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Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention

Cover Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention. Das Berliner Modell. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-8340-1649-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema, Herausgeber und Autorengruppe

Das Buch beschreibt ein Modell der Suchtprävention an Berliner Schulen in den Jahren 2002 bis 2013. Es versammelt 16 Beiträge (einschl. der Einführung durch den Herausgeber) von 6 Autoren. Alle Autoren waren an der Durchführung der im Buch beschriebenen Suchtprävention beteiligt.

Entstehungshintergrund

Die Projekte wurden ab 2013 durch eine Organisationsreform der Berliner Senatsverwaltung reduziert oder eingestellt.

Aufbau

Die Beiträge des Bandes behandeln verschiedene Aspekte schulischer Aspekte, historische, eher theoretische wie auch praktisch-erfahrungsbezogene durch die verschiedenen Autoren. Eine Darstellung der Inhalte der sehr verschiedenen Beiträge und davon getrennt deren Bewertung wären schwer lesbar. Der Rezensent hat sich deshalb dafür entschieden, die wichtigsten Aufsätze einzeln inhaltlich darzustellen direkt im Anschluss zu diskutieren.

Ausgewähte Inhalte mit Diskussion

Das Buch beginnt mit einem Überblick zur Geschichte der Suchtprophylaxe an Schulen in Berlin von Elvira Surrmann. Wurde in den 50iger und 60iger Jahren nur Alkohol und Rauchen als Suchtgefährdung für Kinder und Jugendliche wahrgenommen – und 1958 mit einem Rauch- und Alkoholverbot an Schulen durch den zuständigen Senator darauf reagiert –, so konnte in den 70iger Jahren das Problem mit verschiedenen Drogen wie Cannabis, Heroin, LSD, Speed, Pattex-Verdünner usw. und spätestens 1978 mit dem Erscheinen des Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ die Suchtgefährdung für Kinder und Jugendliche nicht mehr übersehen werden. Von da an stand die Schulverwaltung des Berliner Senats unter Handlungsdruck und reagierte mit der Einführung von Kontaktlehrern an den Berliner Oberschulen. Deutlich wird beschrieben, wie hilf- und konzeptionslos das Vorgehen der Schulverwaltung war, insbesondere, was den Umgang mit Suchtmitteln und Konzepte der Prävention betraf. Beispiel Rauchen: 1958 wurde Schülern das Rauchen in der Schule und bei schulischen Veranstaltungen verboten, 1967 wurde es wieder erlaubt, sogar Raucherzimmer und -ecken wurden eingerichtet. 1982 wurden diese dann wieder abgeschafft, das Rauchen auf dem Schulhof blieb erlaubt. Konzeptionell ging es mal um „sozial schwache Drogengefährdete“, dann um „wohlstandsverwahrloste“ Jugendliche, dann um „broken-home-Kinder“ als Zielgruppe schulischer Suchtprävention. Auch die Funktion der „Drogenkontaktlehrer“ blieb laut Surrmann bis Ende 2002 unklar, erst dann gab es eine Arbeitsaufgabenbeschreibung für die Kontaktlehrer.

Elvira Surrmann beschreibt diese Entwicklung leider sehr ungeordnet und mit einer andauernden Schuldzuschreibung an die Adresse der Senatsschulverwaltung, die sicher nicht unberechtigt ist, aber den Text schwer lesbar macht. Dass suchtpräventive Konzepte damals erst entwickelt werden mussten, sollte eigentlich nicht verwundern. Umso mehr erstaunt diese Sicht, als die Autorin selbst über viele Jahre Referentin für Suchtprophylaxe in der Senatsschulverwaltung war. Leider schreibt sie über diese Zeit fast gar nichts, sondern zählt nur die in der Regel von externen Anbietern durchgeführten Projekte auf.

Die Idee des „Berliner Modell“ versucht Heinz Kaufmann in den Beiträgen ,Suchtprävention in der Grundschule – lange nicht selbstverständlich‘ und ‚Leitlinien und Standards der Berliner Suchtprävention‘ zu beschreiben. Inhaltlich folgte die suchtpräventive Arbeit der Autorengruppe einer Konzeptionsentwicklung weg von Aufklärung über Drogen, Abschreckung und Verbot hin zu einer „ganzheitlichen“ Erziehung zu „Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung, Resilienz oder Persönlichkeitsstärkung“ (S. 77). Dass solche allgemeinen Zielsetzungen in dem Qualitätsmanagement-Handbuch zur Suchtprävention in Schulen zu wenig inhaltsreicher QM-Lyrik führen, ergibt sich von selbst. Kaufmann zitiert aus dem Handbuch:

  • „Als Koordinator/-innen begleiten und unterstützen wir die Schüler/-innen in ihrer Entwicklung und alle an der Erziehung Beteiligten in Schule und Elternhaus in ihrer suchtprophylaktischen Arbeit.

  • Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen Menschen, nicht Sucht und Drogen.

  • Wir verstehen Erziehungsarbeit als Beziehungsarbeit und sind überzeugt, dass jeder Mensch als autonomes Individuum zu sehen ist und dass es grundsätzlich zu den Regeln des menschlichen Zusammenlebens gehört, miteinander so zu interagieren, dass der Umgang miteinander getragen ist von den drei Grundhaltungen: Akzeptanz (…), Empathie (…) und Authentizität (…).

  • Unsere Arbeit konzentriert sich auf suchtprophylaktische Inhalte, Ziele und Methoden.

  • Unsere Arbeit ist langfristig angelegt und fußt auf Kontinuität und Nachhaltigkeit.“

Solche Ziele als feststehende Tatsachen auszugeben, macht ein Qualitätsmanagement überflüssig, da ja alles schon als gelungen beschrieben ist. Vor allem aber hat der Leser wenig Gewinn.

In dem Beitrag des Herausgebers ‚Qualitätssicherung in pädagogischen Institutionen. Eine Berliner Erfolgsstory‘ werden ausführlich die gleichen ‚Leitlinien zur Suchtprävention‘ zitiert, die schon im Beitrag Kaufmanns zu finden sind. Darüber hinausgehende Hinweise im Text sind im selben Duktus verfasst wie die zitierten Auszüge aus dem Handbuch, beispielsweise

„Suchtprävention verbessert die gesundheitliche und soziale Situation der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer.

Die schulische SP fördert Lebensfreude, Selbstachtung und Konfliktfähigkeit der Mädchen und Jungen, um sie zu einer gesunden und befriedigenden Lebensgestaltung zu befähigen. Schülerinnen und Schüler, die sich in kritischen Lebenssituationen oder schwierigen sozialen Verhältnissen leben, erfahren besondere Beachtung.

Das heißt: Kompetente Lehrerinnen und Lehrer stellen den Kindern und Jugendlichen angemessene Entwicklungsbedingungen bereit.“ …

Auch hier bleibt offen, was ein Leser damit anfangen soll. Wieso verbessert Suchtprävention die soziale Situation von Lehrerinnen und Lehrer? Wie stellen Lehrerinnen und Lehrer Kindern welche angemessenen Entwicklungsbedingungen bereit?

Im gleichen Kapitel beschreibt Ewald Johannes Brunner sein Verständnis von Qualitätsmanagement im pädagogischen Bereich. Er schreibt: „Qualitätsmanagement pädagogischer Arbeit konzentriert sich somit auf das, was in der Fachsprache als ‚Prozessqualität‘ bezeichnet wird.“ Wichtig sind vor allem die Abläufe pädagogischer Prozesse, die nur qualitativ dokumentiert werden können. Ergänzend nennt er Orientierungsqualität oder Reflexionsqualität, also die Gesamtheit der Einstellungen, ethischen Bewertungen und Reflexionsbereitschaft als bedeutsam für das Qualitätsmanagement. Strukturqualität als Teil des QM wird gar nicht erwähnt. Ergebnisqualität beschreibt Brunner als zwingend quantitative Erfassung, die im pädagogischen Bereich nicht sinnvoll sei.

Von dieser Position aus ist es folgerichtig, dass Brunner – etwas ironisch formuliert – ohne Reflexionsqualität das von ihm selbst entwickelte QM mit einem Fragebogen von 27 Fragen an die beteiligten bezirklichen Koordinatoren für Suchtprophylaxe „evaluiert“. Wenig überraschend ist, dass Brunner mithilfe dieser „Evaluation“ sein von ihm selbst entwickeltes Qualitätsmanagement für erfolgreich erklärt.

Mehrere Beiträge des Buches stellen Beispiele der schulischen Suchtprävention vor. Ein Beitrag von Heinz Kaufmann stellt ein Projekt zur „rauchfreien Schule“ vor. Er präsentiert vor allem eine Reihe von Dokumenten, vorzugsweise Arbeitspapiere, von denen manche z. B. zu „Rauchausstiegs-Unterstützungs-Kursen“ interessant sind, andere redundant oder irrelevant (z.B. wenn in einem Info für Lehrkräfte von 2003 mitgeteilt wird: „Kollegium: Klassen- bzw. Fachlehrer Deutsch/Bio thematisieren „Rauchfreie Schule“. Materialien bei M.W., A.E., O.Z.-V., H.K., M.St. Schüler: Diskussion und Information über den Stand der Dinge auf der GSV. Frau St.“).

Von anderer Qualität ist der Aufsatz von Evelyn Theurich-Luckfiel ‚Kinder in Suchtfamilien – eine Aufgabe für die Schule‘. Sie beschreibt die Problematik dieser Kinder und die Schwierigkeiten des Umgangs mit diesen Kindern und ihren Eltern für Lehrer und entwickelt ein Vorgehen im schulischen Kontext, das konkret und nachvollziehbar ist. Dargestellt werden die verschiedenen Schritte über die Workshops für Lehrer, Elternabende bis zum Unterricht. Unklar bleibt, warum nach vielfältiger Vorbereitung von Lehrern, lediglich eine Doppelstunde im Jahr in jeder 5. und 6. Klasse zum Thema Suchtprävention abgehalten und diese dann von einem externen Träger (Al-Anon/Alateen) durchgeführt wurde. Positiv hervorzuheben ist, dass dies der einzige Beitrag des vorliegenden Bandes ist, in dem auch selbstkritische Reflexionen zu finden sind, so, wenn die Autorin schreibt, dass viele Ziele „nur in Ansätzen oder gar nicht erreicht wurden“.

Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit dem Übergang zur Oberschule (Evelyn Theurich-Luckfiel) und dem Buddy-Programm (Christa D. Schäfer), deren Zusammenhang mit Suchtprophylaxe nicht deutlich wird, auch nicht durch eine kurze Einleitung bzw. angehängte Zusammenhangsbelege.

Zusammenfassende Diskussion und Fazit

Leider ist das Buch geprägt von der Reaktion der Hauptautoren auf die Beendigung des „Berliner Modells“ und einem schwer erträglichen Selbstlob, das sich durch das Buch zieht. Wenn selbst die Überschriften einzelner Beiträge mit „eine Berliner Erfolgsstory“ oder „Dokumentation eines erfolgreichen Modells“ verziert werden und der erste Satz mit „Das bundesweit einmalige und erfolgreiche Modell der Suchtprophylaxe an der Berliner Schule…“ beginnt, wird auch der gutwillige Leser misstrauisch. Nicht nur, weil die Selbstbelobigungen sich wiederholen, sondern weil diese Bewertung nicht untermauert wird.

Überhaupt ist es für den Leser schwierig zu ergründen, worin das im Titel beschworene „Berliner Modell“ besteht. Im Buch wird einerseits beschrieben, dass sich das Modell aus dem, 2005 oder später fertiggestellten QM-Handbuch entwickelte, an anderer Stelle (Klaus Schupp, Suchtprophylaxe in der Berliner Schule) wird sich auf die Entwicklung und Durchführung von Lehrerfortbildungen ab 1986 bezogen (S.132). Inhaltlich soll – wie die oben zitierten Ausschnitte der Leitlinien belegen – eine allgemeine Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden, eine „ganzheitliche“ Erziehung zu „Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung, Resilienz oder Persönlichkeitsstärkung“. Dies ist natürlich immer gut, allerdings kann hier Suchtprophylaxe ohne weiteres durch Gewaltprävention, Kooperationsfähigkeit oder beliebige andere Ziele ausgetauscht werden.

Faktisch erscheint Suchtprävention als ein aufwendiges Lehrerfortbildungsprojekt, an dessen Ende beispielsweise eine Doppelstunde Unterricht durch Externe steht (siehe oben). Der Eindruck der Selbstbeschäftigung und Selbstbestätigung in einer schulpädagogischen Blase wird durch die Ablehnung einer wissenschaftlichen Standards entsprechenden Erfolgskontrolle z. B. durch ein ergebnisorientiertes Qualitätsmanagements verstärkt.

Darüber können auch die selbstsuggestiven Beteuerungen („bundesweit einmaliges und erfolgreiches Modell“, „das Erfolgsmodell“, „eindrucksvolle Bilanz“) nicht hinwegtäuschen. Leider fehlen auch Hinweise auf gar nicht so neue Entwicklungen (Stichworte dazu: Verhältnis-, universelle, selektive, indizierte Prävention, Kooperation mit anderen Einrichtungen (Suchthilfekoordination der Bezirke, Jugendhilfe, Polizei usw.), die den gegenwärtigen Stand der Suchtprävention auszeichnen.


Rezensent
Dipl.-Psychologe Michael Schmude
Psychologischer Psychotherapeut. Langjähriger Mitarbeiter in Beratungstellen, Fachleiter eines Jugendhilfeprojekts in Berlin


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Zitiervorschlag
Michael Schmude. Rezension vom 27.03.2017 zu: Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention. Das Berliner Modell. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. ISBN 978-3-8340-1649-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22022.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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