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Georg Cremer: Armut in Deutschland

Cover Georg Cremer: Armut in Deutschland. Wer ist arm? was läuft schief? wie können wir handeln? Verlag C.H. Beck (München) 2016. 270 Seiten. ISBN 978-3-406-69922-1. 16,95 EUR.
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Thema

Das Buch von Georg Cremer ist als ein Kommentar zur öffentlichen Debatte um Armut in Deutschland zu verstehen. Cremer sieht die Debatte vor allem als von kritischen Stimmen aufgeheizt und möchte sie versachlichen. Zu diesem Zweck wird zuerst die soziale Lage von bestimmten Risikogruppen unter der Armutsgrenze thematisiert. Cremer äußert sich zudem zu Einkommensungleichheit und geht der Frage nach, wie Armut in einem entwickelten Wohlfahrtsstaat angemessen konzeptualisiert werden kann. Das Buch schließt mit sozialpolitischen Reformideen ab, mit deren Hilfe Armut in Deutschland gelindert werden soll.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel skizziert Cremer den öffentlichen Armutsdiskurs als vor allem von Dramatisierung gekennzeichnet. Dieser helfe jedoch keineswegs, die Armen aus ihrer problematischen Situation zu befreien, sondern unterstütze mitunter deren problematische Lage sogar. Cremer möchte mit dem Buch „Armut in Deutschland“ die Debatte faktenbasiert versachlichen.

Im zweiten Kapitel führt Cremer in die Probleme einer Konzeptualisierung von Armut in entwickelten Wohlfahrtsstaaten ein. Ideengeschichtlich erklärt Cremer, warum es sinnvoll ist, Armut im Verhältnis zum Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft zu definieren (relative Armut) und warum absolute Armut, im Sinne der Definition der Weltbank, vor allem für Armutskonzeptionen in Entwicklungsländern sinnvoll ist. Vor allem die feuilletonistisch geprägte Diskussion um die Angemessenheit eines relativen Armutsmaßes wird von Cremer aufgegriffen und kritisch kommentiert.

Das dritte Kapitel handelt von der Entwicklung der Armutsquote seit der Wiedervereinigung. Relevante Risikogruppen unter der Armutsgrenze werden genannt. Zudem wird eine Datenkritik geleistet, die zeigt, dass die Entwicklung der Armutsquote im Zusammenhang mit dem Erhebungsdesign steht und somit mitunter ungleiche Ergebnisse produziert werden. Als Risikogruppen werden Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen mit Migrationshintergrund genannt.

Im vierten Kapitel äußert sich Georg Cremer tiefergehend zu seiner Wahrnehmung des Armutsdiskurses und sieht vor allem eine durch Wohlfahrtsverbände und linke Politik vorangetriebene Dramatisierung des Armutsdiskurses als einer der größten Hemmnisse für eine erfolgreiche Armutspolitik.

Diese These führt Cremer im fünften Kapitel beispielhaft vor, indem er die diskursiven Folgen skizziert, die bei auftreten würden, wenn die Caritas in einer solch aufgeheizten Debatte öffentlich für eine Erhöhung der Leistungen für Hartz 4 werben würden. Zudem werden relevante Urteile des Bundesverfassungsgerichtes thematisiert, die Arbeitslosenunterstützung im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe konkretisieren.

Im sechsten Kapitel wird das Thema Hartz-4 noch einmal genauer bearbeitet. Cremer beschreibt die historische Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme und stellt dar, warum er die Agenda 2010 und die damit einhergehende Etablierung von Hartz-4 vornehmlich als ein Erfolgsmodell charakterisiert.

Im siebten Kapitel geht es um die Frage, ob die Mittelschicht tatsächlich zerfällt, wie es vornehmlich in feuilletonistischen Diskursen, aber auch in der Fachwissenschaft ein übliches Motiv ist. Cremer zeigt anhand eines Schichtungsmodells im Zeitverlauf, dass die Mittelschicht keineswegs zerfällt und interpretiert kleine Schwankungen in der Einkommensverteilung aus gesellschaftshistorischer Perspektive.

Das achte Kapitel beschäftigt sich mit Cremer mit Altersarmut und erkennt den Kern in dem flexibilisiertenArbeitsmarkt und den damit einhergehenden niedrigen Löhnen. Auch seien Rentenzahlungen für Arbeitslose zu niedrig, um Altersarmut zu verhindern. Er sieht als zentrale Lösung eine Grundsicherung für Alte.

Das neunte Kapitel behandelt den Zusammenhang von Krankheit, riskantem Gesundheitsverhalten und intergenerationalen Vererbungen dieser Dispositionen.

Im zehnten Kapitel untersucht Cremer den Zusammenhang von Geringqualifizierung und Armut. Er sieht als ein zentrales Problem von Bildungsungleichheit die mangelnde Kooperation der Institutionen untereinander.

Im elften Kapitel führt Cremer aus, warum er keinen Zusammenhang zwischen der Digitalisierung, der Globalisierung und einem Rückgang von Arbeitsplätzen sieht. Er macht Vorschläge für angemessene Vermittlung von Arbeitsplätzen an Arbeitssuchende.

Das zwölfte Kapitel behandelt die Probleme sozialstaatlicher Interventionen bei der Armutsbekämpfung. Dabei konstatiert er Potential gerade bei der Prävention sozialer Abstiege.

Das dreizehnte Kapitel beschäftigt sich mit der Problematik von Wohnraum- und Arbeitsplatzkonkurrenz zwischen Zugewanderten und Autochthonen und wie der Sozialstaat gegensteuern kann. Das Kapitel zielt auf die Frage ab, wie eine Integration von Geflüchteten unter diesen Bedingungen besser funktionieren kann.

Im vierzehnten Kapitel entfaltet Cremer seine Perspektive für eine befähigende Bildungs- und Sozialpolitik. Unter Rekurs auf Karl Popper plädiert er für eine Politik des Stückwerks: Staatliche Institutionen sollen erhalten und nach und nach reformiert werden. Sozialpolitische Interventionen werden in ihrer Komplexität und damit einhergehender intendierter und nichtintendierter Handlungsfolgen berücksichtigt.

Im fünfzehnten Kapitel schließlich macht Cremer konkrete Finanzierungsvorschläge für eine Armutsbekämpfung in Deutschland.

Diskussion

An vielen Punkten ist das Buch „Armut in Deutschland“ stark geschrieben und Cremer versucht sich in einer ausgeglichenen Darstellung der Sachverhalte. So klärt er detailliert und nüchtern über das Für und Wider eines relativen Armutsbegriffes auf (Kapitel 2) und zeigt in Kapitel 3, wie schwierig eine Darstellung von Armut vor dem Hintergrund der Uneindeutigkeit empirischer Datenerhebung ist.

Auch im siebten Kapitel führt Cremer vergleichsweise nüchtern die Debatte um das Schrumpfen der Mittelschicht vor und zeigt – unter Verwendung längsschnittlicher Daten – wie problematisch diese Diagnose vor dem Hintergrund einer vergleichsweise stabilen Einkommensstruktur seit 1997 ist. Allerdings fehlt hier ein Bezug zu der Vermögensverteilung in Deutschland, bei der sich durchaus eine starke Konzentration und eine sukzessive Vergrößerung der Ungleichheit feststellen lassen. (Grabka/Westermeier 2014)

Diese nüchternen und durchaus sachlichen und fundierten Analysen stehen in einem auffälligen Kontrast zu der Darstellung Cremers hinsichtlich der Folgen der Agenda 2010, mit denen er sich im Kapitel 6 beschäftigt. Cremer bewertet die Hartz-4 Gesetzgebung und die Folgen dieser Gesetzgebung für die Betroffenen als überwiegend positiv. Verwirrend einseitig die Prämisse seiner Darstellung: „Entscheidend für die Bewertung von Hartz 4 sind seine arbeitsmarktpolitischen Wirkungen.“ (Cremer 2016:79) Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die Hartz-4 Gesetzgebung wird auf den folgenden Seiten als Grund für ein „Jobwunder“ (Cremer 2016:81) bezeichnet, die Bundesagentur für Arbeit wurde im Rahmen der Reformen „stärker auf den Kernauftrag der Arbeitsvermittlung“ (Cremer 2016 81f.) umgebaut. Hier hätte eine tiefere Auseinandersetzung mit den gegenüber der Agenda 2010 kritischen Stimmen gut getan, um das Kapitel in den Gesamtauftrag des Buches – einer Versachlichung der Debatte – einzufügen. Denn selbst, wenn nur die arbeitsmarktpolitischen Wirkungen in den Fokus der Analyse fallen, um Hartz-4 zu bewerten, ist es schleierhaft, warum Cremer gerade an dieser Stelle eine solch euphemistisches Bild der Agenda 2010 zeichnet. So bleibt die Argumentation Cremers der Idee, Hartz-4 als Erfolgsmodell vor dem Hintergrund des Arbeitsmarktes darzustellen verhaftet, was zu einer unterkomplexen und ungenauen Argumentationsführung führt. Der Debatte um Ausweitung von prekärer Beschäftigung im Zusammenhang mit Hartz-4 beispielsweise entgegnet Cremer lapidar, dass durch Hartz 4 nicht nur „bad jobs“ entstanden seien. Vielmehr sei die Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung in den Folgejahren gestiegen. (Cremer 2016: 80) Diese für die gesamte Volkswirtschaft geltende Zahl taugt allerdings nicht als Argument. Entscheidend für die Bewertung von Hartz-4 ist nicht der Anstieg sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung für alle ArbeitnehmerInnen der gesamten Volkswirtschaft. Zentral ist, welche Arbeit Hartz-4 Empfangende annehmen und ob und wie oft sie danach wieder Arbeitslos geworden sind. Und genau da haben wir es mit einer nicht unerheblichen Vermittlung in kurzfristige, prekäre Arbeit zu tun. Eine kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion vom 16.02.2015 erbrachte, dass mehr als 30% der Arbeitslosen in Leiharbeit vermittelt werden und das von diesen vermittelten Personen 46% nach einem halben Jahr und 54% nach einem Jahr wieder arbeitslos sind.(Bundesdrucksache 18/4022)

Erklärbar ist diese einseitige Darstellung, die sich in ähnlicher Form auch in der Debatte um Altersarmut in Kapitel 8 fortführt mit dem verkürzten Grundverständnis Cremers hinsichtlich der Debatte um Armut in Deutschland. Cremer sieht diese als vor allem von dramatisierenden Kräften bestimmt, denen er mit seinem Buch etwas entgegen setzen möchte. Diese unterkomplexe, aber für den Aufbau des Buches wirkmächtige Story ist ein zentrales Problem von „Armut in Deutschland“, denn es veranlasst Cremer immer wieder zu solch unterkomplexen Argumentationsführungen, gerade weil kritische Stimmen als dramatisierend verworfen werden und somit unberücksichtigt bleiben.

Problematisch dabei: Neben den von Cremer skizzierten Diskurskräften ist Debatte über Armut in Deutschland durchaus heterogen. Wir haben es mit konservativen Lagern zu tun, die Armut in Deutschland – auf Grundlage verkürzter Darstellungen – verdrängen und herunterspielen. Zudem lassen sich einzelne Akteure wie zum Beispiel das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ausmachen, die mit durchaus differenzierten Analysen zur Armut aufwarten. Schließlich bietet die universitäre Armutsforschung eine Vielzahl an fundierten Analysen, die sich eher schlecht in das von Cremer gezeichnete Bild einer vornehmlich dramatisierten und überspitzten Debatte einordnen lassen. Ein versachlichtes Bild der Debatte – wie es Cremer anstrebt – wäre gelungener erreicht, hätte der Autor die vorhandenen Wissensbestände gesammelt und geordnet anstatt die Feder gegen einen vermeintlich überdramatisierten Diskurs zu führen, der ihn selbst in die Falle der Unterkomplexität und Verkürzung lockt.

Im Gegensatz zu weiten Teilen der Armutsforschung präsentiert Cremer konkrete sozialpolitische Forderungen und Rechenbeispiele mit denen der Armut einzelner Gruppen entgegen gewirkt werden kann. Der Wille Cremers, etwas gegen Armut und soziale Ungleichheit in Deutschland zu tun, wird glaubhaft in politische Forderungen übersetzt. Cremer ist es nicht an einer Verdrängung von Armutsproblemen gelegen, auch wenn seine Streitschrift gegen die Dramatisierer in Teilen so wirken kann – Cremer scheint die von ihm imaginierte Form der Debatte um Armut in Deutschland tatsächlich als für die Verbesserung der Position der Armen hinderlich zu sehen und deshalb versachlichen zu wollen. Cremer gelingt es, eine Vielzahl relevanter Armutsgruppen zu besprechen; selbst wenn die Behandlung der Thematiken in vielen Fällen oberflächlich bleibt. Insbesondere (Langzeit-)Arbeitslose, Rentnerinnen und Rentner, Kranke, Geringqualifizierte und Geflüchtete werden in den Fokus genommen. Ferner auch immer wieder traditionell in der Armutsberichterstattung eher stiefmütterlich behandelte Gruppen wie Illegale oder Obdachlose.

Fazit

Das Buch „Armut in Deutschland“ ist ein gutes Lehrstück, um etwas über die aufgeheizte Debatte über Armut zu lernen und einen ersten Eindruck von der sozialen Lage verschiedener Armutsgruppen zu gewinnen. Auch weil es dem Autor – entgegen dem im Werk skizzierten Anspruch – selbst nicht gelingt, eigene Vorannahmen zu hinterfragen und der Debatte somit distanziert zu begegnen. „Armut in Deutschland“ kann der Eingangs formulierten Zielsetzung einer Versachlichung in einigen Kapiteln nicht gerecht werden, da die Themen in vielen Fällen unterkomplex und einseitig behandelt werden.

Ein Gewinn ist die Formulierung von konkreten politischen Zielsetzungen und der Skizzierung politischer Wege, um die Armut in Deutschland zu lindern. Das Buch kann somit als Appell an Akteure in politischen Entscheidungspositionen gelesen werden. Es eignet sich insgesamt gut für einen Einstieg in das Thema Armut in Deutschland.


Rezensent
Max Keck
M.A.
Westfälische Willhelms-Universität Münster, Institut für Soziologie
Homepage www.uni-muenster.de/Soziologie/personen/keck.shtml
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Zitiervorschlag
Max Keck. Rezension vom 10.03.2017 zu: Georg Cremer: Armut in Deutschland. Wer ist arm? was läuft schief? wie können wir handeln? Verlag C.H. Beck (München) 2016. ISBN 978-3-406-69922-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22079.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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