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Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz u.a. (Hrsg.): Pegida - Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und "Wende"-Enttäuschung?

Cover Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz, Tino Schlinzig (Hrsg.): Pegida - Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und "Wende"-Enttäuschung? Analysen im Überblick. transcript (Bielefeld) 2016. 377 Seiten. ISBN 978-3-8376-3658-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – was soll das eigentlich bedeuten? Fremdenfeindliche Islamkritik? Ein klassenpolitischer Beißreflex? Oder eine Rebellion gegen wahrgenommene linksgrüne Meinungsdiktatur? Zwei Jahre nach dem Auftauchen des aktuellen enfant terrible der bundesdeutschen Politiklandschaft streben die Herausgeber mit ihrem Band „einen umfassenden und orientierenden Überblick zu aktuellen Untersuchungen und Deutungen der PEGIDA-Bewegung“ (9) an.

Enstehungshintergrund

Grundlage des Bandes ist eine Veranstaltung des Public Sociology Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom November 2015, dessen Beiträge durch eine Reihe zusätzlicher Texte ergänzt wurden. Insgesamt bilden diese das Phänomen PEGIDA aus einer multi- (und nicht unbedingt inter-)disziplinären Perspektive ab.

Aufbau und Inhalt

In seiner Hinführung skizziert Karl-Siegbert Rehberg die Entstehung und Entwicklung der PEGIDA-Bewegung im regionalen Kontext. Einen „Wiedergänger der Friedlichen Revolution“ (28) erkennt der Autor in PEGIDA auf Grund einer dezidierten Selbstverortung in der ostdeutschen Tradition politischen Widerstandes. Eine „doppelte Halbdistanz“ der PEGIDA-Gänger zur BRD und der DDR eröffne so eine Lücke für alternative politische Orientierungen (nach Rechts). Als weiteren Grund für die subpolitische Empörung der Demonstranten nennt der Autor darüber hinaus eine zunehmende Entkoppelung des politischen Betriebs von den Anliegen der Staatsbürger (hiermit ist er nicht der letzte, im Prinzip weisen fast alle Beiträge darauf hin). Ähnlich wie auch die anderen Texte des Bandes bleiben die Ausführungen Rehbergs hierbei nicht frei von einem normativen Note (z.B. „Hassparolen vergifteten nicht nur an der Elbe die politische Atmosphäre“; 16f; eine Kritik dieses Umstandes folgt weiter unten).

In seinem Text zur „Avantgarde-Funktion der Stadt für gesamtgesellschaftliche Debatten seit 1989“ situiert auch Joachim Fischer die Dresdner Proteste im historischen Kontext der Anti-DDR-Demonstrationen. Die „zentralen Merkmale PEGIDAs“ möchte Werner Patzelt in seinen „neun unorthodoxen Thesen“ im folgenden Kapitel umreißen. Inwiefern diese als vollumfänglich unorthodox einzustufen sind, erscheint mir zwar fraglich, immerhin gelingt ihm aber, mit dem Vergemeinschaftungsaspekt der Proteste einen Punkt ins Zentrum der Analyse zu rücken, der die Kohäsion der Protestbewegung wesentlich stärker gewährleistet, als dies die vorwiegend auf politische Präferenzen bedachten Gesinnungskritiker der Bewegung häufig zu verstehen scheinen. Ein erstes Highlight des Bandes liefert Paetzelt – dann leider doch ziemlich unorthodox – mit der folgenden denkwürdigen Einschätzung: „Tatsachengetreues Verstehen PEGIDAs scheiterte am Unwillen der PEGIDA-Kritiker zum Perspektivenwechsel und zur Empathie“ (77). „Falsche Reaktionen“, so der Autor, hatten die politische Artikulation PEGIDAs „verstetigt“ (78). Indem man ihnen im Rahmen kultureller Repräsentationen die eigene Minderwertigkeit und moralische Unterlegenheit bestätige, etablierten PEGIDA-Gänger eine komplementäre Gegenidentität. [1]

Anschließend analysieren Stefan Scharf und Clemens Peul PEGIDAs Facebook-Fanpage als wirkungsvolles Instrument zur Etablierung einer eigenen Öffentlichkeit. Die Frage nach der politischen Breitenwirkung von PEGIDA stellt mit dem suggestiven Untertitel ‚Provinzbosse oder Vorbote eines neudeutschen Rechtspopulismus?‘ (selbstverständlich antizipiert er das zweite Entwicklungsszenario). Aus geowissenschaftlicher und politikwissenschaftlicher Sicht behandelt der folgende Beitrag von Berger et al. methodische und politisch-epistemologische Probleme bei der Zählung von Demonstranten.

Der Text von Lars Geiges formuliert drei prognostische Thesen zur Entwicklung PEGIDAs – eine „zunehmend schärfere Rhetorik der PEGIDA-Frontleute“, eine „Radikalisierung (im Umfeld) von PEGIDA“ sowie „Institutionalisierungsbemühungen“ im Rahmen der parlamentarischen Demokratie. Die Frage, „Wieso PEGIDA keine Bewegung harmloser, besorgter Bürger ist“ beantwortet Piotr Kochyba mit Blick auf PEGIDAs Islamfeindschaft. Einen interessanteren Ansatz wählt Karl-Heinz Reuband, indem er untersucht, ob sich unter den PEGIDA-Gängern häufiger „Abstiegsängste und soziale Deprivationserfahrungen“ (165) finden lassen. Dass dies, so sein Befund, nicht der Fall sein soll, erscheint überraschend. Allerdings erscheint es mir fraglich, inwiefern ein solcher Befund auf Basis einer Fragebogenerhebung haltbar erscheint.

Ebenfalls überraschend erscheint die folgende Einschätzung Dieter Ruchts, der die politischen Möglichkeiten PEGIDAs als „weitgehend ausgeschöpft“ (198) sieht. Inwiefern dies – mitten in der Flüchtlingskrise – zutrifft, dürfte zumindest angezweifelt werden. In seinem stark theoretisch grundierten Beitrag erkennt Timo Heim im Verhältnis von PEGIDA, Medien und Politik eine „entfremdete epistemologische Komplizenschaft“ – indem diese Gruppen immer gleiche Erwägungen übereinander anstellten, vergewisserten sie sich andauernd ihrer selbst. Nachfolgend untersuchen Jandura und Jandura PEGIDAs Echo in fünf großen deutschen Zeitungen. Die Darstellung variiert – erwartungsgemäß – je nach politischer Linie der Blätter (244).

Einen materialistisch fundierten Ansatz wählt Klaus Dörre, indem er PEGIDA als Gegenbewegung Polanyischen Typs (261) interpretiert. Unter Bedingungen internationalen Standortwettbewerbs und sozialstaatlichen Rückbaus sehen sich immer mehr Lohnabhängige als Verlierer eines „Verteilungskampfes um das ‚Volksvermögen‘“ (265). In eine ähnliche Richtung geht die Argumentation von Oliver Nachtwey, der den Erfolg PEGIDAs als „ein Resultat einer von Abstiegsängsten und Postdemokratisierungsprozesse geprägten Gesellschaft“ (299) interpretiert. Beide Beobachtungen ist im Grunde nicht genial, sondern naheliegend. Umso überraschender erscheint es daher, dass Dörre und Nachtwey (sowie der nachfolgende Beitrag von Halfmann) mit ihrer Schwerpunktsetzung Einschätzung nahezu allein stehen. PEGIDA wird in der Diskussion (im Buch und in der politischen Öffentlichkeit) ja vor allem als Problem islamophob und fremdenfeindlich aufgeladener Intoleranz diskutiert.

Als „Ausdruck einer Entfremdungskrise“ (289) interpretiert Hartmut Rosa das Entstehen PEGIDAS. Ein Mangel an Resonanz in den politischen Institutionen resultiere aus Sicht der Bürger „Strategie des Einmauerns“ (290). Eine ähnlich empathische Einschätzung äußert diesbezüglich auch Heinz Bude, wenn er die „Angst vor der Mindereinschätzung der eigenen Möglichkeiten durch mächtige Andere“ (353) als Beweggrund analysiert. Eine besondere Bereicherung für den Band stellt abschließend der Beitrag von Hans-Joachim Maaz zur „Psychodynamik von Protest und Gegenprotest“. Aus einer psychoanalytischen Sicht etabliert der Autor eine anerkennungstheoretische Interpretation PEGIDAs mitsamt der folgenden politischen Konsequenz: „Eine Politik der Abwertung und Diskriminierung, eine Haltung der Ausgrenzung Andersdenkender (ob gegenüber Nazis, Ausländern oder auch PEGIDA) verschärft die Konflikte in der Gesellschaft, die von uns allen verantwortet werden müssen“ (357).

Diskussion

Eine geschlechtersoziologische Kontextualisierung lässt der Band leider vermissen. Zwar betont Rehberg (21), dass Männer „bei den Dresdner Auftritten in der Überzahl und aktionsbestimmend“ gewesen seien. Hier bestünde allerdings sicherlich mehr Reflexionsbedarf zu decken.

Eine weitere inhaltlich-konzeptionelle Ergänzung des Bandes hätte m.E. in Repliken der Autoren aufeinander bestanden. Was sagt z.B. ein PEGIDA-Kritiker, der die Entstehung der Proteste vor allem auf die Verbreitung islamophober Tendenzen in Kultur und Gesellschaft ansiedeln würde zu den materialistischen Erwägungen von Dörre oder Nachtwey?

Als problematisch erscheinen mir darüber hinaus die immer wieder aufkeimenden normativen Äußerungen in den Beiträgen. So verweist etwa Rehberg auf „groteske Angstmotive bis hin zu der verzweifelten Präferierung von Bratwürsten gegenüber Dönern“ (34). Erscheint es denn nicht – und dies gerade für einen Kultursoziologen wie Rehberg – geboten, Auffassungen ernst zu nehmen, und sei es vorerst nur, um sie deutend verstehen zu können? Das Schimpfen über die unkultivierten Wutbürger sollten wir als Wissenschaftler lieber Politikern und Stammtischbesuchern überlassen!

Fazit

Insgesamt liefert der Band eine umfangreiche Einschätzung PEGIDAs aus inter- (wenn auch nicht unbedingt trans-)disziplinärer Perspektive. Die Beiträge sind allesamt gut geschrieben. Nach einigem Lesen werden sie – ob der immer wieder auf´s neue dargestellten Rahmeninformationen (PEGIDA kommt aus Dresden, PEGIDA ist Gegenstand einer gesellschaftliche Kontroverse, PEGIDA existiert erst seit ungefähr zwei Jahren, etc.) – teilweise redundant. Zudem bringen sie häufig auch nichts genuin Neues hervor (PEGIDA ist islamkritisch).


[1] Im Sinne Adornos, den Paetzelt allerdings nicht zitiert, ließe sich hier auch vom rebellischen Typus des autoritären Charakters sprechen.


Rezensent
Dr. Martin Seeliger
Promotion am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Martin Seeliger. Rezension vom 07.12.2016 zu: Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz, Tino Schlinzig (Hrsg.): Pegida - Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und "Wende"-Enttäuschung? Analysen im Überblick. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3658-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22018.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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