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Tanja Klepacki: Bildungsprozesse im Schultheater

Cover Tanja Klepacki: Bildungsprozesse im Schultheater. Eine ethnographische Studie. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 319 Seiten. ISBN 978-3-8309-3474-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Welchen Sinn verfolgt das Schultheater? Welche Lern- und Bildungsprozesse finden während des Probenprozesses statt? Diesen Fragen widmet sich Tanja Klepacki in ihrer Studie „Bildungsprozesse im Schultheater“. Im Gegensatz zu bereits existierenden Publikationen in diesem Bereich, geht es der Autorin nicht um pädagogische oder bildungspolitische Empfehlungen, sondern darum, einen konkreten Blick auf tatsächlich stattfindende Bildungsprozesse zu werfen.

Autorin

Tanja Klepacki studierte Pädagogik, Psychologie sowie Neuere und Neueste Geschichte. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Kultur, ästhetische Bildung und Erziehung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg (FAU) sowie Leiterin der Geschäftsstelle der Akademie für Schultheater und performative Bildung an der FAU.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist Teil des Forschungsprojekts Theatrale Bildung, das zwischen 2006 und 2012 am Institut für Pädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wurde.

Aufbau

Die Dissertation ist klar gegliedert, wobei der einführende Theorie- und Methodenteil vergleichsweise umfangreich (etwa 120 von knapp 300 Seiten) ausfällt.

  • Nach einführenden Gedanken widmet sich Tanja Klepacki ausführlich der Definition der Schlüsselbegriffe „(Schul-)Theater“, Lernen und Bildung. Anschließend erläutert die Autorin die Methode.
  • Im Praxisteil geht es schließlich um das Theater am Anna-Amalia-Gymnasium. Der institutionelle Rahmen wird erläutert und die Beteiligten werden vorgestellt – sowohl die beiden Lehrer als auch die Schüler, wobei Letztere nicht einzeln beschrieben werden. Anschließend wird der Proben- und Inszenierungsprozess anhand einer Dichten Beschreibung (C. Geertz) beleuchtet.
  • Im Anschluss geht es um „Ideen von Theater“, die sowohl die Lehrer als auch die Schüler entwickeln.
  • In den Kapiteln „Theater-Unterricht? – Eine Doppelstruktur!“, „Von Wirksamkeit und potentiellen Lernmöglichkeiten“ und „Von Einzelfällen und fruchtbaren Momenten“ wird die Analyse des Materials fortgesetzt.
  • Ein Resümee schließt die Arbeit ab.

Inhalt

Der ausführliche Theorie- und Methodenteil widmet sich vor allem den Themenfeldern Theater, Lernen und Bildung, wobei insbesondere der klassisch-idealistische Bildungsbegriff Humboldts, der das Wechselverhältnis zwischen Selbst und Welt aufgreift, diskutiert wird. Im Methodenabschnitt werden sowohl das Forschungsdesign, als auch Datenerhebung, -sicherung und -aufbereitung erklärt. Klepacki und ihre Mitarbeiter begleiteten zwei Jahre lang zwei Theaterkurse an einem bayerischen Gymnasium. Neben der teilnehmenden (und videogestützten) Beobachtung, wurden auch Interviews geführt und Theatertagebücher ausgewertet. Das Material wird also auf vielfache Weise fruchtbar gemacht. Im Mittelpunkt steht natürlich die teilnehmende Beobachtung, die alle Höhen und Tiefen des Probenprozesses auslotet.

Die beiden Theaterlehrer, die sich nicht nur als Lehrer, sondern v.a. auch als Theaterschaffende verstehen, werden ausführlich vorgestellt. Die teilnehmenden Schüler werden eher grüppchenweise charakterisiert – so gibt es z.B. Neulinge, langjährige Teilnehmer, Schüler, die wieder abspringen und natürlich Schüler mit unterschiedlichen Motivationen (etwa der angestrebte Besuch einer Schauspielschule).

Die „dichte Beschreibung“ des Probenprozesses bildet den Grundstein für die anschließende Analyse, in der die unterschiedlichen Vorstellungen von Theater thematisiert werden und zusammengefasst wird, was Theater alles ist:

  • „Theater ist ‚etwas anderes‘ (als Schule)“,
  • „Theater erfordert Haltung“,
  • „Theater ist Teamwork“,
  • „die Aufführung als gemeinsames Ziel“,
  • „Theater braucht Publikum“,
  • „Theater zielt auf die Erarbeitung des Stückes und erzählt Geschichten“ und
  • „Theater meint bestimmte Inszenierungsformen“.

Besonders interessant sind die „Einzelfälle“ und „fruchtbaren Momente“. Die Studie greift exemplarisch die Geschichten zweier Schülerinnen auf, die durch ihre Teilnahme am Schultheater einen persönlichen Entwicklungsprozess durchgemacht haben.

Diskussion

Als ehemalige Schulspielteilnehmerin und ausgebildete Schauspielerin habe ich mich sehr für den praktischen Teil der Studie interessiert. In der Beschreibung des Probenprozesses konnte ich zahlreiche eigene (Schul)Theatererfahrungen wiederfinden. Tanja Klepacki gelingt es sehr gut, sich dem Probenprozess und der Wirkung, die dieser bei den Schülern zeigt, anzunähern. Insbesondere die Entwicklung der beiden Schülerinnen, die exemplarisch herausgegriffen werden, zeigt deutlich, was Theater kann und wo die Grenzen liegen. So wird aus der schüchternen Louisa, die eigenen Angaben zufolge anfangs ein „Nicht-Tanzmensch“ ist, nicht etwa ein „Tanzmensch“, sondern ein „Nicht-Nicht-Tanzmensch“. Durch das Theater lernt sie, mit einer eigenen Schwäche umzugehen und sich zu etwas zu überwinden, das sie ohne die Theatererfahrung nicht getan hätte.

Im Nachhinein ist mir auch bewusst geworden, dass der ausführliche Theorieteil seine Berechtigung hat. Nur wer exakt definiert, was Bildung überhaupt ist, kann anschließend beobachten, in welchem Rahmen sie stattfindet. Auch die Auseinandersetzung mit dem Schultheater, das gerade in Theaterkreisen häufig abgewertet wird, war für mich sehr aufschlussreich. Schultheater ist längst nicht mehr nur die durch eine naturalistisch-illusionistische Spielweise gekennzeichnete Aufführung, die man nicht so richtig ernst nimmt, sondern eine „spezifische Form des Theaters, nämlich ein nichtprofessionelles Theater mit Menschen, die sich in einer sehr spezifischen Entwicklungsphase befinden und daher besondere Bedürfnisse, aber auch besondere Potentiale mit ins Theater einbringen“. (S. 41)

Fazit

„Bildungsprozesse im Schultheater“ ergründet ein für Schultheaterschaffende spannendes Thema, das Wert und Sinn der Arbeit beleuchtet. Was ist und was kann Schultheater? Was passiert da eigentlich? Mir ist keine andere Studie bekannt, in der ein Forschender derart konkret beschreibt, wie ein Probenprozess vonstatten geht und was er bei den Beteiligten auslöst. Die Autorin kann die Lern- und Bildungsprozesse sehr gut extrahieren und erläutern. Für mich war die Studie eine bereichernde Lektüre, die mir die Bedeutung des Schultheaters vor Augen führen konnte.


Rezensentin
F. Sigrid Grün
M.A. in Germanistik, Philosophie und Vergleichender Kulturwissenschaft, ist ausgebildete Schauspielerin und arbeitet als Kultur- und Theaterpädagogin, Schauspielerin und Rezitatorin. Sie ist u.a. Referentin der Caritas Regensburg und Beraterin bei einer staatlich geförderten Opferhilfe. Derzeit promoviert sie in Vergleichender Kulturwissenschaft.
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Zitiervorschlag
F. Sigrid Grün. Rezension vom 06.06.2017 zu: Tanja Klepacki: Bildungsprozesse im Schultheater. Eine ethnographische Studie. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3474-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22055.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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