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Christina Goesmann: Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit

Cover Christina Goesmann: Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit. Quellen der Wertschätzung in der psychosozialen Demenzbetreuung. transcript (Bielefeld) 2016. 215 Seiten. ISBN 978-3-8376-3668-0. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Thema

Nicht nur am Tag des Ehrenamtes, dem 05. Dezember, wird die Forderung nach einer „Kultur der Anerkennung“ für das freiwillige Engagement von einer breiten Welle der Zustimmung getragen. Fast in jedem Maßnahmenkatalog zur Verbesserung des Ehrenamtes aber auch in den Stellungnahmen der Politik ist diese Forderung zu finden. So einleuchtend dies auch ist, so wenig verfügen wir über ein gesichertes Wissen darüber, wie genau Anerkennung und Wertschätzung zur Verbesserung des freiwilligen Engagements beiträgt und welche Wirkungen damit bei der Motivation und bei der Engagementbereitschaft der Ehrenamtlichen tatsächlich erzielt werden können.

An dieser Wissenslücke setzt Christina Goesmann mit ihrer Studie an. Am Beispiel der ehrenamtlichen psychosozialen Demenzbetreuung geht sie exemplarisch den Fragen nach, welche Bedeutung die Wertschätzung konkret für ehrenamtlich tätige Personen hat und wie sich diese auf die Qualität der ehrenamtlichen Arbeit auswirkt. Auf der Basis von objektiv-hermeneutischen Fallanalysen rekonstruiert sie Handlungsstrukturen und Relevanzsysteme der Befragten und entwickelt darauf aufbauend eine Typologie der Wertschätzung im Ehrenamt. Ihr Fazit ist ernüchternd und hoffnungsvoll zugleich. Wertschätzung drückt sich nicht nur in Dank und Lob aus, sondern ist an eine voraussetzungsvolle und komplexe Struktur gebunden, die sich einer schlichten Kausalität von „einem Mehr an Wertschätzung als einem Mittel für ein Mehr an Ehrenamt“ widersetzt. Wertschätzung ist vielmehr „ein Produkt der Interaktion zwischen den Ehrenamtlichen und den von ihnen betreuten Personen“ und damit eine Frage der Qualität der Betreuung.

Autorin

Christine Goesmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am iap – Institut für Arbeit & Personal der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist als Dissertation zwischen 2010 und 2015 an der Technischen Universität Dortmund entstanden.

Aufbau und Inhalte

In den ersten Kapiteln des Buches werden die Grundlagen zum Verhältnis von Ehrenamt und Profession gelegt, unterschiedliche Formen der Wertschätzung entwickelt und Theorien zum Thema Wertschätzung erörtert.

In den darauf folgenden Kapiteln werden neben dem methodischen Vorgehen die empirischen Befunde vorgestellt und diese in einer Typologie generalisiert. Ein kurzes Fazit schließt die Studie ab.

Im ersten Kapitel wird die ehrenamtliche Pflege als Baustein im Wohlfahrtmix vorgestellt und im Hinblick auf ihre Voraussetzungen und Konflikte diskutiert. Darüber hinaus wird in die zentralen Begrifflichkeiten wie Demenz, ehrenamtliche Arbeit und Profession eingeführt. Von weitreichender Bedeutung für die Studie ist dabei der Rückgriff auf den pädagogisch-therapeutischen Professionsbegriff Ulrich Oevermanns, der „professionelles Handeln als stellvertretende Krisenbewältigung im Spannungsfeld zwischen Fachwissen und Fallverstehen versteht“. In diesem Verständnis bedeutet professionelles Handelnden den Einsatz von Kompetenzen gepaart mit einer Arbeitshaltung und konstituiert – entgegen weitläufiger Annahmen – keinen Gegensatz zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Arbeit. Dieser Ansatz wird im dritten Kapitel näher begründet.

Im zweiten Kapitel werden drei verschiedenen Formen von Wertschätzung und deren Bedeutung für die Ehrenamtlichen genauer betrachtet. Die monetäre Wertschätzung findet sich beispielsweise in Form der Aufwandsentschädigung für ehrenamtliche Arbeit. Sie kann für Ehrenamtliche unter bestimmten Umständen eine Form der Wertschätzung darstellen. Dabei ist zu beachten, dass möglicherweise Funktionslogiken der Erwerbsarbeit Einzug in das Ehrenamt halten. Viele Vorschläge in der Fachliteratur gruppieren sich um die organisationale Wertschätzung z.B. in Form von Ehrungen, Feste, Ausflüge etc. Schließlich wird noch auf die gesellschaftliche Wertschätzung eingegangen, die allerdings kritisch bzgl. ihrer stärkenden Wirkung auf das ehrenamtliche Handeln eingeschätzt wird.

Das dritte Kapitel legt die theoretischen Grundlagen für die Studie. Dazu bezieht sich Christine Goesmann auf die Anerkennungstheorie von Axel Honneth, der drei Sphären der Anerkennung unterscheidet: 1. Liebe: Hier beruht die Anerkennung auf Zuneigung und einem Gleichgewicht von Symbiose und Selbstbehauptung. 2. Recht: Die Anerkennung baut auf wandelbaren Moralprinzipien auf und ist nicht auf eine konkrete Person bezogen, sondern auf einen „generalisierten Anderen“ der die Rolle des Gegenübers einnimmt. 3. Solidarität/ Leistung: Hier wird nicht von Anerkennung, sondern von Wertschätzung eines Individuums gesprochen. Diese ergibt sich in Bezug auf einen intersubjektiv geteilten Bewertungsrahmen. Verknüpft werden die drei Sphären der Anerkennung bzw. Wertschätzung mit der These, dass Professionalität eine Voraussetzung für gelingende Wertschätzungsstrukturen im ehrenamtlichen Handeln ist. Das Kapitel schließt mit einer Konkretisierung der forschungstheoretischen Fragen ab.

Im vierten Kapitel werden das methodische Vorgehen dargelegt und das Verfahren der objektiven Hermeneutik kurz vorgestellt.

In einem umfangreichen fünften Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Studie diskutiert.

  • Zu Beginn werden die Interviewpartnerinnen und der Interviewpartner vorgestellt und aus der Analyse des Materials Fallstrukturhypothesen gebildet. Bereits hier konnten grundlegende Unterschiede in der Beziehung zwischen ehrenamtlichen Handeln und handlungsleitenden Motiven bei den Interviewten rekonstruiert werden. Sie umfassen beispielsweise das klassische Motiv der Nächstenliebe, das sich in einer diffusen Gestaltung der Ehrenamtsbeziehung (im Gegensatz zu einer spezifischen, d.h. rollenförmigen Sozialbeziehung) niederschlägt oder im Gegensatz dazu jenes Motiv, das Ehrenamt als Substitut für eine nicht erreichbare Erwerbsarbeit betrachtet und sich in einem rollenförmigen Handeln präsentiert. Auch in der symmetrischen oder asymmetrischen Gestaltung der Beziehung zwischen Ehrenamtlichen und Betreuten zeigen sich charakteristische Unterschiede.
  • In einem zweiten Teil werden Motive und Relevanzstrukturen bzgl. der Bedeutung des Geldes als Quelle der Anerkennung rekonstruiert. Dabei wird erkennbar, dass Geld nur in einem sehr begrenzten Umfang als Ausdruck von Anerkennung geeignet ist. Dies ist nur dann der Fall, wenn ein Aufwand, der von den Interviewten subjektiv als Kosten gedeutet wird, dadurch abgedeckt werden kann.
  • In dem dritten Teil des fünften Kapitels werden verschiedene Formen von Anerkennung und Wertschätzung aus dem Fallmaterial rekonstruiert und systematisch dargestellt. Dabei gerät eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher Wertschätzungsformen in den Blick, auf die hier nur auszugsweise eingegangen wird. So wird u.a. rekonstruiert, wie das gemeinsame Musizieren eine asymmetrische Beziehung zwischen Gesunden und (Demenz-) Kranken aufheben kann aber auch welche positiven Wirkungen dadurch bei den Ehrenamtlichen selbst erzeugt werden können. In Bezug auf die Kooperation zwischen Ehrenamtlichen und beruflich Pflegenden wird gezeigt, dass Ehrenamtliche ihr Handeln relativ autonom gestalten, wenn es darum geht, sich in die Strukturen und Zwänge der Einrichtungen einzufügen, was bei den beruflichen Pflegekräften allerdings zu einer empfundenen Konkurrenzsituation führen kann. Die Schaffung von Handlungsspielräumen und mehr Verantwortung für die ehrenamtlichen Helfer bewirkt in der Deutung der Ehrenamtlichen eine Steigerung der Motivation und des Engagements. Darin kommt die Bedeutung der organisationalen Wertschätzung zum Ausdruck, die sich auch bzgl. der Anerkennung der Arbeitsqualität und des Arbeitseinsatzes zeigt. Auch in Bezug auf die zentrale Forschungsthese, dass professionelles Handeln im oben definierten Sinne bei den Ehrenamtlichen Wertschätzungsstrukturen stärkt, sind interessante Zusammenhänge rekonstruierbar. So fördert Fachkompetenz sowie die Fähigkeit, mit Programmangeboten an den individuellen Fähigkeiten und persönlichen Biografien der Demenzkranken anzuknüpfen, die Möglichkeit eine gelingende Interaktionskompetenz zu gestalten. Umgekehrt wird deutlich, wie ein Mangel an fachlicher Kompetenz zu Überforderung führen kann.

In einem abschließenden sechsten Kapitel werden zunächst die Typologie der Motivlagen und der habituellen Strukturen der ehrenamtlichen Akteure vervollständigt und in einer Tabelle in Bezug auf Motivation, Habitus und Art der Wertschätzung zusammengefasst. Dabei sind vier Muster zu erkennen:

  1. Nächstenliebe und Altruismus,
  2. Substitution und Instrumentalisierung,
  3. Freiheit und Lebendigkeit,
  4. Gemeinwohlorientierung und Pragmatismus.

Außerdem wird die zentrale Frage, wie Wertschätzung mit Professionalität korrespondiert ebenfalls in einer Typologie der Wertschätzung gebündelt. Zu dieser gehören

  1. die Fähigkeit, reziproke Wertschätzungsstrukturen zu gestalten,
  2. über ein Fachwissen zu verfügen, um das eigene Handeln selbständig und sicher zu bewerten,
  3. daraus Wertschätzung für sich selbst zu beziehen sowie
  4. eine Übereinstimmung zwischen den eigenen Ansprüchen und dem eigenen Tun herzustellen.

Interessant ist auch der Typus der organisationalen Wertschätzung, der sich beispielsweise in Schulungen oder in der Erweiterung von Handlungsspielräumen zeigt. Er stellt die einzige Form dar, die instrumentell eingesetzt werden kann. Abgerundet wird das Kapitel mit einer Diskussion über die Professionalitätsanforderung im Ehrenamt und mit einem Plädoyer für ein Schulungsangebot, in dem nicht so sehr das altenpflegerische Wissen im Mittelpunkt steht, sondern die Vermittlung einer pflegerischen bzw. professionellen Arbeitshaltung. Das Kapitel endet mit einer abschließenden Einordnung der Ergebnisse in die Anerkennungstheorie Axel Honneths.

Diskussion

Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass eine vordergründige Betrachtung von Anerkennung und Wertschätzung als Instrument der Ehrenamtsförderung viel zu kurz greift. Worum es stattdessen geht, ist, Bedingungen der Möglichkeit für Wertschätzungsstrukturen zu schaffen, um die Qualität der ehrenamtlichen Arbeit zu verbessern. Dies gelingt nicht mit dem instrumentellen Einsatz von Lob und Dank.

Die Schaffung von Wertschätzungsstrukturen erfordert in gewissem Umfang Fachwissen und Interaktionskompetenz ebenso wie die Entwicklung einer professionellen Arbeitshaltung, die auf der Fähigkeit aufbaut, Nähe und Distanz zu balancieren und das eigene Menschenbild wertebezogen reflektieren zu können. In einer fachlich sehr fundierten, inhaltlich klaren aber auch behutsamen Art und Weise zeichnet Christina Goesmann ein facettenreiches Bild der Strukturen von Wertschätzung in der psychosozialen Demenzbetreuung und setzt damit einen Kontrapunkt zu einem verkürzten Verständnis von Wertschätzung und Ehrenamt.

Spannend und anregend zugleich ist die Verknüpfung der Sphäre der Wertschätzung mit der Professionalität. Die hier aufgezeigte Perspektive ist sehr hilfreich, um die polarisierende Gegenüberstellung von beruflicher und ehrenamtlicher Hilfe konstruktiv aufzubrechen. In der Studie stand das Verhältnis zwischen ehrenamtlichen Helfern und Menschen, die an Demenz erkrankt sind im Vordergrund. Ergänzend dazu könnte es für künftige Studien ebenso spannend und erhellend sein, wenn Handlungsstrukturen und Relevanzsysteme in der Beziehung zwischen ehrenamtlichen und beruflichen Helfern rekonstruiert werden. Dies gilt insbesondere für jene Handlungsfelder, in denen Ehrenamtliche enger in die Strukturen von Einrichtungen eingebunden sind.

Fazit

Die vorliegende Studie kann allen Interessierten aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, die an der Schnittstelle zum Ehrenamt arbeiten eindringlich empfohlen werden. Sie liefert bemerkenswerte Denkanstöße, um die etwas eingefahrenen Denkmuster bzgl. der Ehrenamtsförderung konstruktiv aufzubrechen und zu erweitern. In diesem Sinne wünsche ich dem Buch eine große Aufmerksamkeit und eine weite Verbreitung.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 01.03.2017 zu: Christina Goesmann: Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit. Quellen der Wertschätzung in der psychosozialen Demenzbetreuung. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3668-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22045.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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