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Elke Wiechmann (Hrsg.): Genderpolitik

Cover Elke Wiechmann (Hrsg.): Genderpolitik. Konzepte, Analysen und Befunde aus Wirtschaft und Politik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 337 Seiten. ISBN 978-3-8487-2358-4. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

„Genderpolitik“ ist nicht nur ein weiter Begriff, der höchst unterschiedliche Bereiche umfasst und sich potenziell von der Mikro- über die Meso- bis hin zur Makroebene erstreckt, sondern auch der Titel der 2016 erschienenen Anthologie, die ein weites Spektrum an geschlechterpolitischen „Konzepte(n), Analysen und Befunde(n) aus Wirtschaft und Politik“ zum Thema macht.

Herausgeberin

Es ist das Verdienst der Herausgeberin Dr. Elke Wiechmann, Akademische Rätin im Lehrgebiet „Politik und Verwaltung“ am politikwissenschaftlichen Institut der FernUniversität Hagen, in der Veröffentlichung einen breiten Bogen über mehrere Disziplinen hinweg zu schlagen und namhafte Autorinnen aus Politikwissenschaft, Soziologie, den Wirtschaftswissenschaften sowie aus der Praxis zusammenzuführen.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu dem Band geht ursprünglich auf einen Studienbrief an der FernUniversität Hagen zurück, der Interesse auch jenseits der Studierenden geweckt hatte; vor diesem Hintergrund entstand das vorliegende, aktualisierte und ergänzte, mithin grundlegend überarbeitete Lehrbuch.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Nach einer umfassenden Einleitung der Herausgeberin, die neben Begriffsklärungen auch eine Verortung der Frauen- und Geschlechterforschung vornimmt,

  1. wird im ersten Teil Genderpolitik in der Wirtschaft beleuchtet,
  2. dann im zweiten Teil eine geschlechterpolitische Perspektive auf Staat und Politik geworfen, bevor
  3. drittens in verschiedene Reformkonzepte eingeführt wird.

Zu 1.

Das Themenfeld „Genderpolitik in der Wirtschaft“ eröffnet Maria Funder mit ihrem Beitrag über Arbeits- und Geschlechterpolitik, welche sie im Spannungsverhältnis zwischen weiter bestehenden Geschlechterasymmetrien und vielfach postulierter Emanzipationsgewinne verortet. Sie geht der Frage nach, inwiefern Gleichstellungspolitik in dieser Gemengelage lediglich auf symbolischer Ebene verharrt oder tatsächlich zu grundlegenden Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen führt. Hierzu untersucht sie die Geschlechterpolitik von Pharma- und Biotechunternehmen und führt zu diesem Zweck ein erweitertes arbeits- und geschlechterpolitisches Konzept ein, „Gender Politics of (Re)Production“ (Funder 2016: 30), das auch die gesellschaftliche Organisation von Reproduktionsarbeit mit einbezieht. Funder betont, dass um eine geschlechtergerechte Arbeitspolitik weiterhin gerungen werden muss, und unterstreicht die Notwendigkeit institutionalisierter Rechte und verbindlicher Rahmenbedingungen; gleichzeitig zeigt sie in diesem Zusammenhang die Relevanz von betrieblicher Geschlechterpolitik auf.

Daniela Rastetter analysiert im Kontext der weiter bestehenden Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen in deutschen Arbeitsorganisationen das Thema „Führung und Geschlecht“ aus mikropolitischer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Interaktionsebene am Arbeitsplatz, welche neben fachlicher Qualifikation auch mikropolitische Fähigkeit erfordert, d.h. das Beherrschen von auf Machtzuwachs gerichteten Taktiken und die Bereitschaft, diese anzuwenden. Auch wenn sich mit Mikropolitik strukturelle Hindernisse nicht überwinden lassen, so erweitert dennoch mikropolitische Kompetenz die Gestaltungsmacht der Akteurinnen und kann so zu gleichstellungspolitischen Zugewinnen beitragen.

Edeltraut Ranftl beschäftigt sich aus einer Geschlechterperspektive mit Entgeltpolitik und analysiert die vielfältigen Gründe, die dazu führen, dass auch im Jahr 2017 in Deutschland geschlechtsspezifische Lohnunterschiede weiter bestehen. Angesichts eines zunehmenden Problembewusstseins in der Bevölkerung plädiert die Autorin mit Verweis auf die bestehende, gute Forschungslage zum Thema für die Wiederaufnahme eines Austauschs über Best-Practice-Modelle. Sie unterstreicht die Notwendigkeit, diskriminierungsfreie Arbeits- und Bewertungssysteme anzulegen, und plädiert für vielfältige strategische Maßnahmen zur Überwindung der bestehenden Ungleichheiten in der Entgeltpolitik.

Kristina Walden widmet sich der Arbeitszeit- und Vereinbarkeitspolitik, die in den vergangenen Jahren nicht nur an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen, sondern auch in der Genderpolitik von Wirtschaftsorganisationen an Bedeutung zugenommen haben. Walden untersucht diese aus einer neo-institutionalistischen Perspektive und kommt zu dem Schluss, dass dessen ungeachtet Leitideen und Praxis weit auseinanderfallen: Unterschiedliche, einander ausschließende Logiken, bspw. Erwartungen hinsichtlich Verfügbarkeit vs. der Einführung von flexiblen Arbeitszeitmodellen, bestehen nebeneinander und führen dazu, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiterhin eine der zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit darstellt.

Zu 2.

In „Genderpolitik in Staat und Politik“ leitet das Kapitel von Birgit Riegraf ein: Sie zeichnet nach, welche Risiken die in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten vollzogene Modernisierung des Staates mittels der Einführung von markt- und betriebswirtschaftlichen Mechanismen aus einer geschlechterpolitischen Perspektive mit sich bringt. Das vorherrschende Primat der Wirtschaft(lichkeit) birgt die Gefahr, sich vom Ziel eines symmetrischen Geschlechterverhältnisses zu verabschieden. Neue Konzepte wie Gender Mainstreaming und Diversity Management erweisen sich hier als ambivalent, da sie selbst einer ähnlichen (kompetitiven und betriebswirtschaftlich ausgerichteten) Logik folgen. Geschlechtergerechtigkeit muss als ein zentrales politisches Ziel jenseits von ökonomischen Überlegungen erhalten bleiben, ebenso wie andere gleichstellungspolitische Maßnahmen wie die Quote, die sich der Vermarktlichung widersetzen.

Jana Belschner stellt in ihrem Beitrag Bürgermeister_innen und damit politische Partizipation auf der kommunalen Ebene in den Fokus. Frauen im Bürgermeisteramt sind in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert. Zur Beantwortung der Frage, warum dies so ist, zieht die Autorin ein innovatives Erklärungsmodell heran: Mit der Beleuchtung struktureller Kontextfaktoren wie der Gemeindegröße wird einerseits die Makroebene mit einbezogen; andererseits wird auch die Mesoebene untersucht, indem die agierenden Akteur*innen – der Kandidat*innen-Pool, die Parteien und auch das Wähler*innenverhalten – berücksichtigt werden.

Eine Standortbestimmmung von Frauen in der bundesdeutschen Politik nimmt Elke Wiechmann in ihrem Beitrag vor. Auch hier ist zunächst festzustellen, dass Frauen deutlich unterproportional vertreten sind: In den hier im Zentrum stehenden Kommunalparlamenten machen sie lediglich ein Viertel der Abgeordneten aus. Zentrale Faktoren hierfür, so die Autorin, sind zum einen der Umgang der Parteien mit der Quote sowie das Wahlrecht. Sie schlägt einen schnellen – und erprobten – Weg aus der Unterrepräsentanz vor: ein Paritätsgesetz nach französischem Vorbild, das die Zulassung von Parteien auf kommunaler Ebene daran bindet, auf ihren Wahllisten zur Hälfte Frauen aufzustellen.

Aus einer intersektionalen Perspektive, die (hier:) Geschlecht und Ethnizität inkludiert, zeigt sich, dass Frauen mit Migrationshintergrund in der (kommunalen) Politik nur mit einem verschwindend geringen Anteil vertreten sind. Caroline Friedhoff und Nina Hossain analysieren, dass hierfür neben kulturellen und sozialen Barrieren auch die politischen Strukturen verantwortlich sind. Dadurch ergibt sich jedoch auch eine Lösungsmöglichkeit, die in der direkten Rekrutierung von Kandidatinnen mit Migrationshintergrund durch Parteien bestünde – wenn dies nicht missbraucht wird, um gleichzeitig zwei Minderheiten mit einer Maßnahme mit einzubeziehen, und sich dadurch die Partizipationschancen beider reduzieren.

Zu 3.

Der dritte Teil des Buches setzt sich mit geschlechterpolitischen Ansätzen auseinander; den Beginn macht Barbara Stiegler mit dem Konzept des „Gender Mainstreaming“ (GM): Sie informiert über dessen Entstehungsgeschichte, klärt rechtliche Grundlagen auf europäischer wie nationaler Ebene und führt in die Genderanalyse als Kern von GM ein. Die Umsetzung des Konzepts wird ebenso beleuchtet wie dessen Positionierung in Bezug auf andere gleichstellungspolitische Maßnahmen. Gegenüber kritischen Stimmen – auch von geschlechterpolitischer Seite – betont die Autorin den hohen Anspruch des Konzepts; die grundlegende Frage nach Geschlecht(erverhältnissen) und Macht ist jedoch nur in demokratischen Auseinandersetzungen zu lösen.

Auch Gender Budgeting ist eine komplexe gleichstellungspolitische Strategie; als finanzpolitisches Konzept setzt Gender Budgeting an der Haushaltssteuerung an. Seine Herkunft, das Verhältnis zu GM, konkrete Einsatzmöglichkeiten in verschiedenen Organisationen, aber auch verschiedene Typen von Haushaltsführung, methodische Zugänge und nationale wie internationale Erfahrungen mit seiner Umsetzung sind die Bestandteile des umfassenden Beitrags von Friedel Schreyögg und Renée Parlar. Vor dem Hintergrund der nach wie vor zwischen den Geschlechtern ungleich verteilten Ressourcen präsentiert sich Gender Budgeting als ein wichtiges Instrument auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.

In Bezug auf Diversity-Konzepte verdeutlicht Gertraude Krell (†), dass die Bedeutung des Begriffs „Diversity“, aber auch die damit verbundenen Zielsetzungen, immer Gegenstand von Deutungskämpfen sind. Historisch eng mit feministischer Theoriebildung und den neuen sozialen Bewegungen verbunden, ist die Thematisierung von Vielfalt vielen ausschließlich im Zusammenhang mit Diversity Management geläufig; die Foki auf Chancengleichheit bzw. auf ökonomische Aspekte müssen einander jedoch nicht ausschließen. Entsprechend breit ist das mögliche Spektrum an Handlungsfeldern, Maßnahmen, Mitwirkenden, aber auch an Dimensionen, die im Rahmen von Diversity-Konzepten bearbeitet werden können – nicht zuletzt im Zusammenspiel mit gleichstellungspolitischen Maßnahmen. Krells Beitrag eröffnet hier einen fundierten Einblick.

Diskussion

Insgesamt versammelt der Band eine Reihe von interessanten theoriegeleiteten empirischen Beiträgen, die aktuelle und wichtige geschlechterpolitische Themen behandeln. Dabei ist es der Herausgeberin gelungen, mit den zusammengestellten Texten einerseits im Sinne eines Lehrbuchs eine Einführung in Genderpolitik zu leisten, andererseits spricht das Buch aufgrund der Tiefe der Beiträge und angesichts nicht weniger innovativer Ansätze auch in dem Gebiet Forschende an. Die einzelnen Teile sind trotz der thematischen Breite – von Wirtschaft über Politik bis hin zu geschlechterpolitischen Maßnahmen – inhaltlich vielfach aufeinander bezogen und ergeben in der Tat ein Ganzes. Zwar ist ihnen eine ausführliche Einleitung vorangestellt, nicht jedoch ein zusammenführendes Schlusskapitel, das die im Buch vorhandenen impliziten Diskussionen aufgreift und expliziert. So wird diese Aufgabe den Leser*innen überlassen, die Lektüre regt daher im besten Sinne zu weiterem Nachdenken und Diskutieren an.

Fazit

Zusammenfassend beinhaltet der von Elke Wiechmann herausgegebenen Band „Genderpolitik. Konzepte, Analysen und Befunde“ politik-, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Beiträge zum genannten Forschungsfeld.

So spiegelt der erste Teil zu „Genderpolitik in der Wirtschaft“ die aktuell in Politik, Medien und eben auch der Wissenschaft geführte Diskussion um Einflussfaktoren in Bezug auf Karrierewege von Frauen, um eine geschlechtergerechte Arbeitspolitik, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit und nicht zuletzt die Möglichkeit der Vereinbarung von Familie und Beruf wider.

In Teil II zu „Genderpolitik in Staat und Politik“ wird zu Beginn das Feld mit einer grundlegenden Auseinandersetzung mit Staat(lichkeit) und Geschlechterverhältnissen eröffnet, bevor dann politische Partizipation von Frauen mit und ohne sog. Migrationshintergrund in der institutionalisierten Politik sowohl auf kommunaler als auch nationaler Ebene analysiert wird.

Im dritten Teil des Buches erfolgt schließlich eine Auseinandersetzung mit Ansätzen, die auf verschiedene Weise zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beitragen wollen, konkret Gender Mainstreaming, Gender Budgeting und Diversity-Konzepte.

Allen drei Teilen ist es gemein, dass die einzelnen Beiträge sich dem jeweiligen Themenfeld aus verschiedenen Perspektiven nähern und den Leser*innen eine gute Übersicht über die Vielfalt der in den jeweiligen Disziplinen verhandelten geschlechterpolitischen Forschungsgebiete verschaffen. Angesichts der Breite der behandelten Themen eignet sich der Band als Lehrbuch, er richtet sich aber aufgrund der Tiefe der einzelnen Beiträge und teils neuartiger Zugänge gleichermaßen auch an ein interessiertes Fachpublikum. Mit der Diskussion von (angewandten) Strategien werden nicht zuletzt auch Praktiker*innen und generell an Geschlechtergerechtigkeit Interessierte angesprochen.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva Maria Hinterhuber
Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Gender Studies an der Hochschule Rhein-Waal
Homepage www.hochschule-rhein-waal.de
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Zitiervorschlag
Eva Maria Hinterhuber. Rezension vom 26.09.2017 zu: Elke Wiechmann (Hrsg.): Genderpolitik. Konzepte, Analysen und Befunde aus Wirtschaft und Politik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2358-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22075.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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