socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans Wedler: Suizid kontrovers

Cover Hans Wedler: Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 148 Seiten. ISBN 978-3-17-031046-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Angehörigen von Heil- und Sozialberufen, welche sich der Lebensrettung bei Selbsttötungsgefahr verschrieben haben, wird niemand den gebührenden Respekt verweigern wollen. Selbst wenn man selber der Überzeugung ist, dass es ein Menschenrecht ist, dem eigenen Leben ein Ende setzen zu können. Aber auch die „Suizidprävention“ oder (noch etwas sperriger) „Suizidprophylaxe“ kann in der offenen, religiös und weltanschaulich pluralen Welt nicht beanspruchen, als selbsterklärend akzeptiert zu werden. Sie muss also begründet, oder wenigstens erklärt werden.

Autor

Prof. Dr. Hans Wedler, geb. 1938, ist Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapeutische Medizin, und einer der wichtigsten deutsche Ärzte, welche sich in der Suizidprävention engagieren.

Nach seinem Medizinstudium in Kiel, Innsbruck und Freiburg, seiner Promotion 1965 und der Assistenzarztzeit in Ludwigshafen arbeitete er von 1968 bis 1986 an der Medizinischen Klinik der Städtischen Kliniken Darmstadt. Dort erhielt er seine Ausbildung als Internist und wurde 1973 schließlich zum Oberarzt berufen.
Seit Oktober 1986 war er als Leitender Arzt der Medizinischen Abteilung am Krankenhaus Ochsenzoll in Hamburg tätig, wo er eine integrierte psychosomatische Versorgung aufgebaut hat. Seit 1991 war er Ärztlicher Direktor der Klinik für Internistische Psychosomatik am Bürgerhospital des Klinikums Stuttgart.

Wedler gehört zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention und gibt seit 1975 die Zeitschrift „Suizidprophylaxe“ heraus. Seit 2002 arbeitet er im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland mit. Neben vielen wissenschaftlichen Artikeln in Zeitschriften und Handbüchern schreibt er seit längerem auch über literarische Horizonte des Suizids. [1]

Entstehungshintergrund

Um die Carl-von-Ossietzky-Universität, die Karl-Jaspers-Gesellschaft, das Karl Jaspers-Haus und die fachpsychiatrische Karl-Jaspers-Klinik hat sich in Oldenburg und darüber hinaus in den letzten Jahren ein medizin- und humanwissenschaftliches Netzwerk gebildet. Inspiriert durch das Werk des Arztes und Philosophen Karl Jaspers möchte es eine humanistisch verantwortete wissenschaftliche Anthropologie und Ethik in Medizin, Psychologie und Philosophie stärker zum Tragen kommen lassen. In diesem Rahmen entstand eine Karl-Jaspers-Gastprofessur sowie im Kohlhammer Verlag die Reihe „Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl-Jaspers-Bibliothek“. Das vorliegende Buch ist deren dritter Band.

Aufbau

Das Buch hat eine fünfteilige Gliederungsstruktur.

Vor- und Nachbemerkungen, Literatur-, Sach- und Namensregister runden das Buch ab.

Inhalt

Die „persönliche Vorbemerkung“ kann genauso gut als Schlussresümee gelesen werden. Der Buchautor schreibt auf Seite 10: „Man muss den, der den Suizid wählt, nicht bewundern. Aber man sollte ihn auch nicht verteufeln. Viel wäre schon erreicht, wenn alle Menschen den Suizid ohne allzu große Scheu als eine humane Option zur Kenntnis nähmen. Als ein Scheitern in verzweifelter Lage, für die es doch immer auch andere Lösungen gibt. Als ein Aufbegehren gegen ein so nicht Gewolltes, das bei entsprechender Wahrnehmung durch andere eine Änderung zum Besseren durchaus bewirken kann. Als einen Hilfeschrei, der erhört werden will. Als ein Lebensende, das manchmal als ein gangbarer Weg gewählt wird, in den meisten Fällen aber so keineswegs sein muss.“

Von hier aus nimmt der Buchautor zunächst die suizidalen Situationen bzw. Konstellationen (Kapitel 1) und Befindlichkeiten (Kapitel 2) in den Blick, wobei er sie sowohl in der Perspektive der Betroffenen, als auch der gesellschaftlichen und der persönlichen sozialen Umwelt zu betrachten versucht.

Nach etwa einem Drittel des Buches verlagert sich der Schwerpunkt der Darstellung weg von der intelligenten Beschreibung hin zur Analyse, zur Auseinandersetzung mit dem existentialen anthropologischen Phänomen Selbsttötung. Themen wie die Freientscheidungsfähigkeit oder die Sozialverträglichkeit der Selbsttötung werden behandelt. Dabei bleibt Wedler verständlich, verzichtet weiterhin auf fremd- und fachsprachliche Überladenheit. Nur an der vorrangigen Verwendung des lateinischen „Suizid“ hält er fest, zumal dieses Wort ein Wortteil der „Suizidprävention“ ist, um welche es dem Verfasser dieses Buches schlussendlich zu tun ist.

Die letzten etwa 50 Seiten widmet der Buchautor dem Thema ärztliche „Sterbehilfe“ versus „Sterbebeschleunigung“ (Kapitel 4) und der „Suizidprävention“.

Diskussion

Auf Seite 117 schreibt der Buchautor: „Aufgrund ihres Auftrages sind Ärzte generell beim Thema Suizidassistenz befangen.“ Und später weiter: „Befangen sind schließlich auch alle Politiker (…) Welcher der vielen einander widerstreitenden Stimmen sollen sie vertrauen, welchem der in der Sache mehr denn je uneinigen Experten? Den Philosophen, und wenn ja welchen? Den Psychiatern, welche ständig mit der Suizidalität ihrer Patienten beschäftigt sind? Den Palliativmedizinern, denen Menschen am Lebensende am häufigsten begegnen? Den in der Suizidprävention Erfahrenen, die endlich mehr finanzielle Mittel in diesem bisher von staatlicher Seite stark vernachlässigten Gebiet sich erhoffen? Oder sollen sie doch am Ende am Besten einem Bauchgefühl vertrauen ...“

An anderer Stelle (Seite 132) schreibt der Buchautor: „Die Einstellungen zum Suizid sind höchst divergent, wankelmütig, wie die Menschheitsgeschichte zeigt, durch vielfältige Vorurteile und Erfahrungen gleichermaßen verformbar.“

Wenn das alles so ist, warum dann dieses Buch? Diese Frage verließ den Rezensenten durch die gesamte Lektüre dieses Buches nicht. Ebenso wie die gute Sonne sowohl über den Guten als auch über den Bösen scheint, scheint sie über denjenigen, welche Selbsttötung für eine Todsünde halten, über anderen, welche ihr nur vorbeugen wollen und über wiederum anderen, die dazu Beihilfe leisten. Also wozu sich das von Wedler leidlich gezähmte Stimmenwirrwar zu Gemüte führen?

Mit dem Wirrwarr der Stimmen, Themen und Motive kommt man übrigens in der eBook-Version besser zu Recht, denn hier kann man sich die zusammengehörigen Textpassagen durch Suchbegriffe schnell und praktisch zusammen zeigen lassen. Denn, und das ist eine große Stärke des Buches, Hans Wedler präsentiert in dem kleinen Bändchen eine unglaubliche Fülle an Fakten, Meinungen und Sichtweisen auf die Selbsttötung und deren Begleitphänomene wie die „Sterbehilfe“. Oper, Belletristik, Film, Mythologie, Äußerungen von späteren Suizidanten, von Literaten, Therapeuten, Philosophen. Aus ihnen bestehen Wedlers empirische, ideen-, kunst- und geistesgeschichtliche Kreisbewegungen rund um die Selbsttötung, welche das Buch ausmachen. Welche das Buch in Wirklichkeit ist. Der Rezensent vermisst allenfalls die am 17. Februar 2011 im Schweizer Fernsehen ausgestrahlte sehenswerte Dokumentation über die Dignitas-„Freitodbegleitung“ des chronifiziert an einer Bipolaren Störung erkrankten André Rieder. [2]

Zugleich hat man mitunter freilich auch den Eindruck, in diesem Buch werde noch einmal alles nacherzählt, alles, was man schon hier oder dort gehört hat, wenngleich vielleicht auch noch nicht von allen. Die Wahrheit ist, so lange (Epi)Genetik und Hirnorganik noch nicht zum Durchbruch gekommen sind, und dem Mensch nicht nur sein Da-Sein, sondern auch sein So-Sein ein Rätsel bleibt, bleibt die Selbsttötung ein höchst diffuses, unverstandenes, unverständliches Phänomen. Das ist es, was dieses Buch erneut klar macht, wenn auch leider nicht ausdrücklich.

Die Wahrheit ist aber auch, dass der Rezensent gleichwohl viel gelernt hat in diesem Buch; insofern ist es ein Buch, was mit Gewinn zu lesen ist, und in erster Linie Spaß macht. Freilich nur, sofern man dazu in der Lage ist, dem Autor seine persönlichen Bewertungen und Überzeugungen zu lassen.

Erst im letzten Kapitel („5.3 Suizidprävention als gesellschaftliche Aufgabe“) zieht sich der Nebel der verhüllten Wahrheit, welches dieses Buch und dessen Thema umgibt, etwas zurück, während man dem Buchautor dabei nachfolgt, wie er in einer fast persönlichen Schreibweise (fast eines Briefes Art), Rahmen, Möglichkeiten und Grenzen heutiger Suizidprävention erläutert. Hier tritt – man ist fast dankbar für die eintretende Ruhe – die kommunikative Geordnetheit der therapeutischen Situation hervor, auch wenn sie keineswegs eine harmlose, drucklose Situation ist.

Überblickt man das gesamte Buch, so überrascht die Unbekümmertheit, mit welcher der Buchautor dem Leser oder der Leserin über den Suizid referiert, sogar offenherzig über seine eigene, ärztliche rollenspezifische Befangenheit. Eine Vertrauenskrise zwischen der Bevölkerung, welche großenteils einen eskapistischen Wunsch nach der „Hinterpforte“ Selbsttötung für den Fall des Falles hat, und der Ärzteschaft, welche es sich widerstandslos, ja willig mehr oder weniger verbieten ließ, diese Hintertür öffnen zu können? Für den Autor dieses Buches scheint diese – nach Meinung des Rezensenten: schwere – Störung der Arzt-Patienten-Situation nicht ersichtlich.

Aber auch nachdem man Wedler zuhörte, kann man durchaus der Meinung bleiben, dass es eine „Kontroverse“ (Buchtitel), also ein Gespräch über Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung nicht mehr gibt, sondern ein großes Schweigen, nachdem der Gesetzgeber durch seinen Gesetzgebungsakt Ende 2015 die Ärzteschaft als Ansprechpartner für Selbsttötungswillige de facto ausgeschaltet hat. Auch wenn Hans Wedler dieses Schweigen mit seinem Buch „Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft“ beredt gefüllt hat.

Fazit

Nach Jahrzehnten klinischer Praxis und bundesweitem Engagement in der Suizidprävention breitet der Internist und Psychotherapeut Prof. Hans Wedler in diesem Buch noch einmal aus, was er zum Thema Selbsttötung mitzuteilen hat. Das Buch hat seine Begrenzungen, ist aber fassettenreich, anregend und geeignet für Leserinnen und Leser, welche sich beruflich, privat oder auch ganz persönlich mit dem Sterben und der Selbsttötung befassen möchten und nach Impulsen dafür suchen.


[1] http://karl-jaspers-gesellschaft.de/, www.stuttgart.de? (beide Internetquellen eingesehen am 04.01.2017)

[2] www.srf.ch (eingesehen am 04.01.2017)


Rezensent
Heribert Süttmann
Diplom-Politikwissenschaftler, Evangelisch-reformierter Pfarrer im Ruhestand


Alle 4 Rezensionen von Heribert Süttmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Heribert Süttmann. Rezension vom 11.01.2017 zu: Hans Wedler: Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-031046-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22036.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung