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Peter Faulstich, Joachim Ludwig (Hrsg.): Expansives Lernen

Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 08.03.2005

Cover Peter Faulstich, Joachim Ludwig (Hrsg.): Expansives Lernen ISBN 978-3-89676-811-7

Peter Faulstich, Joachim Ludwig (Hrsg.): Expansives Lernen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2004. 310 Seiten. ISBN 978-3-89676-811-7. 19,80 EUR. CH: 34,80 sFr.
Reihe: Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung - Band 39
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Die Autoren

  • Prof. Dr. Peter Faulstich, Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Universität Hamburg,
  • Prof. Dr. Joachim Ludwig ist Professor für Erwachsenenbildung/Weiterbildung und Medienpädagogik am Institut für Pädagogik der Universität Potsdam

Zielgruppe

Der Verlag macht keine Angabe zur Zielgruppe. Das Buch ist interessant für Studenten und Lehrende der Erziehungswissenschaften und für wissenschaftlich Interessierte zu Fragen der Erwachsenenbildung.

Aufbau und Inhalt

Faulstich und Ludwig geben in ihrem Einführungsbeitrag einen Überblick zur Theorie von Holzkamp. Dabei geht es um Fragestellungen von Lernen und Lehren aus subjektwissenschaftlicher Perspektive. Die Kernbegriffe der subjektwissenschaftlichen Konzeption werden vorgestellt, interpretiert und kritisch reinterpretiert. Dabei verfolgen die Autoren die Übergänge auf der erkenntnis- und handlungstheoretischen, lerntheoretischen und der methodologischen Ebene, indem sie zunächst Holzkamps zentrale Kategorien aufnehmen, dann nach Ergebnissen fragen und abschließend offene Fragen und Probleme benennen.

  1. Auf der ersten Ebene geht es um die Frage, was das Individuum ausmacht und welche Möglichkeiten des Lernens ihm zur Verfügung stehen. Im Hinblick auf menschliches Handeln und Lernen liegt der Fokus auf Verfügungserweiterung in problematischen Anforderungen.
  2. Auf der zweiten Ebene wird daher das "intentionale Lernen" vorgestellt. Hier wird Lernen gefasst als dominanter Aspekt einer Handlung, die gekennzeichnet ist durch Rückbezug auf das eigene Selbst durch Begründungsmuster, die gesellschaftliche Verfügungserweiterungen anstreben. Verfügungserweiterung wird bezeichnet als eine aus Sicht des Subjekts gelingende Handlungsmöglichkeit, die sich von der aktuellen, als unzureichend empfundenen Situationsinterpretation durch neue Handlungsoptionen unterscheidet.
  3. Auf der dritten Ebene geht es um die funktional historische Analyse, die aufzeigt, an welcher Stelle im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang ich stehe, und welchen begrenzten Möglichkeiten ich unterliege, aber auch über welche Möglichkeitsräume ich verfüge. Es gilt geeignete Forschungsverfahren zu entwickeln, die erlauben, den Standpunkt des Subjekts in einer nachvollziehbaren und damit kritisierbaren Weise zu klären und diesen in den Zusammenhang gesellschaftlicher Verhältnisse stellen. Damit wird das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Lernvoraussetzungen und den gesellschaftlich sich bietenden Bedingungen thematisiert.

Abgeschlossen wird die Einleitung mit einem Interview von Klaus Holzkamp zum Thema Lernen. Hier lassen sich einige der vorher beschriebenen Kategorien im "Originalton" nachlesen. Zum Schluss betont Holzkamp, dass sich Alternativen zu den etablierten Lehr -und Lernformen in den bisherigen Bildungsinstitutionen deshalb nicht durchsetzen, weil Lernen auf den unterschiedlichsten Ebenen mit der Ausübung gesellschaftlicher Macht impliziert ist.

Im ersten Kapitel werden mögliche Transferleistungen einer subjektwissenschaftlichen Lerntheorie für bildungstheoretische Diskurse und Konsequenzen für die Erwachsenenbildung bearbeitet.

  • Joachim Ludwig referiert in seinem Beitrag "Bildung und Expansives Lernen" mögliche Erträge des Begriffs Expansives Lernen für eine Bildungspraxis, die sich als Kritik gesellschaftlicher Zwangsverhältnisse versteht.
  • Gerhard Zimmer befasst sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und den Interessen der Lernenden. Es wird gefragt, wie ein gesellschaftliches Problem zu einer subjektiven Aufgabe werden kann.
  • Die Beiträge von Peter Faulstich, Roswitha Peters und Dieter Gnahs reflektieren die Holzkamp'sche Kritik an pädagogischen Institutionen. Peter Faulstich nimmt einerseits diese Kritik auf, warnt aber andererseits vor einer pauschalen Kritik der Institutionen. Roswitha Peters identifiziert bei Holzkamp eine systematische Unterschätzung didaktischen Handelns. Dieter Gnahs vergleicht in seinem Beitrag Holzkamps Schulkritik mit Lehrkonzepten in Institutionen der Erwachsenenbildung.

Im zweiten Kapitel werden sowohl methodologischen Fragen erörtert als auch empirische Untersuchungen vorgestellt. Empirische Forschung und deren Praxis Bedeutung sind letztendlich Prüfstein für die Tragfähigkeit der "subjektwissenschaftlichen Perspektive".

  • Die ersten drei Beiträge stellen methodische Begründungen und Zugangsweisen im Rahmen einer Lernforschung vom "Subjektstandpunkt" vor. Morus Markhard begründet Handlungsforschung als adäquate Umsetzung des "Mitforscherverhältnisses". Die Menschen sollen nicht Gegenstand psychologischer Forschung sein, nicht beforscht werden sondern selbst auf der Forschungsseite stehen. "Psychologie vom Standpunkt des Subjekts" ist in diesem Fall wirklich gemeint: Gegenstand der Forschung ist nicht das Subjekt, sondern die Welt wie das Subjekt sie - empfindend, denkend, handelnd - erfährt.
  • Petra Grell stellt ihren Zugang vor, der auf Partizipation setzt. Dargestellt wird ein Konzept methodisch eingeleitete Reflexion, das Raum schaffen kann, die subjektiven Handlungshintergründe der lernenden gemeinsam zu reflektieren.
  • Michael Weis beschreibt die Durchführung einer Bedeutungs-Begründungs Analyse vom Subjektstandpunkt ohne Beteiligung der Betroffenen. Er nimmt den Subjektstandpunkt im Rahmen der qualitativen Forschungstradition über die mögliche Interpretation der Innensicht des Subjekts ein.
  • Die Beiträge von Patrica Arnold, Anke Grotlüschen, Michaela Müller und Martin Allespach stellen Ergebnisse von unterschiedlichen empirischen Lernforschungen dar. Patrica Arnold untersucht die Möglichkeiten expansiven Lernens in virtuellen Netzwerken und Anke Grotlüschen stellt eine Untersuchung über Lernwiderstände im virtuellen Raum vor. Michaela Müller untersucht das Lernhandeln von Führungskräften in einem Weiterbildungsseminar und Martin Allespach berichtet über eine Untersuchungen zur Beteiligung der Beschäftigten in einer betrieblichen Weiterbildungsmaßnahme.

Am Schluss werden noch einmal methodische Probleme beleuchtet, indem Theoriebezüge zu anderen Grundpositionen hergestellt werden.

  • Rolf Arnold kritisiert aus konstruktivistischer Sicht subjektwissenschaftliche Schlussfolgerungen für ein Bildungsverständnis in der Erwachsenenbildung. Wenn alle gesellschaftlichen Strukturen immer schon von Macht durchdrungen sind, ist dann ein handlungstheoretisches Konzept nichts anderes als der Versuch, Illusionen theoretisch zu fassen?
  • Hermann Forneck fragt deshalb nach, ob der Subjektstandpunkt von Holzkamp nicht nur eine weitere Spielart und Funktionalität in der Erwachsenenbildung darstellt. Dazu reflektiert werden theoretischen Status der Kategorie "Expansivität". Verbirgt sich dahinter ein normativer Anspruch oder taugt sie wirklich als empirische Leitidee?
  • Jürgen Wittpoth hinterfragt unter Bezug auf Bourdieu das "subjektive" Lerninteresse.
  • Helmut Bremer bezieht sich ebenfalls auf Bourdieu und dessen Habituskonzept. Er untersucht ob bzw. in welcher Art und Weise unterschiedliche Lernhandlungen an unterschiedliche Formen sozialer Praxis rückgebunden werden können.
  • Andreas Krapp identifiziert zentrale Übereinstimmungen zwischen subjektwissenschaftlichen Positionen und der pädagogisch-psychologischen Interessentheorie. Er vergleicht den Begriff der Selbstintentionalität des Interesses mit dem Begriff expansives Lernen.

Diskussion und Bewertung

Das Buch beginnt mit einer verdichteten, aber verständlichen Einführung in die Theorie von Holzkamp und den damit verbundenen aktuellen bildungstheoretischen Diskussionen. Sehr hilfreich ist auch das abgedruckte Interview mit Holzkamp, das es erlaubt, seine Gedanken direkt vermittelt nachlesen zu können. Sehr beeindruckend im zweiten Kapitel ist der Beitrag von Petra Grell, die sich unter der Überschrift der "forschenden Lernwerkstatt" auch mit forschungsethischen Fragestellungen befasst. Dabei geht es hauptsächlich um die Frage, wie die zu Beforschenden von den Forschern wahrgenommen werden. Sie resümiert, dass auch die qualitative Forschung in den zu Beforschenden hauptsächlich Datenlieferanten sieht. Ein wirkliches Reduzieren der Distanz zwischen Forscher und Beforschtem findet nicht statt. Sie stellt die forschende Lernwerkstatt als ein Modell vor, das versucht die Teilnehmer der Forschung und die Forscher gleichwertig am Forschungsprozess teilnehmen zu lassen.

Fazit

Ein gelungenes Werk, das einen Überblick über die Inhalte, Anwendungsfelder und offenen Fragen der subjektswissenschaftlichen Lerntheorie von Holzkamp zeichnet. Die einzelnen Beiträge eröffnen unterschiedliche Zugänge zum übergeordneten Thema, auch wenn damit inhaltliche Wiederholungen hingenommen werden müssen. Als Leser hätte ich mir zum Schluss jedoch zumindest einen kurzen Ausblick über das Holzkampsche Theoriegebäude hinaus auf anschlussfähige Autoren gewünscht. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang Yiro Engeström, der in seinem Konzept des "Lernen durch Expansion" zum Teil ähnliche Ansätze verfolgt wie Holzkamp.

Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Es gibt 42 Rezensionen von Winfried Leisgang.

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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 08.03.2005 zu: Peter Faulstich, Joachim Ludwig (Hrsg.): Expansives Lernen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2004. ISBN 978-3-89676-811-7. Reihe: Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung - Band 39. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2215.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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