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Anne-Linda Camerini, Ramona Ludolph u.a. (Hrsg.): Gesundheits­kommunikation (...) zwischen Theorie und Praxis

Cover Anne-Linda Camerini, Ramona Ludolph, Fabia Rothenfluh (Hrsg.): Gesundheitskommunikation im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 354 Seiten. ISBN 978-3-8487-2820-6. D: 54,00 EUR, A: 55,60 EUR.
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Thema

„Gesundheitskommunikation im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis“ untersucht die Relevanz der Forschung für die Gesundheitskommunikation und sucht Antworten auf die Frage, welche theoretischen Konzepte besonders nützlich für die Anwendung sind. Dabei wird Gesundheit als „hochkomplexe“ Angelegenheit aufgefasst, bei der „es längst nicht mehr nur um die Heilung oder Prävention von Krankheiten, sondern um ganzheitliches Wohlbefinden im salutogenetischen Sinne“ (Vorwort, Seite 5) geht. Von daher ist die „praktische Relevanz der Gesundheitskommunikation (…) unumstritten.“ (ebda.)

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der 13. Band in der im Nomos Verlag Baden-Baden erscheinenden Reihe „Medien + Gesundheit“, die von Prof. Patrick Rössler, Universität Erfurt, herausgegeben wird.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen dieses Bandes arbeiten am Institute of Communication and Health der Università della Svizzera italiana und verdanken diesem Institut die Realisierung des Bandes. Zudem steht die Fachgruppe Gesundheitskommunikation der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft“ hinter dem Projekt.

Aufbau

Der Band untersucht das Thema mit 26 unterschiedlichen Beiträgen von Forscher- und Forscherinnengruppen, die sich in sieben Themenbereiche aufgliedern:

  1. Ethische Aspekte im Bereich des gesundheitsbezogenen Journalismus
  2. Theoretische und praktische Ansätze zur Gestaltung von Gesundheitskampagnen
  3. Persuasionseffekte von Gesundheitsbotschaften
  4. Der Einfluss von Gesundheitskommunikation auf Wahrnehmung und Einstellung
  5. Gesundheitskommunikation und das Internet
  6. Technologiegestützte Interventionen in der Gesundheitskommunikation
  7. Aufkommende Themen in der Gesundheitskommunikation

Jeder Abschnitt ist von einer eigenen Forschungsgruppe verantwortet und schliesst jeweils mit dem dazugehörenden Literaturverzeichnis ab. Das Buch endet mit der Auflistung der Autorinnen und Autoren. Es kommt mit vereinzelt eingestreuten Tabellen und schlichten, spärlich eingestreuten Kopien aus Broschüren oder Infografiken aus.

Die Beiträge umreissen jeweils die Fragestellung differenziert und ordnen theoretische Überlegungen und Konzepte zu. Die Methoden, mit der die Untersuchung durchgeführt wurde, wird beschrieben, die Ergebnisse und Grenzen derselben dargestellt. Abschliessend folgt ein Ausblick oder einen Beitrag zur weiteren Diskussion. Dieses wissenschaftliche Manuskriptschema wird im Buch weitgehend bei allen 26 Beiträgen beibehalten.

Inhalt

Die Komplexität des Themas „Gesundheitskommunikation“ wird durch die ausgewählten Forschungsarbeiten plastisch vor Augen geführt. Bereits die drei Beiträge zu den ethischen Fragen journalistischer Berichterstattung spannen einen weiten Bogen über relevante gesellschaftspolitische und damit im Fokus der Gesundheitskommunikation stehende Themen. In ihnen wird den Fragen nachgegangen, ob es nationale Guidelines zu einem Ethikkodex zur Berichterstattung nach Suiziden gibt, wie es sich um die Wahrnehmung und Darstellung wissenschaftlicher Unsicherheit verhält und es wird belegt, wie wichtig eine kommunikationswissenschaftliche Debatte der Berichterstattung im Zusammenhang mit psychoaktiven Substanzen zur Leistungssteigerung („Neuroenhancement“) angesichts der mitunter aufgeheizten Diskussion ist.

Im zweiten Kapitel, „Theoretische und praktische Ansätze zur Gestaltung von Gesundheitskampagnen“ werden im Kapitel zu schweizerischen Kommunikationskampagnen 20 Kampagnenmanager zu ihrer Einstellung und Einschätzung der Verwendung theoretischer Konzepte in den Kampagnen interviewt. Die Autorinnen und Autoren versuchen eine Einteilung der Personen und ihrer Haltung zur Frage der theoretischen Kampagnenfundierung in folgende Typen: „Leidenschaftliche“, „Effiziente“, „Ambivalente“, „Pragmatiker“, „Erfahrene“, „Gegner“. Ein internationaler Vergleich im deutschsprachigen Raum wird angeregt, mit dem Ziel der Stärkung theoretischer „Rezepte“ (sic est) für die Kampagnenfundierung.

Auch der zweite Beitrag dieses Kapitels lässt an spannungsgeladener Fragestellung nichts zu wünschen übrig. Dort geht es vor allem um die Frage, welche Raucherinnen und Raucher in ihrer Einschätzung des Rauchens von unrealistischem Optimismus betroffen sind. Dieses Konzept von Weinstein (1980) geht davon aus, dass Menschen positive Ereignisse für sich selber als wahrscheinlicher erachten als negative. Ziel ist freilich Kampagnen so zielgruppengerecht zu entwickeln, dass die oft wenig erfolgreichen Tabakpräventionskampagnen die Intention mit dem Rauchen aufzuhören, erhöhen.

In den weiteren Beiträgen geht es um Fragen bei Impfkampagnen (Ebola und MMR) sowie um die Verhinderung negativer Aspekte bei Anti-Adipositas-Kampagnen, nämlich der häufig anzutreffenden, jedoch oft nicht-intendierten Entstehung stereotypisierter Bilder übergewichtiger Kinder.

Im Abschnitt über die „Persuasionseffekte von Gesundheitsbotschaften“ gehen die Studien den Fragen nach der Bedeutung des Bildungshintergrunds, der Rolle von Bildern, Evidenzart und persönlicher Betroffenheit bei Altersgrenzen von Vorsorgeuntersuchungen in der Gesundheitskommunikation nach. Das Thermenspektrum reicht von Bewegungsarmut über Darmkrebsvorsorge bis zur Mammografie.

Im Kapitel „Der Einfluss von Gesundheitskommunikation auf Wahrnehmung und Einstellung“ wird untersucht, ob Alzheimer mit Humor genommen werden kann und es nimmt die Reaktion von Angehörigen auf den Film „Honig im Kopf“ unter die Lupe. Dass der richtige Zeitpunkt für eine Untersuchung nicht verpasst werden darf, zeigt der Beitrag zur Kommunikation in Krisenzeiten im Kontext der Ebola-Epidemie.

Der Rolle der Informations- und Kommunikationstechnologie wird in den folgenden Kapiteln nachgegangen: „Gesundheitskommunikation und das Internet“ und „Technologiegestützte Interventionen in der Gesundheitskommunikation“. Zunächst sucht ein Beitrag systematische Unterschiede gesundheitsbezogenen Online-Informationsverhaltens in der EU. In einem weiteren Kapitel werden Zusammenhänge von Suchmaschinen-Algorithmen auf Hinweise zur Telefonseelsorge bei evventuell vorhandener Suizidalität erforscht. Unter welchen Umständen stuft Google einen Nutzer als suizidal ein und bietet dann Hinweise zur Telefonseelsorge an. Die Optimierung solcher Algorithmen könnte das Ziel einer adäquaten Online-Suizidprävention, unterstützen. Die Ergebnisse seien an dieser Stelle nicht verraten.

Der gesellschaftspolitische Diskurs wird in einer Untersuchung zu den Folgen des Organspendenskandals in der interpersonal-öffentlichen Kommunikation aufgegriffen.

Der YouTube Kanal „The Nosy Rosie“ ist Untersuchungsgegenstand, um die Frage zu klären, ob und wie nicht heterosexuell orientierte Jugendliche YouTube gesundheitsförderlich nutzen. Der Kanal wird in der Diskussion eindeutig als salutogenetisch ausgerichtet eingestuft.

Ein weiterer Beitrag befasst sich mit der Rolle von Onlinemedien bei der Trauerbewältigung. Dazu wurden 22 Personen zur Frage der Integration von Online-Medien in den Trauerprozess interviewt. Allerdings fand die Rekrutierung über Selbsthilfegruppen statt, was die Ergebnisse limitiert, wie die Autorinnen und Autoren bemerken.

Im sechsten Abschnitt geht es vor allem um den Einsatz von Apps in der Gesundheitsprävention. Diese vier Studien in diesem Abschnitt spannen den Bogen von Apps zur Ernährung, zur Männergesundheit, zur Allergieprävention für landwirtschaftliche Berufe bis hin zur Wirkung von sogenannten „Hypervideos“ zum Bewegungstraining für Krebspatientinnen und -patienten.

Im letzten Abschnitt zu neuen, aufkommenden Themen bieten zwei Studien Antworten auf die Art und Weise, wie Fachzeitschriften das Thema des Umgangs mit gesundheitsbezogenen Daten (Stichwort: „Big Data“) aufgreifen. Die Bedeutung impliziter Kognition für gesundheitsrelevante Entscheidungen wird im letzten Aufsatz ins Zentrum der Studie gestellt und damit werden Gründe geliefert, implizite Messverfahren zunehmend in der Gesundheitskommunikation einzusetzen, eben weil gerade impulsives Verhalten durch implizite Einstellungen und Konzepte erklärbar wird, z.B. beim Trinkverhalten.

Diskussion

Der Band „Gesundheitskommunikation im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis“ verspricht im Klappentext theoretische Reflexion und empirische Studien. Damit soll ein Bogen von der Theorie zur Praxis geschlagen werden. Dieses Versprechen löst der Band bei Weitem ein. Die Studien umfassen ein äusserst breites Themenspektrum und bilden, dank der gelungenen Gliederung in die 6 thematischen Abschnitte, den Facettenreichtum der Gesundheitsthemen ab. Der konsequente wissenschaftliche Aufbau der einzelnen Kapitel wird durch den gesamten Band durchgezogen und die jeweils aufgeführten Literaturhinweise liefern umfangreiche Grundlagen für weitere Vertiefung. Das Buch ist sorgfältig redigiert und kommt fast ohne einfachen Grafiken aus.

Auf Mängel der einzelnen Studien (geringe Anzahl, falscher Zeitpunkt, etc.) wird jeweils hingewiesen und die abschliessende Diskussion wird sehr engagiert für das eigene Fach vorgetragen.

Dadurch wird das Ziel der Gesundheitskommunikation, nämlich die Beantwortung folgender Frage konsequent verfolgt: Wie müssen Kampagnen für welche Zielgruppen gestaltet sein, damit sie möglichst erfolgreich sind und Nebenwirkungen vermieden werden können?

Fazit

Wer meint, Gesundheitskommunikation sei eine langweilige Materie, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Die Themen befassen sich zumeist mit Fragen, die förmlich unter die Haut gehen und zumeist gesellschaftspolitisch relevant sind. Den Autorinnen und Autoren gelingt es, die strenge Wissenschaft durch ihre Fragen, die sie in den einzelnen Studien aufwerfen, mit der Praxis befruchtend zu verbinden. Plötzlich werden Konzepte lebendig und fassbar. Das Buch, resp. das für die jeweilige Fragestellung relevante Kapitel, sollte von denjenigen gelesen werden, die eine Gesundheitskampagne planen, die IT-Lösungen für Gesundheitsfragen entwickeln oder als Journalisten über diese Themen schreiben. Auch für Lehrerinnen und Lehrer oder Beraterinnen und Berater, die Präventionsarbeit leisten, lohnt sich auf jeden Fall die Lektüre dieses Bandes. Darüber hinaus wird auf eindrückliche Weise den Forschungsstand der Kommunikationswissenschaft im Bereich „Gesundheit“ dargestellt.


Rezensent
Thomas Reinhardt
Dipl. Berater für Organisationsentwicklung. Arbeitet als interner Berater im Universitätsspital Basel und freiberuflich in den Bereichen Organisationsentwicklung, Gesundheitsmanagement, Konfliktmoderation, Coaching für Führungsverantwortliche, Teamentwicklung. Schwerpunkte: Gesundheit und Führung, Change Management, Leadership, Kommunikation
Homepage www.corvus-opera.ch
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Zitiervorschlag
Thomas Reinhardt. Rezension vom 15.08.2017 zu: Anne-Linda Camerini, Ramona Ludolph, Fabia Rothenfluh (Hrsg.): Gesundheitskommunikation im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2820-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22074.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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