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Stefan Hierholzer: FachWissen - Sexualität im Alter

Cover Stefan Hierholzer: FachWissen - Sexualität im Alter. Für pflegerische Berufe. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2016. 184 Seiten. ISBN 978-3-582-04642-0. 19,95 EUR.
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Thema

„Von der Wiege, bis zur Bahre“ dieses Zitat wird immer wieder und vielfach innerhalb der Sozialwissenschaften herangezogen und verwendet um die Entgrenzung der Zielgruppen und die Weite des Forschungs- und Berufsfeldes (aller Akteure und Ebenen) hervorzuheben. Das diesem Zitat nur geringfügig gerecht wird, zeigt die Tatsache, dass die Erforschung des Alters bisher eher „stiefmütterlich“ behandelt wurde. Erst seit einigen Jahrzehnten erlangt die Erforschung des Alter(n)s immer mehr Aufmerksamkeit. Dies mag nicht zuletzt dem Voranschreiten des demographischen Wandels verschuldet sein, wie auch der zunehmenden Neuerungen und Erfolge in der Medizin und allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen, die uns Menschen heutzutage ein viel längeres und auch vielfach angenehmeres Leben ermöglichen als noch vor einigen Jahrzehnten.

Eine differenzierte Erarbeitung des Forschungs- und Berufsfeldes „Alter(n)“ begegnet den Leser_innen in dem vorliegenden Lehrbuch „Sexualität im Alter für pflegerische Berufe“ von Stefan Hierholzer. Wie der Titel bereits verrät, geht dieses Werk eine relevante Verbindung zwischen Sexualität und Alter ein, da eben diese den Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr zugestanden wird. „Trotz aller Bemühungen und gesellschaftlichen Reformbewegungen (u. a. die 1968erRevolten, Frauen- und Homosexuellenbewegung) ist und bleibt Sexualität jedoch ein Tabuthema. Dies gilt interessanterweise sowohl für den Beginn des Lebens – ‚kindliche Sexualität‘ – als auch für den letzten Lebensabschnitt ‚Alterssexualität‘“ (S. 5). Wieder einmal widmet sich Herr Hierholzer somit einem gesellschaftlichen Tabuthema und verhilft durch dieses Werk zu mehr Aufklärung und Voranschreiten des gesellschaftlichen Zugeständnisses individueller Sexualität, egal in welchem Alter.

Aufbau und Inhalt

Wie in dem vorangegangenen Lehrwerk des Autors „Sexualpädagogik in der Heilerziehungspflege“, werden zu Beginn des Buches kurze Angaben über seine Person aufgeführt. Die Relevanz dessen wird im späteren Textverlauf nochmals aufgegriffen unter dem Punkt „Wie lese ich dieses Buch?“ (S. 6), indem die Leser_innen darüber aufgeklärt werden, dass jeder noch so objektive Inhalt von der subjektiven Erschließung und Bearbeitung des Autors, nach seinen individuellen Erfahrungen und seinem Habitus, betrachtet werden muss. Vorab erfolgt zudem ein Vorwort, das nochmal die Besonderheit und Relevanz der Zusammenführung der Themen Sexualität und Alter, besonders für zukünftige Pflegekräfte des Berufsfeldes, in den Forderung stellt. Das Lehrbuch umfasst insgesamt elf Kapitel (und ein zusätzlichen Exkurs), welche im folgenden näher aufgezeigt werden.

Im ersten Kapitel „Begriffsannäherung an den Altersbegriff“ erfolgt eine komplexe Erarbeitung des Begriffs „Alter“ aus der wissenschaftlichen Perspektive der Gerontologie (Wissenschaft vom Alter/n). Was zunächst einseitig erscheinen mag, beweist in diesem Kapitel einen starken interdisziplinären Charakter, aufgrund der differenzierten (Re-)Konstruktion der unterschiedlichen Strömungen wissenschaftlicher Bezugsdisziplinen (Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Geschichtswissenschaft, Geriatrie und Kulturwissenschaft) der Gerontologie.

Diese Mehrperspektivität setzt sich im Kapitel 2 „Sexualbegriff – Begriffsbestimmungen aus pädagogischer, soziologischer und gerontopsychologischer Sichtweise“ fort, wie bereits aus dem Titel erkenntlich wird. Neben pädagogischer und medizinischer Erkenntnisse, wird vornehmlich in der Diskussion soziologischer Perspektiven die Historie der Sexualpädagogik und Sexualerziehung in den Mittelpunkt der Inhalte gestellt, um auf diese Weise den Werdegang verschiedener sexualpädagogischer Ansätze und Ansichten nachvollziehen zu können.

Das dritte Kapitel „Sexuelle Entwicklung und Biografie des Menschen“ umfasst eine differenzierte (Re)Konstruktion und Darstellung der sexuellen Sozialisation vom ersten Lebensjahr an bis ins Alter unter entwicklungspsychologischer Sicht. Besonders hervorzuheben für zukünftige Fachkräfte sind hierbei die Ausführungen zum Erlernen von Sexualität und der Zusammenhang zwischen Sexualität und Identität, die die unabdingbare Sensibilität und Empathie für die Arbeit mit Menschen im höheren Alter nochmals unterstreichen. Denn was bleibt vom Menschen, wenn man diesem seine Identität aberkennt?

Während im vorherigen Kapitel die sexuelle Entwicklung bei Frauen im Alter diskutiert wurde, steht zu Beginn des Kapitel 4 „Heterosexuelle Paarbeziehungen“ die sexuelle Entwicklung des Mannes im Alter im Zentrum der Erkenntnisse. Anschließend erfolgen Ausführungen zu partnerschaftlichen Modellen und Formen, welche sich an dieser Stelle allerdings auf die heterosexuelle Partnerschaft beschränken.

Homosexuelle Paarbeziehungen werden im folgendem fünften Kapitel „Nicht heterosexuelle Ausdrucksformen im höheren Lebensalter (Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualitäten)“ aufgezeigt. Nachdem vorab Stellung zur sexuellen Identität und ihrer historischen Entwicklung genommen wird, wird den Leser_innen in diesem Kapitel die Vielfältigkeit menschlicher Sexualität bewusst. Ebenso relevant zuzüglich zu diesem Basiswissen, ist die Erarbeitung verschiedener Coming-out Modelle, die vor allem den Fachkräften relevante Informationen für die Praxis aufzeigen.

Kapitel 6 „Sexuelle Störungsbilder im Alter“ ist gerade für zukünftiges Pflegepersonal besonders wichtig, wenn es um die Unterstützung individueller Sexualität im Alter geht. Sehr differenziert wird vornehmlich auf die physiologischen Veränderungen und damit verbundenen Einschränkungen von Menschen im Alter eingegangen und mögliche Tipps und Hilfen im Umgang mit diesen Einschränkungen gegeben. Meines Erachtens nach unumgängliches Wissen für alle Fachkräfte, um ihre Klienten professionell zu unterstützen, Ängste zu nehmen und in ihrer (sexuellen) Identität zu bestärken.

Nicht erst seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ ist die Multikulturalität unserer Gesellschaft nicht zu leugnen. Spätestens jetzt wird jedem Menschen bewusst, wie stark Kultur und Sozialisation zusammenhängen und somit eine Vielfalt an Paradigmen, Normen und Werten in einer Gesellschaft aufeinander treffen und ggf. aneinander geraten. Dieser Thematik nimmt sich das Kapitel 7 „Kultursensible Sexualpflege“ an. Hierzu werden zunächst grundlegende Arbeitsbegriffe, wie Migration und Kultur, in ihrer Komplexität aufgeführt, um darauf aufbauend die Grundsätze interkultureller Kompetenz darzustellen. Besonders hilfreich für zukünftige Fachkräfte ist die Aufführung und Diskussion unterschiedlicher interkultureller Pflegemodelle und weiterführende Tipps zum Umgang mit interkultureller Sexualität.

Professionalität erfordert Qualität. Qualitätsmanagement- und Qualitätsentwicklungsmodelle sind aus dem Professionalisierungsprozess personenbezogener Dienstleistungen nicht wegzudenken. Sie sind sogar unabdingbar um professionelle Arbeit zu planen, zu leisten und auszuwerten. Eine Hilfestellung für zukünftige Fachkräfte wird in dem Kapitel 8 „Qualitätsmanagement – Qualität und Sexualität“, in dem verschiedene Planungs- und Strukturierungsmodelle aus dem Qualitätsmanagement der Pflegeberufe skizziert und diskutiert werden.

Dafür, dass der Assistenzbedarf nicht allein auf den alltäglichen Hilfebedarf im Haushalt beschränkt sein sollte sondern auch den Bereich der Sexualität der Klienten mit einschließt wird unter Kapitel 9 Sexualassistenz“ plädiert. Hierbei werden sehr übersichtlich und gut strukturiert die beiden Bereiche „aktive Assistenz“ und „passive Assistenz“ dargestellt und auf der Grundlage der rechtlichen Rahmenbedingungen argumentiert.

Der Zusammenhang zwischen sexuellen Störungen und des Krankheitsbildes Demenz wird im zehnten Kapitel „Sexualität & Demenz“ aufgezeigt und durch Beispielen und Tipps für Pflegefachkräfte praxisorientiert ergänzt.

Ein besonders sensibles Thema innerhalb der Pflege ist die Intimpflege. Diese Sensibilität wird durch die Betrachtung von Sexualität im Alter noch verstärkt und kann durchaus zu Spannungsfeldern führen, welche im elften Kapitel „Intimpflege“ dargelegt werden. Besonders hilfreich sind aufgeführte Reflexionsfragen bzgl. Tabuzonen, Intimsphäre, Nähe und Distanz zur Unterstützung der beruflichen Habitusbildung.

Neben dieser Kapitelaufteilung folgt im Anschluss ein sehr ausführlicher Exkurs „ Schattenseite des Sexuellen – sexualisierte Gewalt im Alter“. Dieses Thema ist aufgrund des oftmals hohen Machtgefälles innerhalb personenbezogener Pflegeberufe zwischen den Fachkräften und ihren Klient(en)Innen besonders wichtig. Dieser Exkurs verfügt nicht nur über relevante Inhalte, wie Definitionsannäherungen, Arten und Umstände sexuellen Missbrauchs, TäterInnenprofile sondern zudem über wichtige Hinweise, wie Fachkräfte (oder andere Menschen im Umfeld des Opfers) mit diesem Thema innerhalb der beruflichen Praxis sensibel umgehen sollten. Besonders erscheinen diesbezüglich auch die Ausführungen bzgl. verschiedener Präventionsstrategien hilfreich für die berufliche Praxis zukünftiger Fachkräfte.

Diskussion

Das vorliegende Lehrbuch wird seinem Ziel gerecht, Vorurteile abzubauen und die Tabuisierung eines besonders wichtigen menschlichen Entwicklungsbereichs aufzubrechen.

Das Thema Sexualität im Alter wird hier auf 168 Seiten differenziert dargestellt und diskutiert. Die Inhalte bauen vielmals aufeinander auf. Wie auch im Werk davor, werden die interessanten Fragestellungen und konstruktiven Aussagen vielfältig mit Grafiken, Übersichten und tabellarischen Gegenüberstellungen ergänzt, die die Verständlichkeit der Inhalte positiv unterstützen, sodass diese Lektüre auch für Interessenten außerhalb des Arbeitsfeldes der Altenpflege gewinnbringend ist. Besonders hervorzuheben sind die vielfach aufgeführten Tipps und weiterführenden Links, wie auch immer wieder aufgeführte Reflexionsfragen. Gerade diese machen das Werk zu dem, was es ist: Ein Lehrwerk. Vor allem Berufe im personenbezogenen Dienstleistungssektor, wie die Altenpflege, haben die Besonderheit, dass sich die Akteure mit ihrer ganzen Persönlichkeit einbringen. Daher ist die Ausbildung und später auch die Berufsausübung immer auch Habitusentwicklung. Selbstreflexion und stetige Überprüfung eigener Einstellungen, Handlungen und Wahrnehmung sind somit unabdingbares „Arbeitswerkzeug“ für professionelles Handeln, da diese das berufliche Tun maßgeblich beeinflussen. Die aufgeführten Reflexionsfragen unterstützen diese Selbstreflexionsprozesse und helfen den Leser_innen sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Immer wieder werden einzelne Quintessenzen übersichtlich und leicht auffindbar in einem separatem Textfeld zusammengetragen, die einen pointierten Überblick über die wichtigsten Inhalte enthalten. Von historischen Rekonstruktionen über Gegenwartsdiskussionen, hin zu Zukunftsprognosen wird die Vielfältigkeit der menschlichen Sexualität facettenreich aufgezeigt. Hierbei ist es dem Autor gelungen, die Diversität der (Lebens-)Welten von Männern und Frauen, inter- und transsexuellen Menschen zu verdeutlichen und den Leser_innen wertvolle Impulse zum (Weiter-)Denken und Ausgestalten zu geben. Dies zeigt sich vornehmlich in den zahlreichen Definitionsannäherungen relevanter Grundbegriffe, wobei niemals die eine absolute Definition aufgezeigt und angepriesen wird. Der Autor gibt vielmehr Definitionsanreize, die die Wandelbarkeit und Veränderung der Begrifflichkeiten zulassen. Hierbei ist es ihm gelungen, die unterschiedlichen Ansichten innerhalb der Wissenschaft miteinander zu diskutieren und sinnvoll zu vereinen. Diesbezüglich ermöglicht er dem/der Leser_in sich verschiedener wissenschaftlicher Zugänge zu dem Thema zu bedienen (bspw. pädagogisch/ medizinisch-biologisch/ psychoanalytisch/ soziologisch). Wobei der Autor nicht allein zusammenträgt und rezipiert. Die wissenschaftlichen Ausführungen und Modelle werden durchgängig kritisch reflektiert und weitergedacht, wodurch es ihm gelingt einige Forschungslücken aufzuführen.

Gerade bei diesem inhaltliche Volumen und der Facettenreichtum ist ein logischer Aufbau besonders wichtig. Dies ist die Schwachstelle dieses Werkes. So werden in Kapitel 6 „Sexuelle Störungsbilder im Alter“ unterschiedliche Krankheitsbilder des Alters und damit verbundene Auswirkung auf Sexualität diskutiert, eines der größten Krankheitsbilder, das der Demenz, allerdings in einem gesonderten Kapitel (10) aufgeführt. Warum erfolgt diese Trennung? Zumindest wäre ein Verweis für die Leser_innen in Kapitel 6 auf Kapitel 10 hilfreich, wenn man erfolglos in diesem Kapitel nach dem Krankheitsbild Demenz sucht. Ähnlich verhält es sich mit dem Themenkomplex „Sexualität des älteren Mannes“ (S.70), welcher separiert in einem neuen Kapitel (4) aufgeführt wird und nicht wie das Thema „Sexuelle Entwicklung zwischen Jugend und Alter bei Frauen“ (S.58) dem Kapitel 3 „Sexuelle Entwicklung und Biografie des Menschen“ zugeordnet wird. Dies wird zwar auf Seite 58 begründet „Dies geschieht daher, da gegenwärtig weibliche Sexualität immer in Abhängigkeit zu männlicher Sexualität gedacht, erlebt und konstruiert wird (vgl. Connell 1999, Butler 1991). Diese „hegemoniale Männlichkeit“ führt dazu, dass Weiblichkeit immer in Abhängigkeit zu männlichen Vorstellungs- und Deutungsmustern geschieht“, was allerdings den Aufbau an sich in Frage stellt. Wenn die männliche Sexualität eine Vormachtstellung zugeschrieben wird, von der die weibliche Sexualität abhängig ist, wäre es interessant, zunächst diese aufzuzeigen und zu hinterfragen, um dann anschließend Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Abhängigkeiten der weiblichen zur männlichen Sexualität herauszuarbeiten. Auch wenn dies nicht geschieht, fehlt wieder an dieser Stelle für die Leser_innen ein Verweis zu Seite 70 „4.1 Sexualität des älteren Mannes“.

Trotz der inhaltliche Fülle bleiben immer wieder Fragen und Aspekte für die Leser_innen unbeantwortet. Während beispielsweise die Sexualität schwuler Männer unter dem Punkt 5.7 auf Seite 95 aufgeführt wird, wird die Sexualität lesbischer Frauen nicht explizit thematisiert. Zudem werden Differenzierungen gemacht, die nicht weiter ausgeführt werden, wie beispielsweise auf Seite 37 „Wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Sexualität der Frau ambivalent betrachtet. Einerseits wurde ihr Passivität bei allen sexuellen Aktivitäten attestiert, andererseits gab es immer wieder Berichte von Frauen, die sexuell ausschweifend lebten und entweder ehebrecherischen Aktivitäten nachgingen oder gar sexuelle Dienstleistungen gegen Geld anboten. Wohlgemerkt waren damit nicht die durchaus bekannten Huren gemeint, sondern bürgerliche Frauen und Mädchen, die sich nicht dem strengen bürgerlichen Geschlechterdiktat unterwarfen“. Worin besteht der Unterschied zwischen einer bürgerlichen Frau, die sexuelle Dienste gegen Geld anbot und einer sogenannten Hure?

Des Weiteren, wird unter Kapitel 5 „Nicht heterosexuelle Ausdrucksformen im höheren Lebensalter (Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualitäten)“ die Vielfalt der menschlichen Sexualität aufgeführt. Allerdings wird an dieser Stelle die Asexualität nicht dargelegt. Dies ist ein besonderes Versäumnis, da gerade diesbezüglich der gesellschaftliche Irrglaube besteht, Asexualität mit sexueller Abstinenz gleichzusetzen. Dies vermag das Buch zu unterstützen „Sexualität ist eine humane Triebenergie, die – lebenslang bei fast allen Menschen (mit Ausnahme von Asexuellen) besteht“ (S. 44). Diese Aussage ist irreführend, da bei asexuellen Menschen sowohl sexuelle Interaktionen, wie auch romantische Anziehung nicht ausgeschlossen sind. Auch die Libido kann bei asexuellen Menschen unterschiedlich stark oder schwach ausgeprägt sein (vgl. http://asexuality.org). Eine differenzierte Diskussion dieses Themenfeldes, vor allem auch bezüglich der Besonderheiten, die sich für asexuelle Menschen in Paarbeziehungen ergeben, wäre innerhalb dieses Werkes ein Zugewinn.

Das Werk hat sich zum Ziel gesetzt, gesellschaftliche Tabuthemen wie Sexualität (im Alter) mehr in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses zu rücken und durch Aufklärung geschlechtliche Diversität nicht nur zu mehr Akzeptanz, sondern zur Gleichstellung mit Heterosexualität zu verhelfen. Um so mehr verwundert es, dass in dem Werk selbst separiert wird. So beispielsweise bei der Titulierung des Kapitel 5 „Nicht heterosexuelle Ausdrucksformen im höheren Lebensalter (Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualitäten)“ lässt vermuten, dass Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualität andersartig als Heterosexualität gesehen wird. Die Heterosexuellen und die Anderen. Auch inhaltlich findet diese Trennung statt, wie beispielsweise auf Seite 69: „Dennoch wird an dieser Stelle eine „künstliche Trennung“ zwischen den Erkenntnissen von Paarbeziehungen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Paarkonstellationen gemacht. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass gleichgeschlechtlich liebende Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart Repressionen, Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt waren und sind. Zunächst wird sich den Erkenntnissen zu heterosexuellen Paarkonstellationen zugewandt“. Ist es aufgrund dieser Begründung, dass homosexuelle Beziehungen unterdrückt und diskriminiert werden, nicht vielmehr notwendig, sich gerade diesen Paarkonstellationen ausführlich zu widmen?! Diese vermeintliche Monopolstellung der Heterosexualität wird weiterführend dadurch deutlich, dass der heterosexuellen Paarkonstellationen ein gesamtes Kapitel gewidmet wird (Kapitel 4), während hingegen weitere Paarkonstellationen, wie bei homosexuellen Menschen, nur auf wenige Seiten im fünften Kapitel aufgeführt werden. Paarkonstellationen weiterer sexueller Orientierungen werden leider nicht thematisiert. Dies gilt es nicht nur unter dem Aspekt der Gleichstellung nachzuholen. Paarkonstellationen sind so facttenreich, wie die menschliche Sexualität selbst und das Wissen darüber wäre für zukünftige Fachkräfte relevant, wenn sie dem Anspruch der Unterstützung der individuellen Sexualität ihrer Klienten gerecht werden sollen.

Fazit

Dem Autor ist mit diesem Lehrbuch zum wiederholten Male eine gesamtgesellschaftskritische Erarbeitung einer Tabuzone mit viel Mut im direkten, aber doch stets fachlichen, Sprachgebrauch gelungen. Er erhebt in diesem Buch die Stimme für alle Menschen im Alter, denen nicht nur die Autonomie sondern auch das Recht auf die individuelle Sexualität aberkannt wird. Altenpflegekräfte und weiteres Fachpersonal müssen diesbezüglich als Akteur(e)Innen von gesellschaftlichen Veränderungen aufgeklärt und ernst genommen werden, um gemeinsam gegen Diskriminierungen dieser Art tätig zu werden. Dies ist im mit diesem interdisziplinären Fachbuch gelungen, das durch die Anwendung und Diskussion verschiedener pädagogischer Ansätze und unter Einbezug verschiedener Bezugswissenschaften eine umfassende Einführung in das Thema der Sexualität im Alter leistet, welches nicht nur für Auszubildende dieses Berufszweiges sondern für jeden Interessenten lesenswert ist.


Rezensentin
Sabrina Jankowski
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Zitiervorschlag
Sabrina Jankowski. Rezension vom 30.01.2017 zu: Stefan Hierholzer: FachWissen - Sexualität im Alter. Für pflegerische Berufe. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-582-04642-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22120.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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