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Rolf-Dieter Stieglitz, Harald J. Freyberger (Hrsg.): Diagnostik in der Psychotherapie

Cover Rolf-Dieter Stieglitz, Harald J. Freyberger (Hrsg.): Diagnostik in der Psychotherapie. Ein Praxisleitfaden. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 227 Seiten. ISBN 978-3-17-028719-8. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

Eine differenzierte Diagnostik sollte die therapeutische Behandlung durchgängig begleiten und Grundlage für die Erhebung des Therapieerfolgs sein. In der Praxis wird sie jedoch zumeist lediglich während des Therapiebeginns eingesetzt. Wie vielfältig die diagnostischen Methoden der verschiedenen Disziplinen sind und wie sie die therapeutische Behandlung während des Therapieverlaufs begleiten können wird im vorliegenden Band dargestellt.

Herausgeber

Rolf-Dieter Stieglitz ist Psychologischer Psychotherapeut sowie als Professor für Klinische Psychologie und Psychiatrie an der Universität Basel tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Diagnostik- und Therapieforschung, insbesondere zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen.

Harald J. Freyberger ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 1997 ist er Professor für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der diagnostischen Fragestellung in der Psychiatrie und Psychotherapie.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Dem Geleitwort der HerausgeberInnen von Psychotherapie-kompakt zur kompletten Buchreihe folgt die Einführung zur Diagnostik in die Psychotherapie durch die Herausgeber des vorliegenden Bandes. Das Geleitwort weist auf das stark erweiterte Spektrum der Diagnostik in der Psychotherapie hin und den Anspruch der Buchreihe hier einen klinisch und empirisch fundierten Überblick zu geben. In der anschließenden Einführung stellen die Herausgeber die Entwicklungen der Diagnostik in der Psychotherapie in Deutschland dar, verweisen auf tiefer gehende Literatur und führend vergleichend die Einbindung von Diagnostik in anderen Ländern an.

Das erste Kapitel Allgemeine Grundlagen gliedert sich in drei Abschnitte.

  • Anton-Rupert Laireiter und Karin Kalteis stellen Allgemeine Grundlagen der Diagnostik in der Psychotherapie dar. Zunächst wird die Entwicklung der Diagnostik in Deutschland umrissen. Anschließend tiefer gehend die Möglichkeiten des Einsatzes der Diagnostik im Therapieverlauf behandelt. Die Darstellung der methodischen, Anwendungs- und Qualitätskriterien für eine Diagnostik gefolgt von einem kurzen Fazit schließen das Kapitel ab. Deutlich wird in diesem Kapitel das die Diagnostik in Deutschland im Ländervergleich wenig in die Therapie eingebunden wird, obwohl dies die Qualität der Psychotherapie nachteilig beeinflussen kann. Ursächlich ist für die Autoren das die Praxisnähe der bestehenden Methoden erhöht werden müsste.
  • Im zweiten Beitrag Störungsübergreifende Verfahren in der Psychotherapie der Herausgeber werden diagnostische Methoden, die Patienten in ihrer Komplexität erfassen, vorgestellt. Bisher spielen diese Verfahren jedoch eine untergeordnete Rolle.
  • Erfassung von Veränderung ist der abschließende Beitrag von Rolf-Dieter Stieglitz und Wolfgang Hiller. Hierin werden diagnostische Methoden die während des gesamten Therapieverlaufs durchgeführt werden können vorgestellt.

Das zweite Kapitel Diagnostik in verschiedenen therapeutischen Schulen setzt sich aus vier Beiträgen zusammen. Zunächst werden die Bedeutung und Zielsetzung der Diagnostik für den jeweiligen Fachbereich dargestellt. Weiterführend die praktische Einbindung der Diagnostik in die Therapie sowie die Methodik erläutert. Ein Fazit und Blick auf die Perspektiven schließt die Beiträge ab.

  • Den Anfang macht Wolfgang Schneider der in seinem Beitrag den Bereich der Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie behandelt.
  • Der anschließende Beitrag von Jochen Eckert und Reinhold Schwab beschäftigt sich mit der Gesprächstherapie, wobei hier zudem eine Auseinandersetzung mit der häufigen jedoch falschen Annahme, dass Gesprächstherapie Diagnostik ablehne, stattfindet.
  • Die Diagnostik in der Verhaltenstherapie wird sehr umfassend von Rebekka Neu, Martin Grosse Holtforth und Wolfgang Lutz vorgestellt.
  • Den Abschluss des Kapitels bildet der Beitrag von Maria Borcsa und Julia Hille in dem die Systemische Paar- und Familientherapie in ihrer Vielfalt dargestellt wird.

Das abschließende dritte Kapitel Störungsspezifische Diagnostik setzt sich aus elf Beiträgen zusammen, in denen das konkrete Vorgehen in der Diagnostik anhand verschiedener Störungsbilder vertieft wird. Dargestellt wird die Diagnostik bei

  1. schizophrenen Störungen,
  2. affektiven Störungen,
  3. Panik und Agoraphobie,
  4. generalisierter Angststörung,
  5. sozialen Angststörungen,
  6. posttraumatischen Belastungsstörungen,
  7. Zwangsstörungen,
  8. dissoziativen Störungen,
  9. Essstörungen,
  10. den somatoformen und anderen Störungen mit unspezifischen körperlichen Beschwerden sowie
  11. Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

Exemplarisch stelle ich das Kapitel anhand des abschließenden Beitrags von Harald J. Freyberger und Rolf-Dieter Stieglitz zur Diagnostik bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS)dar. Zunächst machen die Autoren deutlich, welche Relevanz die Erkrankung in der Praxis hat, augenscheinlich wird dies an der hohen Anzahl von Fachpublikationen sowie der Häufigkeit der Diagnosestellung. In den vergangenen Jahren haben sich die therapeutischen und diagnostischen Methoden in der Behandlung der BPS stark erweitert. Sichtbar wird dies in der Darstellung der diagnostischen Verfahrensgruppen. Zunächst wird auf den Bereich der diagnostischen Interviews eingegangen, anschließend auf die Selbst- und Fremdbeurteilungsverfahren. Alle Verfahren werden in einer tabellarischen Darstellung veranschaulicht. Im abschließenden Fazit verdeutlichen die Autoren welche Herausforderungen in der Diagnose einer BPS liegen und das ein noch erheblicher Nachholbedarf in der Entwicklung diagnostischer Methoden besteht.

Den Fachbeiträgen folgt ein Verzeichnis der Herausgeber und AutorInnen, sowie ein Sachwortverzeichnis.

Diskussion

Der Kompaktband stellt viele Seiten und Möglichkeiten der Diagnostik dar, bleibt dabei in meiner Ansicht jedoch häufig zu sehr im fachlich sicheren Bereich. Die negativen Auswirkungen von oberflächlicher Diagnostik sowie die Schwierigkeiten der Praktiker Diagnostik einzusetzen aufgrund z.B. ungeeigneter Methoden werden meiner Ansicht nach zu kurz umrissen. Gänzlich fehlt eine Darstellung der Bedeutung einer Diagnose für die Betroffenen. Ich denke eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Diagnose für die Betroffenen sensibilisiert zugleich für die Bedeutung der Diagnostik.

Fazit

Der kompakte Herausgeberband zeigt die Möglichkeiten einer therapiebegleitenden Diagnostik in Deutschland auf. Öfter gibt es Verweise auf die Entwicklungen in anderen Ländern. Der Aufbau des Bands ist chronologisch. Zunächst wird dem Leser ein Grundverständnis der Materie vermittelt um darauf aufbauend den Umgang der verschiedenen therapeutischen Schulen sowie ihr Verständnis von Diagnostik vorzustellen. Abschließend werden die diagnostischen Möglichkeiten anhand verschiedener Krankheitsbilder dargestellt. Das Anliegen des Bandes, ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der Diagnostik zu schaffen, zieht sich als roter Faden durch alle Beiträge. Sehr gelungen finde ich besonders das zweite Kapitel, da die verschiedenen therapeutischen Fachrichtungen ihren Umgang mit der Diagnoseerstellung hier verständlich vorstellen. Es gelingt dem Band umfassend die aktuellen diagnostischen Methoden vorzustellen und für ihre Bedeutung zu sensibilisieren.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
BA Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 30.08.2017 zu: Rolf-Dieter Stieglitz, Harald J. Freyberger (Hrsg.): Diagnostik in der Psychotherapie. Ein Praxisleitfaden. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-028719-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22032.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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