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Noam Chomsky: Hegemonie oder Untergang

Cover Noam Chomsky: Hegemonie oder Untergang. Amerikas Streben nach Weltherrschaft. Nomen (Frankfurt) 2017. 319 Seiten. ISBN 978-3-939816-42-3. 19,90 EUR.
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Menschheitsretter oder Menschheitsvernichter?

Zivilisations-, Gesellschafts-, Kultur- und Machtkritik gerät leicht in den Geruch der Unverständigen, der Nörgler, der Nein-Sager und sogar der selbst ernannten Besserwisser. Dabei ist eine rational-kritische Einstellung ein notwendiges Mittel, damit sich die Menschen in ihrem Denken und Tun verändern, neue Perspektiven und Lebensziele erwerben und einen Perspektivenwechsel vollziehen, wie ihn z. B. die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 als Appell formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Besonders in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt kommt es darauf an, traditionelles Besitzstandsdenken aufzugeben und im individuellen und kollektiven Leben der Menschen das zu etablieren, was mit großen Lettern als „globale Ethik“ gefordert wird: MENSCHENWÜRDE (Eva Hartmann, u.a., Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7881.php). Als eine besondere, lokale und globale Herausforderung stellt sich dabei die Frage nach einer humanen, friedlichen und gerechten Weltordnung dar (Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium und Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18967.php). Der Schweizer Reformer und kritische Denker Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) hat dies in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) als „positive Subversion“ bezeichnet. Darin steckt als unverzichtbares Fundament und Antriebsriemen die Aufforderung, Verantwortung im Denken und Tun zu zeigen und nach der wirklichen Wahrheit zu suchen (Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php). Wichtig dabei ist, sich einer moralischen Einstellung zu versichern, die die eigenen und gemeinsamen Interessen, Wünsche und Perspektiven für ein gutes, gelingendes Leben als Grundlage hat (Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21987.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Wer wie die Welt beherrscht, wird immer wieder neu, rational und emotional diskutiert (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Das Sicherste ist der Zweifel, 24.5.16; sowie ders., Individuum und Gesellschaft, 23. 9. 2015, in: www.sozial.de/index.php?id=94). Die Gründe für Macht, Herrschaft, Hegemonie, Unterdrückung, Auf- und Abstieg werden vielfach in den Strukturen, Mentalitäten und Eigenschaften von Völkern gesucht (Silvio Vietta, Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21880.php).

Der US-amerikanische Sprach- und Sozialwissenschaftler Noam Chomsky gilt in den USA und weltweit als ein linker und intellektueller Geist, der die globalen Machtpolitiken und hegemonialen Herrschaftsstrukturen immer wieder kritisiert und mahnt, dass Hegemonialpolitik dazu führen kann, die Menschheit nicht human weiter zu entwickeln, sondern sie zu vernichten. Es ist bezeichnend, dass das Buch mit dem Titel „Hegemony or Survival“, das Noam Chomsky bereits 2003 veröffentlicht hat, jetzt erst – 2017 – in deutscher Sprache erscheint. Skeptiker könnten vermuten, dass die Gedanken, die der Autor vor 14 Jahren formuliert und als Bestandsaufnahme der hegemonialen und konfrontativen Ost-West- und Weltlage vorgelegt hat, durch die Wirklichkeiten in der Welt als überholt angesehen werden müssten. Doch: Die Realitäten, die sich in Machtstreben, aggressiven und nationalistischen Einstellungen und Machtstrukturen aktuell darstellen und zu Konfrontationen führen, die politische Analysten als überwunden angesehen haben, wachsen erneut heran und geben zu großer Sorge Anlass. Chomsky nimmt sich in seiner politischen Analyse vor allem die Verhältnisse in den USA vor und betrachtet die außenpolitischen Aktivitäten.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Bestandsaufnahme der innen- und außenpolitischen Verhältnisse in den USA zum Zeitpunkt von2003 in neun Kapitel.

  1. Im ersten diskutiert er mit „Hegemonie oder Überleben“ die Alternativen der politischen Verhältnisse im Land;
  2. im zweiten setzt er sich mit der „imperialen Strategie“ des staatlichen und gesellschaftlichen Handelns auseinander;
  3. im dritten erkennt er im kontroversen, gesellschaftlichen Diskurs eine „neue Epoche der Aufklärung“;
  4. im vierten verweist er auf „gefährliche Zeiten“;
  5. im fünften diskutiert er die Situationen, die zur „Irak-Connection“ in den USA führten;
  6. im sechsten zeigt er „Weltmachtprobleme“ auf;
  7. im siebten sieht er einen „Hexenkessel von Feindseligkeiten“;
  8. im achten thematisiert er die Probleme und Unterschiede zwischen „Terrorismus und Gerechtigkeit“; und
  9. im neunten Kapitel fragt er, ob die Situation, wie sie sich als Weltproblem darstellt, als „ein Alptraum, der vorübergeht?“ zu betrachten sei.

Es ist erstaunlich und gleichzeitig bezeichnend, welche Parallelen und Bezüge, die Chomsky vor einem Eineinhalb-Jahrzehnt in der amerikanischen Gesellschaft diagnostizierte, aktuell im politisch, mental und emotional gespaltenen Volk sichtbar werden. Unter Bezugnahme auf den Gesellschaftskritiker Walter Lippmann weist er darauf hin, dass die Entscheidungen von verantwortlichen Politikern nicht vom „Gebrüll einer verwirrten Herde“ bestimmt werden dürften, sondern eigenverantwortlich und vom demokratischen Recht abhängen müssten. Es bedürfe neuer Normen des nationalen und internationalen Rechts, um konstitutionell und institutionell demokratische, auf der Grundlage der Menschenrechte beruhende Politik betreiben zu können. Hegemoniales Streben, wie es sich in der machtvoll gewachsenen und von den Mächtigen in der Gesellschaft forcierten imperialen Strategie darstellt(e), schafft Unfrieden und nationale und internationale Konflikte.

Bei der Frage, wieso in der amerikanischen Gesellschaft Mehrheiten zustande kommen, die den hegemonialen, weltpolitischen Streben zustimmen und in einem „America is the Greatest“ eine gute und förderungswürdige Politik sehen, zeigt sich in der Analyse, dass eine neue Epoche der Auf- oder sollte man eher sagen der Verklärung eingetreten ist, die nicht nur in der US-amerikanischen Innen- und Außenpolitik, sondern in vielen, auch anderen demokratischen Staaten wirksam wird, nämlich das hegemoniale und aggressive Prinzip, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Die Interventionen in den regionalen Konflikten, in Kosovo, Ost-Timor, Kolumbien, in der Türkei und nicht zuletzt in Irak zeugen von einer „logischen Unlogik“, die nicht nur bewirkt, dass die „bösen“ Strukturen, die verändert werden sollten, als (neue, alte) Verhältnisse sogar verstärkt hervortreten.

Erst in der zeitversetzten Analyse über die Gefahren und Wahrscheinlichkeiten einer Menschheits- und Weltvernichtung, etwa die Situation während der Kuba-Krise, in der die Welt nur einen Fingerschnipp weit von einem Atomkrieg entfernt war, wie auch bei den anhaltenden Prozessen im Kampf gegen den globalen Terrorismus, wird deutlich, welche machtpolitischen, hegemonialen und ökonomischen Motive dahinter stecken, ob in Lateinamerika oder im Nahen Osten.

Am Beispiel der „Irak-Connection“ ziseliert Chomsky die propaganda- und mediengemachten (heilen) Bilder der amerikanischen Präsidenten und politischen Führungskräfte heraus. Die zynische Einschätzung – „Wir sehen dem Bösen ins Antlitz, indem wir ihm, sofern es etwas zu gewinnen gibt, willig die Hand reichen“ – korrespondiert mit den haltlosen Versprechungen und Ankündigungen während der Wahlkämpfe um das Präsidentenamt: „Im Vorfeld der Wahlen betrachteten drei Viertel der Bevölkerung die Präsidentschaftskampagne als von Großspendern, Parteiführern und der PR-Industrie veranstaltetes Spiel, bei dem die Kandidaten fast allen fast alles versprachen, um gewählt zu werden“ (Was für eine Analyse, die vor 14 Jahren zustande kam, so als wäre sie heute geschrieben!).

Die Einschätzungen der „Supermacht USA“ bei den regionalen und globalen, demokratischen und hegemonialen Entwicklungen, etwa zu den Bestrebungen, ein Vereinigtes Europa zu schaffen, in Lateinamerika, Afrika und Asien transnationale Formen der Kooperation zu fördern, beruhten und beruhen weiterhin auf der Erwartung, dass „business as usual“ und ökonomisches, kapitalistisches Wachstum die neue globale Weltordnung bestimmen, und antikapitalistische, ökologische und nachhaltige Alternativen keine Chance haben würden. Die Furcht vor einer „tripolaren Ordnung“ in der Welt, und damit eine Minderbedeutung des weltpolitischen Players USA (und Europas!) erschweren oder verhindern eine tatsächlich neue, gerechte Weltordnung.

Wir leben in einem „Hexenkessel von Feindseligkeiten“ diagnostiziert der Autor. Die instabilen Regionen in der Welt nehmen zu, die Dominanzen der Mächtigen und Potenten ebenso. Am Beispiel der israelisch-amerikanischen Beziehungen legt Chomsky den Finger in die Wunde der Interessen- und Dominanzpolitik: Weil es um ökonomische und strategische Macht geht, sind US-amerikanische Militärbasen überall in der Welt notwendig, und es ist hinzunehmen, dass die ökonomischen und politischen Ungleichheiten in der Welt sich vergrößern.

Die Auseinandersetzungen mit den konträren Polen „Terrorismus und Gerechtigkeit“ beginnt der Autor mit zwei „Binsenweisheiten“; die eine: „Handlungen sind im Hinblick auf die Reichweite ihrer möglichen Folgen zu bewerten“, und die andere: „Wir folgen dem Universalitätsprinzip und lassen für uns selbst dieselben … Maßstäbe gelten wie für andere“. Dabei landen wir zwangsläufig bei der Frage: Was ist ein gerechter Krieg? Und die Antworten darauf können nicht laut en: „Wer Recht hat!“, sondern nur die Besinnung und der Wille darauf, die „Erbschaft der Freiheit, die wir genießen“ anzunehmen und allen Menschen auf der Erde zu ermöglichen.

Fazit

Das Weißbuch und die Bestandsaufnahme der hegemonialen Politiken, wie sie sich exemplarisch in der US-amerikanischen Innen- und Außenpolitik etabliert haben und tätig sind, endet nicht mit einer Rezeptur darüber, wie gerechte Macht- und Ordnungspolitik aussehen solle. Es sind aber auch keine Kassandrarufe, die sich als Alpträume zeigen und zu fatalistischen Einstellungen führen wie: „Da kann man sowieso nichts machen!“. Es sind vielmehr Fingerzeige, Stoppschilder und gleichzeitig Mutmacher dafür, Bewegungen aktiv zu unterstützen, die „sich für die Zukunft als unendlich wichtig erweisen (könnten), wenn es ihnen gelingt, die von Solidarität und Sympathie getragenen globalen Bindungen… zu verstärken“. Sie werden von der Überzeugung getragen: „Eine andere, bessere Welt ist möglich“. Dieser Aufruf zum Erwachen, zum Perspektivenwechsel, war vor 14 Jahren wichtig, und er ist es heute und morgen weiterhin! Nicht zuletzt auch deshalb, weil Chomsky bei seiner Bestandsaufnahme der Außenpolitik in den USA kritisch den Auf- und Ausbau der „Strategic Defence Initiative“ (SDI) betrachtet und davor warnt, auf hegemoniale Macht zu setzen. Dabei klingt es beinahe wie eine fulfilling prophecy, dass soeben die USA und die NATO in Osteuropa das Raketen-Abwehr-System „ Ballistic Missile Defence“ (BMD) aufbauen! Immerhin: Die Diskussion darüber ist auch in Europa und Deutschland angekommen (Michael Corsten / Michael Gehler / Marianne Kneuer, Hrsg., Welthistorische Zäsuren, 1989 – 2001 – 2011, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21237.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.01.2017 zu: Noam Chomsky: Hegemonie oder Untergang. Amerikas Streben nach Weltherrschaft. Nomen (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-939816-42-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22142.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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