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Ilka Quindeau, Marianne Rauwald (Hrsg.): Soziale Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Cover Ilka Quindeau, Marianne Rauwald (Hrsg.): Soziale Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Traumapädagogische Konzepte für die Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 174 Seiten. ISBN 978-3-7799-2358-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation setzt sich mit den Herausforderungen der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge auseinander, die, obgleich sie in ein vermeintlich sicheres Land geflüchtet sind, im Gefühl der Rechtsunsicherheit und Unvorhersehbarkeit leben müssen und zwar insbesondere jene, die aus sogenannten „sicheren“ Herkunftsländern kommen. Es bestehe die Tendenz, diese Kinder in eigens errichteten, abgesonderten Einrichtungen unterzubringen und sie von elementaren Kinderrechten auszuschließen (S. 7).

Der Band will zu einer qualitativ angemessenen Aufnahme aller Flüchtlinge beitragen und es sollen Kriterien für eine psychotraumatologisch und traumapädagogische Betreuung junger Geflüchteter erarbeitet werden, weil schätzungsweise 60 bis 80% durch die Situation in ihren Heimatländern traumatisiert seien. Es sollen Fachkräfte der Sozialen Arbeit über aktuelle theoretische Konzepten und wegweisenden Praxismodellen informiert und unterschiedliche Akteure aus Theorie und Praxis vernetzt werden.

Autorinnen

Die Autorinnen des Fachbuches sind, Ilka Quindeau, Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Frankfurt mit dem Schwerpunkt Psychotraumatologie und Traumapädagogik und Dr. Marianne Rauwald, Diplom- Psychologin und Leiterin des Institutes für Trauma- Bearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist nach einer Einleitung in zwei Teile gegliedert und zwar in

  1. „Konzepte der Traumapädagogik und Sozialer Arbeit“ und in
  2. „Praxismodelle“ und vereint darunter Kapitel unterschiedlicher Länge von differenzierten Autoren.

In der „Einleitung: Gegenwärtige Herausforderungen“ werden das Anliegen der Publikation und die Inhalte der folgenden Kapitel kurz umrissen.

Zu 1. Konzepte der Traumapädagogik und Sozialer Arbeit

Das erste Kapitel „Auffällige Unauffälligkeit: Psychodynamische Belastungen unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter“ ist von den beiden Herausgeberin verfasst. Zunächst wird die Situation der Betroffenen diskutiert, die sich aktuell in einer höchst unklaren Lebenslage, was ihren Verbleib und ihre rechtliche Situation betrifft. Sie gelten als besonders vulnerabel und als eine schwer erreichbare Risikogruppe für psychische Störungen. Sie würden häufig unter traumatischen Belastungen leiden, wobei das Trauma als vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten charakterisiert werden kann. Kennzeichnend seien bipolare Verhaltens- und Erlebnisweisen, also wiederkehrende Erinnerungsbilder, oft in Form von Alpträumen und Verleugnung (S. 17). Minderjährige würden mit einem klaren Auftrag ihrer Familien kommen, Angehörige nachzuholen, dem sie eher ohnmächtig gegenüberstehen würden. Die abrupte und erzwungene Trennung von ihren Eltern und dem gewohnten sozialen und kulturellen Kontext, würde sie vorzeitig altern lassen.

Das zweite Kapitel von Irmela Wiesinger „Rechtliche Rahmenbedingungen und Gestaltungsaufträge an die Kinder- und Jugendhilfe“ widmet sich rechtlichen Fragen, denn Minderjährige gehören zu den schutzbedürftigsten Personengruppen, die nach SGB VIII Anspruch auf Jugendhilfe haben, um deren Kindeswohl sicherzustellen. Der 18. Geburtstag stelle eine willkürliche Schranke dar, die zur abrupten Hilfebeendigung führe.

Mit „Gesundheitszustand der unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMA) aus der Perspektive des Gesundheitsamt“ wurde Kapitel drei überschrieben und von Meike Huber sowie Sybille Bausback-Schomakers verfasst. Jeder Jugendliche werde unter Ausschluss der Genitalien und des Analbereiches kinderärztlich untersucht. Die häufigsten Erkrankungen wären Hautkrankheiten (Krätze, Pils- und Virusinfektionen) und psychiatrische Krankheitsbilder.

Das vierte Kapitel von Marianne Rauwald ist mit dem Titel „Das Arbeiten mit einer Sprachmittler-in“ ausgewiesen. Es werden die Besonderheiten der Auswahl und des Settings beschrieben.

Das fünfte Kapitel „Geflüchtete(n) Kinder und Jugendliche in der Schule“ wurde von Hanne Schah beigesteuert. Sehr wahrscheinlich würden folgende Aspekte zutreffen: die Betroffenen seien traumatisiert, trauerten, erlebten einen Kulturschock, seien sprachlos, lebten jetzt in Armut und ihr Familiensystem sei zusammengebrochen, was sich unweigerlich auf den Schulerfolg auswirken würde.

Das nächste Kapitel von Sophia Becke setzt sich mit „Bindungsorientierte(r) pädagogische(r) Arbeit mit jungen Geflüchteten“ auseinander. Die Autorin weist auf bindungsbezogene Unterschiede zwischen den Kulturen hin: übermäßige Fokussierung auf die Mutter bzw. auf die biologischen Eltern, eine praktizierte geteilte Kinderpflege, auf viele Personen verteilt. Familien- und Verwandschaftsverhältnisse basierten nicht nur auf biologischen, sondern auf sozialen Konzepten. In den folgenden Ausführungen wird eine bindungsorientierte Arbeit entworfen, wobei Bindung ein „Überlebensmuster“ sei.

Kapitel sieben „Netzgruppen. Beziehungsbasierte Psychoedukation für junge Menschen mit Fluchterfahrung“ von Irina Dannert und Regina Rettenbach geht speziell auf das psychische Trauma ein. Davon wird gesprochen, wenn eine massive Bedrohungssituation die Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums aktuell oder dauerhaft übersteige (S.94). Durch das Konzept der Netzgruppen, die bestimmten Phasen folgen, könnten Auffälligkeiten, Symptome und Störungen verringert werden.

Zu 2. Praxismodelle

Der zweite Teil „Praxismodelle“ beginnt mit einem ersten Kapitel „Beziehungsbasierte Psychoedukation in ‚Netzgruppen‘. Eine selbstwirksame Erfahrung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete“ und wurde von Cora Strietzel verfasst. Das genannte Angebot habe einen präventiven Charakter, das die Gruppenmitglieder dazu ermutige, sich behutsam mit ihren Traumatisierungsfolgen zu beschäftigen.

Kapitel zwei des zweiten Teils beleuchtet die „Traumapädagogische(n) Ansätze in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten (UMG)“ als „Ein ‚sicherer Ort‘“ und wurde von Bettina Keller und Regina Rettenbach verfasst. Traumapädagogik in stationären Einrichtungen solle psychische Wunden heilen können (S. 128) und Handlungsspielräume für Fachkräfte eröffnen.

Irina Dannert und Hossein Mehranfard gestalten das folgende Kapitel zur „Traumapädagogik in der Praxis“. Sie stellen ein Boxprojekt für UMA´s vor, das Störungen der Impulskontrolle verringern soll.

Erfahrungen aus der Praxis einer Frankfurter Aufnahmeeinrichtung“ stellt das letzte Kapitel von Rüdiger Niemann im Gespräch mit Ilka Quindeau zusammen. Es gäbe viele ehrenamtliche Aktivitäten, die die Arbeit bereicherten.

Fazit

Es dürfte noch nicht viele Publikationen geben, die sich speziell und zeitnah mit der spezifischen Gruppe der unbegleiteten Minderjährigen auseinandersetzen. Insofern stellt dieses Buch eine Bereicherung dar. Insbesondere Sozialarbeiter in stationären Einrichtungen können verstärkt Einblick in die doch oft „fremden Welt“ ihrer Schützlinge bekommen. Die Veröffentlichung leistet dadurch einen wirksamen Beitrag zur Qualifizierung in diesem Arbeitsfeld.


Rezensent
Diplom-Sozialpädagoge Stefan Thiele
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Zitiervorschlag
Stefan Thiele. Rezension vom 27.02.2017 zu: Ilka Quindeau, Marianne Rauwald (Hrsg.): Soziale Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Traumapädagogische Konzepte für die Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2358-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22020.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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