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Markos Maragkos (Hrsg.): Gestalttherapie

Cover Markos Maragkos (Hrsg.): Gestalttherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 177 Seiten. ISBN 978-3-17-028695-5. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.

Weitere Herausgeber: Rolf-Dieter Stieglitz, Bernhard Strauß.
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Thema

Das Buch führt in die Gestalttherapie ein, deren Mittelpunkt die lebendige Begegnung zwischen Therapeuten und Patienten ist. Dementsprechend werden psychische Störungen klassischerweise als Kontaktstörungen verstanden. Neben einer Einführung in zentrale Begriffe und Kernkonzepte werden u. a. die Diagnostik, Kernelemente der Therapie und die wissenschaftliche Evidenz problematisiert.

Autor

Der Autor ist tätig als Priv.-Doz., Leiter eines psychotherapeutischen Ausbildungsinstituts in München, Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint im Kohlhammer Verlag in der Reihe Psychotherapie kompakt, die herausgegen wird von Harald Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß.

Aufbau und Inhalt

Im Anschluss an die knappe Einleitung im ersten Kapitel wird im zweiten Kapitel die Entstehung der Gestalttherapie zusammengefasst und die Gründerfiguren der Gestalttherapie vorgestellt.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen zentrale Begriffe, Kernkonzepte und therapietheoretische Grundlagen. Hierzu gehören unter anderem das Figur-/Hintergrund-Konzept, der Gestaltbildungsprozess, Awareness, das Hier-und-Jetzt-Prinzip, die Organismische Selbstregulation, Kontaktfunktionen und Anmerkungen zur Kontextualisierung. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung. Referiert wird neben der Standardliteratur auch die inzwischen sehr umfangreiche gestalttherapeutische neuere Literatur. Dem Leser/der Leserin wird deutlich, wie viele heutige Konzepte auf frühe Modelle der Gestalttherapie gründen. Hierzu gehört beispielsweise die Awareness, die Figur-Hintergrund Unterscheidung (die heutige System-Umwelt Unterscheidung), die Bedeutung des Kontextes, des Prozesses und insbesondere die der therapeutischen Beziehung.

Das vierte Kapitel thematisiert die Diagnostik. Problematisiert werden zunächst grundsätzlich, hier vergleichbar der Diskussion in der systemischen Therapie, die klassische gestalttherapeutische Diagnostik und die Notwendigkeit einer klinisch-psychologischen Diagnostik. Gemeinsam ist den verschiedensten Positionen, dass der Therapeut jeweils als das wichtigste diagnostische Instrumentarium verstanden wird. In diesem Kapitel thematisiert der Autor zudem Modelle einer neueren gestalttherapeutischen Diagnostik, die Definition von Gesundheit und Krankheit und die Beschreibung einer Zuordnung verschiedener Diagnosen in Phasen des Erlebenszyklus (in Bezugnahme auf Müller 1999). Leider wird nicht ausgeführt, in wieweit diese Erkenntnisse empirisch abgesichert sind.

Das fünfte Kapitel über Kernelemente der Therapie beschäftigt sich zunächst mit einem typischen Ablauf gestalttherapeutischer Therapien und stellt dann ausführlich wesentliche Techniken vor. Ein vorrangiges Ziel der Methoden und Techniken war bereits für Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, die Bewusstmachung unerwünschter Gefühle (und die Fähigkeit sie zu ertragen), da die Entstehung psychischer Störungen im Wesentlichen als Folge eines Verlustes von Ich-Funktionen verstanden wird, die sich in wiederholten typischen Kontaktunterbrechungen, wie beispielsweise der Konfluenz oder der Projektion zeigen. Primäres Therapieziel ist somit nicht das Entfernen problematischer Phänomene, sondern den ins Stocken geratenen Lebensprozess wieder in Gang zu bringen.

Maragkos stellt in diesem Kapitel unter anderem Techniken zur Steigerung der Awareness, die Arbeit mit Polaritäten, paradoxe Interventionen, Stuhl-Dialoge oder die Arbeit mit Statuen (die heutige Stulpturenarbeit) vor. Hinzu kommen Techniken im Umgang mit Widerständen, Fantasieübungen oder kreative Übungen und Techniken in der Arbeit mit Träumen.

Das sechste Kapitel thematisiert die Verwandtschaft mit anderen Psychotherapieverfahren. Beispielhaft soll hier die Schematherapie erwähnt werden, die als Therapieform der sogenannten „Dritten Welle“ der kognitiven Verhaltenstherapie gestalttherapeutische Elemente, hier insbesondere Konzeptionen über die Kontaktprozesse und der nicht abgeschlossenen Gestalt aufnehmen.

Im Kapitel sieben werden die verschiedenen Settings, in denen sich gestalttherapeutische Methoden anwenden lassen kurz zusammengefasst.

Im achten Kapitel wird die die wissenschaftliche Evidenz fokussiert. Problematisiert wird zunächst, in wieweit Gestalttherapie und empirische Forschung in einem grundsätzlichen Widerspruch zueinanderstehen, da empirische Forschung stets reduktionistisch ist. Untersuchen lassen sich somit nicht die gesamte Gestalttherapie, sondern nur einzelne Techniken. Wissenschaftliche Untersuchungen werden erschwert dadurch zudem, dass es in der Gestalttherapie keinen allgemein akzeptierten und offiziellen Kanon an gestalttherapeutischen Interventionen gibt und sich somit Gestalttherapeuten deutlich voneinander unterscheiden.

Maragkos zitiert Untersuchungen nach denen die wissenschaftliche Evidenz dieses Verfahrens belegt ist. Kontrollierte Studien weisen die Wirksamkeit für die Bereiche der affektiven Störungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Anpassungs- und Belastungsstörungen ebenso nach, wie für Angst- und Zwangsstörungen, Somatoformen Störungen, Schizophrenie, sexuellen Funktionsstörungen, Essstörungen und Abhängigkeiten. Die Wirksamkeit liegt mit einer Effektstärke von 0.93 gleichauf mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren (siehe hierzu auch Hartmann-Kottek 2016).

Das Buch schließt im neunten Kapitel mit einem kurzen Schlusswort mit der Wertschätzung des Autors für dieses Verfahren als eine wunderbare Methode um Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Zudem wirbt der Autor für die Anerkennung der Gestalttherapie als Richtlinienverfahren durch die Krankenkassen.

Im zehnten Kapitel werden sehr kurz die Institutionelle Verankerung der Gestalttherapie sowie Infos zu Aus-, Fort- und Weiterbildung zusammengefasst. Den Abschluss des Buches bilden ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Der Autor gibt in seinem Buch einen sehr guten Überblick über Standardwerke und aktuelle Literatur. Manche Kapitel, zum Beispiel das über die Grundlagen der Gestalttherapie fallen etwas knapp aus. Dieses Überblickswerk mit dem Umfang von 177 Seiten ist sicherlich für machen potentiellen Leser mit dem Preis von 29 € etwas teuer.

Deutlich wird, wie schade es ist, dass in Deutschland, anders als in vielen anderen Ländern, die Gestalttherapie nicht die Bedeutung erhält, die ihr aufgrund der erwiesenen Evidenz zukommt. Stattdessen werden viele wirksame gestalttherapeutische Konzepte und Interventionen, wie beispielsweise der „leere Stuhl“ oder die Arbeit mit inneren Anteilen bereits seit langem ohne ausreichende Würdigung ihrer Herkunft von anderen Therapierichtungen übernommen.

Mit Lotte Hartmann-Kottek (2016) ist nochmals darauf zu verweisen, dass die Gestalttherapie nach Metaanalysen bezüglich der Wirksamkeit mit der Verhaltenstherapie zu vergleichen ist. Gestalttherapie ist heutzutage das Psychotherapieverfahren, welches weltweit die höchsten Effektstärken aufweist. Allerdings herrscht in Deutschland, so Hartmann-Kottek, ein Sonderstatus, der dazu führt, dass deutschen Patienten die wirksamsten Psychotherapien vorenthalten werden.

Fazit

Für Psychotherapeuten verschiedener Therapierichtungen bietet das Buch eine Bereicherung, es ist sehr gut lesbar und stellt eine gelungene Verbindung von theoretischer Reflexion und praktischer Anwendung dar. Der Autor legt mit seinem Buch eine gute Übersicht über die Grundzüge und die aktuellen Entwicklungen vor.

Dieses Buch kann Gestalttherapeuten ebenso wie Berater und Therapeuten anderer therapeutischer Schulen empfohlen werden.

Literatur:

  • Hartmann-Kottek, Lotte. In: Francesetti, Gianni, Gecele, Michele, Roubal, Jan (Hrsg.) 2016: Gestalttherapie in der klinischen Praxis. Von der Psychopathologie zur Ästhetik des Kontakts. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg), S. 23-24. (Vgl. die Rezension).
  • Müller, Bertram (1999): Ein kategoriales Modell gestalttherapeutischer Diagnostik. In: Fuhr, R., Streckovic, M. Gremmler-Fuhr, M. (Hrsg.). Handbuch der Gestalttherapie. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle, Hogrefe, S. 647-671.

Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 30.12.2016 zu: Markos Maragkos (Hrsg.): Gestalttherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-028695-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22035.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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