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Georg Theunissen: Geistige Behinderung und Verhaltens­auffälligkeiten

Cover Georg Theunissen: Geistige Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten. Ein Lehrbuch für die Schule, Heilpädagogik und außerschulische Behindertenhilfe. UTB (Stuttgart) 2016. 6. überarbeitete u. erweiterte Auflage. 349 Seiten. ISBN 978-3-8252-4557-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Thema

Dieses Standardwerk und Lehrbuch der Heil- und Sonderpädagogik richtet sich an Schule, Heilpädagogik und außerschulische Behindertenhilfe und bietet auf fundierter wissenschaftlicher Grundlage konkrete Hilfen für den alltäglichen und speziellen Umgang mit herausforderndem Verhalten oder Verhaltensauffälligkeiten. Großen Stellenwert dabei nimmt ein pädagogisches Konzept, das sich an Stärken orientiert namens „Positive Verhaltensunterstützung“ (PVU) ein. Es eignet sich sowohl für den Unterricht als auch für den außerschulischen Bereich und gilt als effektives und tragfähiges Best-Practice Verfahren. (Verlagsankündigung). Die hier vorgelegte Auflage wurde völlig neu bearbeitet.

Autor

Dr. päd. Georg Theunissen ist Professor für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus am Institut für Rehabilitationspädagogik der Philosophischen Fakultät III Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Er ist der erste Professor für Pädagogik bei Autismus im deutschsprachigen Raum. Acht Jahre war er als pädagogischer Leitung einer großen Behinderteneinrichtung tätig und fünf Jahre Professor für Heilpädagogik an der Kath. Fachhochschule Freiburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch richtet sich an Mitarbeiter/innen in der Behindertenhilfe, Lehrer/innen in Förderschulen und allgemeinbildenden Schulen, aber auch Eltern, heilpädagogische oder therapeutische Fachkräfte, die mit einem zunehmenden Problemverhalten, mit Verhaltensstörungen oder psychosozialen Auffälligkeiten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten, geistiger oder komplexer Behinderung zu tun haben und vermehrt darüber klagen. Zu dem hier vorgestellten Konzept der Positiven Verhaltensunterstützung gab Georg Theunissen schon im Jahr 2014 eine Arbeitshilfe heraus, welche im Lebenshilfe-Verlag vorgelegt wurde. Eine Rezension ist unter www.socialnet.de/rezensionen/16786.php erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat einen Umfang von 349 Seiten, die sich in fünf Kapitel untergliedern.

  1. Geistige Behinderung – Intellektuelle Behinderung -Lernschwierigkeiten
  2. Verhaltensauffälligkeiten: Begriffsverständnis und Erklärungsansätze
  3. Das Konzept für die außerschulische Behindertenarbeit
  4. Das Konzept für Schule und Unterricht
  5. Pädagogisch-therapeutische Arbeitsformen – ein synoptischer Überblick

Das erste Kapitel mit dem Titel Geistige Behinderung – Intellektuelle Behinderung -Lernschwierigkeiten beleuchtet verschiedene Sichtweisen. Den Anfang macht die psychiatrisch-nihilistischen Sichtweise, im Anschluss daran folgt eine heilpädagogisch-defizitorientierten Sichtweise, eine entwicklungspsychologische Sichtweise, eine IQ-bezogene Sicht und das Kapitel mündet in der Klassifikation nach ICD-10 und DSM-IV. Hier schließt sich die Betrachtung der geistigen Behinderung aus der Subjekt-Perspektive und aus der Perspektive eines komplexen Phänomens von sich wechselseitig bedingenden und verstärkenden Faktoren an. Vorgestellt wird das Behinderungsmodell der ICF, das Konzept der AAIDD und die Klassifikation nach DSM. Ausführungen zu den Fachbegriffen „ Intellectual and Developmental Disabilities“, „Learning Disabilities“ und „Lernschwierigkeiten“ runden das Thema ab.

Von Verhaltensauffälligkeiten: Begriffsverständnis und Erklärungsansätze handelt das zweite Kapitel. Den Einstieg bilden die Erscheinungsformen und die Betrachtung von Verhaltensauffälligkeiten im Lichte sozialer Zuschreibung. Hier geht es auch um Zentralbegriffe und andere Erklärungsansätze wie einer psychiatrischen Sicht, einer sozialwissenschaftlichen Sicht und einer systemökologischen Sicht.

Fast 100 Seiten lang beschäftigt sich das dritte Kapitel mit dem Konzept für die außerschulische Behindertenarbeit. Dabei geht es um handlungsbestimmende Leitprinzipien und um die unbedingte Achtung vor dem Wert sein des Anderen. Die Beziehungsgestaltung und das kommunikative Verhältnis spielen genauso eine Rolle, wie die Subjektzentrierung und Individualisierung sowie die Ganzheitlichkeit und die Entwicklungsgemäßheit, die Autonomie und das Konzept der Selbstbemächtigung bzw. Empowerment. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse leisten einen Beitrag menschliches Lernen und Verhalten besser zu verstehen. Interessant sind neurobiologische Erkenntnisse, die auf persönliche Stärken und Ressourcen fokussieren. In dem Buch zur Positiven Verhaltensunterstützung aus dem Jahr 2014 von Theunissen findet sich ein Beispiel dazu. Förderung ist wichtig, genauso wichtig ist aber auch die Haltung, das Menschen nicht überschüttet werden, sondern ein Recht auf ein Eigenleben, Selbstdarstellung und Lebenserfülltheit haben, was besonders im Erwachsenalter und im Alter zu respektieren ist. „Bei aller Zielgerichtetheit pädagogischen Handelns muss Raum bleiben für ein zweckfreies und selbstbestimmtes Leben und Wohlbefinden…“ (S. 80). Das geht mit einem „Seinlassen“ und dem Vertrauen in die Ressourcen der Person einher, letztendlich um die Ausrichtung auf das Konzept der Lebensweltorientierung.

Menschen mit Behinderung dürfen in keinem Lebensabschnitt ausgeschlossen werden – so ist es in der UN Konvention verankert. Die Behindertenhilfe hat die Aufgabe, sich an den Leitprinzipien der Inklusion zu orientieren. Partizipation bedeutet nicht nur Teilhabe, sondern auch Mitgestaltung, Mitsprache und Kooperation. Menschen mit Behinderung haben Bürgerrechte und dafür bedarf es der Sensibilisierung der nicht behinderten Bevölkerung, Menschen, denen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten „nachgesagt werden“ (S. 82), als Mitglieder der Gesellschaft, also als Mitmenschen, als Nachbarn und Arbeitskollegen anzuerkennen und willkommen zu heißen. Das gilt auch für Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten. Zur Bestimmung von Leitprinzipien folgt an dieser Stelle die Aufbereitung zentraler Bausteine der allgemeinen Konzeption der Alltagsarbeit. Theunissen regt an, dass Mitarbeitende aus Wohnverbünden oder Wohngruppen sich an Teamtagen mit folgenden konzeptionellen Fragen auseinander setzen, die er in Bausteingruppen untergliedert:

Bausteingruppe I: Zentrale Bereiche der Alltagsarbeit (rehabilitative Pflege, Hausarbeit und Haushaltsführung, freizeitbezogene Lebensgestaltung und ästhetische Praxis, allgemeine Lebensberatung und Bildungsassistenz, psychosoziale Lebenshilfe und körperliche Aktivierung und gesellschaftlicher Integrationshilfe und kulturelle Partizipation).

Die Bausteingruppe II umfasst spezielle Elementen der allgemeinen Konzeption wie Angebote, Zeit, soziale Kommunikation und Beziehungen, Lebensmilieu, Gruppenbesprechungen, assistierende Hilfen, pädagogische Methoden und Handlungsmodelle, Lehrmethoden und Phasenmodelle, Verfahrensweisen, allgemeine positive Unterstützungs- und Verkehrsformen, verhaltensaufbauende und -stabilisierende Methoden, spezielle symptomorientierte Interventionsformen, spezielle präventive Methoden und Sozialformen und auch die persönliche Zukunfts-, Lebensstil- und Netzwerkplanung. Sollten Verhaltensauffälligkeiten damit nicht vermieden bzw. abgebaut werden können, bedarf es einer speziellen Pädagogik, die sich in spezielle gruppenbezogene Maßnahmen und als Einzelfallhilfe wiederfinden kann, allerdings Hand in Hand mit dem Alltagsarbeit, damit ein schlüssiges Alltagskonzept zum Tragen kommen kann. An dieser Stelle schließen sich zuerst ein Beispiel eines gruppenbezogenen Angebots zur Förderung sozialer Kompetenz auf der Grundlage von Theaterarbeit (von Hörte Fiedler) und dann ein Beispiel einer Einzelhilfe durch Positive Verhaltensunterstützung (nach Georg Theunissen), welche ausführlich besprochen werden, an. Studien zeigen, dass präventive Maßnahmen, die 1. eine Veränderung von Kontextfaktoren betreffen sehr effektiv sein können. Einen weiteren Spielraum eröffnen Problemlösungsmuster, die 2. der Erweiterung des Verhaltens- und Handlungsrepertoires dienen. Ein 3. Aspekt betrachtet die Veränderung von Konsequenzen, also wie auf ein Problemverhalten zu reagieren ist. Auch geht es 4. um Persönlichkeits- und lebensstilunterstützende Maßnahmen und schlussendlich um 5. das Management von Krisen. Die Umsetzung der Einzelhilfe ist geprägt von der Haltung der Mitarbeitenden, also z.B. ob sie hinter den vereinbarten Absprachen stehen. Auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Systeme sowie die gegenseitige Unterstützung bilden wichtige Faktoren für den Erfolg. Diese Ausführungen werden anhand einer Fallvignette von Herrn W. erläutert. Punkt 1-4 bilden gut zu verknüpfende Handlungsebenen, durch die Synergieeffekte entstehen.

Das vierte Kapitel handelt von einem Konzept für Schule und Unterricht. Die Ausführungen beziehen sich sowohl auf Förderschulen als auch auf allgemeine Schulen. Theunissen beschreibt im Folgenden primäre Präventionen zum a) schulbezogenen Konzept einer positiven Verhaltensunterstützung auch in Bezug auf die Vorgehensweise und die Arbeitsschritte. Daran schließen sich primäre Präventionen auf b) klassenbezogener Ebene an. Sekundäre Präventionen beziehen sich auf c) gruppenbezogene positive Verhaltensunterstützung wie Sportangebote (am Beispiel von Judo), soziometrisch orientierte bildnerische Aktivitäten, eine positive Peerkultur, das Lernen von Regeln durch verhaltenssteuernde Visualisierungen, stärkenorientierte und lebensnahe Projektarbeit und dem sog „Behavior Education Program“ (BEP). Als tertiäre Prävention wird eine positive Verhaltensunterstützung als d) Einzelhilfe beschrieben, die sich auf 5% aller Kinder und Jugendlicher erstreckt, welche massive Verhaltensprobleme haben. Im vorausgegangen Kapitel wurden schon ausführlich Arbeitshilfen für die Praxis vorgestellt. Herausgegriffen werden deshalb an dieser Stelle nur noch wichtige Aspekte wie den Unterstützerkreis und die Zielsetzung, Wraparound wörtlich übersetzt mit etwas, was umwickelt wird, die persönliche Zukunftsplanung, das funktionale Assessment, eine experimentelle funktionale Analyse und die Entwicklung eines Unterstützungsprogramms, das sich auf folgenden fünf Ebenen abbildet:

  • 1. Ebene: Kontextbezogene Interventionen
  • 2. Ebene: Verhaltensorientierte Interventionen
  • 3. Ebene: An Konsequenzen orientierte Interventionen
  • 4. Ebene: Persönlichkeit- und lebensstilorientierte Interventionen
  • 5. Ebene: Krisenintervention.

Zentral ist dabei, dass die Akteure hinter der Durchführung stehen, bereit sind zusammenzuarbeiten und die Arbeit zu unterstützen. Die Positive Verhaltensunterstützung (PVU) wurde evaluiert und ihre Wirksamkeit ist nachgewiesen. Die Lehrkräfte spielen eine wichtige Rolle und dabei sollten fünf Aspekte (S. 200) beachtet werden. Zwei wichtige Aspekte sind hier zu nennen: Interventionen im Sinne des PVU werden dort durchgeführt, wo das Problemverhalten auftritt und Lehrkräfte sollten es als ihre Aufgabe ansehen und wenn das nicht der Fall ist, müssen sie in die Pflicht genommen werden, sodass Verantwortung übernommen statt an andere Stellen delegiert wird (S. 201). Auch hier schließt sich ein Beispiel aus der Praxis an.

Das letzte fünfte Kapitel ist eine Zusammenstellung der wichtigsten pädagogisch-therapeutische Arbeitsformen in Form eines synoptischen Überblicks (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Basale Kommunikation (nach Mall)
  • Basale Stimulation (nach Fröhlich)
  • Erlebnispädagogik
  • Festhaltetherapie
  • Gentle Teaching
  • Heilpädagogische Rhythmik
  • Mediation
  • Neuropsychologisch orientierte Lernförderung und Therapie
  • Pädagogische Kunsttherapie (therapeutisch-ästhetische Erziehung)
  • Pränatalraum-Musiktherapie
  • Problemlösende Alltagsgeschehnisse (nach Affolter)
  • Problemlösungstraining
  • Psychomotorik/Motopädagogik
  • Psychomotorische Therapie (nach Aucouturier und Lapierre)
  • Selbstsicherheitstraining
  • Sensorische Integration (nach Ayres)
  • Snoezelen
  • Soziales Lernen (soziales Kompetenztraining)
  • Sozial- und Alltagsgeschichten (Social Stories)
  • TEACCH-Konzept
  • Unterstützte Kommunikation
  • Validation
  • Verhaltensphänotypisch orientierte Förderung und Lebenshilfe
  • Wahrnehmungsförderung und Bewegungserziehung (nach Frostig)

Das Buch schließt mit Anmerkungen zu Kapitel 5, einem Anhang zu Kapitel 3 und 4 und einem Literaturverzeichnis sowie der Vorstellung des Autors.

Diskussion

Das Buch hat zu Recht den Titel „Lehrbuch“. Es spannt einen großen Bogen über die Definitionen von geistiger Behinderung, intellektueller Behinderung und Lernschwierigkeiten und arbeitet sehr gut heraus, welche verschiedenen Sichtweisen vorhanden sind: von der psychiatrisch-nihilistischen Sichtweise, über der heilpädagogisch-defizitorientierten Sichtweise und der entwicklungspsychologischen Sichtweise hin zur IQ-bezogenen Sicht und den Klassifikationssystemen nach ICD-10 und DSM-IV. Daran schließt sich das Kapitel zum Themenkomplex Verhaltensauffälligkeiten an. Dann folgen Ausführungen zu den Konzepten für die außerschulische Behindertenarbeit sowie für Schule und Unterricht. Im letzten fünften Kapitel findet sich auf über 100 Seiten eine Zusammenstellung der 20 wichtigsten pädagogisch-therapeutische Arbeitsformen, die beim Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Lernschwierigkeiten und komplexeren Behinderungen eine hervorzuhebende Rolle spielen.

Strukturiert ist dieser synoptische Überblick nach einem einheitlichen Schema: Titel, Zielgruppe, Definition und Ziele, theoretische Bezugspunkte/Überlegungen, Setting/Raum, Medien/Mittel, Sozialform, Vorgehensweise, Rolle des Pädagogen, Perspektiven in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten, Repräsentanten/Bezugsliteratur, Querverbindungen und Beurteilung aus Sicht des Verfassers. Durch diese Struktur erhält man einen umfassenden und dezidierten Überblick, durch den man sich fundiert informieren kann.

Neben herkömmlichen Methoden wie basale Kommunikation und Stimulation, Erlebnispädagogik oder das Soziale Lernen im Sinne eines sozialen Kompetenztrainings, Sozial- und Alltagsgeschichten in Form von sog. Social Stories oder dem TEACCH-Konzept wird zum Beispiel auch die Mediation vorgestellt, die man eher aus anderen Fachbereichen wie z.B. Schule kennt. In den USA wird dieser präventive Ansatz stark favorisiert und eingesetzt, sodass Erfahrungswerte in der Arbeit mit intellektuell behinderten Menschen vorliegen (S. 235). Dort zeigt sich die Mediation als sehr vielversprechender Ansatz. Unbekannt war mir bisher auch das sog. Gentle Teaching, wörtlich übersetzt „sanfte Lehre“. Gentle Teaching versteht sich als eine präventive und problemlösende lebensweltorientierte Methode, die darauf ausgerichtet ist, soziale Kommunikation bei Menschen mit Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten wieder herzustellen, indem man ihnen für sämtliches Verhalten „tiefmenschliche Anerkennung“ (S. 224) vermittelt, die Sicherheit gibt. Eine pädagogisch tätige Person ist einfühlsam, dienend, dialogisch-partnerschaftlich. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Supervision und Reflexion begleitend einzurichten sind.

Präventive Maßnahmen, die fünf Dinge beachten sind erfolgreich (dazu gibt es Studien): 1. eine Veränderung von Kontextfaktoren kann sehr effektiv sein. 2. Spielräume eröffnen Problemlösungsmuster, die der Erweiterung des Verhaltens- und Handlungsrepertoires dienen. Ein 3. Aspekt betrachtet die Veränderung von Konsequenzen, also wie auf ein Problemverhalten zu reagieren ist. Auch geht es 4. um Persönlichkeits- und lebensstilunterstützende Maßnahmen und schlussendlich um 5. das Management von Krisen. Die Umsetzung der Einzelhilfe ist geprägt von der Haltung der Mitarbeitenden, also z.B. ob sie hinter den vereinbarten Absprachen stehen. Auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Systeme sowie die gegenseitige Unterstützung bilden wichtige Faktoren für den Erfolg. Diese Ausführungen werden anhand einer Fallvignette von Herrn W. erläutert. Punkt 1-4 bilden gut zu verknüpfende Handlungsebenen, durch die Synergieeffekte entstehen.

Hier möchte ich Theunissens Hinweise auf der Handlungsebene, bei der es um die Zusammenarbeit der Mitarbeitenden im Team geht, mit den Erfahrungen/Erkenntnissen aus meinem beruflichen Wirken ergänzen. Meine Berufsbiografie begann 1986 in der Tätigkeit einer Erzieherin in einem Modellprojekt, in dem hochgradig aggressive Menschen außerhalb der Psychiatrie in einer sog. therapeutischen Wohngemeinschaft betreut wurden. Diese Zeit bildete die Basis für mein späteres Leitungshandeln, meine Fortbildungs- und Beratungstätigkeit (www.abc-autismus.de). Später, in der Rolle als Einrichtungsleitung, hatte ich das Glück, Spielräume zu haben, um Bestehendes weiter zu formen und neue Konzepte zu entwickeln. Es entstand eine Arbeitsweise, die sich bis heute trägt, sicher auch, weil es für alle Beteiligten zufriedenstellend ist, in dieser Form zu arbeiten. Folgende zentralen Elemente bilden den Rahmen:

  1. ein multiprofessionelles Team, damit verschiedene Perspektiven zusammen kommen, die eine Vielfalt an Lösungsmöglichkeiten erlauben.
  2. Gegenseitige Unterstützung aller Akteure auf Einrichtungsseite (Institution, Leitung, Mitarbeitende), die daran arbeiten, an einem Strang zu ziehen und abgestimmte Ziele zu verfolgen. Sehr wichtig ist (da schließe ich mich an den Ausführungen von Theunissen im Kapitel 4 über Schule an, in dem er anmahnt, dass Lehrerinnen und Lehrer Verantwortung tragen sollten und diese nicht an andere Stellen weiter delegieren können dürfen)
  3. eine professionelle Haltung, die dafür steht, dass man für Lösungen verantwortlich ist und Auswege nicht darin liegen, Probleme weiter zu delegieren. Diese Haltung verändert die Arbeitsweise grundlegend, denn eine Lösung, in der man zu dem Schluss kommt, dass „die Person hier nicht mehr tragbar ist“ wird ausgeschlossen. Das hat den Effekt, dass alternative Lösungen gesucht werden und meine Erfahrung belegt: man kann sie finden! Die Erkenntnis, dass man sich Verbündete suchen kann, sodass
  4. Belastungen sich auf mehrere Schultern verteilen, dazu gehört auch immer wieder, einen Blick von außen z.B. durch Beratung/Supervision. Akteure im System, die sich für die Fokusperson verantwortlich fühlen, stimmen sich miteinander ab, unterstützen sich und entwickeln einen Arbeitsstil, der bei allen Herausforderungen zufriedener macht. Ich durfte erleben, dass meine Mitarbeitende, die diese gemeinsame Haltung vertreten haben, ihr Tun als bereichernd erleben, es als wohltuend empfinden, in einem sich stützenden Klima, zu arbeiten. Auf dieser Grundlage kann man erfahren, dass sich eine derartige Arbeit fortlaufend professionalisiert, was im Ergebnis allen, vor allem dem Klientel zugutekommt. Passend zum Anspruch, Belastung und Verantwortung zu teilen entwickelten wir die Arbeitsweise des
  5. sog. „rotierenden Teams“. Die Mitarbeitenden arbeiten gemäß eines Rotationsprinzips tageweise abwechselnd in Gruppen mit den Personen, die herausfordernden. Diese Organisationsform bedarf eines abgestimmten Settings und einer schlüssigen Arbeitsweise, nach der alle Teammitglieder arbeiten können. Statt in Krisen hineinzurutschen wird im Vorfeld
  6. de-eskalierend gehandelt. Grundlage dafür bildet
  7. Das Arbeiten nach dem TEACCH Ansatz, durch den sich unsere Haltung
  8. pro- aktiv statt re-aktiv abbildet. Aus dem Team heraus werden individuell angepasste Strukturierungs- und Visualisierungshilfen entwickelt, die die Umgebung und die Abläufe gestalten, mit dem Ziel ein größtmögliches Maß an Selbständigkeit zu entwickeln. Das bezieht sich sowohl auf die Lebenswelt der Person als auch auf das Management von Krisen. Bo Hejlskov Elvén verwendet in seinem aktuellen Buch „Herausforderndes Verhalten vermeiden“ den Begriff der „Selbstkontrolle“, dem ich mich vollumfänglich anschließen kann. Lösungen, die die Person zeigt (auch wenn sie auf den ersten Blick oft nicht als solche verstanden werden), werden aufgegriffen und weiter entwickelt. Sie sind aus meiner Erfahrung heraus tragfähiger als Lösungen von „außen“. Förderlich ist
  9. eine Leitung, die am Geschehen dran ist, die den Rahmen hält und Mitarbeitende stützt, ihnen Freiräume für persönliche professionelle Interessen lässt, Konflikte wohlwollend flankiert, Verständnis zeigt, aber auch Orientierung und Zielrichtung geben kann und die Mitarbeitenden nicht als Kostenfaktor, sondern als Leistungsträger sieht. Alle diese Faktoren eines pro-aktiven Handelns schaffen eine Atmosphäre, in der darauf hingearbeitet wird, dass alle Akteure im System Rück-Halt finden. Sie erhöhen das Gefühl von Sicherheit, eine Basis, die gelingende Arbeit braucht!

Fazit

Dieses Lehrbuch ist mittlerweile in der 6. Auflage erschienen, die erweitert und völlig neu überarbeitet worden ist. Es richtet sich an Schule, Heilpädagogik und außerschulische Behindertenhilfe und bietet auf fundierter wissenschaftlicher Grundlage konkrete Hilfen für den alltäglichen und speziellen Umgang mit herausforderndem Verhalten oder Verhaltensauffälligkeiten. Großen Stellenwert hat dabei ein pädagogisches Konzept, dass sich an Stärken orientiert, die sogenannte „Positive Verhaltensunterstützung“ (PVU). Es eignet sich sowohl für den Unterricht als auch für den außerschulischen Bereich und gilt als effektives und tragfähiges Best-Practice Verfahren. (Verlagsankündigung). Die hier vorgelegte Auflage ist ein Standardwerk und Lehrbuch der Heil- und Sonderpädagogik, welches einen umfassenden Überblick über relevante pädagogisch-therapeutische Ansätze und Vorgehensweisen gibt. Der synoptische Überblick ist nach einem einheitlichen Schema strukturiert: Titel, Zielgruppe, Definition und Ziele, theoretische Bezugspunkte/Überlegungen, Setting/Raum, Medien/Mittel, Sozialform, Vorgehensweise, Rolle des Pädagogen, Perspektiven in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten, Repräsentanten/Bezugsliteratur, Querverbindungen und einer Beurteilung aus Sicht des Verfassers. Mit dieser Struktur erhält man einen umfassenden und dezidierten Querschnitt, durch den man sich fundiert informieren kann. Das Buch kostet 22€ und ist damit erschwinglich, neben dem inhaltlichen Gewinn noch ein bemerkenswerter Pluspunkt!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 26.06.2017 zu: Georg Theunissen: Geistige Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten. Ein Lehrbuch für die Schule, Heilpädagogik und außerschulische Behindertenhilfe. UTB (Stuttgart) 2016. 6. überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-4557-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22083.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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