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Christoph Duymel: Drogengebrauch in jugendkulturellen Szenen

Cover Christoph Duymel: Drogengebrauch in jugendkulturellen Szenen. Zwischen genußvollem Konsum, Abhängigkeit und Sucht. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. 192 Seiten. ISBN 978-3-8258-7362-2. 17,90 EUR.

Reihe: Sucht - Band 4.
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Der Autor

Über die Ausbildung oder Tätigkeit des Autors finden sich keine genauen Angaben - im Text heißt es "wir Pädagogen" bzw. Sozialpädagogen ( S.154, 177 ).

Zum Thema

Der Drogengebrauch bei den Jugendlichen ist ein vieldiskutiertes Thema, besonders in der Drogenpolitik. Aus den verschiedenen gesellschaftlichen Richtungen werden zahlreiche Theorien in die Debatte eingebracht. Die Gesellschaft insgesamt agiert dabei ziemlich hilflos. Wesentliche Punkte dabei dürften sein, dass die damit befassten Personen, die positiven Wirkungen der Suchtstoffe nicht vollständig und klar erfasst haben und eine diesbezügliche Suchtforschung in Deutschland nicht existiert. Die Diskussion geht weitgehend um die Schädigungen, die ja nur als Folge des Konsums anzusehen sind. Die Frage, warum Menschen Suchtstoffe einnehmen, bleibt dabei unbeantwortet. Ein Buch über diesen gesamten Bereich, wie der Titel sagt, ist zu begrüßen.

Inhalt

  • In den Kapiteln 2 und 3 werden die Begriffsdefinitionen von Drogen, Sucht und Abhängigkeit vorgestellt. Nach der Diskussion von verschiedenen Äußerungen in der Literatur stellt der Autor fest "Eine allgemein gültige Definition von Drogen existiert nicht" und er weist darauf hin, wie schwimmend die Grenzen zwischen Droge, Genussmittel, Arzneimittel und Lebensmittel sind ( S. 20 ). Hier werden etwas großzügig verschiedene Funktionen in einen Topf geworfen. Bezüglich der Sucht und Abhängigkeit wird ebenfalls gesagt, dass es eine allgemeingültige Definition nicht gibt. Bei der Besprechung nach dem Nutzen einer Definition verliert der Autor sich in den Bereich des jährlichen Umsatzes des internationalen Drogenschwarzmarktes.
  • Anschließend werden die "Merkmale von Sucht und Abhängigkeit" besprochen. Der zentrale Faktor einer Sucht die psychische Abhängigkeit wird mit 14 Zeilen erledigt und bringt keine konkreten Gesichtspunkte ( S.36 ). Bei den Theorien der Abhängigkeit werden die psychoanalytische Theorie, die Lerntheorie und die neurobiologischen Theorie vorgestellt. "Zusammenfassend ist zu sagen, dass es die einzig wahre Erklärung für die Entstehung von Sucht und Abhängigkeit nicht gibt, da es keiner Theorie gelingt sämtliche Aspekte einer Droge und Lebenszusammenhänge eines Individuums für eine Erklärung zusammenzufassen" (S.47). Dieser sehr hohe Anspruch ist wohl nicht zu erfüllen. Bei der Frage nach allgemeingültigen Definitionen dürfte es nie eine konkrete Antwort geben. Die modernen neurobiologischen Aussagen beruhen weitgehend auf naturwissenschaftlichen Experimenten, die wesentlich zum Verständnis der Suchtproblematik beigetragen haben. Darauf wird nur sehr kurz eingegangen.
  • Das fünfte Kapitel stellt die entscheidende Frage "Warum nehmen Menschen Drogen?" In drei Abschnitten "Funktionen des Drogenkonsums, Drogen und Identität und Kompensatorische Funktion" wird die Frage erläutert. "Alle Drogen rufen ein bestimmtes, zum Teil angenehmes Gefühl im menschlichen Organismus hervor" (S.49). Nähere Angaben erfolgen nicht. Diese Gefühle hätten nun ausführlich und konkret dargestellt werden sollen, um eine Antwort auf die obige Frage zu erhalten.
  • Das Kapitel 6 beschreibt die verschiedenen illegalen Drogen: Amphetamine, Cannabis, LSD, Kokain, Heroin und Ecstasy. Es werden die historische Entwicklung, die Substanz, die Wirkung und die Risiken der Stoffe besprochen. Die Darstellung ist allgemein und teilweise bruchstückhaft. Es ist streckenweise ein Sammelsurium von überspitzten Formulierungen.
  • Das 7. Kapitel behandelt den "Gesellschaftspolitischen Aspekt: Gebrauch und Missbrauch". Die Diskussion geht hier über die Illegalität der Drogen, über den kontrollierten Konsum und ausführlich über die Partydroge LSD. "Ich möchte hiermit keine Propaganda zum freien Drogenkonsum für jedermann betreiben, mir geht es in erster Linie um die Akzeptanz von Drogenkonsumenten in der Gesellschaft, fernab von politischer, gesellschaftlicher und polizeilicher Ächtung" ( S. 123). Die Argumentation ist oft nicht begründet, teilweise oberflächlich und nicht zusammenhängend.
  • Das 8. Kapitel stellt "Die Bedeutung der Jugendkultur" auf viereinhalb Seiten dar. Es finden sich sehr allgemeine Aussagen über die heutigen Jugendlichen. "Jugendliche sollten als Subjekte und ihr Drogenkonsum als Baustein der Identitätsentfaltung angesehen werden" (S. 127 ). Eine Begründung dafür fehlt.
  • Das 9. Kapitel handelt von einer "Entmystifizierung und Differenzierung" auf einer Seite. "Als Erstes halte ich es für sinnvoll, eine Entdramatisierung vorzunehmen, in dem wir bestimmte Mythen, die die Sicht auf Drogen verzerren, aufheben (...)
  • Weiter müsste darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sinnvoll ist, besser zu differenzieren(...). Auch muss die hemmende Fixierung auf die Droge fallengelassen werden, denn es ist klar geworden, dass nicht alles Schlechte auf die Droge zurückzuführen ist."
  • Eine tiefere Begründung für diese Feststellungen fehlt.
  • Das 10. Kapitel berichtet über die Prävention auf 22 Seiten. Der Autor formuliert seine Position: "Ein realistisches Ziel ist meiner Meinung nach die Vermeidung von Abhängigkeit und nicht die Durchsetzung eines Totalverbotes für psychoaktive Substanzen" (S. 134 ). Er beschreibt folgende Bereiche: Primäre Prävention - Gesundheitsförderung, Risikobegleitung, Sekundärpräventive Maßnahmen und Akzeptanzorientierte Drogenarbeit. "Psychoaktive Substanzen (...) können dazu beitragen die Gesundheitsbalance herzustellen, indem sie die psychischen Bewältigungskapazitäten als Schutzfaktor vor Belastungen stabilisieren" ( S. 135). Er weist auf die Genusskomponenten der Drogen hin. Insgesamt wird das Thema allgemein und oberflächlich behandelt. "Da die Entstehung von Drogengebrauch und -missbrauch einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge zugrunde liegt, ist es geradezu unmöglich, allgemein gültige Präventionsmaßnahmen zu entwickeln..." (S.146).
  • Das 11. Kapitel "Kapitalismus vs. Genuss" bringt überwiegend eine kulturkritische Darstellung der heutigen Zeit. "Der Kapitalismus leistet m. E. süchtigem Verhalten Vorschub" ( S.155 ). Dann stellt er selbst die Frage: "Sie werden sich sicher fragen, was all dies mit Drogengenuss zu tun hat?"
  • Das letzte Kapitel bespricht auf 10 Seiten den "Drogen-Genuss". Er schreibt: "Genuss ist demnach charakterisiert durch kontrollierten Konsum und bewusste Askese. Es ist äußerst schwierig, Jugendlichen den Balanceakt zwischen Genuss und Missbrauch zu vermitteln. Und wahrscheinlich kann auch jeder selbst herausfinden, wie es funktioniert" ( S. 173 ). Dies dürfte das zentrale Kapitel des Buches sein, aber eine konkrete und ausführliche Darstellung des Genuss-Gefühl bei der Drogeneinnahme erfolgt nicht.

Die Liste der Literatur umfasst 129 Quellen und 22 Internet-Quellen. Ein Schlagwortverzeichnis fehlt.

Kommentar

Das Buch bringt eine ausführliche Übersicht über die zahlreichen diesbezüglichen Meinungen, Vorstellungen und Mythen in der Literatur aus dem psychosozialen und drogenpolitischen Bereich. Im Prolog sagt der Autor, dass er ein wenig mit dieser Arbeit dazu beitragen möchte, an den Mythen über Drogen zu "kratzen" (S. 14 ). Er hat gekratzt, aber nicht tief geschürft. Die Faktoren, die im Titel aufgeführt sind, der Drogengebrauch zwischen genussvollem Konsum, Abhängigkeit und Sucht in der jugendkulturellen Szene, sind nur fragmentarisch bearbeitet worden. Der Beginn des Drogenkonsums in der Jugend wird nur am Rande dargestellt. Die Ausführungen sind insgesamt oberflächlich, allgemein und wenig konkret. Im Text werden keine Befragungen oder Untersuchungen angeführt. Fast die Hälfte der Texte besteht aus den Zitaten anderer Autoren. Die Aussagen springen hin und her und es ist nicht möglich, begründete Stellungnahmen zu finden. Im Epilog schreibt der Autor, dass er versucht habe, die Komplexität von psychoaktiven Substanzen mit all ihren Tücken darzustellen. Der psychologische Bereich der Psychoaktivität bzw. des genussvollen Konsums als entscheidender Ausgangspunkt einer stoffgebunden Abhängigkeit wird nicht ausführlich dargestellt. Die Suchtstoffe Alkohol und Nikotin werden nicht behandelt, obwohl sie wesentliche Erkenntnisse zu dem Thema beisteuern könnten.

Das Buch ist empfehlenswert für denjenigen, der sich kurz über die zahlreichen Diskussionen über die Drogen informieren will.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 22.03.2005 zu: Christoph Duymel: Drogengebrauch in jugendkulturellen Szenen. Zwischen genußvollem Konsum, Abhängigkeit und Sucht. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. ISBN 978-3-8258-7362-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2213.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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