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AK Postwachstum (Hrsg.): Wachstum - Krise und Kritik

Cover AK Postwachstum (Hrsg.): Wachstum - Krise und Kritik. Die Grenzen der kapitalistisch-industriellen Lebensweise. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 315 Seiten. ISBN 978-3-593-50652-4. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,60 sFr.
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Thema

Gefragt wird nach den Möglichkeiten einer Reduktion oder Rücknahme wirtschaftlichen Wachstums (Degrowth) vor dem Hintergrund der unübersehbaren Naturzerstörung und der prognostizierten Erschöpfung der fossilen Energie.

Entstehungshintergrund

Der Arbeitskreis Postwachstum entstand im Kontext des Jenaer DFG-Forschungskollegs Postwachstumsgesellschaften. Die Beiträge des Bandes gehen auf zwei Workshops zurück, die der AK in 2013 und 2014 zu den Themen „Wachstumszwänge im Kapitalismus“ und „Entwürfe der Postwachstumsgesellschaft“ durchgeführt hat (15). Bei neun der siebzehn Autor*innen wird die Universität Jena als Arbeitsort genannt.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber*innen haben die Beiträge in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Kapitalismus oder Industriegesellschaft
  2. Stagnationstendenz oder ungleiches Wachstum?
  3. Entwürfe der Postwachstumsgesellschaft
  4. Akteure der Transformation
  5. Degrowth und Demokratie

In der Einleitung fragen die Herausgeber*innen mit Blick auf „rote“ und „grüne“ Wachstumskritiken (11): „Ist eine Wachstumskritik möglich, die konsequent soziale mit ökologischen Erwägungen verbindet und nicht von kapitalistischen Zwängen schweigt?“ (ebd.) Zugleich wird aber offen gefragt, ob „destruktives Wirtschaftswachstum“ „genuin kapitalistisch bedingt“ sei. Die zweite Frage zielt auf den Inhalt der Kapitel II ff. ab: Ist ein allgemeiner Trend zur wirtschaftlichen Stagnation feststellbar und ist das die einzige Chance („Degrowht by Desaster“), oder steht nicht vielmehr eine bewusst gestaltete Postwachstumsgesellschaft („Degrowth by Design“) zur Debatte?

In Kapitel I unterscheidet Stephan Lorenz zwischen ökologischen und sozialen Wachstumskritiken. Erstere hätten die Umweltzerstörung durch Industrialisierung im Auge, Gegenstand der Kritik sei die Moderne, während es für letztere der Kapitalismus sei. Der Verf. lässt erkennen, dass er selbst die gemeinsamen Merkmale beider, „instrumentelle Rationalität“ (29) und Technikoptimismus (31) für die tiefere Ursache der Naturzerstörung und des Zwangs zum Wachstum hält.

Für Thomas Barth und Tilman Reitz führt dagegen primär die Tauschwertorientierung zur Überproduktion. Auch der wissenschaftlich-technische Fortschritt verdanke sich der Profitorientierung, die auf Naturtransformation dränge. Selbst der kapitalistische Staat müsse unter Legitimationsdruck Wachstum fördern (48f.) und „auf das Versprechen der Wohlstandssteigerung“ setzen (51). Das Legitimationsproblem sehen die Verf. einerseits durch die Privilegien einer „imperialen Lebensweise“ im globalen Vergleich gemindert, andererseits durch wirtschaftliche Stagnation verschärft.

In Kapitel II entfaltet Karl-Georg Zinn seine These von einem Kapitalismus ohne Wachstum, d.h. einem Kapitalismus mit nur noch geringen Nettoinvestionen. Er hält ein System, das einfacher Reproduktion gleichkommt, für möglich und durch die „säkulare Stagnation“ (Summers 2013) nicht mehr ins Utopische entrückt. Zur Lösung bieten sich nach Zinn zwei „neofeudale Kapitalismusversionen“ an: eine sozialstaatliche und zugleich ökologische und eine „oligarchische“. Der Neo-Keynesianer plädiert für eine erhöhte Staatsquote und Arbeitszeitverkürzung. Im Übrigen gelte „reduce, reuse, recycle“ (87).

Ulrich Brand und Stefan Schmalz sehen zwar die Stagnationsthese für die alten Industrieländer bestätigt, sehen aber „ungleichzeitige Wachstumsdynamiken in Nord und Süd“ und zwei globale „Wachstumstreiber“ (93) wirksam: neben der internen „Landnahme“ (Klaus Dörre) die „Verallgemeinerung von westlichen Produktions- und Konsumnormen“ auf der Basis der Externalisierung „sozial-ökologischer Probleme“. Der Wachstumsimperativ ist für die Verf. ungebrochen. Dieses System gefährde seine eigenen Reproduktionsgrundlagen (107).

In Kapitel III versucht Norbert Reuter, Vertreter der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, zu begründen, warum der „Ausbau von Dienstleistungen als Grundlage einer Postwachstumsgesellschaft“ dienen kann. Die Chance sieht er im Trend zur Dienstleistungsgesellschaft (Fourastié). Bei der Forderung nach neuem staatlichem Engagement beruft er sich auf Keynes. Als beispielhaft gelten ihm die skandinavischen Länder.

Bei den Entwürfen für eine Postwachstumsgesellschaft darf Niko Paech nicht fehlen. Er sieht das Problem in den spezialisierten, räumlich entgrenzten, technisch hoch gerüsteten Produktionssystemen (125). Die „modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaften“ begünstigten zudem „moralische Indifferenz“ (136, Bauman). Anders als in seinen anderen Publikationen bringt Paech nicht Konsummuster, sondern angebotsseitige Wachstumstreiber wie die systemtypische Konkurrenz in Anschlag. Sein Zukunftsmodell ist Subsistenzwirtschaft „als Element kombinierter Versorgungsleistungen mit unterschiedlichen Fremdversorgungsgraden“ (147), d.h. industrielle Produktion, möglichst regional, mit Selbstversorgung verzahnt.

Die Problemdefinition von Paech rücken Jörg Oberthür und Peter Schulz mit einer erweiterten bzw. systemspezifischen Technologiekritik zurecht, die philosophisch fundiert ist. Das für Technik und Technologie, wie wir sie kennen, bestimmende instrumentelle Verhältnis zur Natur ist für sie Effekt der kapitalistischen Produktionsweise (170). Die zwischen Mensch und Natur vermittelnde Funktion von Technik werde verkannt. Die visionäre Alternative „nach dem Maschinensturm“ ist ein „Bündnis mit dem Natursubjekt“ (Ernst Bloch) oder „konviviales Technikverständnis“ (173), was andere Produktionsverhältnisse voraussetze.

Die möglichen „Akteure der Transformation“ (Kapitel IV) bekommen ein Gesicht in dem Beitrag von Matthias Schmelzer, der Teilnehmende an der Degrowth-Konferenz von 2014 befragt hat. Nach einem Referat über die Hauptströmungen der Wachstumskritik und über Kriterien der Bewegungsforschung prüft er, ob von einer sozialen Bewegung schon gesprochen werden kann und stellt verschiedene Kategorien von Aktivist*innen vor. Er betont die Vielfalt der Motive und politischen Orientierungen. Die Kritik an unseren Konsummustern stehe aber bei den Befragten im Fokus. Die Bereitschaft zum politischen Konflikt findet der Verf. nur bei einer Minderheit.

Um die Mobilisierbarkeit für Degrowth geht es in dem Aufsatz von Stefanie Gräfe, die mit Althusser und Foucault der Frage nachgeht, welchen Bedingungen die „Subjektivierung“ im gegenwärtigen „Subjektregime“ unterliegt, wo die Beschäftigten als Unternehmer ihrer selbst gleichzeitig subjektiviert und objektiviert würden (210), was Arbeit für sie bedeutsam macht. Daher bleiben die Arbeitsverhältnisse für Gräfe in der bisherigen Wachstumskritik unterbelichtet. Den dagegen meist angeprangerten Konsumismus interpretiert sie auch teilweise als Effekt der Arbeitsverhältnisse (211). Daher müsse Wachstumskritik notwendig Gesellschaftskritik sein.

Die Potenziale der Verbindung von „Commons & Care“ erkundet Friederike Habermann. Sie sieht im Commoning von Sorgearbeit eine Perspektive für die neue Gesellschaft. Nach der Klärung des Begriffs Commons und dem Aufweis der Dilemmata von Care im Kapitalismus zeigt sie an Beispielen das „emanzipatorische Potenzial“ einer solidarischen Ökonomie.

Demgegenüber unterzieht Silke van Dyk in Kapitel V die Begeisterung für Gemeinwirtschaft einer kritischen Betrachtung. Die „Debatte um Commons und neue Formen des Konvivialismus“ ist ihres Erachtens nicht ausreichend politisch-ökonomisch „kontextualisiert“ (253) und damit teils romantisierend. Konfliktpotenziale und „regressive Implikationen“ (251) findet sie zu wenig berücksichtigt.

„Ist eine nachhaltige Moderne möglich?“ fragt Bernd Sommer in seinem Beitrag und greift damit Überlegungen des ersten Beitrags von Stephan Lorenz auf. Wie dieser sieht er Wachstum nicht allein durch kapitalistisches Profitstreben verursacht. Die zunehmenden „Interdependenzketten“, die „funktionale Demokratisierung“ (Norbert Elias) und die gesellschaftliche Differenzierung bedingten an sich einen wachsenden Naturverbrauch.

Der kritischen Reflexion dient auch der abschließende Aufsatz über „Postwachstum und radikale Demokratie“ von Ulf Bohmann und Barbara Muraca. Für die beiden ist bisher ungeklärt, wie die geforderte „Transformation der Demokratie“ aussehen soll. Sie setzen sich kritisch mit verschiedenen Ansätzen radikaler Demokratie auseinander.

Diskussion

Der Band versammelt Beiträge von Autor*innen mit äußerst unterschiedlichen Denkansätzen, die lediglich die Sorge um die Zukunft des Planeten und zumindest teilweise auch das Engagement für eine andere Produktions- und Lebensweise eint. Aber gerade die Differenzen machen den Band interessant und produktiv. Mit der inhaltlichen Nacherzählung mag deutlich geworden sein, dass in vielen Beiträgen in Bezug aufeinander Kontroversen ausgetragen werden, so dass den Lesenden Argumentationshilfen für ein Für und Wider geliefert werden. Der tendenziell religiöse Impetus bei dieser Thematik wird damit überwunden.

Fazit

Die am einschlägigen Diskurs über Postwachstum Beteiligten werden es sich kaum leisten können, die Publikation unbeachtet zu lassen. Aber auch für Engagierte in Alternativprojekten liefern einzelne Beiträge Klärungshilfen. Seminare zum Thema bekommen mit dem Band eine fast vollständige Literaturbasis an die Hand.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 16.02.2017 zu: AK Postwachstum (Hrsg.): Wachstum - Krise und Kritik. Die Grenzen der kapitalistisch-industriellen Lebensweise. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50652-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22134.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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