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Johann August Schülein: Gesellschaft und Subjektivität

Cover Johann August Schülein: Gesellschaft und Subjektivität. Psychoanalytische Beiträge zur Soziologie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 299 Seiten. ISBN 978-3-8379-2632-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Autor Johann August Schülein befasst sich in seinem Werk „Gesellschaft und Subjektivität. Psychoanalytische Beiträge zur Soziologie“, welches im vergangenen Jahr im Psychosozial-Verlag erschienen ist, mit dem Verhältnis von Soziologie und Psychoanalyse. Er konstatiert, dass dieses Verhältnis aus soziologischer Perspektive primär darin besteht, sich von der Psychoanalyse abzugrenzen (S. 7). Denn mit Bezugnahme auf Durkheims (1961/1895) Postulat, Soziales nur mit Sozialem erklären zu können, hält die Soziologie aus Schüleins Perspektive üblicherweise Abstand von der Psychologie – insbesondere von der Psychoanalyse. Das Anliegen Schüleins ist nun ein entgegengesetztes: Er möchte diese Abgrenzung aufweichen und setzt sich in seinem Werk damit auseinander, welche Möglichkeiten der Verbindung soziologischer und psychoanalytischer Perspektiven bestehen. Um dies herauszuarbeiten, beleuchtet er die Beziehungsgeschichte von Soziologie und Psychoanalyse und entwickelt vielfältige Versuche, psychoanalytische Konzepte für soziologische Probleme nutzbar zu machen.

Autor

Bis zu seiner Emeritierung war Johann August Schülein von 1985 bis 2015 als Professor für Soziologie an der Wirtschaftsuniversität in Wien tätig. Schülein studierte in Gießen und Frankfurt am Main Soziologie, Philosophie und Psychoanalyse. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissenschaftstheorie, Soziologische Theorie, Mikrosoziologie und Subjekttheorie. An der Psychoanalyse verfolgt er bereits ein langjähriges Forschungsinteresse (Schülein 1975; Schülein 1999; Schülein 2016).

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort, in dem das Anliegen des Buches verdeutlicht wird, folgen die einzelnen Kapitel, die in loser Folge aneinandergereiht sind.

Im ersten Kapitel „Erinnerung an die Psychoanalyse“ wird das Verhältnis von Soziologie und Psychoanalyse diskutiert. Schülein erwähnt bereits auf S. 9, dass er in diesem Kapitel auf eine eingehende Beschäftigung mit Sigmund Freud verzichten will. Schülein macht deutlich, dass das Verhältnis von Soziologie und Psychoanalyse aus soziologischer Perspektive überwiegend durch Skepsis oder distanzierte Neutralität geprägt war (S. 10). Dieses Verhältnis änderte sich in den 1960er Jahren durch den Einfluss der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Max Horkheimer, die Marxsche Theorie mit psychoanalytischen Konzepten verbanden. Die Kritische Theorie wurde jedoch für sachfremde Zwecke instrumentalisiert. „Seitdem ist eine Auseinandersetzung mit Marx und Freud in der deutschsprachigen Mainstream-Soziologie kaum mehr möglich und gilt als degoutant, mindestens aber als Zeichen der Zugehörigkeit zu veralteten und marginalen Diskursen“ (S. 13). Auch Schülein widmet sich Freud zuerst nicht näher, sondern geht auf die Entwicklung der Psychoanalyse in der Nachfolge ihres Gründervaters ein. Die frühe Psychoanalyse bezeichnet der Autor als zeitbedingt verzerrt und dilettantisch (S. 23), während er aktuellere Entwicklungen für weiterführend hält und sich dabei zum Beispiel auf Otto Kernberg, Erik Erikson und auf entwicklungspsychologische Perspektiven bezieht. Demgemäß hält der Autor eine Neuevaluation moderner Psychoanalyse aus soziologischer Richtung für angebracht, denn diese birgt die Möglichkeit, Subjektivität konzeptuell stärker in die Soziologie zu integrieren. Subjekttheoretische Basiskonzepte – und das betont er mehrfach – müssten dabei vor allem eines leisten: Sie müssen mit multipler Psychologik umgehen können (S. 26). In diesem Sinne erteilt er dem „vorschnellen Operieren mit Rationalitätskonzepten“ (S. 27) eine Absage. Hier werde davon ausgegangen, so genannte „Irrationalität“ sei dysfunktional. Mit psychoanalytischen Perspektiven ließe sich das Gegenteil zeigen: Auch vermeintlich „Irrationales“, von außen Unverständliches habe durchaus seine Funktionen für das Subjekt und werde über die Handlungsebene gesellschaftlich wirksam.
In den darauffolgenden Kapiteln geht Schülein dann ausführlich auf die Kooperation von Soziologie und Psychoanalyse ein und behandelt letztlich entgegen seiner Ankündigung im ersten Kapitel doch die Freudsche Perspektive ausführlich (S. 45). Zudem versucht er sich an der sozialtheoretischen Erweiterung soziologischer Handlungstheorie, Interaktionstheorie und in der Kombination von Psychoanalyse und Sozialökonomie. Es schließen sich Kapitel zum autoritären Charakter (vgl. Adorno 2017/ 1975), zu Parsons' ' Verhältnis zur Psychoanalyse sowie emotions- und machtsoziologischen Perspektiven an.

Diskussion

Das Anliegen Schüleins ist ein interessantes und – angesichts der durch ihn selbst beschriebenen und nach wie vor vielfach anhaltenden Skepsis der Soziologie gegenüber der Psychoanalyse – durchaus ein mutiges und relevantes. In Zeiten, in denen es spezifischen Richtungen der Soziologie primär darum zu gehen scheint, sich an ökonomischen Gegebenheiten zu orientieren, birgt eine Beschäftigung mit der Psychoanalyse durchaus kritisches Potenzial. Dieses würde darin bestehen, mithilfe psychoanalytischer Perspektiven auf Probleme im Verhältnis Individuum – Gesellschaft – insbesondere auch Individuum-Ökonomie – einzugehen. Denn eine maßgebliche Leistung der Psychoanalyse in Anlehnung an Freud besteht darin, erarbeitet zu haben, dass dieses Verhältnis nicht harmonisch, sondern überaus widersprüchlich und beinahe durchgängig problematisch ausgestaltet ist – angefangen bei Sexualnormen bis hin zu Leistungsanforderungen innerhalb kapitalistischer Gesellschaftskonstellationen. Dieses kritische Potenzial schöpft Schülein jedoch nicht aus. Vielmehr scheint er implizit einer Perspektive nahezustehen, die sich bei dem Strukturfunktionalisten Talcott Parsons verorten lässt. Und diesem ging es bei all seinen Verdiensten für die Soziologie nicht in erster Linie um Kritik. Vielmehr betrachtete dieser die Psychoanalyse funktional: Ihre Integration in soziologische Perspektiven sollte vor allem bessere gesellschaftliche Funktionalität und die individuelle Anpassung an gesellschaftliche Gegebenheiten ermöglichen.

Die Nähe Schüleins zur Position Parsons lässt sich aus dem prominenten Platz und ausführlichen Blick auf dessen Perspektive schließen, während Positionen der Frankfurter Schule oder auch Richard Sennett’s (1998) flexibler Mensch nur auf wenigen Seiten abgehandelt werden. Dieses Vorgehen hätte in Form von einer expliziten Positionierung am Anfang des Buches zumindest transparent gemacht werden müssen.

Zugute halten muss man Schülein seinen Einsatz für die Einbeziehung von Subjektivität in soziologische Erklärungen, der die Disziplin vielfach skeptisch gegenübersteht. Diese Subjektivität ist immer auch verknüpft mit Emotionen und in Anlehnung an Georg Simmel (2008/1878) ist zu postulieren: Die Menschen haben niemals völlig gelernt, ihr Gefühle zu kontrollieren. Mit dieser Unberechenbarkeit analytisch umzugehen – dies muss auch in der soziologischen Auseinandersetzung erfolgen, wenn sie Gesellschaft adäquat verstehen und erklären will (vgl. dazu auch Kleres und Albrecht 2015). Der bloße Rückzug auf rationale Nutzenmaximierung als Erklärung für soziales Handeln greift eindeutig zu kurz. Die Analyse von vermeintlich „Irrationalem“, das jedoch subjektiv eine Funktion hat, erscheint in postfaktischen Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus (vgl. Milbradt et al. 2017) aktueller denn je. Zu erwähnen bleibt jedoch, dass existierende soziologische subjekttheoretische Konzeptualisierungen wie zum Beispiel von Michel Foucault oder Judith Butler von Schülein (beinahe) gänzlich übergangen werden.

Neben den erwähnten Kritikpunkten ist die Strukturierung und Gewichtung des Buches stark zu hinterfragen. Das Vorwort gerät vergleichsweise kurz, im Kapitel „Erinnerung an die Psychoanalyse“ wird Freud ausgeklammert und dann im Kapitel zur Kooperation von Soziologie und Psychoanalyse vergleichsweise intensiv behandelt. Zudem werden in Schüleins Buch immens viele theoretische Konzepte – sowohl von psychoanalytischer als auch von soziologischer Seite – einbezogen und aufgrund der Fülle nicht tiefgehend entwickelt. Weiterhin bleibt zu erwähnen, dass der informierten Leserin auffallen muss, dass diverse Teile aus dem Buch aus Schüleins vorangegangenem Werk „Soziologie und Psychoanalyse“ (2016) entnommen sind.

Fazit

Das Anliegen von Schülein soziologische und psychoanalytische Perspektiven miteinander in den Dialog zu bringen, ist ein relevantes und durchaus mutiges. Über die Umsetzung lässt sich streiten. Relevant sind seine Ausführungen insofern, als dass sie es ermöglichen, multiple subjektive Logiken jenseits von vereinfachenden Rationalitätsannahmen in soziologischen Modellen denkbar zu machen. Dafür liefert der Autor vielfältige, mal mehr, mal weniger ausgereifte Vorschläge. Kritisch ist jedoch anzumerken, dass diese Vorschläge zu viele theoretische Elemente miteinander in Verbindung bringen und so an der Oberfläche verbleiben. Hier hätte eine Positionierung gutgetan. Mutig ist Schüleins Anliegen insofern, als dass er versucht, der von ihm selbst konstatierten Skepsis der Soziologie psychoanalytischen Positionen gegenüber zu begegnen. Das kritische Potenzial, das diese Begegnung hätte bergen können, schöpft er jedoch nicht aus. Dies scheint auch nicht sein Anliegen zu sein. Es ist jedoch als Versäumnis zu betrachten.

Literatur

  • Adorno, Theodor W. 2017 [1975]. Studien zum autoritären Charakter. Suhrkamp. Frankfurt am Main.
  • Durkheim, Émile. 1961[1885]. Regeln der soziologischen Methode. Neuwied und Berlin.
  • Kleres, Jochen; Albrecht, Yvonne. 2015. Die Ambivalenz der Gefühle. Über die verbindende und trennende Sozialität von Emotionen. VS Verlag. Wiesbaden.
  • Milbradt, Björn; Biskamp, Floris; Albrecht, Yvonne; Kiepe, Lukas: 2017. Ruck nach rechts? Budrich Verlag. Opladen.
  • Schülein, Johann August. 2016. Soziologie und Psychoanalyse. VS Verlag. Wiesbaden.
  • Schülein, Johann August. 1999. Die Logik der Psychoanalyse. Eine erkenntnistheoretische Studie. Psychosozial-Verlag. Gießen.
  • Schülein, Johann August. 1975. Das Gesellschaftsbild der Freudschen Theorie. Campus Verlag. Frankfurt/ New York.
  • Sennett, Richard. 1998. Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin-Verlag.
  • Simmel, Georg. 2008 [1878] Individualismus der modernen Zeit: Und andere soziologische Abhandlungen. Suhrkamp. Frankfurt am Main.

Rezensentin
Dr. Yvonne Albrecht
Soziologin und Post-Doc-Mitarbeiterin am Komrex (Kompetenzzentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration) sowie assoziierte Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Politische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Yvonne Albrecht. Rezension vom 30.04.2018 zu: Johann August Schülein: Gesellschaft und Subjektivität. Psychoanalytische Beiträge zur Soziologie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2632-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22101.php, Datum des Zugriffs 21.11.2018.


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