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Marion Tielemann: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Kunstprojekte in der Werkstatt-Kita

Rezensiert von Prof. Dr. Lena S. Kaiser, Bianca Bloch, 24.01.2017

Cover Marion Tielemann: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Kunstprojekte in der Werkstatt-Kita ISBN 978-3-86892-105-2

Marion Tielemann: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Kunstprojekte in der Werkstatt-Kita. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2014. 144 Seiten. ISBN 978-3-86892-105-2. 19,90 EUR.
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Herausgeberin

Die Herausgerberin ist ausgebildete Erzieherin und hat diverse Weiterbildungen beispielsweise in den Bereichen Sonderpädagogik und Individualpsychologie sowie ein Studium an der Universität Hamburg absolviert.

Dem Thema Werkstattarbeit und Ästhetik im Elementarbereich hat sie sich mehrere Jahre gewidmet, hierzu sind auch zahlreiche Veröffentlichungen entstanden. Sie ist Leiterin des Instituts für pädagogische Kompetenz in Familie, Kindergarten und Schule in Hamburg sowie Vorstandsmitglied bei Dialog Reggio, dem Verein zur Förderung der Reggio-Pädagogik in Deutschland e.V.

Ihre Schwerpunkte in der Arbeit im Elementarbereich liegen beispielsweise in Raumkonzepten von Werkstätten in Kitas und in Materialkonzepten aus der Reggio-Pädagogik.

Entstehungshintergrund

Beschrieben werden Szenen aus zwei Kunstprojekten, die in zwei unterschiedlichen Kitas stattgefunden haben. Einmal aus der „KitaBü“ in Ammersbek (nördlich von Hamburg) und einmal aus der „Lorenzini Kunst-Kita“.

Die Autorin ist Gründerin und Leiterin der Modell-Werkstatt-Kita „KitaBü“ von 1993 bis 2012 gewesen. Beide Kitas sind im Kunstprojekt von der Autorin als Fachberaterin begleitet worden, die Ergebnisse daraus sind in diesem Werk beschrieben. Dadurch, dass Praxisprojekte hier vorgestellt und reflektiert werden, ist es ein sehr praktisches und lebendiges Buch mit vielen Fotos und Zeichnungen. Das Buch folgt dem von der Autorin formulierten Anspruch Mut zu finden, von den Kindern lernen zu können.

Thema

Das Buch stellt Kunstprojekte von Kindern im Elementarbereich dar, die in Lernwerkstattarbeit entstanden sind und illustriert diese auf höchst ästhetische Art und Weise. Kern der ästhetischen Arbeiten ist die Kindsein-Übertragungs-Methode. Bei dieser Methode geht es um einen Ansatz, der bei den eigenen Erfahrungen von pädagogischen Fachkräften anknüpft. Dies geschieht über die Auseinandersetzung mit einem Künstler (seinen Werken, seiner Biografie), indem versucht wird darüber eine Verbindungmit der eigenen Kindheit und dem eigenen Kindsein zu schaffen

Thematisch werden wichtige Aspekte der frühkindlichen Bildung wie Partizipation, Projektarbeit und Ästhetik illustriert.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist in vier Blöcke gegliedert.

  1. Im ersten Block wird der Thematik des Kunstprojektes auf deskriptiver Ebene nachgegangen.
  2. Im zweiten Block wird diese Thematik anhand eines Kunstprojektes in der KitaBü über Marc Chagall konkretisiert.
  3. Der dritte Block versammelt Erfahrungen aus einem Kunstprojekt in der Lorenzini Kunst-Kita.
  4. Im vierten Block sind Reflexionen zu den Kunstprojekten versammelt, die verschiedene Sichtweisen und Perspektiven durch Lernwerkstatt- und Projektarbeit im Rahmen von ästhetischer Bildung thematisieren.

Das Literaturverzeichnis am Ende versammelt verwendete Quellen, weitere aufschlussreiche Fachbuch- sowie Kinderbuch-Tipps zur Thematik.

Das Werk beginnt in einem „Vorab“ mit einem Vorwort und einer Einführung, um in die folgenden Teile und Kapitel einzuführen. Dabei unternimmt die Autorin in der Einführung einerseits den Versuch, in eine konsistente Systematik über die Erfahrungen und Sichtweisen von Kindern als Akteure ihre Bildungsprozesse auf der Grundlage einer reggioinspirierten Pädagogik und von biografischen Erfahrungen zu entfalten, und andererseits zu Beginn einige Anmerkungen zu Schreibweisen wie beispielsweise Aussagen von Kindern (Kindername klein), Aussagen von Fachkräften (Fachkraftname groß), die als Päpos („Pädagogische Powerfrauen / Powermänner“) benannt werden, zu machen. Ferner formuliert sie die Intention des Buches: Den Leser zu inspirieren, gemeinsam mit den Kindern eine Reise in die Welt der Künste (vor allem in die Malerei) anzutreten.

Das Vorwort wurde von Christel van Dieken verfasst, die einleitend in das Werk formuliert: „Sich mit Kunst auseinanderzusetzen, heißt ’sich berühren zu lassen‘“ (S.9). Sie schätzt die in dem Band beschriebene Arbeit als eine besondere Art und Weise ein, wie einem Werk eines Künstlers begegnet werden kann. Die Annäherung an den Künstler geschieht dadurch, dass Erwachsene ihm mit Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit begegnen. Auf der Suche nach Assoziationen zur eigenen Lebensgeschichte und zum Werk des Künstlers durch Erinnerungen an die eigene Kindheit, die als Anknüpfungspunkt dient und Verstehensprozesse erleichtern soll, entstehen eindrückliche und intensive Perspektiven. Van Dieken hebt besonders die im Mittelpunkt stehende Sinnes- und Herzensbildung hervor und beschreibt neben den vielen ästhetischen Anregungen von allem die dialogische, auf Verständigung ausgerichtete Haltung von pädagogischen Fachkräften – die in diesem Werk auf besondere Art und Weise dargestellt wird – als inspirierend und berührend.

Zum ersten Teil

Der erste Teil zu dem Bereich „Das Kunstprojekt“ beinhaltet fünf Themen. Wie bereits aus der Einordnung hervorgeht, geht es in diesem Kapitel um die Beschreibung, was ein Kunstprojekt bedeuten kann und wie dieser Aspekt mit der eigenen Biografie und der Künstlerbiografie von Marc Chagall verbunden werden kann.

Das erste Thema „Die Kindheit als Zugang“ spricht ein Bildungsverständnis an, dass die besondere Bedeutung von Lernen von Gleichaltrigen hervorhebt. Ausgehend davon, „dass Kinder am liebsten von Kindern lernen“ (S. 15), lernen Kinder einen Künstler mit seiner Biografie als Kind kennen.

Die Rolle der Pädagogin“ dabei ist es, eine fragende Haltung einzunehmen und in die eigene Biografie zu spüren: Welche Beziehung kann ich zu dem jungen Künstler entwickeln? Was hat mich aus der Kindheit des Künstlers besonders berührt? Welche Erinnerungen dazu und an Kindsein sind in meinem Kopf?

Über den „Expressionisten Marc Chagall“ zum „Künstler Marc Chagall“ wird beschrieben, wie über typischerweise expressionistische Stilelemente (z.B. subjektive, emotionale und vielfältige Beobachterperspektiven) das Leitmotiv des Künstlers – nämlich seine kindliche und erwachsene Liebe zum Zirkus – erfahren wird.

Der erste Teil schließt mit dem Thema „Das Atelier in der Kita“. Angelehnt und inspiriert durch die reggianische Atelierarbeit wird hier ein Atelier mit vielen offenen Regalen, ästhetisch-sinnlichen Materialien und gut strukturierter Ordnung, das zu vielen Wünschen und Träumen anregen kann, beschrieben.

Das Thema abrundend geben viele bunte Atelieraufnahmen dem Leser eine Vorstellung, welche Möglichkeiten ein solches Atelier zu eröffnen im Stande ist.

Zum zweiten Teil

Im zweiten Buchteil „Das Kunstprojekt Marc Chagall in der KitaBü“ wird eine Hamburger Werkstatt-Kita mit ihrer Projektarbeit – auf insgesamt 68 Seiten und untergliedert in 33 thematische Kapitel – vorgestellt.

Zu Projektbeginn beschäftigen sich die Fachkräfte mit dem Künstler Marc Chagall, dabei entstehen erste Fragen. Sie entdecken, dass der Künstler sich eine Welt in seinen Bildern erzeugt hat, wie sie ihm gefällt. Die Ähnlichkeit zu Pippi Langstrumpfs „ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ wird in dieser Betrachtung schnell bewusst, löst Erinnerungen aus und macht Freude. Diesen Impuls geben die Fachkräfte an die Kinder weiter.

Über verschiedene Phasen erstreckt sich hier das gemeinsame Arbeiten von Kindern und Fachkräften. Planungsphasen, Gesprächskreise, Reflexionen, Planungen für nachfolgende Tage, unterschiedliche künstlerische Tätigkeiten, Materialvorbereitungen und Dokumentationen, weitere Impulse, neue Ideen, anschließende Tätigkeiten ziehen sich über das ganze Projekt.

Aus einer Bildbetrachtung zu Chagalls „Der Tanz“ entsteht beispielsweise folgende Unterhaltung:

  • „Sina: ‚Die Kuh spielt ein Lied für die Dame und sie findet ihre Musik schön. Deshalb schenkst sie der Kuh Blumen.‘
  • Otto: ‚Die Kuh finde ich, ist für mich einfach nur ein Fabelwesen!‘
  • Jule: ‚Was heißt das: Fabelwesen?‘
  • Otto: ‚Das heißt, dass man nicht genau weiß, wie das aussieht!
  • Lotte: ‚Ich kenne auch eins, ein Einhorn.‘
  • Isabel: ‚Ja, die gibt es nicht in echt.‘
  • Otto: ‚Fabelwesen kommen entweder nur in der Nacht vor oder es gibt sie nicht in echt!‘
  • Lotte: ‚Die kommen nicht in der Nacht. Das sind dann doofe Träume. Ich weiß das, weil ich manchmal so was träume. Dann gehe ich zu Mama ins Bett.‘
  • Lea: ‚Guck mal, da tanzen noch ganz viele Menschen. Das ist ein Fest! Die hören Musik.‘
  • Otto: ‚Und auch eine Prinzessin, siehst du nicht die kleine Krone da?‘
  • Sina: ‚Ne, das ist ein Engel.‘
  • Isabel: ‚Schau dir die Füße an, es ist doch ein Vogel!‘
  • Otto: ‚Es ist ein Vogelmensch.‘
  • Isabel: ‚Da steht die Sonne auf dem Kopf und ein Fisch schwimmt in der Sonne.‘“ (S. 50).

Aus diesen Gedanken heraus entwickeln sich weitere, unglaublich ausdrucksstarke Kinderzeichnungen auf beispielsweise Folien zum Thema Fabelwesen. Auf Overheadprojektoren werden sie zu „magischen Fabelwesen“ (S. 58) konstruiert. Marc Chagall hat die Kinder durch seine differenzierten und expressionistischen Tierdarstellungen inspiriert. Die Kinder entwickeln nun eigene Gestalten auf unterschiedlichen Materialien. Der Besuch einer Kunstausstellung rundet diese Phase ab und ermöglicht den Kindern weitere Denkanstöße zum Philosophieren darüber, was auf den Bildern zu sehen ist, wie das mit ihren Welterlebnissen in Verbindung zu bringen ist und welche anderen und ähnlichen Konstruktionen sie dazu haben.

Die Autorin zeigt in ihrer Projektbeschreibung auf, wie vielfältig sich Kinder aus ihren eigenen Potenzialen heraus mit einem Thema auseinandersetzen. Der Thematik Chagalls wird durch so viele Bereiche und Tätigkeiten nachgegangen: zeichnen, malen, darstellen, Rollen spielen, kochen und backen, experimentieren, am Computer bearbeiten, nachstellen, auseinandersetzen und wieder zusammenbringen, ausstellen, besprechen, reflektieren, diskutieren, abstimmen, philosophieren.

Neben tollen und wahrlich ästhetischen Produkten zeigt das Projekt vor allem, wie Kinder ihre Fragen selbst entwickeln und darüber nachdenken, wie sie ihren Fragen nachgehen können. Ihre Vorstellungen von sich und der Welt sind dabei handlungsleitend. Die pädagogischen Fachkräfte rahmen hier die Tätigkeiten der Kinder.

Spannend und anders an diesem Projekt ist, dass hier die Einstimmung auf das Projekt durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit anhand eines ausgewählten Künstlers stattgefunden hat. Dies ermöglicht es den Fachkräften im Projekt mit den Kindern viel besser ihre Perspektiven und Sichtweisen, aber vor allem ihre Interessen, nachvollziehen und begleiten zu können. Die Sichtweisen und Erfahrungen der Kinder sind es, die in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt werden. Für diese wird es den Kindern ermöglicht mit individuellen Gestaltungsstilen ihre Sinnlichkeit, ihre Gefühle, ihr Wissen und Können und ihre Sicht auf die Welt widerzuspiegeln. Diese Formen des ästhetischen Denkens (vgl. Schäfer 2011, S. 45), die genauso mit Formen des konkreten Denkens, des symbolischen Denkens und einem theoretischen Denkens in der differenzierten Auseinandersetzung des Projektthemas verwoben sind, zeigen auf eindrückliche Weise, welche unterschiedlichen Formen des Ausdrucks Kinder zu nutzen im Stande sind.

Zum dritten Teil

Im dritten TeilDas Kunstprojekt in der Lorenzini Kunst-Kita“ wird sich ebenfalls mit dem Künstler Marc Chagall auseinandergesetzt. Allerdings erfolgt die Beschreibung des Projektverlaufes (auf 38 Seiten) diesmal nicht über thematische Kapitel, sondern hauptsächlich über die sechs Durchführungswochen des Kunstprojektes mit entsprechenden Reflexionskapiteln (insgesamt 16 Kapitel). In den Reflexionskapiteln werden Unsicherheiten und Fragen der beiden das Projekt begleitenden PäPos, die sich erstmalig auf ein solches nach der Methode der Autorin intensives Kunstprojekt eingelassen haben, dargestellt.

Der Projektbeginn erfolgt wieder über die Auseinandersetzung der PäPos mit der Biografie des Künstlers Marc Chagalls. Diesmal wird der erste Kontakt jedoch mit Wörtern wie schrecklich, brutal, gewöhnungsbedürftig und keine emotionale Verbundenheit umschrieben. Durch das gemeinsame Darübersprechen und das Reflektieren der Erinnerungen und Gefühle aus der eigenen Kindheit findet jedoch eine Veränderung in den Gedanken und Gefühlen der PäPos statt.

Mit diesen persönlichen Geschichten und Erinnerungen steigen die Fachkräfte jetzt mit den Kindern in das Kunstprojekt ein (erste Woche). Hierüber werden die Kinder angeregt selber Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen. Dies entwickelt sich soweit weiter, dass am Ende – inspiriert durch alle Erzählungen und durch das Nutzen der kindlichen Fantasie – die Kinder ihre inneren Bilder auf Papier zum Ausdruck bringen und ihre Geschichten dazu von den PäPos aufgeschrieben werden.

Ausgehend von den kindlichen Impulsen der ersten Woche, wird in der zweiten Woche mit den entstandenen Zeichnungen der Kinder weitergearbeitet. Diese werden auf Overhead-Folie kopiert und die Kinder erhalten die Möglichkeit mit ihren Bildern und dem Overhead-Projekt zu experimentieren. Die Bilder der Kinder („die verrückten Häuser“) werden erneut von den Kindern auf einem großen Wandplakat (mit Finelinern und Eddingen) nachgezeichnet. Die Kinder sind verblüfft und fasziniert davon, wie sich ihre Häuser verändern, wenn man den Overhead-Projektor verrückt. Hierdurch angeregt, beginnen die Kinder mit Licht und Schatten herumzuspielen. Es entsteht ein großes Schattenbild mit den Umrissen der Kinder. Das Bild von Marc Chagall „Ich und das Dorf“ (1911) wird als weitere Impuls gesetzt, der die Gespräche der Kinder aus der Woche davor aufgreifen und vertiefen soll.

In der dritten Woche haben die Kinder die Möglichkeit, eine neue künstlerische Methode „Malen mit Aquarellfarben“ kennenzulernen und sich darin auszuprobieren. Auch am großen Gemeinschafts-Schattenbild wird weitergearbeitet und es wird mit Wachsmalstiften ausgemalt. Hierbei entstehen immer wieder neue Geschichten. Das Plakat mit den verrückten Häusern wird mit Aquarellfarben ebenfalls bunt.

Die vierte Woche beginnt mit Protest und innerem Widerstand sowohl auf Seiten der Fachkraft als auch der Kinder: Sie alle haben keine Lust mehr auf Zeichnen und Malen. Das Ernstnehmen der eigenen und der kindlichen Gefühle sowie sie Reflexion dessen, bringt eine neue Idee: Das Material muss geändert werden! So wird mit Ton gearbeitet, um eine künstlerische Schaffenspause einzulegen und Abstand zu den gemalten Bildern zu bekommen – so wie es Marc Chagall auch gemacht hat. Die Kinder sind in ihrem Schaffensdrang mit Tonreliefs und Figuren zu gestalten, nicht mehr zu bremsen.

Durch die Pause vom Malen entsteht in der fünften Woche die Idee eine Ausstellung mit allen Kunstwerken zu machen und dazu alle einzuladen. Die Kinder sind begeistert von dieser Idee – eine richtige Ausstellung, so wie bei Marcs Werken auch. Die angefangenen Kunstwerke werden fertig gestellt und es wird auch weiter getöpfert.

Die sechste Woche ist der eifrigen Fertigstellung der Bilder der Kinder gewidmet. Es werden kleine Geschichten zu den einzelnen Bildern der Kinder und dem großen Gemeinschafts-Aquarellbild angefertigt. Zum Abschluss entsteht die Idee aus einem Styroporkopf und weiteren Materialien einen „echten“ Marc zu bauen. So wird „Marc, der sie seit Wochen begleitet hat, ganz plastisch in die Lernwerkstatt geholt, sie [die Kinder] haben ihm ein Gesicht und eine Gestalt gegeben.“ (S. 129). Alle über die Wochen entstandenen Kunstwerke der Kinder werden in einer großen Ausstellung in der Piazza der Kita der „Öffentlichkeit“ präsentiert.

Die Darstellung des Kunstprojektes in der Lorenzini Kunst-Kita ist ebenfalls mit tollen Fotos von den Kindern im Schaffensprozess sowie den beeindruckenden Werken der Kinder illustriert.

Es zeigt jedoch deutlich, dass trotz der gleichen Ausgangsthematik und trotz des gleichen Vorgehens der Kindsein-Übertragungs-Methode der Projektverlauf und die interessierenden Themen (sowohl der Fachkräfte als auch der Kinder) ganz andere sind. Hierüber wird sehr schön illustriert, wie die Biografien, Persönlichkeiten und Gefühle der Fachkräfte und Kinder den Prozess eines Kunstprojektes beeinflussen, leiten, voranbringen und initiieren.

Es zeigt aber auch, dass Widerstände und Proteste, die sich im Projektverlauf äußern, wahrgenommen werden müssen. Professionell handelnde Fachkräfte nehmen diese Ernst und gehen authentisch auf die Kinder zu – ohne aber die intensive Begleitung und Verantwortung für das Projekt abzugeben. Sie suchen wahrnehmend beobachtend und mutig nach einer Lösung, ohne dass die Kinder ihren eigenen Willen aufgeben müssen. Auf diese Art und Weise wird den Kindern auf Augenhöhe begegnet und das Projekt kann sich weiterentwickeln. Hierüber entstehen wunderbare neue Ansatzpunkte und Idee.

Zum vierten Teil

Im vierten Teil „Hinterher“ werden die Ergebnisse aus den in Teil zwei und drei ausführlich beschriebenen Kunstprojekten in den beiden unterschiedlichen Kitas von der Autorin reflektierend und theoretisierend betrachtet.

Projektarbeit ist immer verschiedenen. Diese Verschiedenheit drückt sich vor allem deshalb aus, weil die daran beteiligten Personen sich unterscheiden. In diesem Zusammenhang empfiehlt die Autorin, dass pädagogische Fachkräfte es ähnlich wie Kinder tun sollten, nämlich „forschend und experimentierend ihre Professionalität entwickeln“ (S. 135).

Die in beiden Kunstprojekten erprobte und dargestellte Kindsein-Übertragungs-Methode wird in drei Prozessen der Vorbereitung im Team organisiert:

  1. Auseinandersetzung mit dem Künstler: Was interessiert mich an der Kindheit des Künstlers?
  2. Imaginäre Übertragung: Darstellung des Künstlers als Kind; Beziehung zum Künstler als Kind auf Augenhöhe knüpfen; narrative Denkweisen durch das Erzählen von Geschichten, die die Erlebnisse der Fachkräfte und des Künstlers verbinden, anregen.
  3. Catcher: ein spannendes Ereignis für einen Projektstart finden.

Und anschließend in drei Prozessen der Projektdurchführung realisiert:

  1. Start: Neugier und Interesse der Kinder muss durch einen Catcher für einen emotionalen Projektstart genutzt werden.
  2. Impulse der Kinder und Pädagoginnen: Wahrnehmende Beobachtung von Kindern; Begleitung; Bereitstellung von Materialien; dialogische Bildungsprozesse ausgehend von Selbstbildungspotenzialen unterstützen.
  3. Reflexion und Planung: Wahrnehmende Beobachtung und Reflexion; Rückkopplung der Ergebnisse im Team.

Es scheint als kommt dem wahrnehmendem Beobachten in diesem Konzept eine besonders hohe Bedeutung zu. Sie ist nicht nur Beobachtungsmethode, sondern auch Handlungskonzept. Dabei stützt sich das Konzept auf ein Beziehungsdreieck, welches aus Kindheitserlebnissen der pädagogischen Fachkräfte, des Künstlers und der Kinder besteht und welches in Rollenspiele überführt wird, die Kreativität und Fantasie hervorrufen und ermöglichen und vor allem nach Gestaltungsmöglichkeiten und -räumen suchen. Die gestalterische und emotionale Tiefe geht über einen einfachen Projektgedanken hinaus. Auch für die Kinder geht es deshalb nicht nur um sinnliche Wahrnehmung über die Fernsinne, sondern vor allem auch um sinnliche Wahrnehmung über Gefühle und Emotionen.

Eine spannende und herausfordernde Methode einer partizipativen Didaktik, die die Kinder mit ihrem Wissen und Können nicht nur in den Fokus rückt, sondern eine besondere Methode der „Augenhöhe“ verschiedener Protagonisten erfordert.

Diskussion

Das Werk beschreibt Berührungspunkte zwischen Kunst und Ästhetik, Werkstatt- und Projektarbeit in der Kita sowie der Reggio-Pädagogik.

Die vielen Beispiele und narrativen sowie gestalterischen Einsichten in die Erfahrungen der Kinder, gestaltet in einem spannenden und gut verständlichen Bezug zwischen der Reggiopädagogik und dem Lernwerkstattgedanken, ermöglichen dem Leser einen einfachen Nachvollzug.

Auch die Einbettung von Zitaten von Philosophen oder Künstlern, die sich auf die dargestellten Erfahrungen und Gedanken der Autorin beziehen, sowie das Geben von Tipps zur Materialvorbereitung und Durchführung illustrieren und veranschaulichen das Dargestellte. So wird das von der Autorin Beschriebene für den Leser noch greifbarere und gibt darüber hinaus wertvolle Impulse für die eigene praktische Umsetzung im pädagogischen Alltag.

Spannend und kreativ zugleich ist der durchgehend stringente Umgang mit der Perspektive von Kindern als Akteure in den hier vorliegenden Darstellungen zur Projektarbeit Chagalls im Lernwerkstattgedanken. Die akteursspezifischen Sichtweisen bilden einen elementaren Schwerpunkt des Buches, der sich auch in einer wertschätzenden, anerkennenden und partizipativ orientierten Haltung gegenüber den Fragen, Erfahrungen, Hypothesen und Freuden von Kindern ausdrückt.

Im Ergebnis wurde mit dem Buch eine Sammlung von nicht nur ästhetischen Erfahrungen von Kindern und Erwachsenen vorgelegt, die zum großen Teil als Bausteine vor dem Hintergrund des Lernwerkstattgedankens sowie reggianischer Konzepte identifizierbar sind. Das Buch stellt somit ein wichtiges Teilstück im Kontext der Debatten zur Partizipation und zur Umsetzung von Projektarbeit in der Elementarpädagogik dar.

Fazit

Das Buch „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ ist ein Buch, das gefällt! Neben dem verfolgten hohen ästhetischen Anspruch gibt es tolle Einblicke in die pädagogische Arbeit zweier Kindertageseinrichtungen und weist auf die Bedeutung von Kindperspektive, Ästhetik und Partizipation sowie Lernwerkstätten als Bildungsräume hin. Es wird deutlich, dass sich durch die hier vorgestellten Kunstprojekte profunde Möglichkeiten zur Gestaltung von kindlichen Bildungsprozessen im Elementarbereich ergeben. So richtet sich das Buch gleichermaßen an Fachkräfte im Elementarbereich, Künstler, Kinder und Mitarbeitende in weiteren pädagogischen Feldern. Es leistet einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung von Projektarbeit über Lernwerkstätten als Bildungsräume im Kindesalter. Durch seine spannenden und ästhetischen Bezüge zur Reggiopädagogik sowie vielfältige Illustrationen und Bilder ergeben sich anregende Hinweise zu möglichen Transferprozessen und Formaten des Weiterdenkens für eigene Projektarbeiten in Lernwerkstätten im frühkindlichen pädagogischen Bereich.

Literatur

Schäfer, Gerd E. (2011). Was ist frühkindliche Bildung? Kindlicher Anfängergeist in einer Kultur des Lernens. Weinheim: Juventa-Verlag.

Rezension von
Prof. Dr. Lena S. Kaiser
Professur für Kindheitswissenschaften Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Hochschule Emden/Leer
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Bianca Bloch
staatlich anerkannte Kindheitspädagogin (M.A.), wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin der Abteilung Pädagogik der Kindheit an der Justus-Liebig-Universität Gießen
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Es gibt 4 Rezensionen von Bianca Bloch.

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Zitiervorschlag
Lena S. Kaiser, Bianca Bloch. Rezension vom 24.01.2017 zu: Marion Tielemann: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Kunstprojekte in der Werkstatt-Kita. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2014. ISBN 978-3-86892-105-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22100.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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