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Kai G. Kahl, Lotta Winter (Hrsg.): Arbeitsplatz­bezogene Psychotherapie

Cover Kai G. Kahl, Lotta Winter (Hrsg.): Arbeitsplatzbezogene Psychotherapie. Intervention, Prävention und Rehabilitation : mit einem Therapiemanual. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 243 Seiten. ISBN 978-3-17-028501-9. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Thema

Das Herausgeberwerk bietet Einblicke in arbeitsplatzbezogene psychische Störungen und psychotherapeutische Ansätze, die zur beruflichen Wiedereingliederung nach psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können.

Aufbau

Nach einem Geleitwort von Johannes Siegrist gliedert sich das Buch in fünf Abschnitte:

  • Abschnitt eins beleuchtet unterschiedliche Aspekte von psychischer Gesundheit/Krankheit und Arbeit,
  • Abschnitt zwei gibt einen Einblick in diverse Konzepte arbeitsplatzbezogener Psychotherapie,
  • Abschnitt drei präsentiert Beispiele vernetzter Versorgung und betrieblicher Prävention,
  • Abschnitt vier bietet einen Ausblick auf Herausforderungen für Krankenhäuser und
  • Abschnitt fünf stellt ein Behandlungsmodul zur Anwendung im Rahmen betrieblicher Wiedereingliederung vor.

Zu 1. Psychische Gesundheit und Arbeit

Kapitel 1.1 (Kai G. Kahl und Lotta Winter) widmet sich dem Thema Burnout: Nach der Betrachtung von Burnout aus öffentlicher und geschichtlicher Sicht wird auf Diagnostik und Prävalenz eingegangen. Weiter wird die Abgrenzung von Burnout zu anderen Erkrankungen betrachtet und prominente arbeitsplatzbezogene Stressmodelle werden kurz dargestellt.

Christian Bock differenziert in Kapitel 1.2 psychische Belastung und Beanspruchung und geht auf Arbeitsintensität, Handlungsspielraum, soziale Unterstützung, Arbeitszeit, Rollenstress sowie die Gratifikationskrise als bedeutsam im Rahmen des Erlebens psychischer Belastungen ein. Die vielschichtigen gesundheitlichen Folgen von Arbeitsbelastungen werden anhand mannigfaltiger empirischer Ergebnisse diskutiert. Zusammenfassend werden arbeitsplatzbezogene Risiken und Ressourcen für die Entstehung psychovegetativer und muskuloskelettaler Erkrankungen, von Depressionen sowie Angststörungen angeführt. Handlungsmöglichkeiten auf Verhaltens- und Verhältnisebene werden kurz skizziert.

Ulrich Schweiger und Valerija Sipos widmen sich in Kapitel 1.3 Auswirkungen psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz. Die Beziehung von psychischen Erkrankungen, hier vor allem Depression, und Arbeit wird dargestellt. Unterschiedliche emotionale Zustände und deren Relevanz für den Arbeitsprozess werden differenziert aufgezeigt, Störungen hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit beschrieben. Mit psychischen Störungen in Verbindung stehende Faktoren, die eine Rückkehr an den Arbeitsplatz erschweren, werden gelistet und Interventionsmöglichkeiten angedeutet.

Kapitel 1.4 (Beate Muschalla und Michael Linden) bietet einen Einblick in unterschiedliche Formen arbeitsplatzbezogener Ängste und beschäftigt sich mit Auslösern von Arbeitsplatzängsten, differentialdiagnostischen und therapeutischen Aspekten. Die besondere sozialmedizinische Relevanz wird erläutert.

Michael Soyka beschäftigt sich in Kapitel 1.5 mit Alkoholkonsum, dessen gesundheitlichen Konsequenzen in der Bevölkerung und alkoholbedingten Kosten sowie Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz. Zudem wird auf Auffälligkeiten im Zusammenhang mit erhöhtem Alkoholkonsum und Suchtrehabilitation eingegangen. Abschließend wird auf Ergebnisse, die die Effizienz Betrieblicher Suchtprävention belegen, und realistische Therapieziele verwiesen.

Der erste Abschnitt endet mit Kapitel 1.6 (Guido Engelhardt und Klaus Kimpel), das die Rolle der Arbeitsmedizin im Rahmen Betrieblicher Gesundheitsförderung und Arbeitsmedizinischer Vorsorge fokussiert. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz und ein Vorschlag zur Dimensionierung einer psychischen Gefährdungsbeurteilung werden behandelt. Hinsichtlich der Diagnostik psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz wird auf die Bedeutung der Arbeitsmedizin und Führung eingegangen. Exemplarisch werden kurz einige diagnostische Instrumente umrissen, um abschließend die häufigsten Erkrankungen zu skizzieren.

Zu 2. Arbeitsplatzbezogene Psychotherapie: Konzepte

Kapitel 1.2 (Lotta Winter, Julia Geldmacher und Katharina Boss) beschäftigt sich mit einem in bestehende Psychotherapieverfahren integrierbaren arbeitsplatzfokussierten Behandlungsmodul. Anhand einer Kasuistik wird das konkrete Vorgehen dargestellt, eine Detailbeschreibung des Moduls bietet in weiterer Folge Abschnitt fünf des vorliegenden Herausgeberwerkes.

Kapitel 2.2 (Elisabeth Schramm und Nicola Thiel) beschreibt zunächst Zusammenhänge zwischen Arbeit und Depression, chronische psychosoziale Arbeitsbelastungen, die Differenzierung zwischen Depression und Burnout sowie arbeitsplatzbezogene Prävention auf Verhaltens- und Verhältnisebene. Weiter wird die Interpersonelle Psychotherapie bei arbeitsbedingten Depressionen vorgestellt: Entwicklungsgeschichte, Merkmale dieses Ansatzes, Behandlungsfoki sowie -phasen werden erläutert und ein Fallbeispiel gibt Einblicke in die praktische Arbeit.

Beate Muschala und Michael Linden (Kapitel 2.3) beschreiben unterschiedliche Formen von Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz und deren Assoziationen mit Gesundheit. Anhand von Fallbeispielen wird Verbitterung als mögliche Reaktion auf Ungerechtigkeit erläutert sowie die Weisheitstherapie als mögliche Behandlung kurz angesprochen.

Kapitel 2.4 (Jan Philipp Klein und Lotta Winter) fokussiert psychotherapeutische Techniken zur Förderung gelungener Interaktion am Arbeitsplatz. Nach einer Einführung in im Arbeitsleben auftretende Interaktionsprobleme wird die interaktionsfokussierte Behandlung in ihren einzelnen Schritten vorgestellt.

In Kapitel 2.5 (Maria Kensche und Thorsten Kienast) steht die arbeitsplatzbezogene Akzeptanz- und Commitment-Therapie im Mittelpunkt. Prinzipien, Ziele, Prozesse und die Therapiemodule werden vorgestellt. Evaluationsergebnisse, die positive Effekte des Ansatzes belegen, werden ausgeführt, die Umsetzung in der Arbeitswelt sowie Möglichkeiten der Implementierung im Rahmen der Organisationsentwicklung werden diskutiert.

Nach diagnostischen Vorbemerkungen beschreiben Gregor R. Szycik und Felix Wedegärntner (Kapitel 2.6) alkoholbezogene Behandlungsangebote in Deutschland. Frühinterventionen, vor allem im Arbeitskontext, und Kurzinterventionen werden beleuchtet, abschließend wird das pathologische Spielen aus diagnostischer Sicht umrissen.

Björn Meyer (Kapitel 2.7) zeigt Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken internetbasierter Interventionen bei arbeitsbezogenen psychischen Störungen auf. Die Bandbreite unterschiedlicher Internet-Interventionen wird dargestellt; internetbasierte Fernbehandlungen und „Stand-alone Internet-Interventionen“ werden näher beleuchtet. Wirksamkeitsstudien für Internet-Interventionen bei Berufstätigen werden ebenso wie allgemeine Metaanalysen vorgestellt. Nach einer kurzen Skizzierung von drei Internet-Interventionen wird die Anwendung einer an einem Fallbeispiel erläutert.

Nach allgemeinen Vorbemerkungen zu Rehabilitation und der Darstellung des ICF-Modells beschreibt Kapitel 2.8 (Markus Bassler) Aufgaben von und Indikation für psychosomatische Rehabilitation. Die therapeutischen Elemente werden beleuchtet, unterschiedliche Reha-Konzepte erläutert und Reha-Qualität diskutiert.

Zu 3. Vernetzte Versorgung und betriebliche Prävention: Beispiele

Kapitel 3.1 (Birgit Leineweber) fokussiert vernetzte Versorgung im betrieblichen Kontext: Die drei Bausteine Analyse, Partnersuche und Projektaufbau zur Implementierung vernetzter Versorgung werden umrissen, Qualitätskriterien angeführt und der Weg zu einem umfassenden Versorgungssystem angedeutet.

Ein Beispiel für institutionsübergreifende integrierte Versorgung steht im Zentrum von Kapitel 3.2 (Janina Nielsen, Lotta Winter, Jana Lehmann, Kai G. Kahl und Birgit Leineweber): Die Projektmodule und -evaluation werden vorgestellt, eine Kasuistik bietet Einblick in den Ablauf.

Kapitel 3.3 (Heike Fuhr, Juliane Briest, Christoph Egen, Julia Gottschalk, Julia Geldmacher und Michael Born) stellt ein multimodales, mitarbeiterorientiertes Programm, das präventive und rehabilitative Elemente beinhaltet, vor. Ziele und Ablauf des Programms werden erläutert, Evaluationsinstrumente und -ergebnisse berichtet.

Ein präventiv sowie rehabilitativ ausgerichtetes Trainingsprogramm für arbeitsfähige Mitarbeitende wird in Kapitel 3.4 (Christoph Egen, Katrin Höpner, Juliane Briest, Christoph Korallus, Peter Klug und Christoph Gutenbrunner) in Hinblick auf Assessment, Ablauf und Programminhalte dargestellt. Ergebnisse bisheriger Umsetzung sowie Herausforderung für die Verbreitung werden diskutiert.

Ein Stresspräventionsprogramm steht in Kapitel 3.5 (Julia Gottschalk und Lotta Winter) im Mittelpunkt. Programmablauf und -inhalte werden behandelt und Fallbeispiele verdeutlichen letztere.

Uwe Tegtbur (Kapitel 3.6) differenziert körperliche Aktivität und Sport beziehungsweise Training, um dann Effekte körperlichen Trainings auf Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit zu diskutieren. Praktische Empfehlungen zur Realisierung von bewegungsbezogenen Trainingsprogrammen im Allgemeinen bilden den Abschluss.

Kapitel 3.7 (Bernd Marquardt) stellt die Implementierung eines umfassenden Betriebsprogrammes zur Gesundheitsförderung und Prävention vor. Exemplarisch werden modulare Angebote bei Muskel- und Skeletterkrankungen, Adipositas sowie bei psychischen Erkrankungen aufgezeigt; Erfolgsfaktoren werden kurz skizziert.

Zu 4. Ausblick

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Michael Born mit der aktuellen Situation von Krankenhäusern und reißt Herausforderungen im Personalbereich äußerst kurz an: Fachkräftemangel/ Arbeitgeberattraktivität (4.1), optimale Personalperformance (4.2), gute Führung (4.3), demografische Entwicklung (4.4), Generation-Resources-Management (4.5).

Zu 5. Therapiemodul

Return-to-work bei psychischen Erkrankungen (KBT-A). Ein ergänzendes Therapiemanual.

Abschnitt fünf (Suzanne Lagerveld und Roland Blonk; deutsche Version übersetzt von: Julia Geldmacher, Lotta Winter und Katharina Boss) stellt ein kostenloses arbeitsplatzfokussiertes Behandlungsmodul, das in ein bestehendes Psychotherapieverfahren integriert werden kann, vor. Prinzipien und die theoretische Fundierung des Moduls werden ebenso erläutert wie die Anwendbarkeit und der schrittweise Behandlungsplan; im Anhang veranschaulichen Informationsblätter und Beispiele die Anwendung.

Diskussion und Fazit

Das Herausgeberwerk bietet einen breiten Einblick in arbeitsplatzbezogene Psychotherapie. Positiv ist vor allem die Darstellung zahlreicher Fallbeispiele in einigen Kapiteln. Es fällt allerdings auf, dass diagnostische Instrumente verhältnismäßig kurz kommen. Die einzelnen Kapitel differieren stark in Hinblick auf Länge und Tiefe der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik. Weiter scheint Abschnitt vier in Struktur und Umfang wenig vergleichbar mit den anderen Abschnitten und bedarf einer klareren Integration in das Gesamtwerk. Die Evidenzlage zu den einzelnen theoretisch und/oder praktisch dargestellten Ansätzen ist sehr divers aufgearbeitet: Mancherorts finden sich überaus umfassende Diskussionen, zum Teil allerdings lediglich kurze Hinweise oder die berichteten Wirksamkeitsstudien beruhen auf moderatem methodischen Niveau. Alles in allem eine informative Lektüre, die an manchen Stellen zu weiteren Recherchen anregt.


Rezensentin
Priv.-Doz.in Mag.a Dr.in Eva Mir
Fachhochschulprofessorin für angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.fh-kaernten.at
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Zitiervorschlag
Eva Mir. Rezension vom 04.07.2017 zu: Kai G. Kahl, Lotta Winter (Hrsg.): Arbeitsplatzbezogene Psychotherapie. Intervention, Prävention und Rehabilitation : mit einem Therapiemanual. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-028501-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22067.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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