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Tillmann Supprian, Christina Hauke (Hrsg.): Störungsspezifische Psychotherapie im Alter

Cover Tillmann Supprian, Christina Hauke (Hrsg.): Störungsspezifische Psychotherapie im Alter. Das Praxisbuch. Schattauer (Stuttgart) 2016. 263 Seiten. ISBN 978-3-7945-3159-2. D: 44,99 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Diese Publikation möchte an den Schnittstellen von Wissenschaft und Praxis die Vielfalt psychotherapeutischer Behandlungskonzepte, die klinisch auch im höheren Lebensalter sinnvoll sind, vorstellen und praxisorientierte Handlungsempfehlungen geben. Die Ausführungen sollen dazu beitragen, den Dialog zwischen verschiedenen Versorgungsdisziplinen zu fördern und die Versorgungslage Älterer mit psychischen Erkrankungen zu optimieren.

Herausgeber und Herausgeberin

Herausgeber dieses Bandes sind Tillmann Supprian, Professor an dem LVR Klinikum Düsseldorf und Dr. Christina Hauke, Diplom Psychologin in der gleichen Einrichtung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einem Vorwort und einem einführenden Kapitel in weitere zwölf Kapitel mit differenzierten Unterkapiteln mit unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ von Chistina Haukewird ausgeführt, dass es das Bedürfnis älterer Menschen sei, auch im höheren Lebensalter bei guter psychischer und physischer Gesundheit zu sein, wovon die Bewertung des eigenen Gesundheitszustandes entscheidend abhänge. Therapien müssten an die alterstypische Verlangsamung der kognitiven Prozesse angepasst und Verständniskontrollen, Wiederholungen und die Ermutigung zum Nachfragen entwickelt werden.

Von Claus Wächtler wurde das zweite Kapitel unter dem Titel „Akute depressive Störungen“ verfasst. Er geht auf die verschiedenen „Gesichter“ einer Depression ein und versucht zu belegen, dass Psychotherapie zumindest bis zum Alter von 75 Jahren wirksam sei. Auch bei den Psychotherapeuten selbst hätte sich eine positivere Einstellung ihr gegenüber entwickelt. So sei neben Ressourcenaktivierung, motivationaler Klärung und Problembewältigung die therapeutische Beziehung als der wichtigste Wirkfaktor für die Psychotherapie bei Depressionen anzusehen. Bei leichter Depression hätte Psychotherapie den Vorrang, bei schwerer gewännen Antidepressiva an Bedeutung.

Im dritten Kapitel, von Bollmann/Schuler/Zetzsche und Brakemeier geschrieben, werden „Chronische depressive Störungen“ näher betrachtet. Je nach Studie würden 40 bis 60% von depressiven Erkrankungen chronifizieren. Die so genannte Dysthymia, eine leichtere Form der Depression, entwickle sich jenseits des 50. Lebensjahres und würde ein doppelt so hohes Risiko für eine spätere Ausbildung einer dementiellen Erkrankung nach sich ziehen. In den folgenden Ausführungen wird eine spezielle integrative und schulenübergreifende Theorie, die bei älteren Patienten besonders wirksam sei, beschrieben (S. 42ff).

„Suizidversuche(n) im höheren Lebensalter“ widmet sich das nächste Kapitel von Supprian und Hauke. Bei den vollendeten Suiziden überwiegen bei Männern Erhängen, Strangulation und der Gebrauch von Schusswaffen, bei Frauen insbesondere Vergiftungen und der Sturz aus großer Höhe sowie Ertrinken (S. 59). Eine Studie über thematische Aspekte von Abschiedsbriefen kam zu dem Schluss, dass die häufigsten Themen „Entschuldigung/Scham“ (74 %), gefolgt von „Liebe für die Hinterbliebenen“ (60 %) und das „Leben nicht mehr ertragen können“ (48 %) waren.

Kapitel fünf von J. R. Boerner setzt sich mit „Angststörungen im höheren Lebensalter“ auseinander. Angst, Freude und Trauer gehörten zu den grundlegenden Emotionen des Menschen, wobei Angststörungen im Alter bisher eher ein wissenschaftliches Randthema gewesen sind. In einer Kultur, in der Ängstlichkeit negativ bewertet werde, bestehe eine verstärkte Tendenz, eigene Ängste aus narzisstischen und selbstbewusst- expressiven Verhalten heraus zu problematisieren. In den weiteren Ausführungen gibt Boerner einen Überblick über psychotherapeutische Wege und Verfahren.

Die „Posttraumatische Belastungsstörung bei älteren Menschen“ ist das Thema des sechsten Kapitels, das von S. Tagay geschrieben wurde. Es wird davon ausgegangen, dass nicht jeder Mensch nach einem traumatischen Ereignis eine PTBS ausbildet, wobei Stress und das Fehlen sozialer Unterstützung die einflussreichsten Risikofaktoren zur Entwicklung einer PTBS seien. Im Alter könne eine Trauma – Reaktivierung stattfinden z.B. infolge von Medienberichten, die dem mehr als 50 Jahre zurückliegenden Trauma ähneln.

Kapitel sieben, von T. Friedrich-Hett verfasst, ist dem Thema „Partnerschaftskonflikte, spezialisierte Paarberatung und -therapie im Alter“ gewidmet. Positive Auswirkungen von Partnerschaft und Familie sind nachgewiesen worden (längere Lebensdauer, höhere Lebenszufriedenheit etc.), dann gilt umgekehrt, dass unter zerbrechenden Ehebeziehungen Menschen am stärksten leiden (S. 111). Im Weiteren wird die systemische Therapie zur Therapie von älteren Partnerschaften und die Besonderheiten in der Herangehensweise geschildert.

Das folgende Kapitel acht, geschrieben von I. Maatouk/F. Böhlen/B. Wild und R. Schaefert, beschäftigt sich mit „Nicht- spezifische(n), funktionelle(n) und somatoforme(n) Körperbeschwerden“. Spezifische Aspekte bei älteren Patienten zielten auf ein interdiszipliniertes, multimodales Vorgehen unter Einbeziehung von Physiotherapie und auf körperliche sowie soziale Aktivierung.

Alkoholgebrauchsstörungen bei älteren Menschen“ stehen im Mittelpunkt von Kapitel neun. D. Geyer ist der Autor, der betont, dass zu hoher Alkoholkonsum eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen für die Einbuße an Lebensjahren und -qualität sei.

Missbrauch und Abhängigkeit von Benzodiazepinen und Opioidanalgetika“ ist ein Kapitel, das von D.K. Wolter geschrieben wurde. Missbrauch reiche von der regelmäßigen Einnahme von Schmerz- und Schlafmitteln bis hin zu illegalen Drogen, die mit Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltensauffälligkeiten oder zu seelischen Folgeerkrankungen führen können.

Persönlichkeitsstörungen im Alter“ von K. Aulich sind Thema des vorletzten Kapitels. Es würde Einiges dafür sprechen, die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Alter nicht mehr zu vergeben (S. 200). Eine solche Diagnose könnte bei Alterspatienten noch viel stärker als bei jüngeren zur Verzweiflung, Resignation und zu einem ablehnenden Selbstbild führen. Bei Persönlichkeitsstörungen handele es sich um tief in der Persönlichkeit verankerte und lang dauernde Muster, die im Erleben, Handeln und Interagieren zu stabilen und wiederholenden Erlebnis- und Verhaltensstörungen führe. In den weiteren Ausführungen werden spezifische Persönlichkeitsstörungen und Therapiemöglichkeiten diskutiert.

Das letzte Kapitel zwölf von R. Wolf behandelt das Thema „Demenz vom Alzheimer – Typ und andere Demenzerkrankungen“. Nach Schätzungen gibt es weltweit ca. 25 Millionen Demenzkranke, von denen mehr als zwei Drittel in den Entwicklungsländern leben. Die Prävalenzrate steige bei der Altersgruppe der 85 bis 89 Jährigen exponentiell auf bis zu 21 % an, während sie sich bei den über 90 Jährigen bei etwa 30 bis 40 % stabilisiere (S. 222). Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Veränderungen in den einzelnen Funktionen sei eine medizinische und psychotherapeutische Herausforderung, wobei das Ziel der Erhalt und gegebenenfalls die Verbesserung der Alltagsbewältigung sowie der Selbständigkeit wäre.

Fazit

Dieses Fachbuch ist ein gelungener Versuch, Behandlungskonzepte einer störungsspezifischen Psychotherapie interdisziplinär und praxisnah zu verorten, um die Versorgungslage für Ältere mit psychischen Erkrankungen zu optimieren. Die Autoren der differenzierten Kapitel sind ausgewiesene Experten, die es ermöglichen, einen spezifischen Einblick in die Krankheitsbilder zu erhalten. Der Sprachstil ist angepasst und nicht akademisch überzogen. In der Regel wird eine Fallvignette vorangestellt, um daran sowohl die Formen als auch mögliche Therapien zu verdeutlichen. Diese Publikation ist insofern eine Bereicherung für alle, die mit älteren Menschen arbeiten, die sich zuweilen über skurrile Verhaltensweisen wundern.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 13.04.2017 zu: Tillmann Supprian, Christina Hauke (Hrsg.): Störungsspezifische Psychotherapie im Alter. Das Praxisbuch. Schattauer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-7945-3159-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22033.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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