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Ute Zillig: Komplex traumatisierte Mütter

Cover Ute Zillig: Komplex traumatisierte Mütter. Biografische Verläufe im Spannungsfeld von Traumatherapie, Psychiatrie und Jugendhilfe. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 384 Seiten. ISBN 978-3-8474-2044-6. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
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Thema

Bei diesem Buch handelt es sich um die Dissertation der Autorin. Sie befasst sich mit Fragen danach, wie die Lebenssituation komplex traumatisierter Mütter verstanden und erklärt werden kann und welche Unterstützungsmöglichkeiten für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder noch ungenutzt sind. Dabei fokussiert Ute Zillig auf die Bedeutung von Leistungssystemen der Jugendhilfe und des Gesundheitssystems.

Autorin

Ute Zillig ist Vertretungsprofessorin für das Fachgebiet Kinder- und Jugendhilfe mit dem Schwerpunkt Traumapädagogik am Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Sie ist Sozialpädagogin und Soziologin mit berufspraktischem Hintergrund in der Beratung und Begleitung von Frauen, Kindern und Jugendlichen nach sexualisierter und häuslicher Gewalt.

Entstehungshintergrund

Das Forschungsinteresse der Autorin ist vor dem Hintergrund ihrer eigenen Tätigkeit in einem autonomen Frauenhaus und ihrer Beschäftigung mit psychotraumatologischen Erklärungsmodellen entstanden.

Aufbau und Inhalt

Die Monografie enthält sechs Kapitel, die wie folgt aufgebaut sind:

  1. Einleitung
  2. Forschungsstand und Forschungsperspektiven
  3. Methodologische Rahmung und methodisches Vorgehen
  4. Empirische Auswertung – Rekonstruktion der biografischen Verläufe
  5. Empirische Ergebnisse – theoretischeVerallgemeinerungen
  6. Schlussfolgerungen/ Professionspraktische Implikationen/ Ausblick

In der Einleitung (Kapitel 1) legt Ute Zillig mit dem Verstehen und Erklären der Lebenssituation und des Gewordenseins komplex traumatisierter Mütter ihr Forschungsinteresse dar. In ihrer Studie verbindet sie den soziologischen Forschungsansatz der Biografieforschung mit Wissensbeständen der Psychotraumatologie und nimmt die sozialen Bedingungen der Bearbeitung traumatischer Erfahrungen in den Blick. Schwere Gewalterfahrungen haben oftmals langfristige Folgen für die Opfer. Ihnen muss eine Teilnahme am Alltagsleben ermöglicht werden. Angelehnt an diese Forderung untersucht die Autorin im Anschluss an die Rekonstruktion der Biografien, inwiefern soziale Bedingungen in den Feldern Jugendhilfe und Gesundheitssystem gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, nicht ermöglichen oder verschließen.

Das Kapitel 2 beinhaltet die Auseinandersetzung mit dem Stand der Forschung zu Gewalterfahrungen, Psychotrauma und Behandlung sowie Psychiatrieefahrungen und psychische Erkrankungen. Bislang fehlende Untersuchungen zum Zusammenwirken der einzelne Forschungsgebiete weisen auf eine Forschungslücke hin, auf deren Grundlage sie die gesamte Lebenssituation komplex traumatisierter Mütter in den Blick nimmt.

Mit Kapitel 3 geht die Autorin auf die methodologische Rahmung und das methodische Vorgehen ihrer Studie ein. Um Antworten auf ihre Forschungsfrage zu finden greift sie auf die Forschungsmethode der biografischen Fallrekonstruktion zurück. Im Anschluss an die Vorstellung des Feldzugangs, der Erhebung und der Auswertung empirischer Daten knüpft die Autorin an Wissensbestände der Psychotraumatologie an, um sie mit dem auf Sinnverstehen basierenden biografieanalytischen Forschungsansatz zu verbinden.

In Kapitel 4 stellt Ute Zillig die Ergebnisse ihrer empirischen Analysen dar, die drei Fallrekonstruktionen und zwei Globalanalysen umfassen. In diesem Kapitel geht die Autorin ausführlich auf die individuellen biografischen Verläufe der Interviewpartnerinnen ein. In den Erzählungen werden Erfahrungen von Einsamkeit, Nicht-Zugehörigkeit, Anderssein und Ausgrenzung deutlich. Sie enthalten Lebensgeschichten, die von massiver Gewalt und Leid erzählen, aber auch Erzählungen von (Selbst-)Ermächtigung und biografischen Wendungen.

Auf Grundlage dieser Falldarstellungen stellt die Autorin in Kapitel 5 fallübergreifende Ergebnisse ihrer Studie vor, die auf die Bedeutung von psychotraumatologischem Wissen und Mutterschaft hinweisen. Ute Zillig orientiert sich in ihren Verlaufstypologien an vier Teilhabeformen, unter anderem Ermöglichung der Teilhabe an bürgerlichen, sozialen und politischen Rechten. Die Bedeutung von Leistungen des Gesundheits- und Jugendhilfesystems im Kontext gesellschaftlicher Teilhabe wird anhand einer Verlaufstypologie mit den drei Typen Ermächtigung bei (relativ) eigenständiger Teilhabe, Etikettierende Ermächtigung bei eingeschränkter Teilhabe und Sozial isoliertes Selbstverstehen bei minimaler Teilhabe verdeutlicht. Im Anschluss daran werden Auswirkungen institutioneller Rahmungen auf die Teilehabemöglichkeiten von komplex traumatisierten Frauen mit Kindern diskutiert. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Institutionen des Gesundheitswesens und der Jugendhilfe gesellschaftlichen Ausschlüsse erzeugen bzw. ihnen nichts entgegensetzen und zu Ohnmachtserfahrungen mit zum Teil retraumatisierenden Charakter beitragen. (S. 349)

In Kapitel 6 resümiert die Ute Zillig die Untersuchungsergebnisse, weist auf weitere Forschungsperspektiven hin und führt Schlussfolgerungen für die berufliche Praxis an. In traumasensiblen Settings gestellte traumaspezifische Diagnosen und damit verbundene Erklärungen ermöglichen den Frauen Selbstverstehensprozesse, die eine Grundlage für die Aneignung ihrer eigenen Biografie darstellen und ihnen helfen, ihre Handlungsfähigkeit auszubauen. Ein weitereres Ergebnis dieser Studie weist auf den oftmals mangelnden interdisziplinären Austausch und die häufig ausbleibende Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und der psychotherapeutischen Versorgungslandschaft hin. (S. 664)

Diskussion

Spannend sind die Rekonstruktionen der Biografien, aus denen sich Verlaufstypen ergeben, die verdeutlichen, wie unterschiedlich die Zugänge der Frauen zu Teilhabe in den Bereichen Gesundheitssystem, Erwerbsarbeit etc. sind, und wo sie ihnen verschlossen bleiben. Mit den professionspraktischen Implikationen gibt Ute Zillig wertvolle Hinweise. Die Autorin weist zum Einen auf den verbesserungswürdigen interdisziplinären Austausch und die mangelnde Kooperation zwischen Jugendhilfe und psychotherapeutischer Versorgungslandschaft hin. Zum Anderen verweisen die Ergebnisse ihrer Untersuchung auf die besondere Relevanz traumaspezifischer Wissensbestände: Sie können das Selbstverstehen der Betroffenen stärken und das Fremdverstehen durch Andere erleichtern. Fachkräfte, die mit gewaltbetroffenen oder traumatisierten Frauen arbeiten, sollten daher über psychotraumatologisches Wissen verfügen. Selbstverstehen auf der Grundlage psychiatrischer Diagnosen (ICD 10; DSM IV) kann aber auch in die Isolation und zur Selbstverleugnung führen, wie die Autorin feststellt (S. 343). Interessant wäre m. E. gewesen, inwieweit die eigenen biografischen Erfahrungen der Frauen ihnen Handlungsmöglichkeiten jenseits von Wissensbeständen der Psychotraumatologie eröffnen. Die Autorin hat eine theoretische Sättigung (S. 51) angestrebt, die dann erreicht ist, wenn durch das Einbeziehen oder Kontrastieren weiterer Fälle keine neuen Erkenntnisse mehr gewonnen werden. An den Interviews haben jedoch ausschließlich (ehemalige) Patientinnen teilgenommen, die alle auf einer Station in einer Klinik behandelt wurden (S. 46, S. 317), was nicht auf eine Sättigung hinweist (zur theoretischen Sättigung vgl. Glaser/Strauss 1967: 61). Vor diesem Hintergrund bleibt offen, inwiefern sich die Ergebnisse und Implikationen der Studie auf die Lebenssituation und Teilhabe komplex traumatisierter Mütter in anderen Regionen der BRD übertragen lassen.

Fazit

Ein lesenswertes, fachlich fundiertes Buch, das Wissenschaftler_innen als auch Praktiker_innen interessante Einsichten in Lebenssituationen und Lebensgeschichten komplex traumatisierter Mütter bietet und für ihre eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten sowie für ihre Bedarfe sensibilisiert. Bei dieser Veröffentlichung handelt sich um eine Dissertation, die voraussetzt, dass die Leser_innen zumindest mit den Grundlagen der Psychotraumatologie vertraut sind.

Literatur

Glaser, Barney G./ Strauss, Anselm J. (1967): The Discovery of Grounded Theory. Chicago: Aldine


Rezensentin
Christin Schörmann
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (M.A.)
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Zitiervorschlag
Christin Schörmann. Rezension vom 03.01.2017 zu: Ute Zillig: Komplex traumatisierte Mütter. Biografische Verläufe im Spannungsfeld von Traumatherapie, Psychiatrie und Jugendhilfe. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-2044-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22066.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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