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Maja Viethen: Was erreichen Methadonbehandlungen?

Cover Maja Viethen: Was erreichen Methadonbehandlungen? Historische Rekonstruktion gesellschaftlichen Umgangs mit Drogenkonsum und kritische Beurteilung von Substitutionsverläufen und Therapiezielen. Maro Verlag (Augsburg) 2004. 561 Seiten. ISBN 978-3-87512-354-8. 38,00 EUR.

Reihe: Bamberger Beiträge zur Sozialpädagogik & Familienforschung - Band 5.
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Einführung

Methadonbehandlungen gehören seit mehreren Jahren in zahlreichen Ländern zum Standardinstrumentarium der therapeutischen Angebotspalette bei Heroinabhängigkeit. Dabei wird das illegale Heroin durch ein ärztlich verschriebenes langwirkendes Opioid (meistens Methadon) ersetzt (substituiert). Die erste wissenschaftliche Arbeit zur Methadonsubstitution wurde 1965 in den USA von Dole und Nyswander publiziert. Es wurde festgestellt, dass der Heroinhunger der Abhängigen unter Methadon fast vollständig verschwindet. Schon damals wurde die Wichtigkeit einer begleitenden sozialen Unterstützung zur Methadonverabreichung betont. In der Folgezeit entbrannte eine fachliche und politische Kontroverse um Bedeutung und Legitimität der Methadonbehandlungen. Während die Gegner dieser Therapieform anführten, hier werde eine ethisch nicht zu verantwortende Suchtverlängerung unter medizinischer Federführung betrieben, verwiesen die Befürworter auf die bald mit zahlreichen Studien erhärteten Erfolge wie Senkung von Sterblichkeit und Krankheitsrate der Patienten, Verminderung der Drogen bedingten Kriminalität und des Konsums von Heroin und anderen Substanzen sowie Verbesserung der Lebensqualität. In letzter Zeit ist es um diese Kontroverse etwas ruhiger geworden.

Hintergrund und Entstehung des Buchs

Die meisten bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten zur Methadonsubstitution kommen aus dem medizinischen Bereich. Sozialwissenschaftliche Beiträge, wie der hier zu besprechende, sind in den letzten Jahren zwar häufiger publiziert worden, werden aber in der Fachwelt insgesamt nach wie vor als marginal wahrgenommen. Dabei wird auch von medizinischer Seite kaum mehr bestritten, dass die Behandlung der Heroinabhängigkeit im Allgemeinen und die Methadonbehandlung im Besonderen eine interdisziplinär verfasste Interventionsform ist und folgerichtig von allen beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen beforscht werden soll. Einem konstruktivistischen sozialwissenschaftlichen Ansatz verpflichtet, skizziert die Autorin den gesellschaftlichen Hintergrund des Drogenkonsums, vor dem sie anschliessend eine kritische Auseinandersetzung mit zwei empirischen Arbeiten zur Methadonsubstitution vornimmt. Beim besprochenen Werk handelt es sich um die Dissertation der Autorin, die an der Fakultät Pädagogik, Psychologie und Philosophie der Universität Bamberg im Jahre 2003 promoviert hat.

Aufbau und Inhalt

Ein erster Teil ist der historischen Rekonstruktion des Drogenkonsumverhaltens, dem Wandel in dessen gesellschaftlicher Bewertung und den gesellschaftlichen Deregulierungsversuchen gewidmet. Hier werden Erklärungsmodelle zur Drogensucht aber auch gesellschaftliche Einflüsse auf Heroinkonsum und Heroinabhängigkeit dargestellt und diskutiert.

Der zweite Teil ist der Reanalyse des empirischen Datenmaterials zweier deutscher Studien zur Methadonbehandlung (Küfner et al. 1999; Zenger und Lang 1996) gewidmet. Es geht der Autorin um eine Überprüfung der behaupteten Wirksamkeit dieser Behandlungsform. Als Kriterien für die Operationalisierung zieht sie die Resultate zur Entwicklung des Drogenkonsums während und nach der Behandlung, zur gesundheitlichen Situation, zur Integration in den Arbeitsprozess, zu den sozialen Beziehungen, zur rechtlichen Situation und zu den Wohnverhältnissen heran. Obschon die statistischen Ergebnisse der beiden Studien ähnlich positiv wie bei anderen Forschungsarbeiten zur Methadonsubstitution ausfallen, kommt die Autorin zum Schluss, dass - mit Blick auf die teilweise weiterhin bestehenden Probleme bei Minderheiten der Patienten - eine Diskrepanz zwischen den Zielsetzungen der Behandlung und den erreichten Veränderungen insbesondere im Hinblick auf den Konsum von Drogen und anderen psychotropen Substanzen sowie mit Blick auf die Arbeitssituation bestehen bleibe.

Die Konsequenzen für Drogentherapie und Drogenpolitik aus dieser kritischen Bestandesaufnahme bestehen für die Autorin hauptsächlich darin, dass eine Klientifizierung und eine damit einhergehende "erlernte Hilflosigkeit" (S.498) unbedingt zu verhindern seien. Dies könne geschehen, indem den Klienten (es wird ausschliesslich der sozialpädagogisch/sozialarbeiterische Adressatenbegriff verwendet) im Rahmen der psychosozialen Begleitbetreuung zuerst Wertschätzung als wichtigste Voraussetzung für Selbstwerterfahrung vermittelt werde. Anschliessend gehe es darum, auf den Aufbau von Frustrationstoleranz und Durchsetzungsfähigkeit hinzuwirken, was insbesondere im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Substituierten von Bedeutung sei. Ausserdem setze dauerhafter Therapieerfolg eine bewusste und vor allem freiwillige Bindung des Klienten an eine Ethik der Selbst- und Sozialverantwortung voraus, deren Entwicklung im Therapieverlauf gefördert werden müsse. Dies wiederum bedingt die Vermittlung von subjektiver Sinnerfahrung. Die Autorin schliesst mit einem Appell zur Förderung eines gesellschaftlichen Klimas der Toleranz und Akzeptanz gegenüber Drogenabhängigen und Substituierten.

Zielgruppen

Aufgrund der häufigen Verwendung von sozialwissenschaftlichem und medizinischem Fachvokabular ist das Buch vornehmlich für akademische Fachleute aus Verhaltenswissenschaften und Medizin geeignet. Zur Beurteilung des besprochenen Datenmaterials sind statistische Grundkenntnisse erforderlich.

Diskussion

Zu Recht weist die Autorin auf die möglichen Gefahren einer Chronifizierung und der damit einhergehenden erlernten Hilflosigkeit der Klienten und Patienten in der Substitutionsbehandlung hin. Allerdings gilt es zu dem von ihr postulierten sozialpädagogischen Impetus anzumerken, dass der Aufbau von Frustrationstoleranz und Durchsetzungsfähigkeit nur bei Menschen möglich ist, die über die dafür erforderlichen persönlichen Ressourcen verfügen. In Langzeitmethadonbehandlungen verbleiben aber oft gerade Menschen mit reduzierten kognitiven Ressourcen, von denen eine solche Lernleistung nicht erwartet werden kann. Bei ihnen ist die Frage zu stellen, ob sie durch eine Substitutionsbehandlung oder durch einen möglichen Rückfall bei Beendigung der Therapie in ihrer Lebensbewältigung mehr beeinträchtigt würden.

Die Autorin ist um Vollständigkeit und Detailtreue bemüht. Zuweilen werden die Ergebnisse der referierten Studien derart akribisch geschildert, dass der rote Faden aus dem Blick zu geraten droht. Der Nutzen der vorliegenden Arbeit besteht aber insbesondere darin, die vernachlässigten Aspekte der Selbst- und Fremdbestimmung, der gesellschaftlichen Zuschreibungen und Stigmatisierungen, sowie den Umgang mit therapieresistenten, statistischen "Restmengen", die als Individuen selbstverständlich bedeutsam bleiben, in einer Zeit, in der Suchtforschung fast ausschliesslich unter dem biomedizinisch-statistischen Blickwinkel erfolgt, ins wissenschaftliche Bewusstsein zurückgebracht zu haben.

Fazit

Die Arbeit von Maja Viethen ist ein sozialwissenschaftlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit einer Therapieform für Heroinabhängige, die sowohl medizinische als auch psychosoziale Aspekte umfasst. In ihrer Analyse wird deutlich, dass die alleinige Versorgung der Patienten oder Klienten mit der pharmazeutischen Ersatzsubstanz Methadon in aller Regel zu kurz greift. Ebenso wichtig sind die Vermittlung von Wertschätzung, von Sinnhaftigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Letztere soll die ehemals Drogenabhängigen befähigen, eine berufliche und soziale Integration auch unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Stigmatisierung, denen vormals Drogenabhängige in vielen Fällen ausgesetzt sind, erfolgreich anzustreben.


Rezensent
Dr. Martin Hošek
Bundesamt für Gesundheit, Abteilung Nationale Präventionsprogramme, Sektion Drogen
Homepage www.bag.admin.ch


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Zitiervorschlag
Martin Hošek. Rezension vom 05.04.2005 zu: Maja Viethen: Was erreichen Methadonbehandlungen? Historische Rekonstruktion gesellschaftlichen Umgangs mit Drogenkonsum und kritische Beurteilung von Substitutionsverläufen und Therapiezielen. Maro Verlag (Augsburg) 2004. ISBN 978-3-87512-354-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2207.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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