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Bettina Völter, Ute Reichmann (Hrsg.): Rekonstruktiv denken und handeln

Cover Bettina Völter, Ute Reichmann (Hrsg.): Rekonstruktiv denken und handeln. Rekonstruktive Soziale Arbeit als professionelle Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 304 Seiten. ISBN 978-3-8474-0060-8. D: 29,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 33,90 sFr.

Rekonstruktive Forschung in der sozialen Arbeit, Band 14.
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Thema

Rekonstruktive Soziale Arbeit ist ein Ansatz, der rekonstruktive Methoden – die tlw. schon seit Grundlegung der Sozialpädagogik zur Anwendung kamen – mit Wissenschaft und Praxis verknüpft. Damit erlangt die Rekonstruktive Soziale Arbeit den Status eines professionsbildend wirkenden Konzepts Sozialer Arbeit.

Herausgeberinnen

Bettina Völter lehrt als Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihr Schwerpunkt ist die Rekonstruktive Soziale Arbeit.

Ute Reichmann ist Sozialarbeiterin und hat eine Leitungsfunktion im Jugendamt des Landkreises Göttingen. Z.Z. promoviert sie an der TU Dresden.

Entstehungshintergrund

Die Inhalte der Veröffentlichung gehen auf die 8. Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie 2010 und den Joure Fixe „Praxis im Dialog“ an der Alice Salomon Hochschule zurück.

Inhalt

Rekonstruktive Soziale Arbeit – auch verstehende Soziale Arbeit – wird als Konzept vorgestellt, dessen methodische Elemente sowohl für Praktiker als auch für Lehrende relevant sind. Die Handlungselemente des Konzeptes werden sowohl aus wissenschaftlicher als auch praktischer Perspektive beleuchtet und auf diesen beiden Ebenen anwendbar gemacht. Dieser Ansatz des Theorie-Praxis-Transfers zieht sich wie ein roter Faden durch die Veröffentlichung, wie es schon durch die Autorenschaft aus Hochschule und Praxis bezeugt wird.

Im Abschnitt Teil 1: Das Konzept „Rekonstruktive Soziale Arbeit“ stellt Bettina Völter im Rahmen eines Kapitels das grundlegende Programm des Konzepts vor. Der wesentliche Ansatz liegt in der Verankerung von Forschung und Forschungsoffenheit in der Praxis sozialarbeiterischer Kontexte. Anhand von Beispielen wird die methodologische Forschungshaltung in ihrer Umsetzung als forschende Praxis anschaulich dargelegt. Dabei wird der Prozess der Rekonstruktion sowohl aus anwendungsbezogener als auch theoriebasierter Sichtweise, die auf der qualitativen und insbesondere rekonstruktiven Sozialforschung beruht, beschrieben. Es zeigt sich ein theoriebasiertes Anwendungsspektrum, das speziell für eine außerwissenschaftliche berufliche Praxis ausgelegt ist.

Teil 2: diskutiert die Rekonstruktive Soziale Arbeit aus zwei Arbeitspositionen: Die praktische Ebene des Tranfers von Studieninhalten auf die erste berufliche Praxis steht im Mittelpunkt des Beitrags von Tony Leidenberger und Bettina Völter. Vor allem das „Nicht-Wissen des Unerfahrenen“ kann eine Stärke in der Umsetzung rekonstruktiver Handlungsansätze sein.

Wie sich die Anwendung des Konzepts aus Sicht der Leitungsebene gestalten kann, legt Ute Reichmann im Anschluss an den Diskurs um die Neuen Steuerung als Konzept, das – so ihre These – für die Praxis geöffnet werden muss, dar. Einerseits gewinnt die Rekonstruktive Soziale Arbeit ihren Nutzen in der Mitarbeiterführung, andererseits stellt sie Herausforderungen an die Implementierung in der Fallarbeit.

Teil 3: Rekonstruktive Handlungsmethoden wird eingeleitet durch einen Beitrag von Michaela Kötting und Regina Rätz, die anhand von Beispielen aus der Kinder- und Jugendhilfe, Möglichkeiten für eine konsequente Anwendung des vorgestellten Konzepts zur Diskussion stellen. Dabei werden Methoden und Techniken an etablierte Handlungsabläufe im Arbeitsfeld angepasst.

Eine Studie von Nadja Lehmann zu Migrantinnen im Frauenhaus verdeutlicht die biografischen Kontexte, in die das Thema Gewalt für Bewohnerinnen von Frauenhäusern eingebunden ist. Daraus abgeleitet, stellt die Autorin Handlungsansätze Reflexiver Sozialarbeit vor, die im interkulturellen Frauenhaus Berlin genutzt werden.

Andrea Hunger und Bettina Völter zeigen anhand von Fallbeispielen aus der rekonstruktiven Biografiearbeit mit Jugendlichen, wie die konsequente Verfolgung des Ansatzes mithilfe eines flexiblen Einsatzes von Methoden und Techniken geschehen kann. Hierbei kommt die Kompetenz der jungen Menschen zur eigenständigen Gestaltung des methodischen Repertoires, das sie für sich nutzbar machen, zum Tragen.

Im Teil 4: Rekonstruktive Reflexionen der eigenen Praxis werden die Erfahrungen, die der Göttinger Arbeitskreis um Ute Reichmann mit dem ethnografischen Praxisprotokoll und dem Gesprächstranskript gemacht haben, vorgestellt und diskutiert. In der Veranstaltungsreihe „Praxis im Dialog“ an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin wurden die beiden, ursprünglich aus der qualitativen Sozialforschung stammenden Methoden für sozialarbeiterische Handlungsfelder übersetzt.

Hanna Beneker und Bettina Völter entwickeln über die Formulierung ethnografischer Praxisprotokolle den Wert des ethnografischen Spiels als sinnliche Form rekonstruktiven Verstehens.

Elisabeth Goebel-Krayer und Heidrun Schulze stellen einen Ansatz der Praxisreflektion vor, den sie durch einer Verknüpfung der narrativen Gesprächsführung und des narrative therapy approach entwickelten. Seine Anwendung beziehen Sie auf Supervision und Intervision, wobei sie für letztere eine Umarbeitung des Ablaufschemas Kollegialer Beratung von Fallner und Gräßlin (1990) vorschlagen.

Teil 5: Rekonstruktive Grundhaltungen in Sozialer Arbeit und Pädagogik leitet der Beitrag von Heike Radvan über die Wirkung von Wahrnehmungshaltungen ein. Ausgehend von der Konfrontation der Fachkräfte mit jungen Menschen antisemitischer Einstellungen wurden die drei Wahrnehmungstypen stereotypisierend, immanent und rekonstruktiv aus den Äußerungen der Pädagogen herausgearbeitet und hinsichtlich der damit verbundenen Einstellungen gegenüber den jungen Menschen und sich davon ableitenden Handlungsoptionen untersucht.

Marion Klein legt anhand von Schülerinterviews den Diskurs um den pädagogischen Umgang mit dem Holocaust dar und bezieht Selbstverstehen und Fremdverstehen auf das Feld der Erinnerungspädagogik. Als Beispiel dient das Berliner Stelenfeld.

Anhand von Fallbeispielen aus dem Pflegekinderwesen und der ambulanten Familienhilfe erläutert Ute Reichmann, wie Methoden der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit in Selbstreflexion und Praxis der Jugendhilfe einen wertvollen Beitrag zum Deuten und Verstehen junger Menschen leisten und damit im Bezug zu einem Kernbereich sozialarbeiterischer Interventionen stehen: Partizipation am Hilfeprozess wird durch das Erkennen von Anliegen und Auftrag im gesamten Prozess der Zusammenarbeit mit den jungen Menschen erreicht.

Einleitend zu Teil 6: Dialoge zwischen Praxis und Forschung stellen Heidrun Schulze und Kathrin Witek ein Lehrforschungsprojekt zu Kinderperspektiven im Kontext von Kinderschutz und familiärer Gewalt vor, das auf der Kooperation zwischen „Neuer Kinder- und Kindheitsforschung“ und der Beteiligungspraxis eines Frauenhauses basiert. Anhand eines ausführlichen Fallbeispiels, entwickeln die Autorinnen Deutungsansätze für die professionelle Erwachsenen-Kind-Interaktion.

Johanna Björkenheim stellt anhand eine biografisches Interview, das im Rahmen eines Forschungsprojekts mit einer ehemaligen Bewohnerin eines polnischen Heims geführt wurde den Vergleich an zwischen qualitativer Sozialarbeitsforschung und sozialarbeiterischer Beratungspraxis.

Die Ergebnisse rekonstruktiver Sozialarbeitsforschung an der Forschungs-KiTa der FH Bielefeld werden durch Cornelia Giebeler vorgestellt. Im Fokus der Untersuchung standen Kleinstkinder im Alter von unter einem Jahr in der Kindertagesstätte. Neben der Entwicklung des Projekts wird ausführlich auf die künstlerische Präsentation der Forschungsergebnisse im öffentlichen Raum eingegangen.

Diskussion

Ein als neu eingeführtes Konzept Sozialer Arbeit, das sowohl den Anspruch wissenschaftlicher Grundlegung als auch praktischer Tauglichkeit erhebt, muss sich die Frage gefallen lassen, welchen Mehrwert es der Sozialarbeitswissenschaft bringt. Was leistet nun Rekonstruktive Soziale Arbeit? Sie richtet den Blick weg von generalisierenden Problemdeutungen und pauschalisierenden Zuschreibungen hin zu einer subjekt- und kontextbezogenen Bedarfsermittlung, die zwar dem Einzelfall entspringt, diesen Rahmen jedoch übersteigt. Damit ist die Rekonstruktive Soziale Arbeit anschlussfähig an Konzepte, wie Sozialraum- oder Lebensweltorientierung, die mit stetigen Aktualisierung und Fremdheitserkundung arbeiten.

Wie die Soziale Arbeit als Ganzes, befindet sich auch die Rekonstruktive Soziale Arbeit im Schnittbereich eines therapeutischen Kontextes. Soll das Konzept einen gewinnbringenden Beitrag zur disziplinären und professionsspezifischen Weiterentwicklung bieten, dann ist eine klare Abgrenzung notwendig. Eine ebensolche Abgrenzung muss bzgl. der Rekonstruktiven Sozialpädagogik gefordert werden. Mit einem Verweis auf die Gemeinsamkeiten und den Hinweis, dass die Rekonstruktive Sozialarbeit als Methode gefasst wird, ist nicht genug getan. Eine klare Differenzierung steht noch aus.

Im Zentrum des Herausgeberbandes steht die Doppelperspektive Theorie und Praxis. Die Rekonstruktive Soziale Arbeit versteht sich als ein Konzept, das sowohl aus den Bezügen der qualitativen Sozialforschung, als auch aus den Anwendungsbereichen Sozialer Arbeit heraus entwickelt wurde und in beiden Bereichen, in unterschiedlicher Ausformung, seine Umsetzung findet. Die Anwendung im Forschungskontext liegt auf der Hand, die Verortung in der Praxis jedoch stößt auf Schwierigkeiten. Der Theorie-Praxis-Transfer entspricht einem „Laborversuch“, der vor allem unter den Bedingungen der Hochschulen gelingt. Gerade dort, wo sich institutionelle Grenzen als widerständig zeigen, muss die Praxistauglichkeit bewiesen werden. Die Umsetzung gelingt dabei vor allem in der Supervision und bedingt in der Intervision. In der direkten personenbezogenen Arbeit lassen sich einzelne Methodenbausteine umstandslos verwenden, eine fachliche Ausrichtung auf das gesamte Konzept jedoch wird durch die strukturelle Einbindung der sozialen Dienstleistungen verhindert.

Unter Gegebenheiten des Berufsalltags können die Grundelemente Selbst- und Fremdverstehen, die ihren Erkenntnisgewinn auf die Handlungsebene werfen, weitergedacht werden: Wie lässt sich das Konzept an Arbeitsfelder anpassen, die zeitlichen Beschränkungen unterworfen sind, wie bspw. im klinischen Sozialdienst? Aber auch: Wie selbstbewusst und fundiert kann das Konzept zur Veränderung qualitätsgefährdender Strukturen in personenbezogenen Dienstleistungen argumentieren? Oder: Wie kann das Konzept zur Klärung von Fragen des Status und der Macht beitragen, die sich unter den Stichworten Nähe-Distanz und professionelle Arbeitsbeziehung wie ein roter Faden durch den gesamten Unterstützungsprozess Sozialer Arbeit ziehen?

Fazit

Ziele und Anwendungsbereiche der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit sind nicht neu, beschreiben Sie doch den Kern der aus einer professionsspezifisch gespeisten Ethik hervorgehenden Haltung. Im Kontext von Ökonomisierungs- und Effizienzdiskussionen denen Projekte Sozialer Arbeit ausgesetzt sind und – denkt man an Förderprogramme, die aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewerten – auch teilweise zum Opfer fallen, werden Konzepte, die sich umfassend mit der Umsetzbarkeit Sozialer Arbeit auf Basis professionseigener wissenschaftlicher Grundlage auseinandersetzen, zum unumgänglichen Hintergrund des Kernbereichs Sozialer Arbeit.

Es beeindruckt, dass durch die konsequente Einbeziehung von Praktikern in die Entwicklung des Konzeptes und seiner Ausgestaltung in Methoden und Techniken, praxisrelevante Themen (wie die psychosoziale Belastung von Fachkräften) zur Sprache kommen, die in einer rein vom wissenschaftlichen Sektor geführten Diskussion unter den Tisch fallen. Damit wird der Anwendungsbezug einer Handlungswissenschaft Soziale Arbeit evident, der die Einflussnahme durch Praktiker bedarf.

Letztendlich stellt der Sammelband einen fragmentarischen Streifzug durch die Praxis Rekonstruktiver Sozialer Arbeit dar, der eine Unmenge an Anreizen zur Weiterentwicklung der Handlungsfelder bietet.

Literatur

Fallner, Heinrich/ Gräßlin, Hans-Martin (1990): Kollegiale Beratung. Eine Systematik zur Reflexion beruflichen Alltags. Hille.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf
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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 22.02.2017 zu: Bettina Völter, Ute Reichmann (Hrsg.): Rekonstruktiv denken und handeln. Rekonstruktive Soziale Arbeit als professionelle Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0060-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22021.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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