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Antje Liening-Konietzko: Schüler­partizipation ermöglichen

Cover Antje Liening-Konietzko: Schülerpartizipation ermöglichen. Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern an Gemeinschaftsschulen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 454 Seiten. ISBN 978-3-8474-2021-7. D: 56,00 EUR, A: 59,70 EUR.

Studien zur Bildungsgangforschung, Band 45.
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Thema und Ziel

Wie Partizipation in Bildungs- und Erziehungsprozessen gelingen kann, ist eine der Kernfragen moderner Pädagogik. Nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe – insbesondere in Kindertageseinrichtungen – gibt es schon seit längerem entsprechende Diskurse in Forschung und Praxis, sondern auch in der Schulpädagogik. In der Folge der Bund-Länder-Kommission „Demokratie lernen und leben“ (2002-2005) entstanden viele wissenschaftliche und praktische Initiativen, um Partizipationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in Schulen auszuweiten.

Die vorliegende Arbeit – zugleich Dissertation der Autorin – nimmt die Aufgabe der Lehrenden als „Ermöglicher*innen“ von Partizipation in den Blick. Die Autorin versteht Partizipation als „etwas, das den Lernenden als Möglichkeitsraum von der Lehrperson zugestanden wird“.

Konkret untersucht die Autorin auf der Basis von Leitfadeninterviews die Erfahrungen von zehn Lehrer*innen an zwei sehr unterschiedlichen Berliner Gemeinschaftsschulen. Von dieser Schulform wird eine starke Orientierung am Kind/Jugendlichen erwartet und somit geraten auch Partizipationsmöglichkeiten in den konzeptionellen Fokus. Die Autorin kontrastiert Erfahrungen und Praxis an einer Gemeinschaftsschule, in der das Kollegium sich bewusst um Partizipation bemüht, mit einer anderen Schule, die (anscheinend) weder das Personal entsprechend dem Auftrag einer Gemeinschaftsschule auswählen und ausbilden konnte, noch über entsprechende organisationale Strategien der Qualifizierung verfügt.

Autorin

Antje-Liening-Konietzko ist Lehrerin an der reformpädagogischen Max-Brauer-Schule in Hamburg, in der Partizipation zum Schulkonzept und -programm gehört.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil erläutert die Autorin im ersten Kapitel ihr Verständnis von Schülerpartizipation. Sie referiert ausführlich ihre Bezugspunkte und den Forschungsstand. Sie macht deutlich, dass Partizipation Bestandteil einer demokratischen Schule und zugleich einer modernen schülerorientierten Didaktik ist. Insofern bezieht sich Partizipation in der Schule auf den Unterricht, die Schulklasse und die gesamte Schule als Organisation und als wichtiger Bestandteil der demokratischen Öffentlichkeit. Der gesetzlich geregelte Rahmen der Schülermitbestimmung bildet insofern nur ein Element eines umfassenden Partizipationskonzeptes. In ihrer ausführlichen Beschäftigung mit dem Diskurs über Schülerpartizipation wird deutlich, dass bereits in den 1970er und 1980er Jahren der umfassende Rahmen von Schülerpartizipation konzeptionell ambitioniert ausformuliert war; so. z.B. durch Dieter Baacke und Bodo Brücher (1982), die schon damals deutlich machten, dass Partizipation nicht nur in Mitbestimmungsgremien gelebt werden sollte, sondern sich auch in allen Interaktionen zeigen und bewähren müsse. Der umfassende Anspruch dieses Konzeptes, so z.B. die Erwartung, dass Partizipation auf die Rekonstruktion lebensweltlicher Totalität in der Schule abziele und als gemeinsamer Lernprozess von Schüler*innen und Lehrer*innen gestaltet werden müsse, fordert selbst die beste schulische Praxis bis heute heraus.

Im zweiten Kapitel stellt die Autorin einen aufwändigen theoretischen Bezug zur Professionalisierungsforschung her – was hier nicht weiter kommentiert wird.

Im dritten Kapitel leitet sie ihre Forschungsfragen her. Sie konzentriert sich in ihren Interviews mit Lehrer*innen auf die Fragen nach dem konzeptionellen Verständnis, den Potentialen, die sie in der Schülerpartizipation sehen, den beruflichen Anforderungen und den förderlichen und hinderlichen Bedingungen sowie den Haltungen und Orientierungen der Lehrenden.

In einem zweiten Teil des Buches (Kapitel 4-7) erläutert die Autorin den Untersuchungsrahmen, das Forschungsdesign und das Forschungsfeld, d.h. die beiden Schulen, an denen die Kolleg*innen tätig sind.

Im dritten Teil werden dann die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt. Das Material ist sehr interessant und vielfältig; die Interviews sehr aussagekräftig. Es ergibt sich allerdings ein stark kontrastierendes Bild einer guten, auf Partizipation setzenden Schule und einer in diesem Bereich letztlich nicht ausreichend guten Schule. Da, wo die Studie nah am Material, d.h. bei den Interviews, bleibt, ist die Arbeit anregend und spannend zu lesen. Es zeigt sich in vielen Details, wie unterschiedlich die Arbeit von Lehrenden verstanden werden kann und wie konkret Partizipation gedacht und angeboten werden kann.

Im vierten Teil des Buches werden schließlich die Ergebnisse abschließend bewertet; hierzu nutzt die Autorin insbesondere professionstheoretische Modelle. Die Autorin will in diesen Kapiteln verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit dem Anspruch der Schülerpartizipation „Professionalisierungspotentiale“ für Lehrerinnen und Lehrer bereithält.

Diskussion

Die Studie „Schülerpartizipation ermöglichen“ untersucht die professionsbezogene Perspektive des Themas Partizipation an Schulen. In den leitfadengestützten Interviews werden unterrichts-, klassen- und schulbezogene Vorstellungen und Erfahrungen der Lehrenden deutlich. In der Studie wird das Material sehr anschaulich und prägnant verdichtet und interpretiert.

Im Ergebnis steht die reformpädagogische Schule gut da. Das Kind steht mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt und die Lehrenden schaffen einen Rahmen für (begrenzt) selbstgesteuertes Lernen. Das ist programmatisch ohne Frage sympathisch und erfordert sicherlich breite Partizipationsmöglichkeiten. Schade ist, dass die Studie über diese programmatische Ebene wenig hinauskommt und man wenig über die tieferliegende Realität erfährt; also über echte Konflikte, Grenzen, Missverständnisse und Widersprüche der Partizipation.

Möglicherweise ist das schulpädagogische Verständnis von Partizipation allgemein heute stark auf die funktionale Perspektive von Partizipation verengt. So wird in der Studie an keiner Stelle diskutiert, dass Partizipation keine pädagogische Kategorie und kein pädagogischer Begriff ist. Partizipation ist ja eher ein politikwissenschaftlicher Begriff, der die kritische Betrachtung pädagogischer Praxis in einer Organisation aus demokratietheoretischer Perspektive ermöglichen soll. Daher ist es wohl verkürzt, die Übernahme von Verantwortung der Schüler*innen für den eigenen Lernprozess in den Mittelpunkt des Themas zu rücken. Fragen von Macht und Ohnmacht, Widerspruch und Widerstand, Engagement, Streit und vieles mehr bleiben in der Studie außen vor.

Fazit

Die Autorin legt auf kleiner empirischer Basis eine umfassende Analyse von Erfahrungen und Verständnis der Umsetzung von Konzepten von Partizipation vor. Dabei wird deutlich, was Partizipation in Schule alles bedeuten kann und dass auch der Unterricht keineswegs partizipationsverschlossen sein muss – im Gegenteil: gerade für den eigenen und gemeinschaftlichen Lernprozess können auch Schüler*innen Verantwortung übernehmen.

Der Studie ist anzumerken, dass es sich um eine Qualifikationsarbeit handelt, in der alle Arbeitsschritte sorgfältig in unterschiedliche Richtungen begründet und abgegrenzt werden müssen. Es werden viele komplexe und komplizierte Übersichten, Schemata und Schaubilder entworfen, die zwar das Buch strukturieren, aber den Lesefluss meistens eher stören.

Das von der Autorin entfaltete Verständnis von Partizipation ist sehr unterrichtsbezogen. Sie stellt dabei das Ideal der individuellen Verantwortungsübernahme für das eigene Lernen in den Mittelpunkt ihrer normativen Erwartungen. Damit wird sie der Komplexität des Begriffs der Partizipation und der Machtbeziehungen in der Organisation Schule meines Erachtens nicht umfassend gerecht.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 02.06.2017 zu: Antje Liening-Konietzko: Schülerpartizipation ermöglichen. Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern an Gemeinschaftsschulen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2021-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22124.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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