.

So verweisen die Narrative selbst wieder zurück auf die Gesellschaft und Kultur, von der sie ausgehen. Um abschließend ein letztes Beispiel zu nennen: Vorstellungen von Technik als einem eigenen „Subjekt“ (314; Herv. von mir), das sich die Menschen und die Gesellschaft unterwirft, haben durchaus eine gewisse Realität. Unter anderem darin, dass ‚der Mensch‘ wirklich zum „Objekt autonomer Unterhaltungselektronik“ (326) wird, wie Martin Hennig konstatiert. Nur erfüllt die – anders als in der Selbstreflexion des Mediums oft vorgestellt – in ihrer ‚Autonomie‘ selbst eine Funktion für bestimmte Instanzen von Macht in der Gesellschaft, wie das Beispiel der Xbox One zeigt: „So erkennt die (mittlerweile optionale) Kamera der 2013 in Deutschland erschienenen Spielekonsole Xbox One Körperbewegungen, Muskelbelastungen und Puls anwesender Personen. Die Hardware kann deshalb etwa dazu eingesetzt werden, Reaktionen auf individualisierte Werbung zu erfassen, was vom Entwickler Microsoft bei Marketingkonferenzen als zentrales Feature beworben wurde: Die Xbox One sei ‚im Prinzip wie ein Fernseher, der den Kunden anschaue‘“ (325).

Insofern besteht ein entscheidender Schritt darin, die verbreitete „Fetischisierung von Technik“ (338) kritisch zu reflektieren und demgegenüber festzuhalten, dass gesellschaftliche Verhältnisse, Praxen und Diskurse Konzeption und Einsatz von Technologien bis in ihre autonomen Funktionen hinein bestimmen. Das stellt in seinen verschiedenen Facetten, wie sich an den Beispielen bereits zeigte, einen vielversprechenden „Ausgangspunkt für weitere Überlegungen“ (354) dar.

Und von denen hat der Band in der Tat viele zu bieten: Es gelingt ihm ohne Weiteres, eine Vielzahl und Vielfalt von aufschlussreichen Annäherungen an das Thema zu versammeln und dabei zugleich diverse Punkte aufzuzeigen, welche weiterer Befassung wert sind, sowie Hinweise zu geben, in welche Richtung dabei weitergedacht werden könnte.

Fazit

Der von Marie-Hélène Adam, Szilvia Gellai und Julia Knifka herausgegebene Sammelband „Technisierte Lebenswelt. Über den Prozess der Figuration von Mensch und Technik“ widmet sich der massiven Zunahme technischer Praxen im Alltag und der sich im Zuge dessen verändernden Erfahrung und Deutung von Welt und Selbst. Betrachtet wird dieser Zusammenhang unter sozial-, kultur-, sprach- und kommunikationswissenschaftlichen sowie philosophischen Aspekten – und auch Stimmen aus Architektur und Technik kommen zu Wort. Bei den Untersuchungen der „Lebensräume“, „Körperwelten“, „Medienkulturen“, „Möglichkeitsräume“ und „Techniknarrative“ wird das Augenmerk jeweils auch auf die damit einhergehenden Spannungsfelder und Friktionen gelegt. So gewähren beispielsweise die Beiträge von Marie Lena Heidingsfelder zur Quantified-Self- bzw. Self-Tracking-Bewegung und Tobias Matzner zur Kritik der Annahme eines in seiner konstitutiven Privatheit zu schützenden ‚authentischen Selbst‘ ebenso analytische wie kritische Einblicke in Bezug auf das Verhältnis der neuen digitalen Medien zu modernen Selbstkonzepten. Der diskursiv vorherrschenden Fetischisierung der Technik entgeht der Band, indem die Artikel durchgängig aufzeigen, dass die Probleme und Ansatzpunkte meist auf der Ebene der zugrundeliegenden gesellschaftlichen Verhältnisse, Praxen und Diskurse liegen, die – etwa in Gestalt von Geschlechternomen – die Konzeption, Gestaltung und Anwendung der Technologien bestimmen. Der Anspruch, beispielhafte Erörterungen zu aktuellen Entwicklungen zu bieten, wird von dem fast 400 Seiten umfassenden Band ohne Weiteres eingelöst, indem er in 20 Artikeln eine Vielzahl und Vielfalt von aufschlussreichen Annäherungen an das Thema versammelt und dabei zugleich fundierte Anregungen zur weiteren Befassung mit dem Themenkomplex gibt.


[1] Rammert, Werner (Hrsg.)(1990a), Computerwelten – Alltagswelten. Wie verändert der Computer die soziale Wirklichkeit?, Opladen: Westdeutscher Verlag.

[2] Rammert, Werner (1990b), Vorbemerkung, in: Rammert, W. (1990a), 7-9, hier 7.

[3] Weiser, Mark (1991), The Computer for the 21st Century, in: Scientific American (Special Issue: Communications, Computers and Networks), Bd. 265 Nr. 3, 94-105.

[4] Rammert, Werner (1990c), Computerwelten – Alltagswelten. Von der Kontrastierung zur Variation eines Themas, in: Rammert, W. (1990a), 13-26, hier 15.

[5] Huchler, Norbert (2016), Die Grenzen der Digitalisierung. Neubestimmung der hybriden Handlungsträgerschaft zwischen Mensch und Technik und Implikationen für eine humane Technikgestaltung, in: HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, Februar 2016, Bd. 53, Ausg. 1, 109-123, hier 119; Herv. von mir.

[6] Diese Ansicht wird von Kevin Kelly in gewisser Weise buchstäblich vertreten: Siehe ders. (2010), What Technology Wants, New York u.a.: Viking.

[7] Beide Stellen: Huchler, Norbert (2016), 119.

[8] Seitenangaben ohne Quellenverweis beziehen sich auf den hier besprochenen Sammelband.

[9] Elias, Norbert (1987), Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 266.

[10] Das gilt nicht nur für den Dualismus von Individuum und Gesellschaft, sondern auch in Bezug auf den von Innen und Außen bzw. Mensch und Welt, wie Klaus Wiegerling treffend bemerkt: „Im Begriff der Lebenswelt artikuliert sich die Einsicht, dass der Mensch der Welt nicht nur gegenüber steht, sondern quasi mit ‚Leib und Seele‘ in ihn verstrickt ist“ (142).

[11] Schütz, Alfred/Luckmann, Thomas (1979), Die Strukturen der Lebenswelt, Bd.1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 25.

[12] Ebd.

[13] Auch Smart Clothes bieten hier Möglichkeiten (siehe dazu den Beitrag von Viola Hofmann).

[14] Alle Stellen: http://www.ted.com/talks/gary_wolf_the_quantified_self/transcript (letzter Zugriff 14.03.2017; Übers. von mir).

[15] Bröckling, Ulrich (2007), Das unternehmerische Selbst, Frankfurt a.M: Suhrkamp.

[16] Auch die modernen Formen der Macht gehen also nicht einfach in „institutionalisierten Herrschaftszustände[n]“ und „juristische Zwänge[n]“ auf, sondern diese bauen auf untergeordneten Formen der Macht und auch „auf die Selbst-Beherrschung der Individuen auf“ (132). Letztgenannte bezieht sich – wie alle sonstigen Formen der Macht – zwar auf die politische Herrschaft, ist aber nach Foucaults Ansicht nicht als deren Derivat anzusehen (vgl. Foucault, Michel (1994), Dits et Ecrits. Schriften, Bd. IV, Nr. 306 „Subjekt und Macht“, 291), sondern der Staat umgekehrt „als der bewegliche Effekt eines Systems von mehreren Gouvernmentalitäten“ (ders. (2004), Geschichte der Gouvernementalität 2. Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 115).

[17] An dieser maschinellen Perspektive auf sich selbst zeigt sich für Heidingsfelder die „Nähe von Quantified-Self- und Cyborg-Technologien“ (135) auch zur psychologischen Seite.

[18] Bezieht man diese Perspektive auf die Unterscheidung von Körper und Leib, so wird hier, insoweit die eigene Physis in Betracht kommt, gewissermaßen der Leib vom Individuum selbst nur als Körper betrachtet.

[19] Bailey, Jane/Steeves, Valerie/Burkell, Jacqueline et al. (2013), Negotiating with Gender Stereotypes on Social Networking Sites: From ‘bicycle face‘ to Facebook, in: Journal of Communication Inquiry, 37 Nr. 2 (2013), 91-112.

[20] Braune zieht hieraus sowie aus dem Umstand, dass Robotern „in absehbarer Zeit“ (121) keine Urteilsfähigkeit zukommt, auch einen Schluss für die Roboterethik – wie etwa die laws of robotics von Isaac Asimov –: Sie ist als eine Ethik für die Entwickler_innen der Technologie aufzufassen, nicht für die Roboter selbst (ebd.).

[21] „Die Geschlechtsidentität umfasst auch jene diskursiven/kulturellen Mittel, durch die eine ‚geschlechtliche Natur‘ oder ein ‚natürliches Geschlecht‘ als ‚vordiskursiv‘, d.h. als der Kultur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird“ (Butler, Judith (1991), Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 24).


Rezensent
Dr. Holger Hagen
Wissenschaftliche Mitarbeit an der Hochschule Hannover, Fakultät V: Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Zitiervorschlag
Holger Hagen. Rezension vom 05.04.2017 zu: Marie-Hélène Adam, Szilvia Gellai, Julia Knifka (Hrsg.): Technisierte Lebenswelt. Über den Prozess der Figuration von Mensch und Technik. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3079-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22013.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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