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Carolin Freier: Soziale Aktivierung von Arbeitslosen?

Cover Carolin Freier: Soziale Aktivierung von Arbeitslosen? Praktiken und Deutungen eines neuen Arbeitsmarktinstruments. transcript (Bielefeld) 2016. 262 Seiten. ISBN 978-3-8376-3548-5. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Mit ihrer qualitativen Studie nimmt Carolin Freier eine detaillierte Analyse des arbeitsmarktpolitischen Feldes rund um Maßnahmen der Sozialen Aktivierung von Arbeitslosen vor. Sie fokussiert dabei sowohl auf politische und rechtliche Rahmenbedingungen, wie auf die Gestaltungspraxis in der Arbeitsmarktverwaltung.

Autorin und Entstehungshintergrund

Carolin Freier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der IAB-Stabstelle Forschungskoordination. Das vorliegende Buch entspricht ihrer Dissertation, die sie unter dem Titel „Teilhabe in der Arbeitsgesellschaft? Praktiken und Deutungen eines sozial aktivierenden Arbeitsmarktinstrumentes“, 2015 erfolgreich an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verteidigt hat. Die Arbeit basiert auf Daten die von der Autorin im Rahmen des IAB-Forschungsprojektes: „Soziale Aktivierung – Social Activation“ erhoben und ausgewertet wurden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Abschnitte:

  1. Zusammenfassung
  2. Maßnahmen Sozialer Aktivierung: Eine erweiterte Arbeitsmarktpolitik
  3. Theoretischer Zugang und Methode
  4. Aktivierungsdiskurs: Wandel der Arbeitsmarktpolitik
  5. Maßnahmen Sozialer Aktivierung: Ziel, Genese und Funktionen
  6. Resümee und Ausblick
  7. Abschnitt sieben umfasst das Quellen- und Literaturverzeichnis.
  8. Der Anhang bildet das achte Kapitel.

Inhalt

Im zweiten Abschnitt beschreibt Freier umfassend und gleichzeitig möglichst präzise den Kernbegriff ihrer Arbeit: Maßnahmen Sozialer Aktivierung. Darunter werden Instrumente der Beschäftigungsförderung verstanden, welche darauf abzielen Langzeitarbeitslose durch persönlichkeitsstabilisierende und sozial integrierende Effekte „sozial zu aktivieren“. Die Arbeitsmarktbezogenheit der Maßnahmen muss gegeben sein (entsprechend des SGB II und SGB III), wenngleich Vorstufen zur tatsächlichen Arbeitsmarktintegration als Ziel definiert werden können. Die Untersuchung der Autorin umfasst neben den Eigenheiten dieser Maßnahmen ihre Entstehung und Funktionen.

In Kapitel Drei schildert die Autorin ihre Forschungsfragen, theoretische Annahmen und das methodische Vorgehen. Carolin Freier fragt nach den Auswirkungen von Niederschwelligkeit und nicht primär auf Erwerbstätigkeit ausgerichteten Zielen auf die inhaltliche Ausgestaltung der Maßnahmen Sozialer Aktivierung, untersucht die Entstehung dieses Maßnahmentypus im politisch-rechtlichen Diskurs und verfolgt das Spannungsfeld zwischen „dem Aktivierungsdiskurs und der Arbeitsverwaltungspraxis“. Des weiteren analysiert sie Funktionen der o.g. Maßnahmen. Theoretische Bausteine bilden die Rolle der Arbeitslosigkeit in der Lohnarbeitsgesellschaft sowie die Identifikation der Arbeitsmarktverwaltung als Schnittpunkt von Machtdiskurs und Subjektivität. Soziale Teilhabe wird den BürgerInnen über Erwerbsarbeit ermöglicht, daher ist es politisches Ziel Arbeitslosigkeit zu mindern und den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Die Arbeitsverwaltung dient dazu und setzt aktuell auf eine Individualisierung der Arbeitsmarktrisiken. Nach Foucault sieht Freier die Arbeitsmarktverwaltung in Spannungsfeld eines Machtdiskurses. In der Arbeitsverwaltung sind einzelne AkteurInnen tätig, die innerhalb eines Diskurses von politisch-rechtlichen Vorgaben handeln. Das in der Organisation diskursiv erzeugte und transportierte Wissen spielt eine große Rolle bei der Regelauslegung. Nichts desto trotz bleibt den Fachkräften im SGB-II ein Interpretations- und Handlungsspielraum und somit die Möglichkeit Schwerpunkte zu setzen. Diese Deutungsvarianten interessieren die Studienautorin besonders in Hinblick auf die Erwartungen an und Funktionen von Maßnahmen der Sozialen Aktivierung. Methodisch setzt die Autorin ein qualitatives Forschungsdesign um. Die Wissenssoziologische Diskursanalyse nach Keller ermöglicht ihr Teildiskurse in den Fokus zu rücken. Weitere Orientierung für das Sample (45 leitfadengestützte ExpertInneninterviews) findet sie in der Grounded Theory. Neben den Gesprächen werden Dokumente wie Gesetzestexte sowie öffentliche und interne Berichte der Arbeitsmarktverwaltung analysiert.

Im vierten Teil befasst sich Freier detailliert und plastisch nachvollziehbar mit dem Wandel der Arbeitsmarktpolitik, der sich als Aktivierungsdiskurs ausdrückt. Sie beschreibt, wie sich die „aktive“ Arbeitsmarktpolitik zu einer „aktivierenden“ verändert, in der Eigenverantwortung der LeistungsbezieherInnen, strenge Kriterien zur Bedürftigkeitsprüfung und asymmetrische Beratungsstrukturen zu Grunde liegen. Übergangsarbeitsmärkte sollen Langzeitarbeitslosigkeit verhindern oder reduzieren, die Analyse und Überwindung individueller Integrationshemmnisse soll in Begleitung durch den SGB-II-Träger geschehen und Schwarzarbeit verhindert werden. Atypische Beschäftigungsformen nehmen an Bedeutung zu. Mit der Gegenüberstellung der Strategien stärkerer zumutbarer beruflicher Flexibilität auf der einen und höherer Bildungsaktivitäten auf der anderen Seite, gibt die Autorin herausfordernde Impulse zum Weiterdenken. Elemente der Zweideutigkeiten finden sich ebenfalls in Kapitel 4.5 „Hybride Momente des Aktivierungsdiskurses“. Abschluss findet der Abschnitt mit einer Analyse der diskurstragenden Institutionen in der Arbeitsverwaltung, die der Leserin ein vertieftes Verständnis der Praxis der Arbeitsmarktpolitik ermöglichen.

Nach der allgemeineren Definition aus Kapitel Drei wird im umfangreichen Abschnitt Fünf eine konkrete „definierende Darstellung“ zu Maßnahmen Sozialer Aktivierung auf Basis des Datenmaterials vorgenommen. Dabei bedient sich Carolin Freier an fünf Fallbeispielen. Gemeinsam ist diesen die Vielfältigkeit, der hohe Individualisierungsgrad sowie ein großes Maß an Innovation. Maßnahmen Sozialer Aktivierung sind meist aus einem praktischen Bedarf an Angeboten für bestimmte Zielgruppen entstanden. D.h. sie waren ursprünglich vom Gesetzgeber gar nicht vorgesehen, die Verwaltungspraxis hat jedoch die Lücke erkannt, ihren Spielraum genützt und neue Instrumente geschaffen (Bottom-Up-Entwicklung!). Und dies im gesamten Bundesgebiet. Dabei stehen bei der Maßnahmendurchführung meist drei Partner in unterschiedlichen Rollen zueinander: 1. der SGB-II-Träger, 2. der Maßnahmeträger und 3. das Regionale Einkaufszentrum (REZ). Alle drei Player können Initiatoren von konkreten Angeboten der Sozialen Aktivierung sein. Schließlich wurde vom Gesetzgeber das „Aktivcenter“ als bundesweit einheitliches niederschwelliges Maßnahmeangebot für arbeitsmarktferne Klientel geschaffen.

Als Spannungsfelder im Zusammenhang können wir folgende Punkte beobachten:

  • Abwägen zwischen Aktivierung und Wettbewerbsprinzip
  • Autonomie im Entstehungsprozess der Maßnahme
  • Flexibilität im Maßnahmendesign für eine zum Teil unbekannte Klientel

Freier entwickelt zur Beantwortung der Frage nach möglichen Funktionen von Maßnahmen Sozialer Aktivierung fünf Funktionstypen, die sie detailliert ausarbeitet (S 174ff):

  1. Integration in die Ordnung der Tätigkeit
  2. Integration in die Ordnung der erwerbstätigen Familie
  3. Integration in die Ordnung der Arbeitsmarktverwaltung
  4. Integration in die Ordnung des gesellschaftlichen Miteinanders
  5. Integration in die Ordnung des aktiven Subjekts

Darüber steht als langfristige Perspektive die Integration in Erwerbstätigkeit. Diesen fünf Typen ordnet sie Maßnahmebeispiele zu und beschreibt wichtige Eigenschaften wie Ziel, Sicht der AkteurInnen sowie Integrations- und Aktivierungsformen. Abschließend vergleicht sie die Funktionstypen in Hinblick auf die Einordnung in den Aktivierungsdiskurs.

Ein abschließendes Resümee gibt Carolin Freier im Kapitel Sechs ihrer Arbeit.

Diskussion

Carolin Freier versteht es mit solider Forschungstechnik einen Einblick in das Wirkfeld zwischen Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsmarktverwaltung und Maßnahmenträger zu geben. Ihre Analyse ermöglicht es mir, besser zu verstehen, was ich als Akteurin in diesem Dreieck immer wieder erlebe. Damit ist dieses Buch nicht nur eine Empfehlung für KollegInnen aus der Forschung, sondern gerade auch für ExpertInnen der Arbeitsmarktverwaltung sowie bei Maßnahmeträgern. Das im Buch vermittelte Wissen gibt uns meiner Meinung nach ein bisschen Macht. Wir können bewusst wahrnehmen in welchen Prozessen rund um die Angebotsgestaltung/-verhandlung von Maßnahmebedingungen wir stecken und mit diesem Verständnis anders (präziser? gezielter? reflektierter?) agieren. Darüber hinaus bieten die identifizierten Funktionen der Maßnahmen mögliche Linien für die konkrete Ausgestaltung von Angeboten in der Praxis und gleichzeitig Orientierung für die Evaluierung dieser.

Besonders verdienstvoll sehe ich die Sichtbarmachung, wie Arbeitsmarktpolitik „Bottom up“ gestaltet werden kann. Das macht mir Mut, Bedarfe die durch das SGB II nicht gedeckt werden können weiterhin zu thematisieren.

Fazit

Die Forschungsarbeit von Carolin Freier gibt einen völlig neuen Blick auf die Maßnahmen zur Sozialen Aktivierung von Arbeitslosen. Sie analysiert dieses konkrete Praxisfeld, die politischen und gesetzlichen Strukturen ebenso wie den passenden Ausschnitt der Arbeitsmarktverwaltung. Mit der Identifikation von konkreten Funktionen von Maßnahmen Sozialer Aktivierung gibt sie wichtige Argumente für die weitere Gestaltung dieser Angebote.


Rezensentin
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 31.05.2017 zu: Carolin Freier: Soziale Aktivierung von Arbeitslosen? Praktiken und Deutungen eines neuen Arbeitsmarktinstruments. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3548-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22047.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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