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Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden

Cover Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Kailash (München) 2015. 287 Seiten. ISBN 978-3-424-63107-4. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,50 sFr.
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Thema

Jeder Mensch hat eine Sehnsucht danach, angenommen und geliebt zu werden. Im Idealfall entwickelt sich während der Kindheit das nötige Selbst- und Urvertrauen, das die Person als Erwachsenen durch das Leben trägt. Aber auch erfahrene Kränkungen prägen sich ein und bestimmen dann unbewusst das gesamte Beziehungsleben. Stefanie Stahl hat in ihrer langjährigen Arbeit als Psychotherapeutin einen neuen, wirksamen Ansatz zur Arbeit mit dem sog. inneren Kind entwickelt. Sie erläutert wie wichtig es ist Freundschaft mit diesem Kind zu schließen, denn dann bieten sich erstaunliche Möglichkeiten, Konflikte zu lösen, Beziehungen glücklicher zu gestalten und auf (fast) jedes Problem eine Antwort zu finden (Verlagsankündigung).

Autorin

Stefanie Stahl (Jahrgang 63) ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Seit ihrem Studium (Psychologie) in Trier lebt und arbeitet sie dort in freier Praxis als Psychotherapeutin und Buchautorin. Im deutschsprachigen Raum hält sie Seminare zum Thema Bindungsangst und Selbstwertgefühl. Weitere Informationen findet man unter: www.stefaniestahl.de.

Entstehungshintergrund

Der Kailash Verlag gehört zu der Verlagsgruppe Bertelsmann in München (seit 2001 Verlagsgruppe Random House). Mittlerweile gehören 45 Verlage dazu wie z.B. der Heyne Verlag, Kösel oder der Prestel Verlag. Nach Aussage der Verlagsgruppe wird ein breites Spektrum von niveauvoller Unterhaltung über moderne und klassische Literatur, Kinder- und Jugendbücher, Ratgeber, Lebenshilfe und Religion bis hin zu einem thematisch weit gespannten Sachbuchprogramm abgedeckt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 287 Seiten. Der Buchumschlag ist an der Vorder- und Rückseite klappbar. Dort findet man jeweils Abbildungen, die als Vorlage für die eigene Arbeit mit dem Buch dienen. Im Fließtext sind zur besseren Orientierung am oberen Textrand links die jeweilige Kapitelüberschrift, am oberen rechten Rand die Überschriften des jeweiligen Unterkapitels zu finden. Das Buch gliedert sich in 19 Überschriften, die nicht durchnummeriert sind. Darunter versammeln sich zahlreiche Unterkapitel. Manche Schlagwörter sowie die Übungen sind kursiv gedruckt.

  • Meditationen zum Download
  • Das Kind in dir muss Heimat finden
  • Modelle unserer Persönlichkeit
  • Das Schatten- und das Sonnenkind
  • Wie sich unser inneres Kind entwickelt
  • Exkurs: Ein Plädoyer für die Selbsterkenntnis
  • Was Eltern beachten sollten
  • Die vier psychischen Grundbedürfnisse
  • Wie unsere Kindheit unser Verhalten prägt
  • Exkurs: Genetisch bedingt schlecht gelaunt
  • Wie die Glaubenssätze unsere Wahrnehmung bestimmen.
  • Wir glauben fast unerschütterlich an unsere Kindheitserfahrungen
  • Das Schattenkind und seine Glaubenssätze: Blitzschnell ungute Gefühle
  • Das Schattenkind, der Erwachsene und der Selbstwert
  • Entdecke dein Schattenkind
  • Die Schutzstrategien des Schattenkindes 
  • ??ile dein Schattenkind
  • Entdecke das Sonnenkind in dir
  • Von den Schutz- zu den Schatzstrategien
  • Literaturverzeichnis
  • Sachwortregister

Das Buch beginnt mit dem Hinweis auf eine Meditationen zum Download. Die Autorin Stefanie Stahl hat für die intensive Arbeit mit dem inneren Kind zwei Fantasiereisen eingesprochen, die direkt beim Kailash Verlag heruntergeladen werden können.

Das Kind in dir muss Heimat finden – so der Titel des Buches – handelt davon, dass jeder Mensch Heimat finden muss, d.h. einen Ort, an dem er sich geborgen, sicher und willkommen fühlt. Als Sprachform verwendet die Autorin die direkte Ansprache der Leserschaft mittels der „Du“-Form, sie hat sich dafür entschieden, um die Distanz zwischen Leserschaft und Autor zu überbrücken (S.17). Zudem weiß sie, dass das innere Kind nicht auf das „Sie“ reagiert.

Auch wenn manche Probleme im Leben verworren und undurchsichtig erscheinen mögen, darunter gibt es Modelle unserer Persönlichkeit, die sich in persönliche Anteile unterteilen. Es gibt kindliche und erwachsene Anteile auf der bewussten und unbewussten Ebene unserer Psyche. Wer diese Struktur kennt kann damit arbeiten und Probleme lösen. Darum geht es in diesem Buch. Der Begriff „inneres Kind“ ist eine Metapher. Sie steht für die unbewussten Anteile der Persönlichkeit, die in unserer Kindheit geprägt wurden. Und es gibt eine weitere Metapher: der „innere Erwachsene“, eine innere Instanz, die unseren rationalen und vernünftigen Verstand, also das Denken umfasst. Mit diesem Modell arbeiten viele andere Therapieansätze, die anders als Stahl noch weiter ausdifferenzieren (S. 19). Stefanie Stahl nutzt nur drei Instanzen, weil diese nach ihrer Meinung völlig ausreichen, um Probleme zu lösen: das fröhliche innere Kind, das verletzte innere Kind und der innere Erwachsene.

Das Schatten- und das Sonnenkind sind Ausprägungen unseres Persönlichkeitsanteils des „inneren Kindes“, ein Anteil, der für das Unbewusste steht. Durch die Arbeit damit gelangt es zu Bewusstsein. Sonnen- und Schattenkind bezeichnen verschiedene Bewusstseinszustände. Die Autorin hat dieses Modell aus ihrer langjährigen Arbeit als Psychotherapeutin entwickelt, sie weist darauf hin, dass es nicht wissenschaftlich belegt ist. Aus ihrer Erfahrung kann es helfen „hausgemachte Probleme“, also die Probleme, die in der eigenen Verantwortung der Person liegen, zu bearbeiten, denn sie gehen auf die Prägungen des Schattenkindes zurück oder anders gesagt auf das Selbstwertempfinden. Das Gefühlserleben hängt von dem angeborenen Temperament und von Erfahrungen in der Kindheit ab. Einen wichtigen Einfluss nehmen unbewusste Glaubenssätze, also eine tief verankerte Überzeugung, mit der die Einstellung zu uns selbst und zu unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ausgedrückt wird. Viele davon entstehen in den ersten Lebensjahren in der Interaktion zwischen dem Kind und seinen nächsten Bezugspersonen. Unter dem Begriff Schattenkind subsumieren sich die negativen Glaubenssätze, das Sonnenkind steht für unsere positiven Prägungen und guten Gefühle. Das Schattenkind steht für jenen Anteil des Selbstwertgefühls, der verletzt und entsprechend labil ist. Um mit Gefühlen klar zu kommen bzw. sie gar nicht zu spüren reagiert der Mensch mit Selbstschutzmechanismen (Schutzstrategien).

Das Kapitel Wie sich unser inneres Kind entwickelt handelt von den ersten prägenden Lebensjahren. Die Autorin stellt klar, dass es ihr dabei bei allem Pragmatismus nicht um ein einfaches Schwarz – Weiß – Denken geht. Das erläutert sie im Exkurs: Ein Plädoyer für die Selbsterkenntnis. Die Erziehung spielt eine wesentliche Rolle für das gesamte Leben. Kinder haben psychische Grundbedürfnisse, die Eltern beachten sollten.

In den folgenden Kapiteln geht die Autorin auf die vier psychischen Grundbedürfnisse konkreter ein. Auch hier schließt sich ein Exkurs an, der von dem Autonomie-Abhängigkeit-Konflikt handelt.

Die vier Grundbedürfnisse sind:

  1. Das Bedürfnis nach Bindung.
  2. Das Bedürfnis nach Autonomie und Sicherheit 
  3. Das Bedürfnis nach Lustbefriedigung bzw. Unlustvermeidung
  4. Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Anerkennung

Im Anschluss führt die Autorin aus, wie unsere Kindheit unser Verhalten prägt. Kinder passen sich den Eltern an, sie tun alles, um den Eltern zu gefallen und unterdrücken dabei Wünsche und Gefühle. Damit geht die Entwicklung von Glaubenssätzen einher, die wie eine Art Programmierung lebenslang wirken. Das innere Kind wird von weiteren Faktoren der Genetik und dem Charakter beeinflusst. Um aktuelle Probleme zu lösen, muss auf einer tieferen Ebene verstanden werden, worin das eigentliche Problem liegt. Die Autorin nennt das „das Schattenkind in uns zu Wort kommen lassen“ (S.49), um Schwachpunkte „Trigger“ zu erkennen. Neben den Gefühlen wird das Schattenkind auch von seinen Glaubenssätzen geprägt. An dieser Stelle unterscheidet die Autorin sich von anderen Ansätzen. Nach ihrer Erfahrung sind die Glaubenssätze „Wegbereiter für die Gefühle“ (S.50). Ein Glaubenssatz ist eine tief verankerte Überzeugung, die etwas über den eigenen Selbstwert und die Beziehung zu anderen Menschen aussagt. Anders ausgedrückt spricht die Autorin von einem „psychischen Betriebssystem“ (S.52), das auch unsere Wahrnehmung bestimmt. Unsere Kindheitserfahrungen sind fast unerschütterlich und die Glaubenssätze des Schattenkindes können blitzschnell ungute Gefühle auslösen, die bis ins Erwachsenenleben und dem eigenen Selbstwert wirken.

Im Kapitel Entdecke dein Schattenkind werden drei Übungen vorgestellt, um die eigenen Glaubenssätze zu finden. Es geht darum einen Kernglaubenssatz zu finden, der sich aus den eigenen Glaubenssätzen ergibt. Dabei zeigt die Autorin auch, wie es gelingen kann aus negativen Gefühlen auszusteigen und was man tun kann, wenn man wenig fühlen kann. Negative Glaubenssätze speisen sich nicht aus der wahren Abbildung der Wirklichkeit, sondern aus der subjektiven Projektion der Person auf die Wirklichkeit. Das bedeutet, dass man die Wirklichkeit durch seine eigene Brille wahrnimmt. Glaubenssätze des Schattenkindes wirken wie ein Verzerrspiegel. Diesen zu erkennen und aus dem Blickwinkel des Erwachsenen (der inneren Instanz, die unseren rationalen und vernünftigen Verstand, also das Denken umfasst) darauf zu schauen, ist ein Weg zur Veränderung.

Auch geht es darum, sich mit den Schutzstrategien des Schattenkindes auseinander zu setzen. Die meisten dieser Schutzstrategien manifestieren sich im eigenen Verhalten. Schutzstrategien bedürfen der Wertschätzung und Würdigung, sie hatten einen Sinn, sie haben das Kind geschützt. Stahl erklärt verschiedene Selbstschutzmechanismen wie die Realitätsverdrängung, Projektion und Opferdenken, Perfektionsstreben, Schönheitswahn und die Sucht nach Anerkennung, Harmoniestreben und Überanpassung, Helfersyndrom, Machtstreben, Kontrollstreben, Angriff und Attacke, Selbstschutz „Ich bleibe Kind“, Selbstschutz Flucht, Rückzug und Vermeidung, Narzissmus und der Selbstschutz Tarnung, Rollenspiel und Lügen. Als „Spezialfall“ der Schutzmechanismen führt sie die Flucht in die Sucht aus. Das Kapitel endet mit einer Übung, um seine persönlichen Schutzstrategien zu finden. Zusammenfassend stellt sie fest: Das Schattenkind ist immer dabei, Probleme lassen sich auf dieses Schattenkind zurückführen. „Mehr ist es tatsächlich nicht. Es handelt sich immer um Thema und Variation“ (S.135). Heilung gelingt dann, wenn wir erkennen/bemerken und diese Erkenntnis aktiv annehmen, dass wir Konstrukteure unserer Wirklichkeit sind. Das belegt auch die Hirnforschung.

Wir beginnen mit der Heilung des Schattenkindes, indem wir das arme verletzte Schattenkind annehmen und trösten und Verantwortung für unsere Veränderung und unser Handeln übernehmen. Das bedarf der Übung, vergleichbar damit, einen Tanz neu zu lernen: am Anfang muss man Schritt für Schritt konzentriert ausführen bis sich die Bewegungen mit der Zeit in das Körpergedächtnis einspuren, um schließlich automatisch abzulaufen. Hier schließen sich verschiedene Übungen an:

  • Übung: Finde innere Helfer
  • Übung: Starke dein Erwachsenen-Ich
  • Übung: Das Schattenkind annehmen
  • Übung  Der Erwachsene tröstet das Schattenkind
  • Übung: Überschreiben alter Erinnerungen
  • Übung: Bindung und Sicherheit für das Schattenkind
  • Übung: Schreibe deinem Schattenkind einen Brief
  • Übung: Verstehe dein Schattenkind
  • Übung: Die drei Positionen der Wahrnehmung

Das Kapitel Entdecke das Sonnenkind in dir beginnt mit dem schönen Satz: „Das Sonnenkind ist ein innerer Gefühlszustand, den wir alle lieben“ (S.158). In diesem Abschnitt erfahren wir, was das Sonnenkind eigentlich ausmacht. Das Sonnenkind trägt ein „Freude- und Spaßpotential eines unbeschwerten Kindes“ in sich. Auch hier werden Übungen vorgestellt, mit denen man erkennt, dass man für sein Glück verantwortlich ist und wie man seine positiven Glaubenssätze finden kann. Das kann in zweierlei Arten geschehen, z.B. indem man positive Glaubenssätze aus der Kindheit findet oder Kernglaubenssätze umdreht. Hier findet man auch eine Übung, mit deren Hilfe man seine Stärken und Ressourcen findet und es wird erläutert, wie hilfreich Werte sind (Übung: Bestimme deine Werte). Auch auf die Stimmung kommt es an und man kann seine Fantasie und sein Körpergedächtnis nutzen. Mithilfe einer Übung verankert man sein Sonnenkind in sich, um es im Alltag zur Seite zu haben.

Von den Schutz- zu den Schatzstrategien: die Autorin möchte ihrer Leserschaft Maßnahmen an die Hand geben, die regulierend auf Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle wirken, um so oft wie möglich in einem kraftvollen Zustand des Sonnenkindes zu gelangen oder im Zustand eines vernünftigen Erwachsenen wirken. Im Alltag wird es immer wieder darum gehen, negative Prägungen und Glaubenssätze und die damit einhergehenden Projektionen und Wahrnehmungsverzerrungen aufzulösen und sinnvolle Schutzstrategien einzusetzen. Sie nennt diese Strategien „Schatzstrategien“. Beziehungen spielen eine große Rolle, es ist wichtig, sich immer wieder zu ertappen, zwischen Tatsache und Interpretation zu unterscheiden und fortlaufend einen Realitätscheck zu machen. Das kann man üben, um eine gute Balance zwischen Reflexion und Ablenkung zu finden, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein z.B. mit der Übung des bejahenden Annehmen der Wirklichkeit oder der Übung des Wohlwollens, des Lob deines Nächsten, so wie dich selbst oder der Übung Gut ist gut genug! Es gilt das Leben zu genießen, authentisch anstatt „liebKind“ zu sein, konfliktfähig zu werden und sein Beziehungen zu gestalten. Man muss üben, um zu erkennen, wann man loslassen muss, wie man zuhören lernt und empathisch ist. Auch das Setzen gesunder Grenzen ist wichtig (hier schließt sich ein Exkurs zum Thema „das Schattenkind und das Burn-out“ an). Es gibt eine Übung zum Auflösen von Gefühlen und eine, um zu lernen, Nein zu sagen, sich selbst und dem Leben zu vertrauen. Der Exkurs „das impulsive Schattenkind“ handelt vom Regulieren seiner Gefühle. Hier sind die Kuhmeditation sowie die kleine Lektion in Sachen Schlagfertigkeit unterstützend und es ist auch erlaubt, zu enttäuschen! (Es schließt sich ein Exkurs zu Schatzstrategien gegen die Sucht an). Die nächste Übung handelt davon, die eigene Trägheit zu überwinden und in sieben Schritten gegen Schieberitis und den eigenen Widerstand vorzugehen. Dieses letzte Kapitel schließt mit zwei Übungen ab, um seine persönlichen Schutzstrategien zu finden und Schatten- und Sonnenkind zu integrieren und sich damit zu erlauben, man selbst zu sein!

Das Buch enthält ein Literaturverzeichnis und ein Sachwortregister, mit dem man gezielt und einfach nach Stichworten suchen kann.

Diskussion

Die Autorin (Diplom Psychologin) hat hier ein Buch vorgelegt, das komplexe psychologische Sachverhalte derart darstellt, dass sie verstanden und damit auch angewandt werden können. Dieser Anspruch an Verständlichkeit und Pragmatismus durchzieht das ganze Buch und zeigt sich zum Beispiel im Kapitel „Modelle unserer Persönlichkeit“, in dem sie beschreibt, wie sich die persönlichen Anteile des Menschen unterteilen: Es gibt kindliche und erwachsene Anteile auf der bewussten und unbewussten Ebene unserer Psyche. Wer diese Struktur kennt kann damit arbeiten und Probleme lösen. Darum geht es in diesem Buch. Der Begriff „inneres Kind“ ist eine Metapher. Sie steht für die unbewussten Anteile der Persönlichkeit, die in unserer Kindheit geprägt wurden. Und es gibt eine weitere Metapher: der „innere Erwachsene“, eine innere Instanz, die unseren rationalen und vernünftigen Verstand, also das Denken umfasst. Mit diesem Modell arbeiten viele andere Therapieansätze, die anders als Stahl noch weiter ausdifferenzieren (S. 19). Stefanie Stahl erkannte in ihrer praktischen Arbeit, dass nur drei Instanzen ihrer Meinung nach völlig ausreichen, um Probleme zu lösen: das fröhliche innere Kind, das verletzte innere Kind und der innere Erwachsene, ein Modell, welches verständlich ist und sich schnell einprägt. Mit dieser unkomplizierten und pragmatischen Herangehensweise gelingt es der Autorin, eine breite Leserschaft anzusprechen, was sich in der Auflage (mittlerweile ist das Buch in der 7. Auflage erschienen) spiegelt. Auch findet man das Buch auf der Spiegel Bestseller Liste, was die große Popularität belegt.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Glaubenssätze, die jeder Mensch hat, seine Gefühle und seine individuelle entwickelten passenden Schutzstrategien. Die Strategien des Schattenkindes wirken bis ins Erwachsenenleben hinein. Sie zu erkennen und zu verstehen eröffnet den Heilungsprozess, es folgt das Üben einer anderen Sichtweise, eines anderen Verständnisses sowie neuer Glaubenssätze, die mit Gefühlen einhergehen. Zahlreiche Übungen zeigen, wie aus Schutzstrategien Schatzstrategien werden können. Die Autorin gibt zahlreiche Maßnahmen an die Hand, die regulierend auf Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle wirken, um so oft wie möglich in den kraftvollen Zustand des Sonnenkindes zu gelangen oder im Zustand eines vernünftigen Erwachsenen zu wirken.

Im Alltag wird es immer wieder darum gehen, negative Prägungen und Glaubenssätze und die damit einhergehenden Projektionen und Wahrnehmungsverzerrungen aufzulösen und durch sinnvolle Schatzstrategien ersetzt zu werden. Sie lädt ein (und zeigt Übungen auf) sich immer wieder zu „ertappen“, zwischen Tatsache und Interpretation zu unterscheiden und fortlaufend einen Realitätscheck zu machen, um eine gute Balance zwischen Reflexion und Ablenkung zu finden, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein (bejahendes Annehmen der Wirklichkeit) und eine Haltung des Wohlwollens (des Lob deines Nächsten, so wie dich selbst) anzunehmen. Es gilt das Leben zu genießen, authentisch anstatt „liebKind“ zu sein, konfliktfähig zu werden und sein Beziehungen zu gestalten. Man kann üben, um zu erkennen, wann es gut ist, wie es ist, wann man loslassen muss und wie man empathisch zuhören lernt. Auch kann man gesunde Grenzen setzen und lernen „Nein“ zu sagen und sich selbst und dem Leben zu vertrauen. Es gibt Übungen, um Gefühle eines impulsiven Schattenkindes zu regulieren und man lernt eine kleine Lektion in Sachen Schlagfertigkeit, auch ist es nach der Ansicht der Autorin erlaubt, zu enttäuschen! Und zu guter Letzt geht es auch darum, die eigene Trägheit zu überwinden und in sieben Schritten gegen Schieberitis und den eigenen Widerstand vorzugehen. Ziel ist, seine persönlichen Schutzstrategien zu finden und Schatten- und Sonnenkind zu integrieren und sich damit zu erlauben, man selbst zu sein! Das Buch ist mittlerweile im Arkana Verlag auch als Hörbuch erschienen und aus dem Kailash Verlag gibt es ein Arbeitsbuch.

Kritisch möchte ich anmerken: Diese anschauliche und pragmatische Art der Vermittlung könnte dazu verleiten zu glauben, es gäbe einfache schnelle Lösungen. Wer das glaubt liegt falsch. Veränderung ist zwar möglich, aber es braucht einen langen Weg und gute fachliche Unterstützung, nicht nur bei der Anwendung der zahlreichen Übungen, sondern auch dabei, sich überhaupt einzulassen und zu nachhaltigen Erkenntnissen zu gelangen. Ob das quasi „im Alleingang“ gelingen kann wage ich zu bezweifeln.

Fazit

Jeder Mensch hat eine Sehnsucht danach, angenommen und geliebt zu werden. Im Idealfall entwickelt sich während der Kindheit das nötige Selbst- und Urvertrauen, das die Person als Erwachsenen durchs Leben trägt. Erfahrene Kränkungen prägen sich ein und bestimmen dann unbewusst das gesamte Beziehungsleben. Stefanie Stahl hat in ihrer Arbeit als Psychotherapeutin einen neuen, wirksamen Ansatz zur Arbeit mit dem sog. inneren Kind entwickelt: Wichtig ist Freundschaft mit diesem Kind zu schließen, denn dann bieten sich erstaunliche Möglichkeiten, Konflikte zu lösen, Beziehungen glücklicher zu gestalten und auf (fast) jedes Problem eine Antwort zu finden.

Der Autorin Stefanie Stahl lässt teilhaben an ihrem umfassenden Wissens- und Erfahrungsschatz. Ihr verständlicher Stil, ihre klare schnörkellose Sprache und die von ihr entwickelte nachvollziehbare Struktur machen psychologische Phänomene nachvollziehbar und damit greifbar. Anhand zahlreicher Übungen können Lösungswege gefunden werden. Als Leserin hatte ich zahlreiche Aha-Erlebnisse und Erkenntnisse, die andere psychologische Bücher durch ihre elaborierte Sprache vermissen lassen. Ihre Zielgruppe sind aber nicht nur Laien, sondern auch in Fachkreisen findet sie Beachtung.

Das hier vorgelegte Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ ist zurzeit in der SPIEGEL-Bestsellerliste und ist schon in der 7. Auflage erschienen – Zahlen, die für sich sprechen. Besonders anschaulich sind die Metaphern und Bilder, die sie verwendet hat. In den Klappen des Buches findet man das Schattenkind und das Sonnenkind als Kopiervorlage, Metaphern, die einladend wirken und fast spielerisch anmuten. Dieser scheinbar einfache Zugang könnte in die Irre führen könnte. Die Autorin verwendet im Buch das „Du“ als Anrede, eine Form, die ihren Anspruch unterstreicht, der Leserschaft Material an die Hand zu geben, mit dem sie sehr schnell den Einstieg findet. Die Kernaussage des Buches lautet: Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei, Erfahrungen und Prägungen aus der Kindheit können auch heute noch beeinflusst werden. Das Buch macht Mut, sich auf den Weg zu machen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 30.05.2017 zu: Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Kailash (München) 2015. ISBN 978-3-424-63107-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22119.php, Datum des Zugriffs 01.12.2021.


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