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Karen Schober, Judith Langner (Hrsg.): Wirksamkeit der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung

Cover Karen Schober, Judith Langner (Hrsg.): Wirksamkeit der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung. Beiträge zur Wirkungsforschung und Evidenzbasierung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-7639-5784-2. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Mit der Tätigkeit „beraten“ verbinden Beratende und Ratsuchende bestimmte und unbestimmte (Wirkungs-)erwartungen. Neben der Interaktion zwischen den Personen im Setting werden ganze Programme implementiert, die in Bildung, Beruf und Beschäftigung zu besseren Resultaten führen sollen. Besonders dann, wenn es um öffentliche Investitionen in die Beratung geht, wird der Ruf nach Wirksamkeit und Legitimation für den Einsatz sehr laut. Politisch, praktisch und forschend mit Beratung Befasste sind sich darin einig, dass das Beratungsgeschehen aber nicht allein auf quantifizierbare Größen reduziert werden kann und Messung schwierig ist. Allein die Komplexität des Gegenstands ist kein Grund, die „Vermessung“ nicht voranzutreiben. Dieser Absicht hat sich das „Nationale Forum Beratung in Bildung und Beschäftigung – nfb“ verschrieben und 2007 bis 2015 am „Europäischen Netzwerk für eine Politik lebensbegleitender Beratung (ELGPN)“ mitgewirkt. Der Band umfasst Resultate dieser Kooperation, die in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Seminar mit dem Titel „Wirksamkeit, Nutzen und Evidenzbasierung der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung“ am 02.07.2015 in Berlin präsentiert wurden.

Herausgeber:innen / Verfasser:innen

Als Vertreterinnen des Herausgebers „Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung – nfb“ werden Karen Schober, seit der Gründung im Jahr 2006 Vorsitzende und Judith Langner, von 2009 bis 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forums aufgeführt. An den 14 Beiträgen des Sammelbandes wirkten 21 Verfasser:innen mit. U.a. rekrutieren sie sich aus der Bundesagentur für Arbeit (BA), der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) oder aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in folgende vier Abschnitte:

  1. Einführung mit vier Einzelbeiträgen (S. 9 bis 61),
  2. Projekte zur Wirkungsforschung und Evidenzbasierung der Beratung im Bildungsbereich mit fünf Einzelbeiträgen (S. 65 bis 131),
  3. Projekte zur Wirkungsforschung und Evidenzbasierung der Beratung in Bereich der Arbeitsförderung mit vier Einzelbeiträgen (S. 135 bis 190),
  4. Projekte zur Wirkungsforschung und Evidenzbasierung im Bereich psychosozialer und sozialpädagogischen Beratung mit einem Beitrag (S. 193 bis 203).

Der Band beginnt mit dem Vorwort „You get what you measure!“ von Karen Schober. Englische Abstracts zu den Beiträgen (S. 205 bis 212) sowie Angaben zu den Autor:innen (S. 213 bis 217) runden ihn ab.

Ad I

Judith Langner und Karen Schober skizzieren (S. 11-21) den „Einfluss internationaler Forschung und Politikberatung“ (S. 11) auf die „Qualitätsentwicklung und Evidenzbasierung für Bildungs- und Berufsberatung“ (S. 11). Zu den frühen Hauptakteuren der Sicherung einer „qualitätsvollen Bildungs- und Berufsberatung“ (S. 11) zählen die OECD, die ILO, der Europarat und die EU. Forciert wurde die Fokussierung auf die Beratung durch die Festlegung auf eine gemeinsame europäische Beschäftigungsstrategie im Lissabon-Prozess ab der Jahrtausendwende. Weitere Meilensteine waren u.a. die „ethischen Standards“ (S. 12) der Internationalen Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung, Studien, die von OECD, Weltbank und EU-Kommissionen beauftragt wurden und schließlich die von der EU-Kommission etablierte Expertengruppe „Lifelong Guidance“ (2002-2007) sowie zwei EU-Ratsresolutionen (2004 und 2008). Noch 2007 wurde das ELGPN – ein von den „EU-Mitgliedsstaaten selbst getragenes und organisiertes Netzwerk“ (S. 13) ins Leben gerufen. Im ELGPN wurde ein „Bezugsrahmen zur Qualitätssicherung und Evidenzbasierung QAE“ (S. 15) bestehend aus den fünf Elementen Beraterkompetenz, Beteiligung von Bürgern/Nutzern, Erbringung der Dienstleistungen und deren Verbesserung, Kosten/Nutzen für Regierungen und für Einzelpersonen entwickelt. In der Konsequenz führte der Bezugsrahmen dazu, dass in Deutschland der Output von Beratung in den Blick genommen und die sehr vereinzelte Forschung erfasst wird sowie weitere Anstrengungen in Richtung auf eine „mixed methods“-Forschung unternommen werden. Diesen Prozess hat wesentlich das nfb getragen.

Tristram Hooley, Professor für Career Education an der University of Derby, Großbritannien, hat im Auftrag von ELGPN „eine Bestandsaufnahme des international verfügbaren Forschungsstandes und des empirisch gesicherten Wissens über Wirksamkeit und Wirkungen sowie den Nutzen von Beratungsdienstleistungen“ (S. 17) erstellt. In seinem Beitrag (S. 23- 33) zielt Hooley insbesondere darauf ab, den Politikern die Vorteile evidenzbasierter Ergebnisse zur Wirkung der lebensbegleitenden Beratung als Legitimation für ihre politischen Entscheidungen nahe zu bringen. Neben auf die OECD zurückgehende Nachweise, wo und wie „career guidance“ (S. 25) die Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik beeinflussen kann, widmet er sich Studien, welche verschiedene Wirkungen methodisch gesichert nachgewiesen haben. In einem Kapitel stellt der Verfasser zehn „lessons for policy makers“ (S. 27) zusammen, die insbesondere für die Implementierung von „career guidance“ hilfreich sein können. Hooley ist sich sicher, dass die politischen Entscheider permanent mit verlässlichen Daten zur „career guidance“ versorgt werden müssen und zwar so, dass der Wert für die Politikentwicklung erkennbar sei.

Christiane Schiersmann, Professorin für Weiterbildung und Beratung an der Universität Heidelberg, und Peter Weber, Professor für Beratungswissenschaften an der HdBA, liefern einen systematischen Beitrag (S. 35-46) zu den „Wirkdimensionen in der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung“ (S. 35). Einleitend erklären sie „Unterschiede, Überschneidungen und Gemeinsamkeiten“ (S. 35) von Evaluation, Qualitätsmanagement, Wirkungsforschung und Evidenzbasierung. Danach stellen sie die Wirkdimensionen mit Blick auf die Ratsuchenden und Beratenden dar, indem sie auf zahlreiche Einzelstudien verweisen. Sie unterscheiden Input, Prozess, Output- und Outcome-Faktoren und führen exemplarisch welche an. Daraus leiten sie „Herausforderungen und Konsequenzen für die Wirkungsforschung“ (S. 41) ab. In methodischer Hinsicht plädieren sie angesichts des komplexen Gegenstands für „mixed methods- Forschungsdesigns“, die eine längere Zeitperspektive und vor allem die Variablen des Prozesses fokussieren. Schiersmann und Weber stellen in Frage, angesichts der vorliegenden Ergebnisse bereits von Evidenzbasierung in der Beratung zu sprechen. Als vorausgehenden Schritt wollten sie noch einen „angemessenen Evidenzbegriff für die Beratung“ (S. 42) entwickeln.

„You get what you measure“? überschreiben Karen Schober und Bernd Käpplinger, Professor für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, ihre „Überlegungen für ein Berichtssystem zur Bildungs- und Berufsberatung“ (S. 47-67). Trotz der relativ konsensfähigen Legitimation, die der Beratung zu Bildung, Beruf und Beschäftigung als eine lebensbegleitende Daseinsvorsorge attestiert werde, sei die Beratungslandschaft heterogen, unüberschaubar und labil. Bevor das Postulat der Evidenzbasierung erhoben werden könne, brauche es Schober und Käpplinger zufolge zuerst Basisdaten zu „Art, Umfang, Qualität und Inanspruchnahme des Angebots durch die verschiedenen Zielgruppen sowie (…) Ergebnisse und Wirksamkeit“ (S. 49). Sie plädieren dafür, die Informiertheit über den Gegenstand offenzulegen und mit dem Begriff der Evidenzbasierung reflektiert umzugehen. In einem ersten Schritt für den „Aufbau einer daten- und indikatorengestützten Berichterstattung“ (S. 49) legen die:der Autor:in die Beratungsfelder mit den Angeboten und Anbietern fest, danach das Beratungsverständnis und die Ziele, schließlich sondieren sie vier Akteursgruppen: Politik/Stakeholder, Nutzer, Beratende und Anbieter/Träger. Letzteren ordnen Schober und Käpplinger Input-, Prozess-, Output- und Outcome-Indikatoren zu. Zur Datengewinnung erläutern sie drei Szenarien für die Umsetzung mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen: ein „Berichtssystem Beratung“ in Form einer Querschnittbefragung, ein „Beratungspanel“ als Längsschnittstudie oder eine „Organisationsbefragung“ (S. 57) mit Daten aus den IT-Systemen der Einrichtungen.

Ad II.

Der Abschnitt beginnt mit einem kritischen Beitrag (S. 65-76) zur einseitigen Interpretation von Ergebnissen über die Inanspruchnahme der Weiterbildungsberatung. Bernd Käpplinger und Frauke Bilger, federführende Projektleiterin des deutschen Adult Education Survey (AES), erläutern die Datenlage zur Weiterbildungsberatung, die aus dem Berichtssystem Weiterbildung (1991 bis 2007) und dem AES (2010 bis 2014) vorliegen. Die angesichts eines nicht vorhandenen Beratungsmonitorings wichtigen Informationen zur Bildungsberatung erfordern eine differenzierte Auswertung im Kontext der Entwicklungen des Beratungssektors durch die BA. So seien ein Rückgang der Beratungsinanspruchnahme oder der Wunsch nach Beratung nicht unilinear als fehlende Nachfrage zu werten, sondern mit den vielen, auch niedrigschwellig verfügbaren Informationen in Bezug zu setzen. Ferner seien die Anforderungen an Beratung gestiegen, sie sei vielmehr als Entscheidungshilfe denn als Informationsweitergabe zu sehen. Da Zufriedenheit ein wichtiger Indikator für den Beratungserfolg zu werten sei, müssten auch die einzelnen Beratungsanbieter differenziert betrachtet werden. Bernd Käpplinger und Frauke Bilger formulieren über den AES hinaus viele Fragen zur Wirksamkeit der Weiterbildungsberatung und sehen die Erforschung in diesem Feld gerade erst in den Kinderschuhen.

Am Beispiel der Berliner Bildungsberatung stellen Birte Komosin und Henning Kruse, beide bei Arbeit und Leben in Berlin beschäftigt, einen „Mehrebenenansatz in der Ergebnis- und Wirkungsmessung“ (S. 77-89) vor. In Absprache mit den 15 vom Land Berlin öffentlich geförderten Bildungsberatungseinrichtungen, die jährlich von 15.000 Menschen genutzt werden, konnte ein Informations- und Dokumentationssystem für die Beratung entwickelt werden. Die Online-Befragungen (unmittelbar nach der Beratung und nach 10 Wochen) sowie deren Auswertung basieren auf den Stamm- und den Beratungsdaten, die erstmals 2015 flächendeckend stattfand. Das Vorgehen erlaube verschiedene Variationen der Datenkombination und entspreche der gebotenen Effizienz der Wirkungsmessung im Kontext der zumeist kurzen Bildungsberatungen. Konkret beinhaltet die pragmatische Integration in die tägliche Beratungsarbeit eine „Blitzlichtbefragung“ nach der Beratung zur Zufriedenheit (Beratungsstelle, -ergebnis, -kompetenz) und zum Wissens- und Informationszuwachs (Entscheidungs- und Handlungskompetenzen) sowie eine Nachbefragung zur „Teilnahme an Bildung“ und „berufliche Entwicklung“ (Aufnahme von Arbeit, verbesserte Arbeitsplatzsituation, Bewerbung, berufliche Kontakte, Selbständigkeit). Komosin und Kruse ziehen den Schluss, dass mit dieser Vorgehensweise ein für die Berliner Bildungsberatung gangbarer Weg gefunden werden konnte.

Norbert Schanne und Antje Weyh, wissenschaftliche Beschäftigte im IAB, stellen ausgewählte Aspekte der quantitativ angelegten Studie „Dresdner Bildungsbahnen“ zur Wirksamkeit der Bildungsberatung (S. 91-102) zusammen. Nach der Darstellung des Studiendesigns referieren sie Erkenntnisse zur Bildungsberatung: Dabei fokussieren der:die Verfasser:in die Beratung von Arbeitslosen/Nichtbeschäftigten bis zu einem Zeitraum von zwei Jahren nach der Inanspruchnahme und stellen diese nicht beratenen statistischen Zwillingen gegenüber. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Teilnahme an einer durch die BA geförderten Weiterbildungsmaßnahme signifikant ansteigt. Die Beratenen beziehen dagegen im Durchschnitt länger Leistungen nach SGB II oder SGB III, haben Einkommenseinbußen zu verzeichnen und sind länger arbeitslos. Als Forschungsexperten wissen Schanne und Weyh die Ergebnisse realistisch einzuordnen. Ihre rhetorische Frage, ob sich Beratung für Nichtbeschäftigte lohne, lässt aufhorchen, weil sie bewusst macht, dass solche Ergebnisse singulär betrachtet im politischen Kontext durchaus missinterpretiert werden können. In diesem Fall sind u.a. der Messzeitpunkt nach der Beratung und die langfristige Erwerbsbiografie weitere wichtige Faktoren, die bei der Beurteilung der Wirksamkeit heranzuziehen sind.

Istvan Kiss, nationaler Experte im ungarischen Team des ELGPN, vermittelt einen Einblick in die „Wirkung der Beratung an Hochschulen“ (S. 103-117), die hauptsächlich punktuell, selten länger als 2,5 Stunden und maximal in zwei Terminen interveniert. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf Indikatoren, mit denen gemessen werden kann, ob die Beziehungsgestaltung gelingt, wie das Anliegen und die Situation geklärt werden und sich der:die Student:in bei der Entscheidung bzw. der Problemlösung unterstützt sieht. Kiss hat in Studien zum einen Dimensionen von Beratung im Hochschulkontext identifiziert, die sich auf Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühl auswirken. Zum anderen gelang es ihm „Langzeitwirkungen der Hochschulberatung“ (S. 107) auch noch sieben Jahre nach Beratungsende nachzuweisen und zum dritten konnte er „Präventionspotenziale der Studienberatung“ (S. 108) ausfindig machen, die sich eignen, einen (vorzeitigen) Studienabbruch zu verhindern. Das spezifische Interesse des Autors lag jedoch in der Anpassung des von ihm mitentwickelten Student Service Impact Inventory (SSII). Mit Hilfe dieses Instrumentariums kann er aufzeigen, wie die Informationen bei Beratungen auf die Studierenden wirken und wo sie im Studien- oder Berufswahlprozess am besten zu platzieren sind. Den kurzen Beratungsgesprächen kommt eine enorme Wirkung zu. Kritische Situationen dagegen lassen sich hier weniger effektiv bearbeiten, weswegen neben der kompetenten Studien- und Karriere-Beratung auch die Vernetzung mit anderen Stellen erforderlich ist.

Bernd-Joachim Ertelt / Heiner Bleckmann und Thomas Röser (BA) widmen sich den Beratenden und ihren (Um)-Deutungen von „Qualitätsmanagement in der beruflichen Beratung“ (S. 119-131). Ohne die Qualitäts-Meilensteine des ELGPN „Qualitätssicherung und Evidenzbasierung (QAE)“ und das „Konzept zur Beratungsqualität (BeQu)“ (entwickelt vom nfb und dem Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg) schmälern zu wollen, richten die Autoren den Blick auf den von Beratungskräften der Schweiz, Tschechien, Spanien, Frankreich, Polen, den Niederlanden und Deutschland subjektiv wahrgenommenen Beratungserfolg. Die Resultate lassen aufhorchen, weil eine starke Klientenzentrierung (Beratung ist erfolgreich, wenn der zu Beratende zufrieden ist) bei eingefordertem „eigenständigen Ethikbezug“ (S. 128) als wirksam zu erkennen sind, jedoch lediglich ein minimal ausgeprägter Professionsbezug mit schwacher theoretischer Rahmung vorhanden ist. Die Verfasser setzen das Ergebnis in Bezug zu weiteren Forschungserkenntnissen und schlussfolgern, dass in erster Linie die Beratungspersonen mit grundständiger Fachexpertise von den Qualifizierungen gewinnen. Statt weiter in Qualitätsmanagementsysteme zu investieren, plädieren sie dafür, die Beratungspraktiker:innen bei der Ausgestaltung der vorhandenen einzubinden, und nicht für sie, sondern mit ihnen weiter zu machen.

Ad III.

Peter Bartelheimer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI), stellt nach seiner Einleitung über „Dienstleistungsarbeit als Gegenstand von Wirkungsforschung“ (S. 135) die „Handlungsformen der Arbeitsverwaltung“ (S. 137) Information, Vermittlung, Beratung, Intervention, Assistenz dar, um schließlich Beratung und Vermittlung von Arbeitssuchenden in Jobcentern und Arbeitsagenturen als „interaktive Fallarbeit“ (S. 138) zu verstehen. Daraus resultiert das methodische Vorgehen in den Evaluationsstudien (S. 135-147). In reflexiven Fallrekonstruktionen werden Dokumentation und zeitliche Ordnung im Fallverlauf berücksichtigt und sowohl die Fachkräfte wie auch Beratenen interviewt. Exemplarisch geht Bartelheimer genauer auf zwei Projekte ein, die „Erfolg in qualitativer Perspektive“ (S. 141) definieren können. Wesentlich für die Messung ist, wie Erfolg operationalisiert ist: Z.B. kann die Vereinbarung eines gemeinsamen Ziels bzw. eine einvernehmliche Zielanpassung in einem Beratungsprozess als Erfolg gewertet werden und in Korrelation zur Aufnahme einer Arbeit oder Vermittlung in eine Maßnahme gesetzt werden. Dieser Ausgestaltung der Beratungsdienstleistung als Prozess zwischen Dienstleistungsnehmer:in und -geber:in wird vor allem bei Personen mit multiplen Vermittlungshemmnissen noch mehr Beachtung zu schenken sein. Nicht zu vernachlässigen ist die Aneignung fachlicher Standards durch die Fachkräfte, die ein zentral ergebnisrelevanter Faktor sind.

Katrin Hunger und Marco Puxi sind am Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISF) in Berlin beschäftigt. Sie berichten über die Resultate der Implementations- und Wirkungsanalyse „Berliner Joboffensive (BJO)“, die als dreijähriges Modellprojekt 2010 von der BA auf den Weg gebracht wurde (S. 149-161). Ziel der Joboffensive war es, durch intensivere Beratung die Anzahl der „marktnahen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (eLb)“ (S. 149) in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Die erforderlichen strukturellen Veränderungen (z.B. Kooperation zwischen Jobcenter, Bezirken, BA) sowie die Auswirkungen auf die Leistungsempfänger, die Mitarbeiter:innen und potenzielle Arbeitgeber:innen wurden in einer Multi-Level-Studie quantitativ wie qualitativ erfasst und ausgewertet. Die quantitative Wirkungsanalyse bestätigte positive Effekte des Konzeptes, was die Aufnahme und die Stabilität eines ungeförderten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses der eLb anbetrifft. Die im Programm beratenen eLb verließen den SGB-II-Leistungsbezug und nahmen weniger an anderen Maßnahmen teil. Der Ertrag des Programms übertraf den Ressourcenaufwand und war somit effizient. Mithilfe der qualitativen Daten (Dokumentenanalyse und Interviews) wurde vor allem die effektive Anwendung des rechtskreisübergreifenden Integrationskonzepts der BA, das „sog. 4-Phasen-Modell (4PM)“ (S. 151) nachgewiesen, d.h. sowohl die Berater:innen (Integrationsfachkräfte) konnten durch eine Erhöhung der Kontaktdichte die erwerbsfähigen Kund:innen besser betreuen und umgekehrt profitierten die Ratsuchenden von der individualisierten Beratung.

Auf die Frage „Veränderungseffekte durch Berufsberatung?“(S. 163-176) von 14- bis 18-jährigen erstmals die Berufsberatung aufsuchenden Jugendlichen finden Matthias Rübner und Stefan Höft, Professoren an der HdBA, empirisch abgesicherte Ergebnisse. Für ihre Feldstudie an insgesamt 605 Ratsuchenden entwickelten sie das online-basierte Beratungs- und Evaluationstool BET-U25, bei dem fünf erfolgskritische Dimensionen abgefragt werden: Problembewusstsein/Einsatzbereitschaft, berufliche Selbsteinschätzung, beruflicher Informationsstand, Entscheidungsverhalten und Realisierungsaktivitäten. Für die Studie wurden eine Experimental- und eine Kontrollgruppe gebildet. Es gab drei Befragungszeitpunkte: kurz vor der Beratung, drei Tage und drei Monate nach der Beratung. Die Berufsberatung kann Effekte bei einigen Variablen der beruflichen Orientierung- und Entscheidungsfindung nachweisen. Sie fallen stärker aus, wenn die Ratsuchenden das Online-Tool bereits zu Hause ausgefüllt haben. Gespräche mit Verwandten und Freunden sowie eigenes Rechercheverhalten wirken sich positiv auf das Entscheidungsverhalten aus. Die Autoren sehen sich in der Konstruktion des Tools bestätigt, da die Messergebnisse präzisere Einblicke in die Art der Wirkung geben als die Zufriedenheitsbefragungen. In Folgeuntersuchungen wollen sie die Wirkdimensionen des Beratungsprozesses stärker fokussieren.

Am Beispiel der Evaluation der Berufseinstiegsbegleitung diskutiert Bernhard Boockmann, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen und außerplanmäßiger Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die „(Teil-)Integration qualitativer und quantitativer Wirkungsanalyse“ (S. 177-190). Die quantitativen Daten (schriftliche Befragung von 4.479 Jugendlichen an Schulen) und die qualitativen Daten (problemzentrierte Interviews von 83 Befragten durch Erziehungswissenschaftler:innen an den Universitäten Tübingen und Frankfurt/Main) wurden unabhängig voneinander generiert, wobei die Datengewinnung durch inhaltliche Aspekte geleitet wurde und entweder der Vertiefung oder der Verallgemeinerung dienten. Die Kombination aus quantitativer und qualitativer Methodik zur Evaluation der Berufseinstiegsbegleitung glich die Unschärfen einer „einseitigen“ Vorgehensweise aus: So konnte z.B. statistisch ein Effekt der Berufseinstiegsbegleitung, nämlich einen Ausbildungsvertrag im dualen System zu erhalten – erst nach einem Jahr nachgewiesen werden. Die Fallstudien lieferten Erklärungen für die verzögerte nachweisbare Wirkung. Sie waren wiederum Anlass für eine Ausdifferenzierung der Befragung in Berufseinstiegsbegleitung mit und ohne Angebote zur Berufsorientierung, die signifikante Resultate ergaben.

Ad IV.

Der Beitrag in Abschnitt IV untersucht „Soziale Wirkfaktoren in der psychosozialen und sozialpädagogischen Beratung“ (S. 193). Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts haben Kathy Küchenmeister und Annett Kupfer, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der Technischen Universität Dresden, themenzentrierte Interviews mit 72 Personen aus der psychosozialen, der Erziehungs- und Studierendenberatung nach der Bedeutsamkeit sog. „extratherapeutischer Faktoren“ (S. 194) für den Beratungszugang, den -verlauf, das -ende und die -wirkung untersucht. Soziale Einflussfaktoren wie z.B. informelle Gespräche mit Freunden oder in der Familie und das Eingebundensein in soziale Netzwerke wirken wie ein „Katalysator“ (S. 198) auf die professionelle Beratung. Informeller Austausch und Inanspruchnahme einer institutionalisierten Beratung laufen weitgehend parallel, flankieren, ergänzen und unterstützen sich mehrheitlich, an manchen Stellen sind auch störende Effekte zu verzeichnen. Es sei noch viel zu wenig darüber bekannt, wie diese „sozialkontextuellen“ (S. 200) Faktoren präventiv, kurativ und rehabilitativ für die beraterische Versorgung genutzt werden können, so das Fazit der Autorinnen.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband konzentriert empirische Ergebnisse zur Wirkung von Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung, wie sie sonst kaum in der vorliegenden methodischen Vielfalt, mit derart elaboriertem methodischem Vorgehen und einer kritischen Reflexion geboten werden. Dieses Ergebnis kann das nfb als großen Erfolg verbuchen. Trotz der unterschiedlichen Fokussierung auf den Bildungs- oder Arbeitsförderungs- bzw. den psychosozialen Bereich und hier wiederum auf Einzel- oder Programmelemente geben die Beiträge Einblick in eine Domäne, die ihre Anstrengungen bündelt, um fundiertes Wissen zu gewinnen.

In allen Beiträgen werden Hinweise auf die Notwendigkeit weiterer Studien platziert, die gesicherte Erkenntnisse zum Beratungsprozess als Dienstleistung liefern. Dabei stimmen die Forderungen überein, dass ein Mix an quantitativ und qualitativ erhobenen Daten zu bevorzugen ist und die Auswirkungen von Beratung längerfristig zu beobachten sind. Mit den vorliegenden Tagungsimpulsen wurde ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Beratungswissenschaft erreicht, der Nachweise liefern kann für sichere und unsichere Wirkungen. Zum anderen wird diskutiert, wie Evidenzbasierung in der Beratung gefasst werden kann. Überall dort, wo öffentliche Gelder investiert werden, lässt sich mit solchen Ergebnissen leichter argumentieren. Zu empfehlen ist der Sammelband Studierenden, die auf Beratungsaufgaben vorbereitet werden. Für Institutionen und Professionelle aus den Beratungsbereichen ist der Sammelband ein Muss.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 24.05.2017 zu: Karen Schober, Judith Langner (Hrsg.): Wirksamkeit der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung. Beiträge zur Wirkungsforschung und Evidenzbasierung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5784-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22053.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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