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Rauf Ceylan, Michael Kiefer (Hrsg.): Ökonomisierung und Säkularisierung

Cover Rauf Ceylan, Michael Kiefer (Hrsg.): Ökonomisierung und Säkularisierung. Neue Herausforderungen der konfessionellen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 465 Seiten. ISBN 978-3-658-15255-0. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 56,50 sFr.
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Neue Herausforderungen der konfessionellen Wohlfahrtspflege in Deutschland

Die Herausgeber haben ein Buch vorgelegt, das neben einem historischen Abriss der freien Wohlfahrtspflege auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen eingeht. Dabei sind vor allem konfessionelle Einrichtungen im Blick und zwar nicht nur die in der BRD sehr präsenten und stark verwurzelten christlichen Einrichtungen, sondern ebenso die Träger, die aus einer jüdischen oder muslimischen Tradition heraus agieren.

Herausgeberschaft

Eine erste Überraschung bietet bereits die Herausgeberschaft. Beim Titel „Ökonomisierung und Säkularisierung“ denkt man zuerst an einen Beitrag der christlichen Religionen zum Stand der freien Wohlfahrtspflege. Damit würde man sich auf gewohntem Veröffentlichungsterrain bewegen. In diesem Fall aber sind die Herausgeber Rauf Ceylan und Michael Kiefer am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück beschäftigt. Sie haben eine Schar von 25 AutorInnen um sich versammelt, die sich zu den verschiedenen Wohlfahrtsverbänden und deren Entwicklung äußern. Aus diesem Grund ist schon allein das umfangreiche AutorInnenverzeichnis eine interessante Angelegenheit, zumal den wenigsten Leserinnen und Lesern alle Autoren bekannt sein dürften.

Entstehungshintergrund

Konfessionelle Wohlfahrtspflege ist kontinuierlich mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Die katholische, evangelische und jüdische Wohlfahrtspflege verfügen in Deutschland über eine lange Tradition. Gerade die christlichen Einrichtungen haben mit Säkularisierungstendenzen und weiteren komplexen Herausforderungen wie der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit zu kämpfen. Jüdische Wohlfahrt ist stark von politischen Entwicklungen und damit einhergehenden Migrationsbewegungen geprägt. Die Anzahl der Muslime nimmt seit den 1960er Jahren stetig zu. Auch Muslime wünschen sich religionssensible soziale Dienstleistungen, aber es gibt derzeit keine den anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellte muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Die Herausgeber streben mit dem Buch an, in einem Band ein gemeinsames Diskursfeld konfessioneller Wohlfahrtspflege zu schaffen.

Aufbau

Das Buch verfügt über fünf verschiedene Abschnitte, die unter folgenden Kapitelüberschriften präsentiert werden:

  1. Geschichte der konfessionellen Wohlfahrt in Deutschland
  2. Konfessionelle Wohlfahrt im 20. Jahrhundert: Gesellschaftliche Transformationsprozesse und die Rolle der kirchlichen Spitzenverbände in der Nachkriegszeit
  3. Die Legitimationsfrage: Konfessionelle Wohlfahrtspflege im Kontext einer säkular-pluralen Gesellschaft und neo-liberaler Herausforderungen
  4. Muslimische Wohlfahrt als neuer Akteur
  5. Konfessionelle Partnerschaft: Legitimation durch Kooperation

Jedes Kapitel wird von mehreren verschiedenen Autoren und damit aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

Inhalt

1. Geschichte der konfessionellen Wohlfahrt in Deutschland. In diesem Abschnitt wird von Karl-Heinz Boßenecker auf die historische Entwicklung der Wohlfahrt bis zur Weimarer Republik eingegangen. Ergänzt wird das Thema von Günter Wilhelms zu Aspekten der christlichen Sozialethik. Michael N. Ebertz widmet sich im Anschluss der Entwicklung der Caritas, Martin H. Jung übernimmt diese Aufgabe für die Diakonie.

2. Konfessionelle Wohlfahrt im 20. Jahrhundert: Gesellschaftliche Transformationsprozesse und die Rolle der kirchlichen Spitzenverbände in der Nachkriegszeit. Der zweite Themenkomplex widmet sich vor allem der katholischen und evangelischen Wohlfahrt nach dem zweiten Weltkrieg. Die ersten beiden Artikel haben dabei vor allem das Ehrenamt im Blick. Anna Klie analysiert das zivilgesellschaftliche Engagement bis in die Gegenwart, Andreas Henkelmann in seinem Beitrag das Ehrenamt der Caritas, Johannes Eurich widmet seinen Beitrag dem Weg der interreligiösen Öffnung der Diakonie.

3. Die Legitimationsfrage: Konfessionelle Wohlfahrtspflege im Kontext einer säkular-pluralen Gesellschaft und neo-liberaler Herausforderungen. Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den klassischen Herausforderungen der christlichen Wohlfahrtspflege. Andreas Lob-Hüdepold setzt sich mit Religiosität und Kirchenbindung auseinander, Josef Schmid mit den Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft, Norbert Wohlfahrt mit der Ökonomisierung der freien Wohlfahrtspflege und Peter Neher mit der Legitimationsfrage konfessioneller Wohlfahrt aus Sicht der Caritas. Daran schließt Peter Fonk mit Fragen zur Organisationsentwicklung der Caritas an. Abgerundet wird dieser Teil durch einen Beitrag von Thomas Zippert über die Diakonie und möglichen Strategien von Herausforderungen durch wachsende Pluralität.

4. Muslimische Wohlfahrt als neuer Akteur. Thomas Klie zeigt die Notwendigkeit muslimischer Wohlfahrtspflege auf und nimmt dabei Bezug zur demographischen Entwicklung. Samy Charchira geht auf die Rolle der Deutschen Islamkonferenz bei der Entwicklung islamischer Wohlfahrtspflege ein. Tarek Badawia zeigt theologische Wurzeln muslimischer Wohlfahrtspflege auf. Rauf Ceylan und Michael Kiefer gehen auf strukturelle Gegebenheiten muslimischer Wohlfahrtspflege ein. Erika Theißen ergänzt diesen theoretischen Beitrag durch die Beschreibung des „Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen“, das als Beispiel professioneller, muslimischer Wohlfahrtspflege dient.

5. Konfessionelle Partnerschaft: Legitimation durch Kooperation. In diesem Abschnitt äußern sich VertreterInnen von jüdischer, christlicher und muslimischer Wohlfahrt zu den Kooperationsmöglichkeiten einer gemeinsamen Wohlfahrtspflege. Die Einordnung für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden übernimmt Aron Schuster, für die katholischen Träger Tanja Kleibl, Simon Kolbe und Ulrich Bartosch. Die evangelische Perspektive nimmt J. Thomas Hörnig ein, die der Muslime Cemil Şahinöz.

Diskussion

Dieses Buch lässt sich nach Einschätzung der Rezensentin kaum ohne die eigene konfessionelle Brille lesen. Und das macht den Inhalt gleichzeitig sehr interessant. So wird es je nach eigener Religionszugehörigkeit gelingen, sich in bestimmten Themen sehr heimisch zu fühlen und bei anderen vor völlig neuen Welten zu stehen.

So wurde die Geschichte der christlichen Wohlfahrtspflege bereits mehrfach abgehandelt und dürfte interessierten Leserinnen und Lesern einigermaßen bekannt sein. Sie wird sich nicht mehr verändern, so dass hier wenig neue Erkenntnisse, wenngleich vielleicht noch neue Einordnungen, zu erwarten sind. Auch die aktuellen Herausforderungen sind bekannt und wiederholen sich teilweise auch innerhalb der einzelnen Artikel.

Das alles aber tut der Qualität des Buches in keinster Weise Abbruch. Denn die Güte des Buches liegt nicht im einzelnen Artikel an sich, sondern in der Art der Zusammenstellung der Inhalte.

So hat es durchaus großen Erkenntniswert, dass man in einem einzigen Band lesen kann, wie der soziale Auftrag in der jeweiligen Religionen theologisch begründet und aus welcher Tradition heraus gehandelt wird. Gerade bei der Religion, die einem dabei selbst eher fremd ist, erhält man interessante Einblicke. Welche Anliegen haben die einzelnen Klientel, wie steht es um Professionalisierung, finanzielle Ressourcen, ehrenamtliches Engagement? Auf all das bietet das Buch Antworten und diese fallen in den einzelnen Religionen durchaus unterschiedlich aus.

Erfreulich ist, dass auch der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden Platz eingeräumt wird. Obwohl sie zu den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege gehört, bekommt man meist wenig von der Arbeit dieses Wohlfahrtsverbandes mit. Dieses Buch ermöglicht einen kleinen Einblick in die Arbeit, Angebote und Herausforderungen.

Wenig Platz wird dem Thema eingeräumt, welche Schwierigkeiten man miteinander hat. Kritische Töne kommen hier meist nur seitens der muslimischen Autorinnen und Autoren, die sehr nachvollziehbar dargelegt werden. Muslimen Raum zu geben heißt auch, finanzielle Ressourcen zu teilen und spätestens dann wird deutlich, wie weit es mit dem Willen zur Öffnung für einen neuen Wohlfahrtsverband in der sozialen Landschaft wirklich her ist.

Fazit

Die Logik des Buches folgt der historischen Entwicklung der Wohlfahrtspflege. Nach der Entwicklung der Armen- und Kriegsversehrtenversorgung und der Auseinandersetzung mit der soziale Frage (Kapitel 1) kommen auf die konfessionelle Wohlfahrtspflege nach dem zweiten Weltkrieg neue Herausforderungen zu (Kapitel 2). Durch die Säkularisierung der Gesellschaft und neo-liberale Haltungen von Politik und Wirtschaft (3. Kapitel) sowie Migrationsbewegungen ab den 1960er Jahren gibt es nun muslimische Bevölkerungsgruppen, die durch die klassischen Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege nicht repräsentiert werden (4. Kapitel). Ein Ausblick bietet möglicherweise Zusammenarbeit und Professionalisierung (5. Kapitel).

Die Qualität des Buches liegt in der Erläuterung der verschiedenen religiösen Wohlfahrtsbemühungen, die umfassend aus dem Kontext der Religionen erläutert und in ihrem Zustand analysiert werden. Je nach eigener Vorerfahrung sind Teile des Buches sehr vertraut, andere hingegen eröffnen einen Blick in unbekanntere Welten.

So schafft es ein einzelnes Werk, die Religionen in Form von unterschiedlichen Leserinnen und Lesern der unterschiedlichen Konfessionen zu vereinen. Das Buch eröffnet die Chance, aus dem eigenen vertrauten Blickwinkel auf das Unbekannte zu blicken. Zu diesem Ergebnis kann man den Herausgebern nur gratulieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Monika Sagmeister
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Cooperative State University Baden-Württemberg, Stuttgart
Fakultät Sozialwesen, Lehrgebiet Sozialökonomie
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Zitiervorschlag
Monika Sagmeister. Rezension vom 17.03.2017 zu: Rauf Ceylan, Michael Kiefer (Hrsg.): Ökonomisierung und Säkularisierung. Neue Herausforderungen der konfessionellen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-15255-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22148.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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