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Jörg Link: Schreckmomente der Menschheit

Cover Jörg Link: Schreckmomente der Menschheit. Wie der Zufall Geschichte schreibt. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. 210 Seiten. ISBN 978-3-8288-3533-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Alles Zufall, oder was?

Wir stellen das Phänomen „Zufall“ nur allzu leicht und gerne in die Ecke von Glück – Unglück – Schicksal. Es geht um die Frage, was „Zufall“ ist. Ist es etwas Vorbestimmtes, eventuell in unserem Gehirn oder in den Genen Festgelegtes und möglicherweise dadurch Unveränderliches; oder soll man zufällige Ereignisse einfach duldend, fatalistisch oder sarkastisch hinnehmen: „Da kann man sowieso nichts machen!“. Ist der zufällige, ansehnliche Lottogewinn verdient und von wem auch immer gegeben? Oder der Verkehrsunfall als Schuld- oder Unschuldsfrage abzutun? Philosophen, Psychologen, Soziologen und Pädagogen haben immer wieder die Frage danach gestellt, was Zufall ist und wie Menschen mit zufälligen Ereignissen umgehen sollten. Schon der antike griechische Philosoph Diogenes von Sinope, der um 400 v. Chr. lebte, hat darüber nachgedacht, ob Vorfälle, die (scheinbar) zufällig entstehen, im Leben der Menschen einen Sinn hätten. Der Umgang mit Zufällen hat viel zu tun mit der Identität von Individuen: Wie sicher ist sich der Mensch in seinem Selbstbewusstsein? Wie beantwortet er die Frage: „Wer bin ich?“, und wie geht er mit den geplanten und ungeplanten Situationen in seinem Leben um? Wie kommen Wahrheiten, Wirklichkeiten und Imponderabilien in die Welt? Diesen Fragen geht der Pariser Philosoph und Soziologe Bruno Latour nach, indem er feststellt, dass „in der Wissenschaft nicht alles wissenschaftlich, im Recht nicht alles juristisch, in der Ökonomie nicht alles ökonomisch“ und auch in der Philosophie nicht alles philosophisch ist…“ (Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php).

Es ist letztlich die Suche danach, wie wir geworden sind, was wir sind, wie wir denken und handeln. Die Entdeckung, dass „im Moment, wo die Dinge sich klären, fangen sie auch an, sich schrecklich zu komplizieren“, kann uns behilflich sein, unser Denken und Handeln nicht auf dem Rezeptblock anliefern oder von Mächten und Ideologien diktieren zu lassen, sondern selbst zu denken. Beim Umgang mit Zufälligkeiten behelfen wir uns gelegentlich damit, dass wir die jeweilige, unerwartete Situation in Sprichwörtern ausdrücken, wie z. B.: „Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben“, oder: „Wer auf den Zufall baut ist dumm, wer ihn nutzt klug“. Der Münchner Wissenschaftsautor Stefan Klein erzählt in seinem Buch „Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt“ die folgende Geschichte: „Ein Mann geht im Sturm an einem Baukran vorbei. Auf dem Kran, der leicht schwankt, wird gerade eine Palette Ziegel nach oben transportiert. In diesem Moment lösen sich ein paar Steine aus dem Verbund. Ein Ziegel trifft den Mann am Kopf. Aber weil vor einer Zehntelsekunde jemand von der anderen Straßenseite seinen Namen gerufen hat, wendet er sich um. So schrammt ihn der Stein nur leicht an der Schläfe, und er kommt mit einer Platzwunde davon“ (Rowohlt-Verlag, 2004, 384 S.).

Entstehungshintergrund und Autor

Über Zufälligkeiten lässt sich gut schwadronieren. Es lassen sich traditionelle und traditionalistische Auffassungen heranziehen. Es stehen weltanschauliche, fundamentalistische, populistische, ideologische und spiritistische Meinungen und Parolen bereit. Sie liefern scheinbare Gewissheiten, in die sich der Mensch gemütlich und bequem einrichten, oder auch verkriechen kann. In diese Falle will sich der Kasseler Wirtschaftswissenschaftler Jörg Link nicht begeben. Er veröffentlicht ein interessantes Buch, in dem er Ereignisse thematisiert, die als „Schreckmomente der Menschheit“ registriert werden und darauf hinweisen, dass und wie der Zufall Geschichte schreibt, wie Menschen Zufällen begegnen und verstehen können. Die Erkenntnis, dass das Überleben und Untergang der Menschen auch durch Glück und Pech bestimmt ist, kann nicht nur dazu beitragen, Zufällen rational und emotional zu begegnen, sondern auch Verschwörungstheorien, Propagandaparolen, populistischen und fundamentalistischen Einfach-Antworten das entgegen zu setzen, was Menschen zu humanen, intelligenten Lebewesen macht: Die Fähigkeit, selbst zu denken und nicht andere Mächte für sich denken zu lassen. Der Autor begibt sich dabei auf das Feld der Geschichtsanalyse, indem er ausgewählte, neuzeitliche Geschehnisse darstellt und danach fragt, welche Motive, Gründe, Ursachen und Folgen dazu geführt haben, dass „Zufälle“ Katastrophen bewirkt oder verhindert haben. Was aber ist ein Zufall? Und: Wie können Menschen dazu beitragen, dass (scheinbar) zufällige Ereignisse Wirklichkeit beeinflussen oder gar bestimmen? Auch: Welche Lehren und Erkenntnisse lassen sich aus vergangenen zufälligen Situationen ziehen, und welches Risikomanagement bietet sich an?

Aufbau und Inhalt

„Schreckmomente der Menschheit“ – das klingt wie Fingerzeige dafür, wie mit Lebensrisiken umgegangen werden sollte; zu verhindern nämlich sind Risiken nicht. Es kommt aber darauf an, menschengemachte Gefahren zu vermeiden und als zôon politikon, als politisches Lebewesen (Aristoteles), sich aktiv, verantwortungsbewusst, zivilgesellschaftlich und demokratisch dafür einzusetzen, dass Zufälle nicht zerstörerisch, sondern förderlich wirken. Neben der Einführung und dem Schlusskapitel gliedert der Autor das Buch in vier Teile.

Den ersten Teil titelt er: „Am Ende hatten wir einfach Glück“. Es geht um den Abwurf der ersten Atombomben 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, den in der Folge sich entwickelnden Kalten Krieg und den in den folgenden Jahrzehnten bedrohlichen Ost-West-(Atom)Konfrontationen. Es sind die nuklearen Drohungen, wie sie bei der Kuba-Krise zwischen den USA und der Sowjetunion eskalierten. Und es gilt ein Augenmerk darauf zu richten, wie zufällige, individuelle Entscheidungen dazu beitragen können, auf den „roten Knopf“ zu drücken und die Menschheit auszulöschen oder sie vor der Vernichtung zu bewahren, wie sich dies 1983 in Moskau und Washington ereignete.

Im zweiten Teil wird die Frage gestellt: „War der Erste Weltkrieg unvermeidlich?“. Die Ursachenanalyse verdeutlicht, wie die Bewusstseinslage, die Mentalitäten, Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Europa zum Triebriemen der Weltkatastrophe wurden.

Wie ein Diktator durch ‚glückliche Zufälle‘ gerettet wurde“; die zahlreichen, misslungenen Attentatsversuche auf Hitler, wie auch die gescheiterten Widerstandsbewegungen gegen das NS-Regime, und damit die Nichtverhinderung bzw. Beendigung des Zweiten Weltkriegs haben den Mythos von der Gottgesandtheit und Unverletzlichkeit des „Führers“ erzeugt und die Widerständler in die Ecke der „Volksverräter“ und „Volksfeinde“ gestellt. Das gibt Anlass, auf die aktuellen, populistischen, rechtsradikalen, nationalistischen und demokratiefeindlichen Umtriebe zu schauen, die sich derzeit in Deutschland, Europa und weltweit breitmachen. Die wissenschaftlich anerkannte Darmstädter Jury der sprachkritischen Aktion hat als Unwort des Jahres 2016 „Volksverräter“ benannt und damit darauf hingewiesen, dass sprachliche und intellektuelle Entgleisungen die Menschenwürde und damit auch die humane Kommunikation in den menschlichen Gesellschaften beschädigen.

Aus heiterem Himmel“, das ist Hoffnung und Aufforderung zugleich, die im vierten Teil anmahnen, dass der Mensch sich bewusst werden müsse, dass er zur Natur und nicht die Natur ihm gehöre. Sein Wissen und seine Fähigkeiten dürfen nicht dazu missbraucht werden, dass er sich die Erde und das Weltall untertan machen dürfe; ansonsten würden die Natur- und die kosmischen Kräfte, wie auch Seuchen und Epidemien die Menschheit gefährden und möglicherweise sogar auslöschen.

Fazit

Zufälle bestimmten und bestimmen weiterhin das lokale und globale menschliche Dasein. Für das individuelle und gesellschaftliche Leben muss der Mensch lernen, Barrieren gegen „böse Zufälle“ zu errichten, und Beschleuniger für „glückliche Zufälle zu konstruieren und zu denken. Es ging im Essay von Jörg Link nicht in erster Linie darum, die Zufälligkeiten des individuellen Glücks zu reflektieren, sondern im globalen gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen „strukturelle Zufallsbarrieren“ zu bauen, damit politische Führungsprozesse nicht zufällig, sondern rational und emotional auf demokratischen Grundlagen beruhen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.01.2017 zu: Jörg Link: Schreckmomente der Menschheit. Wie der Zufall Geschichte schreibt. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. ISBN 978-3-8288-3533-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22145.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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