socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Frank Eger: Einführung in die lösungsorientierte Soziale Arbeit

Cover Frank Eger: Einführung in die lösungsorientierte Soziale Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. 122 Seiten. ISBN 978-3-8497-0117-8. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der ursprünglich von de Shazer pragmatisch entwickelte Beratungsansatz der lösungsorientierten Kurzzeittherapie wird in dieser Einführung theoretisch fundiert und auf Bereiche der Sozialen Arbeit übertragen. Der Transfer erfolgt in personale sowie soziale und gesellschaftliche Systeme. Im Gegensatz zur primär fokussierten Problemorientierung Sozialer Arbeit plädiert der Autor stattdessen für eine Lösungsorientierung durch Konzentration auf Ressourcen und Ziele.

Autor

Der Autor, Prof. Dr. phil. Frank Eger, ist Professor für Kinder – und Jugendhilfe an der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die lösungsorientierte Kinder- und Jugendarbeit sowie qualitative Verfahren der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Die Studie besteht aus vier Kapiteln:

  1. Personen und soziale Systeme in Regeltrance
  2. Lösungsorientierte Soziale Arbeit als Anreger des Lösungsmodus
  3. Ausgewählte Entwicklungsanforderungen und methodische Beispiele lösungsorientierter Sozialer Arbeit
  4. Kritik lösungsorientierter Sozialer Arbeit

Inhalt

Nach Eger ist ein neues Paradigma lösungsorientierter Sozialer Arbeit im Entstehen begriffen. In diesem methodischen System sollten nicht Probleme, Konflikte und Störungen des Klientel vertieft exploriert werden, vielmehr sollte eine frühzeitige Konzentration auf Kompetenzen, Ressourcen und Ziele erfolgen. Dadurch werde eine Pathologisierung des Klientel vermieden und Lösungen, die an den störungsfreien Ressourcen ansetzen, seien eher und effektiver zu erreichen.

Der Autor leitet die Entwicklung der Problemanalyse ideengeschichtlich ab, die sowohl religiöse als naturwissenschaftliche Wurzeln hat, und argumentiert anhand des Tractatus logico-philosophicus von Wittgenstein, dass eine Problem- und Ursachenanalyse keine notwendige Bedingung für das Auffinden von Lösungen ist. Zwischen Problem und Lösung bestehe nicht zwangsläufig ein Zusammenhang.

In einer Auseinandersetzung mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme erkennt er Übereinstimmungen und Differenzen. Anders als Luhmanns Ansatz verfolge die lösungsorientierte Soziale Arbeit das Ziel, Inklusions- und Exklusionsprozesse anzuregen, ohne eine umfassende Ursachenanalyse vorzunehmen.

Später nimmt der Autor Rückgriff auf neuere Erkenntnisse der Neurobiologie, insbesondere die Untersuchungsergebnisse von LeDoux, der erforscht hat, dass neuronale Angstnetzwerke nicht gelöscht, sondern lediglich durch alternative Netzwerke überschrieben werden können. Daraus folgert er für die lösungsorientierte Soziale Arbeit, dass Überschreibungen von als problematisch wahrgenommenen Mustern als Ressource und Ziel angeregt werden sollten.

Nach Eger greift lösungsorientierte Soziale Arbeit zentrale Entwicklungsaufgaben auf, gehe Inklusion und Exklusion ressourcen- und zielorientiert an und begreife sich als systemisch-konstruktivistisches Geschehen. Implizit überträgt er die Methode auf personale/familiäre, soziale sowie gesellschaftliche Systeme. Gleichzeitig bettet er das System in neuere sozialarbeitswissenschaftliche Theoreme ein.

Im zweiten Teil seiner Studie bringt Eger methodische Beispiele lösungsorientierter Arbeit, die die Systemtypen personale Interaktion, Organisation und Gesellschaft aufgreifen:

  1. Video-Hometraining
  2. Gruppenarbeit mit straffälligen Jugendlichen
  3. Sozialraum und Zivilgesellschaft
  4. Interaktion zwischen Jugendlichem und Sozialarbeiter

Schließlich setzt sich der Autor mit kritischen Stimmen zur reinen Lösungsorientierung auseinander.

Diskussion

Der Band „Einführung in die lösungsorientierte Soziale Arbeit“ ist eher für den Leser geeignet, der ein Interesse an der theoretischen Verortung des lösungsorientieren Konzepts denn an konkreten Handlungsanleitungen hat. Es leitet die Einbettung des in Deutschland relativ neuen Konzepts wissenschafts- und systemtheoretisch sorgfältig ab.

Bezweifeln lässt sich allerdings, ob es sinnvoll ist, in komplexen sozialen Systemen und Organisationen, ganz auf eine Problemanalyse zu verzichten. Sind doch die Ursprünge der lösungsorientierten Methode aus der therapeutischen Interaktion zwischen Klient und Therapeut entstanden. Das sind zweidimensionale Interaktionsformen, relativ einfach, die sich m.E. auf komplexe soziale Systeme kaum übertragen lassen. So ist m.E. lösungsorientierte Beratung in personalen und familiären Systemen sehr gut geeignet. Bei der Sozialarbeit in komplexen Organisationsformen (z.B. Betriebssozialarbeit, Sozialraum etc.) wird man m.E. kaum um eine Ursachenanalyse umhinkommen. In einem zweiten Schritt jedoch ist lösungsorientiertes Vorgehen, ressourcen- und zielfokussiert, angezeigt.

Fazit

Die Studie nimmt eine sorgfältige theoretische Fundierung des Konzepts der lösungsorientierten Sozialen Arbeit vor, die der Autor als neueres Paradigma Sozialer Arbeit vorstellt. Herausgestellt werden die Vorzüge einer primären Ressourcen- und Zielorientierung statt der traditionell vorherrschenden Problemfokussierung. Anhand von methodischen Beispielen wird ein Transfer zur Praxis Sozialer Arbeit vorgenommen. Der Schwerpunkt des Werkes widmet sich den Theorien Sozialer Arbeit und ihrer Abgrenzung bzw. Vereinbarkeit mit dem Konzept lösungsorientierter Sozialer Arbeit. Praktische und methodische Handlungsanleitungen für den Alltag Sozialer Arbeit stehen nicht im Vordergrund.


Rezensent
Prof. Dr. jur Ansgar Marx
Professor für Zivilrecht, Familienrecht und Konfliktmanagement, Ostfalia Hochschule, Braunschweig/Wolfenbüttel
Homepage www.iko-info.de
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Ansgar Marx anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ansgar Marx. Rezension vom 20.01.2017 zu: Frank Eger: Einführung in die lösungsorientierte Soziale Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-8497-0117-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22104.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung