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Nilüfer Göle: Europäischer Islam

Cover Nilüfer Göle: Europäischer Islam. Muslime im Alltag. Wagenbach Verlag (Berlin) 2015. 298 Seiten. ISBN 978-3-8031-3663-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

In ihrem Buch „Europäischer Islam“ stellt Nilüfer Göle Ihre Forschungsergebnisse zum Lebensalltag muslimischer Europäer vor. Während einerseits auf hochaktuelle Debatten in der europäischen Öffentlichkeit – bspw. das Kopftuchverbot oder der Moscheebau – eingegangen wird, wird andererseits vor allem das subjektive Empfinden der „ganz normalen“ in Europa lebenden Muslime in den Mittelpunkt gestellt. Dabei nimmt die Autorin eine gesamteuropäische Perspektive ein und verfolgt die europäischen Konfrontationslinien mit der islamischen Welt. Es wird aufgezeigt, dass der Islam mittlerweile ein selbstverständlicher Bestandteil der europäischen Alltagswelt geworden ist.

Autorin

Nilüfer Göle ist Professorin für Soziologie an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sie wurde 1953 in Ankara geboren und forschte und arbeitete unter anderem in Istanbul, Michigan, New York und Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Europäischer Islam“ ist die deutsche Übersetzung der 2015 in Frankreich erschienen Ausgabe „Musulmans au quotidien“. Vorausgegangen ist eine vierjährige Feldforschung im Rahmen des Projekts „EuroPublicIslam: Islam in the Making of a European Public Sphere“. Zusammen mit einem Team aus ForscherInnen und DoktorandInnen wurden diverse öffentliche Kontroversen zum Thema Islam in Europa ausgewählt und 21 Städte in verschiedenen europäischen Ländern besucht (u.a. Toulouse, Sarajevo, Istanbul, Mailand, Köln, London und Kopenhagen). Das Buch stellt die Forschungsergebnisse erstmals einer breiten Öffentlichkeit vor.

Aufbau

In elf Hauptkapiteln werden verschiedene Debatten rund um den Islam in Europa beleuchtet. Dabei widmet sich jedes Kapitel einem spezifischen Streitpunkt sowie dessen lokalen Ausgangspunkt. Jede dieser Darstellungen wird verbunden mit der Präsentation von wichtigen Ergebnissen aus diversen Interviewgruppen. Die Hauptkapitel beschäftigen sich mit:

  1. Einführung: Muslim-Europäer: Von der Collage zum Gewebe (S. 9)
  2. Europa: Kein Eintritt für den Islam? (S. 27)
  3. Gewöhnliche Muslime (S. 55)
  4. Die Kontroversen um das muslimische Gebet (S. 77)
  5. Stumme Minarette und transparente Moscheen (S. 97)
  6. Die Kunst, das Sakrale und die Gewalt (S. 119)
  7. Das Islamische Kopftuch: aktive Minderheiten (S. 145)
  8. Was tun mit der Scharia? (S. 173)
  9. Die Lebensstile nach den Halal-Regeln (S. 199)
  10. Der jüdische Gradmesser (S. 225)
  11. Schluss: Die Muslime betreten die europäische Bühne (S. 247)

Inhalt

In der Einführung werden die Methoden, die Forschungsfragen sowie die Hauptthesen des Forschungsprojekts präsentiert. Die Frage nach der Präsenz des Islams in der europäischen Öffentlichkeit nimmt dabei den zentralen Platz ein. Während überall in Europa scharf diskutiert wird, ob der Islam mit den westlichen Werten vereinbar ist, stellt Nilüfer Göle zu Beginn fest, dass sich der öffentliche Raum schon längst von alteingesessenen Europäern sowie Bürgern mit Migrationshintergrund geteilt wird. Dabei kommt es zwar teilweise zu Schnittpunkten, jedoch kaum zu echter gegenseitiger Anerkennung. Mit einem mikrosoziologischen Ansatz hat sich das Forschungsteam auf die „einfache[n] Bürger der muslimischen Kultur“ (S. 14) konzentriert und lässt somit jene zu Wort kommen, die von den medialen Debatten um den Islam direkt betroffen sind, normalerweise jedoch im Hintergrund bleiben. In die Diskussionsrunden wurden gleichzeitig auch verschiedenste Europäer, Konvertiten und Islam-Kritiker miteinbezogen. Somit wurde experimentell versucht, geteilte Öffentlichkeitsräume herzustellen.

Im Kapitel „Europa: Kein Eintritt für den Islam?“ wird zunächst die Skepsis sowie Feindschaft der europäischen Welt gegenüber dem Islam nachgezeichnet. Dabei wird die europäische Islamophobie mit der Konstruktion einer europäischen Identität gegenüber „dem Anderen“ Islam verbunden. Die islamfeindlichen Bewegungen und Parteien Europas werden dabei nicht als neuer Angriff einer klassischen rechtsextremen Ideologie gedeutet. Vielmehr seien es populistische Bewegungen, welche in der vermeintlichen Verfechtung von Gleichberechtigung, Feminismus und freier Meinungsäußerung den Islam als Zielscheibe konstruierten. Nicht der Begriff der Rasse, sondern religionsspezifische Ablehnung kennzeichnen diese Bewegungen. Das europäische Identitätsbewusstsein erscheint durch das Sichtbarwerden des Islams irritiert.

Daran anschließend, behandelt der nächste Abschnitt „Gewöhnliche Muslime“ die muslimischen Stimmen innerhalb dieser Kontroverse. Dabei steht die Personalie Tariq Ramadan im Mittelpunkt, welcher als europäisch-muslimischer Intellektueller großen Einfluss auf junge Muslime in Europa hat. Dabei repräsentiert er für die Autorin die Schwierigkeit der europäischen Muslime zwischen islamischer und europäischer Welt verankert zu sein. Während einerseits religiöse Vorschriften einen zentralen Platz im Leben der Muslime behalten, findet andererseits eine Orientierung an den weltlichen europäischen Gesetzen statt. Auf der einen Seite kommt es somit zu Brüchen mit islamischen religiösen Experten. Auf der anderen Seite kommt es zu einer Veränderung der europäischen Öffentlichkeit, da der Islam im Alltag sichtbar gelebt wird.

Im weiteren Verlauf des Buches werden verschiedene Debatten in diesem Spannungsfeld beleuchtet. So werden in „Die Kontroversen um das muslimische Gebet“ die Grundsätze der deutschen und französischen Öffentlichkeit (Neutralität und Laizität) der Gewissens- und Religionsfreiheit gegenüber gestellt. Nilüfer Göle stellt fest, dass in Europa letztere für den Islam oftmals eingeschränkt werden (bspw. öffentliche Gebete). Während das Sichtbarwerden der muslimischen religiösen Praktiken in der Öffentlichkeit die Verankerung der Muslime in den europäischen Gesellschaften bestätigt, bleibt es für die Muslime gleichzeitig schwierig als Staatsbürger und nicht als „Ausländer“ oder „Migrant“ wahrgenommen zu werden. Die Diskussionsrunde in Bologna zeigt, dass die populistische Abwehrreaktion auf die Weigerung sich den öffentlichen Bereich zu teilen zurückgeht.

Ausgehend von den Grundsatz-Diskussionen um den Bau von Moscheen in der Schweiz, Bosnien und Herzegowina sowie Deutschland werden in „Stumme Minarette und transparente Moscheen“ die politischen Herausforderungen dieser Frage beleuchtet. Hierbei ergibt sich die Schwierigkeit, eine neue Öffentlichkeitskultur zu erschaffen, in der die Moschee ihren Platz hat, jedoch eingebettet ist in den europäischen Kontext. Dabei zeigt Nilüfer Göle, dass vor allem die Architektur eine zentrale Rolle spielt.

Auch die Diskussion um ein Kopftuchverbot ist allgegenwärtig in der Debatte um den europäischen Islam. In „Das islamische Kopftuch: aktive Minderheiten“ wird das Kopftuch als zentrales Symbol für den Islam in Europa vorgestellt. Nilüfer Göle zeigt, dass das Kopftuch in den meisten Fällen nicht auf eine religiöse Vorschrift zurückgeht, sondern vielmehr der individualisierte Entschluss eines frommen Menschen ist. Durch das Tragen des Kopftuches beanspruchen die europäischen Muslime einen Platz in der nationalen Öffentlichkeit. Gleichzeitig bleibt das Kopftuch jedoch weiterhin ein zentraler Ausschlussfaktor. Dies wird beispielsweise an der Kandidatur der kopftuchtragenden dänischen Politikerin Asmaa Abdol-Hamid aufgezeigt. In diesem Zusammenhang wird auch der europäische Feminismus für das Verharren in einem universalistischen Ansatz kritisiert, da somit das Kopftuch weiterhin als reines Unterdrückungsmittel begriffen wird.

Auch in den Kapiteln „Was tun mit der Scharia?“ und „Die Lebensstile nach den Halal-Regeln“ geht es um die schwierige Gradwanderung der europäischen Muslime zwischen der islamischen Welt und den westlichen Lebensstilen. Im Fall der Scharia zeigt sich, dass sich für die meisten „ganz normalen Muslime“ Europas (S.176) eine völlig neue historische Situation ergibt. Das Zugehörigkeitsgefühl zum europäischen Kulturkreis wird in Abgrenzung zur Scharia (v.a. die Scharia als Strafgesetzbuch) explizit ausgedrückt. Dabei wird der Idee einer „staatsbürgerlichen Religiosität“ (die duale Identität des Gläubigen und des Staatsbürgers) nachgegangen. Auch in Bezug auf die Halal-Regeln ergibt sich für die muslimischen Europäer eine neue historische Situation. Die Haram-Verbote werden durch die europäischen Muslime immer mehr durch das Halal-Prinzip ersetzt, welches die religiös geprägte Ethik statt das Verbot in den Mittelpunkt stellt. Die europäischen Muslime verbinden somit westliche Lebensstile mit ihrer Religiosität. Gleichzeitig weist die Autorin darauf hin, dass sich in den Bereichen der Kunst, der Ernährung und der Sexualität verschiedene Normen weiterhin konträr gegenüber stehen.

Im Kapitel „Der jüdische Gradmesser“ wird das Verhältnis von Islam und Judentum betrachtet. Es wird beschrieben, wie Streitthemen um das Judentum aus dem 19. Jahrhundert heute wieder in Bezug auf den europäischen Islam auftauchen (bspw. rituelle Schlachtung, Beschneidung). Gleichzeitig werden die Konfliktpunkte zwischen beiden Religionen aufgezeigt und an die Zentralität des Shoah-Gedenkens in Europa erinnert. Trotz ihrer späteren Ankunft in Europa muss letzterer – so Nilüfer Göle – auch für die europäischen Muslime ein zentrales Thema sein.

Abschließend wird in „Die Muslime betreten die europäische Bühne“ zusammengefasst, dass die Muslime in der europäischen Öffentlichkeit sichtbar werden und dadurch schon längst Teil Europas geworden sind. Dabei fordern die Muslime berechtigterweise ein, ihre Religion ausüben zu können und trotzdem Zugang zu allen Sphären der europäischen Gesellschaft zu haben. Während oftmals eine fehlende gemeinsame europäische Öffentlichkeit kritisiert wird, zeigt Nilüfer Göle, dass es paradoxerweise die Muslime sind, welche eine solche erzeugen, denn: „Der öffentliche Bereich in Europa entsteht da, wo man ihn nicht erwartet, nämlich dort, wo es um die Angelegenheiten des Islam geht“ (S. 255). Trotz der Unterschiede zwischen einzelnen europäischen Ländern, wiederholen sich die Kontroversen um den Islam überall. Die Kontroversen selbst schaffen somit neue Verbindungen. Nilüfer Göle folgt dabei dem Begriff der Öffentlichkeit von Hannah Arendt, welche den Mut die Privatsphäre zu verlassen als Beweis für angewandte Staatsbürgerschaft ansieht. Gleiches trifft auf Europa zu und die Muslime werden sichtbar in ihrer Besonderheit. Abschließend werden sowohl die Dschihadisten als auch die Islamophoben kritisiert, eine völlig unrealistische religiöse oder nationale Reinheit zu verteidigen. Vielmehr geht es um die Suche nach den Chancen des gesellschaftlichen Miteinanders.

Diskussion

Noch ein Buch über „den Islam“? Ja, aber dennoch anders und absolut lesenswert! Nilüfer Göle bietet in „Europäischer Islam“ einen sehr guten Einblick in diverse Kontroversen rund um den Islam in Europa. Dabei stehen nicht nur die medialen Diskussionen im Mittelpunkt, sondern vor allem die europäischen Muslime selbst. Einerseits werden zentrale muslimische Vorschriften sehr gut vorgestellt und gezeigt wo es zu Konflikten mit westlich-weltlichen Werten kommt. Andererseits wird der Fokus auf die Strategien gerichtet, mit der sich die „normalen Muslime“ in Europa bemühen, beide dieser Welten zu vereinbaren. Nilüfer Göle betrachtet die Schwierigkeiten vieler Muslime in Europa, in beiden Welten verankert zu sein und gleichzeitig von beiden Seiten kritisiert zu werden. So ist es ihr möglich zu zeigen, dass bei den Diskussionen um „den Islam“ die Stimmen der normalen Bürger oftmals überhört werden: „Die Debatte über die jeweiligen Werte [islamische und liberale Normen] der beiden Welten gibt aber nicht die Wirklichkeit der ganz normalen Muslime wieder“ (S. 189). Indem die Autorin diesen „ganz normalen Muslimen“ eine Stimme gibt, trägt sie aktiv dazu bei das Klima des Misstrauens und Unverständnisses zwischen Europa und dem Islam zu überwinden. Vielmehr wird versucht die auseinandertriftenden Welten zu verbinden. Dabei tritt Nilüfer Göle als moderate Stimme auf und kritisiert beidermaßen religiöse Fundamentalisten (bspw. Salafisten) und die neuen populistischen Bewegungen Europas, denn: beide teilen sich die gleiche kulturelle Nivellierung des „Anderen“ (vgl. S. 116). Ein wichtiges Buch, welches den muslimischen Alltag in Europa betrachtet und zum gegenseitigen Verständnis beiträgt! Uneingeschränkt empfehlenswert!

Fazit

Nilüfer Göle bietet in „Europäischer Islam“ einen sehr guten Einblick in diverse Kontroversen rund um den Islam in Europa. Es werden die Forschungsergebnisse eines vierjährigen Forschungsprojekts präsentiert und Interviewergebnisse aus diversen europäischen Ländern vorgestellt. Dabei folgt die Autorin Hannah Arendts Begriff der Öffentlichkeit und zeigt auf, dass der Islam in Europa durch Sichtbarwerden zur Normalität geworden ist. Das Buch überzeugt durch eine gesamteuropäische Perspektive sowie einem Fokus auf das subjektive Empfinden der „ganz normalen Muslime“ in Europa. So wird zu einem erweiterten Verständnis zwischen islamischer und europäischer Welt beigetragen. Es wird nach Wegen gesucht das „Nebeneinander“ durch ein „Miteinander“ zu ersetzen. Ein höchst empfehlenswertes Buch, welches den europäischen Islam auch außerhalb der medialen Debatten betrachtet.


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 06.01.2017 zu: Nilüfer Göle: Europäischer Islam. Muslime im Alltag. Wagenbach Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8031-3663-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22019.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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