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Claus Reis, Susan Geideck u.a.: Produktions­netzwerke in der lokalen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik

Cover Claus Reis, Susan Geideck, Tina Hobusch, Martina Schu, Benedikt Siebenhaar, Lutz Wende: Produktionsnetzwerke in der lokalen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Aufbau kooperativer Strukturen und Weiterentwicklung sozialer Dienstleistungen am Beispiel des SGB II. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. 135 Seiten. ISBN 978-3-943787-61-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Komplexe Problemlagen erfordern komplexe Handlungsstrategien – so lautet der Tenor des Buches um den Frankfurter Sozialwissenschaftler Claus Reis. Gemeint ist damit die zunehmende Vernetzung lokaler Akteure, die insbesondere auf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik an Bedeutung gewonnen hat. Damit arbeitssuchenden Personen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf eine Beschäftigungsperspektive ermöglicht wird, bedarf es einer umfassenden Förderung aus unterschiedlichen Rechtskreisen. Die daraus resultierende Kooperation stellt die Sozialleistungsträger vor große Herausforderungen.

Mit diesem als Leitfaden herausgegebenen Buch geben die AutorInnen einen umfangreichen Einblick in die Planung und Gestaltung organisationaler Netzwerkarbeit. Konkret wird Bezug auf den aus der Industriesoziologie entlehnten Begriff der Produktionsnetzwerke genommen, der konzeptionell für die dauerhafte, rechtskreisübergreifende und verbindliche Zusammenarbeit im sozialen Dienstleistungssektor fruchtbar gemacht werden soll. Die Erkenntnisse, die exemplarisch aus dem Rechtskreis SGB II gewonnen wurden, lassen sich auf andere Bereiche der Sozialgesetzgebung übertragen.

AutorInnen

Das AutorInnen-Team um Prof. Dr. Claus Reis besteht größtenteils aus Mitgliedern des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung (ISR) der Frankfurt University of Applied Sciences. Das ISR kann auf jahrelange Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Produktion sozialer Dienstleistungen und der Umsetzung des Fallmanagements im SGB II und SGB XII zurück blicken.

Ergänzend haben mit Benedikt Siebenhaar und Martina Schu zwei ausgewiesene ExpertInnen aus den Bereichen Arbeitsmarktpolitik und Case Management mitgewirkt.

Entstehungshintergrund

Von Januar 2014 bis Dezember 2015 hat das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW mit finanzieller Unterstützung des Europäischen Sozialfonds das Pilotprojekt „Dienstleistungen Hand in Hand – Teilhabe und Integration in Arbeit für Langzeitbezieherinnen und -bezieher durch zielgruppenbezogene Produktionsnetzwerke“ aufgelegt. An vier ausgewählten Standorten wurden für unterschiedliche Zielgruppen aus dem SGB II Produktionsnetzwerke implementiert und durch das Institut für Stadt und Regionalentwicklung im Hinblick ihrer Realisierbarkeit und methodischer Umsetzung begleitet.

Aufbau und Inhalt

In einem einleitenden Vorwort fasst Dr. Wilhelm Schäffer als Staatssekretär des Landes NRW die Hintergründe des Pilotprojektes kurz zusammen und begrüßt ausdrücklich die zunehmende Bedeutung der Netzwerkarbeit in der Grundsicherung für Arbeitsuchende. Konsequenterweise gehen damit auch eine gezielte Kompetenzförderung von MitarbeiterInnen in den Jobcentern und die Bereitstellung von Personalressourcen einher, um die Vernetzung sozialer Dienstleistungen zu koordinieren.

Danach folgen eine Einleitung der VerfasserInnen sowie eine Anleitung für eilige LeserInnen, die mit einer Kapitelauswahl zum „Quer-Lesen“ des Leitfadens einlädt.

Im 1. Kapitel „Zur Einführung: Lehren aus der Implementation“ verdichten die AutorInnen ihre Erkenntnisse aus dem Projekt punktuell in 17 kurz gefasste Thesen. Unter der Leitidee „Wer kooperieren will, muss bereit sein, sich zu verändern“ werden wichtige Rückschlüsse aus der Pilotierung für den Praxistransfer gegeben. Angefangen von innerorganisatorischen Vorentscheidungen (Personalauswahl, Zusammenstellung eines Kernnetzwerkes usw.) bis zur konkreten Zusammenarbeit unterschiedlicher Organisationen (Erarbeitung gemeinsamer Ziele, Planungskonferenzen usw.) werden Hürden und Hindernisse für die Planung bzw. Weiterentwicklung bestehender Netzwerke aufgezeigt.

Das 2. Kapitel „Die rechtliche Grundausrüstung: Kooperation und Vernetzung als Aufgabe der Grundsicherungsträger“ geht detailliert auf die Rahmenbedingungen im SGB II ein. Die Bedeutung des Grundsatzes des Förderns, die Rolle des Fallmanagements sowie das Instrument der Eingliederungsvereinbarung werden neben gesetzlichen Kooperationsverpflichtungen im SGB II im Kontext organisationaler Netzwerkarbeit diskutiert. Als kontrovers wird von den AutorInnen die Aufgabenstellung im SGB II gesehen, die sich häufig auf eine unmittelbare Eingliederung in den Arbeitsmarkt konzentriert. Reis und Co. plädieren hingegen für einen Aktivierungsansatz, der die Befähigung arbeitsloser Menschen i.S. der Förderung persönlicher Entwicklung und Autonomie stärker berücksichtigt. Die daraus resultierenden Schlussfolgerungen für die Fallbearbeitung und den Aufbau tragfähiger Kooperationsstrukturen werden überzeugend dargestellt. Anschließend erweitern die VerfasserInnen ihren Rahmen und gehen auf die angrenzenden Rechtskreise ein. Als verpflichtende Leitnorm zur kooperativen Zusammenarbeit aller Sozialleistungsträger wird der § 86 SGB X benannt, damit „die Schnittstellen eines (…) versäulten Sozialleistungssystems im Interesse des einheitlichen, ganzheitlichen Sozialleistungsbedarfs z.B. von arbeitssuchenden Hilfebedürftigen (…) gemanagt werden“ (S. 27). Die Schnittstellenproblematik wird an konkreten Beispielen verdeutlicht. Den Abschluss des Kapitels bilden datenschutzrechtliche Bestimmungen.

Im 3. Kapitel „Die begriffliche Grundausrüstung: inter-organisationale Kooperation und Netzwerke“ wird eine differenzierte Beschreibung von Netzwerkarbeit vorgenommen. Dabei nehmen die AutorInnen Bezug auf die amerikanischen Sozialwissenschaftler Corbett/Noyes, die ein Stufenmodell unterschiedlicher Kooperationsbeziehungen (S. 35) entwickelt haben. Die Form und Intensität von Kooperationen werden als zentrale Kategorie zur Analyse von Netzwerktypen herangezogen und in deren rekursiven Beziehung beleuchtet. Als netzwerktypisches Strukturproblem stellt sich ein sog. „doppelter Bezugsrahmen“ heraus, der durch die Bindung an die Herkunftsorganisation und der Loyalität gegenüber dem Netzwerk gekennzeichnet ist. Auf Basis systemtheoretischer Überlegungen werden in den weiteren Ausführungen Möglichkeiten und Grenzen der Netzwerkbildung/-steuerung erläutert. Abschließend verdeutlicht der Leitfaden anhand einer Tabelle (S. 43) unterschiedliche Netzwerktypen und präzisiert diese hinsichtlich ihres Kooperations- und Formalisierungsgrades.

Im 4. Kapitel „Konzeptionelle Konsequenzen: Wie entstehen Produktionsnetzwerke?“ werden vertiefende Fragestellungen zur Netzwerkbildung thematisiert. Zunächst beschreiben die AutorInnen den Gesamtkomplex einer Organisation. Dabei wird ebenfalls auf eine von Corbett/Noyes entwickelte Theorie zurückgegriffen, die sehr anschaulich in Form eines „Eisbergmodells“ (S. 48) visualisiert wird. Die Herausforderungen beim Aufbau von Kooperationsbeziehungen bestehen dem zur Folge in der Einbeziehung unterschiedlicher Organisationskulturen. Dadurch werden Veränderungsprozesse in den Institutionen angeregt, die z.T. Widerstände hervorrufen können. In der Konsequenz bedarf es einer „Reflexion institutioneller Rückkoppelungen“, um organisationales Lernen zu ermöglichen und damit stabile Netzwerkstrukturen zu etablieren. In den folgenden Unterkapiteln beschreibt das Autoren-Team empirische Erkenntnisse im Zusammenhang von Professionswissen, Organisationen und institutioneller Kooperation und erörtert deren Nutzen für die Implementierung von Produktionsnetzwerken. Im Kern geht es um die Aufhebung einer sog. „verteilten Expertise“ über die gemeinsame Fallrekonstruktion, die den Ausgangspunkt für die Planung organisationsübergreifender Leistungsprozesse bildet.

Das 5. Kapitel „Methodisches Vorgehen“ befasst sich ausführlich mit der Frage, „Wie werden Produktionsnetzwerke gebildet, gesteuert und verfestigt?“. Ausgehend von der Fragestellung skizieren die AutorInnen eine idealtypische Vorgehensweise, die sich in vier grundlegende Handlungsschritte gliedern lässt:

  1. Vorentscheidungen und Vorbereitungen
  2. Durchführung von Planungskonferenzen
  3. Umsetzung des Zielsystems
  4. Überprüfung und Verstetigung der Produktionsnetzwerke

Im Zentrum stehen die Planungskonferenzen, „in denen die Akteure eines Produktionsnetzwerkes gemeinsam Leistungsprozesse konzipieren und überprüfen, Schnittstellen definieren und Übergänge zwischen den Leistungen festlegen“ (S. 76). Über die sog. integrierten Falldarstellungen werden Themen generiert, die Problemsituationen innerhalb der Versorgungsstrukturen verdeutlichen und zugleich als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Zielsystems dienen. Dieser Prozessschritt wird mit einer Abbildung (S. 83) gut veranschaulicht. Die Darstellung einer Planungsmatrix und eines Zielsystems sowie der exemplarische Ablauf einer Planungskonferenz werden ergänzend und zudem ebenfalls sehr hilfreich abgebildet. Darauf aufbauend erfolgt die Umsetzung des Zielsystems. Die Prozessplanung und der Aufbau von Dienstleistungsketten werden innerhalb dieser Phase von den AutorInnen aufgezeigt. Abschließend wird in dem letzten Kapitel der vierte Handlungsschritt beschrieben, an dessen Ende die Überprüfung und Reflexion der Dienstleistungsketten steht.

Im Anhang des Leitfadens werden zwei lokale Projekte vorgestellt, die einen Einblick in die Gestaltungsmöglichkeiten von Produktionsnetzwerken geben.

Diskussion

Die AutorInnen präsentieren einen Leitfaden, der hervorragend in die Theorie und Praxis der organisationalen Netzwerkarbeit einführt. Dabei gehen die gewonnenen Erkenntnisse weit über den Bereich der Arbeitsmarktpolitik hinaus und können geradezu universell auf das Sozial- und Gesundheitswesen übertragen werden. Die dargelegten Befunde aus den Gebieten Sozialrecht und Organisationssoziologie sind äußerst differenziert und werden detailliert in den Kontext der Netzwerkarbeit gestellt. Die vielfachen Abbildungen, Tabellen und Visualisierungen tragen in dem Leitfaden dazu bei, dass die z.T. anspruchsvolle Materie den LeserInnen verständlich näher gebracht wird. Besonders gewinnbringend ist der Ansatz bestehende Netzwerke weiterzuentwickeln. Die Kooperation unterschiedlichster Organisationen ist in der Praxis seit langem etabliert. Trotz der immensen Bedeutung für die Gestaltung sozialer Dienste basiert das „Netzwerken“ überwiegend auf Erfahrungswissen und weniger auf methodisches Handlungswissen. Mit dem von Reis und Co. vorgelegten Leitfaden wird entsprechendes professionelles „Handwerkzeug“ vermittelt, das für die aktuelle und zukünftige Zusammenarbeit lokaler Akteure von zentraler Bedeutung sein dürfte.

Fazit

Ein besonders gelungenes Werk mit Lehrbuchcharakter, das profund und verständlich in die Theorie und Praxis der organisationalen Netzwerkarbeit einführt. Inhaltlich sehr dicht und kompakt wird auf nur 135 Seiten der Bogen von sozialrechtlichen Rahmenbedingungen, Organisationswissen und methodischem Handeln überzeugend gespannt. Der hohe Praxisbezug bietet für „lokale Netzwerker“ unverzichtbare Impulse zur Gestaltung tragfähiger Kooperationsstrukturen. Aber auch für Lehrende auf den Gebieten Case Management, Soziale Arbeit und Gesundheitswesen kann eine ausdrückliche Empfehlung gegeben werden.


Rezensent
Dipl. Sozialarb./Sozialpäd. (FH) Oliver Köttker
Fallmanager in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) und Lehrbeauftragter an der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Oliver Köttker. Rezension vom 26.05.2017 zu: Claus Reis, Susan Geideck, Tina Hobusch, Martina Schu, Benedikt Siebenhaar, Lutz Wende: Produktionsnetzwerke in der lokalen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Aufbau kooperativer Strukturen und Weiterentwicklung sozialer Dienstleistungen am Beispiel des SGB II. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-943787-61-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22146.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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