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Thomas Walden: Trickster, Kreativität und Medienkompetenz

Cover Thomas Walden: Trickster, Kreativität und Medienkompetenz. kopaed verlagsgmbh (München) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-86736-364-8. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.
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Thema

Im vorgelegten Buch stellt sich der Autor die Frage, wie man auf den digitalen Wandel reagieren kann. Kreativität wird dabei als eine Schlüsselkompetenz der Medienpädagogik hervorgehoben und am Beispiel der historischen Trickster-Figur veranschaulicht. Ausgehend davon bietet das Buch Werkzeuge und Ideen zur Förderung der Kreativität für die medienpädagogische Arbeit.

Autor

Thomas Walden lehrt und forscht an verschiedenen Hochschulen zur Gestaltung von Lehr-Lern-Szenarien zur Förderung der Kreativität sowie zu Jugend und Medien.

Aufbau und Inhalt

Einleitung: Start me up – don't burn me down

Der Titel der Einleitung spielt auf die Themen „Startup“ und „Burnout“ an. Thomas Walden stellt damit bewusst zwei konträre Positionen bezüglich der aktuellen technischen Entwicklungen gegenüber.

Der Autor thematisiert zum Einstieg die aktuellen Entwicklungen und Diskurse im Zuge der Digitalisierung und Mediatisierung. Danach beschreibt er eine Bandbreite medienpädagogischer Themen und fragt, angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt, inwiefern Medienpädagogik noch Querschnittmaterie zu anderen Schulfächern sein kann. Anschließend führt Walden den Begriff bzw. die Figur des Trickster ein, die immer dann mit Innovationen auftritt, wenn sich Gesellschaften ausgehend von Dilemmasituationen in Transformationsphasen befinden.

Kapitel 1: Strukturen der Moderne

In diesem Kapitel entwickelt Walden den Ausdruck der „reflexiven, flüchtigen, digitalen Moderne“. Dazu erörtert er in angemessener Kürze Merkmale der Moderne, wie Säkularisierung, Rationalisierung, Industrialisierung etc. Es folgt eine Übersicht über die Entwicklungen zur Moderne und darüber hinaus bis zur postindustriellen Moderne. In mehreren Unterkapiteln werden dann deren Phänomene und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ausführlich dargestellt unter anderem sind dies: Patchworkidentität, Mediatisierung, Konsum, Internet of Things (IoT) und die Wertigkeit von Wissen.

Referenzen dieses Kapitels sind die Gesellschaftsdiagnosen von Ulrich Beck und Zygmunt Baumann.

Kapitel 2: Der Trickster

Das Kapitel 2 widmet sich der Vorstellung des Trickster. Zunächst definiert Walden die Figur als eine, „die immer wieder in […] Situationen der Unsicherheit gerät und einen souveränen Umgang mit solchen Umständen pflegt“ (S. 61). Ein beständiges Pendeln zwischen Erfolg und Misserfolg ist der Figur dabei inhärent. An sowohl historischen als auch zeitgenössischen Beispielen, wie unter anderem Captain Jack Sparrow aus dem Kinofilm Fluch der Karibik oder Steve Jobs, formt er die Figur und deren Merkmale schließlich weiter aus.

„Will man Beispiele zur Figur des Trickster zusammenfassen, ergibt sich das Bild einer komplexen, amoralischen Figur, die ihr jeweiliges ziel kompromisslos ansteuert. Der Trickster ist ein andauernder, selbstorganisierter Lerner, der die Spuren, die ihn umgeben, aufsaugt wie ein Schwamm und das Wissen, dass er unterwegs sammelt, sogleich anwendet und umsetzt. Er scheut sich auch nicht, zu diesem Zweck die Früchte der Arbeit anderer zu plündern und kombiniert verschiedene Elemente so lange beharrlich miteinander, bis das gewünscht Ergebnis erzielt ist. Dabei schreckt der Trickster auch nicht davor zurück jede Form der Konventionen zu brechen, wenn er dadurch nur seinem Ziel näher kommt. Da ein solchen Vorgehen mitunter Schwierigkeiten mit den Mitmenschen mit sich bringen kann, verhalten Trickster sich umsichtig, indem sie sich gegebenenfalls tarnen, um zu verhindern, dass ihr amoralisches Handeln auf sie zurückfällt. Das gelingt ihnen aber nicht immer und dann kommt die tragische Seite der Figur zum Vorschein: das Scheitern. Kein Trickster ist dauerhaft auf der Sonnenseite des Lebens anzutreffen, vielmehr gehört das Scheitern zur Grundausstattung der Figur. Das mögliche Scheitern kann sich dabei sowohl auf das Produkt oder den Herstellungsprozess beziehen als auch auf die im sozialen Netzwerk vorhandenen Beziehungen zu näheren und ferneren Kontakten. Um aber nicht über jedes Scheitern zu jammern oder gar daran zu verzweifeln, betrachten Trickster die Welt und sich selbst grundsätzlich mit Humor. Der Humor ist eines der zentralen Instrumente des Tricksters, die ihn unter allen Umständen dazu befähigen offen zu bleiben und sich nicht festlegen zu lassen. Damit bildet der Humor eine Grundlage für die zahllosen Einfälle des Tricksters und genau das ist es, was den Trickster auszeichnet: Er ist eine Quelle von Einfällen, in einem Wort, er ist kreativ.“

Walden definiert und erörtert anschließend die Bedeutung von Kreativität und kreativen Handelns in Zeiten der reflexiven, flüchtigen, digitalen Moderne. Einer Zeit in der – wie er sarkastisch feststellt – alle Probleme scheinbar durch passende Apps lösbar sind. Am Beispiel der Startup-Szene und disruptiven Ansätzen zeichnet er die Herausforderungen der reflexiven, flüchtigen, digitalen Moderne nach. In Überleitung zu Kapitel 3 thematisiert er bereits die Relevanz formeller Bildungsziele und betont, die Wichtigkeit „Kompetenzprofile zu entwickeln, die es erlauben […] handlungsfähig zu werden und zu bleiben“ (vgl. S. 85).

Kapitel 3: Eine Metaerzählung der reflexiven, flüchtigen und digitalen Moderne

Im 3. Kapitel veranschaulicht Walden zunächst die Bedeutung des Spiels und wie Trickster die Fähigkeit zu spielen instrumentalisieren, um gegenüber einer vermeintlich lähmenden Komplexität handlungsfähig zu bleiben.

Anschließend widmet er sich ausführlich der Medienpädagogik und Medienkompetenz sowie deren diversen Modellen und Zielen. Er entwickelt das Medienkompetenzmodell Bernd Schorbs (Wissensdimension, Handlungsdimension, Bewertungsdimension) weiter um eine kreative Dimension, die er „Selbstdimension“ nennt. Die Selbstdimension hat dabei das Ziel, dass Menschen einen Habitus entwickeln, der ein „befriedigendes Leben in den sozialen Kontexten megakomplexer Gesellschaften ermöglicht“ (S. 127). Kompetenzen im Sinne der Selbstdimension helfen, sich laut Walden gegen interessengeleitete Bevormundungen zu immunisieren und schaffen Voraussetzungen, um am gesellschaftlichen Prozess partizipieren zu können. Deren medienpädagogischer Förderung ist das anschließende vierte Kapitel gewidmet.

Kapitel 4: Die Förderung der Selbstdimension – Trickstercoaching

Um die Entwicklung der Selbstdimension zu fördern bietet Walden ein Lernszenario aus vier Bausteinen: Einsteigen, Spielen, Machen und Reflexion/Trans-Formation. Dieses Kapitel stellt den Hauptteil des Buches dar.

Einsteigen. Der optimale Einstieg in Lernprozesse geht über die Aktivierung und Klärung des Vorwissens, so Walden. Er erörtert dazu zahlreiche Methoden. Die Methode des Storytelling, als Methode des spielerischen Umgangs mit Wissensbeständen beschreibt er ausführlich. Zur Veranschaulichung bietet er Filmbeispiele. Zur Entwicklung eigener Storys stellt er Werkzeuge und Methoden vor. Da nach Ansicht des Autors der Humor und eine gute Kooperation in der Gruppe oder im Team eine wichtige Voraussetzung für Lernen sind stellt er auch diesbezüglich verschiedene Werkzeuge vor.

Spielen. Dieses Unterkapitel hat Walden in vier so genannte Spielkreise, Techniken des Tricksters, untergliedert. Bei der Vorstellung der Spielkreise wählt der Autor den bereits aus vorherigen Kapitel bekannten Aufbau aus Erörterung, Veranschaulichung an Filmbeispielen und Vorstellung von Übungen und Methoden zur Förderung. Die Spielkreise sind:

  • „Ablenkung und Verneblung der Sinne“ mit Übungen einerseits zur Bewusstmachung von Ablenkung und Konzentrationsübungen andererseits
  • „Grenzen überschreiten“, das Verlassen der Komfortzone (i.S.v. sozialen und gesellschaftlichen Konventionen) um die eigenen Handlungsoptionen zu erweitern, mit Übungen zum Aufspüren und Überschreiten der eigenen Grenzen
  • „Welten erzeugen“, ist erneut vierfach untergliedert, es gibt Übungen um das Denken zu erweitern und Denkroutinen aufzubrechen (Verstand schärfen), Übungen zum abduktiven Denken (Spuren lesen), Übungen zum schnelleren Denken sowie Übungen zum kreativen Mashup (Kopieren, Transformieren und Kombinieren).
  • „Verschwinden“ mit Übungen zum unauffälligen, visuellen oder kommunikativen Rückzug (im digitalen Kontext beispielsweise die Datenverschlüsselung)

Machen. In diesem Kapitel versucht Walden den Leser dazu zu motivieren eigene Ideen und Projekte anzupacken. Dies tut er auf eine amüsant-provokante Art und Weise, im Stil des kreativen Schreibens.

Reflexion/Trans-Formation. Aus Waldens Perspektive wollen die „Ideen, Projekte, Produkte und realisierten Träume […] in die Welt“ (S. 252), da sie sonst aus gesellschaftlicher Perspektive nicht vorhanden seien. Das Einholen von Feedback diesbezüglich und somit das Reflektieren seien dafür bedeutsam. Am Beispiel von Filmen veranschaulicht der Autor verschiedene Reflexionsprozesse. Es folgen Methoden für das Einholen von Feedback. Er kommt zu dem Fazit: Entscheidend sei, was die Figuren gelernt haben und die Bereitschaft mit diesen Erfahrungen weiterzumachen. Abschließend appelliert er – entsprechend einem Trickster – die Angst vor dem Scheitern abzulegen.

Kapitel 5: Die Differenz zwischen dem Trickster-Prinzip und dem Trickster

Während der Trickster ein Nonkonformist ist, ist das Trickster-Prinzip auf ökonomische Wertschöpfung ausgerichtet. Übertragen auf die reflexive, flüchtige, digitale Moderne heißt das laut Walden, dass digitale Umgebungen eine trügerische Ruhe versprechen, die dazu dient „dass sich die Individuen in von ihnen 'freiwillig' gewählte Komfortzonen einschließen lassen. Voraussetzung für den Zugang zu diesen Komfortzonen ist jedoch, dass die Ruhe Suchenden sich bedingungslos den Bedingungen ökonomischer Konformität und Anpassung unterordnen“ (S. 263). Der Trickster macht sich die virtuellen Räume zu nutze, nimmt „sich aus dem Spiel“ oder bringt sich zurück ins Spiel je nach Einschätzung der Lage.

Abschließend fasst Walden die Vorzüge der Trickster-Figur für die Medienpädagogik zusammen und zeigt auf, welche Vorteile eine digitale Tauschökonomie entsprechend der Open Source-Bewegung hat.

Diskussion

Mit dem Buch „Trickster, Kreativität und Medienkompetenz“ greift Walden ein aktuelles und spannendes Thema auf. Er regt den Leser an, Medienpädagogik und Medienkompetenz neu zu denken.

Dabei führt Walden den Leser/die Leserin äußerst gut durch das Buch und die Entwicklung seines Konzepts und spricht ihn/sie teilweise auch direkt an. Die (Unter-)Kapitel bauen gut nachvollziehbar aufeinander auf. Lediglich am Ende des 4. Kapitels kommt das Unterkapitel der Reflexion/Trans-Formation leider etwas zu kurz. Der Zusammenhang von Feedback und Reflexion sowie die Trans-Formation könnte für ein besseres Leser*innenverständnis ausführlicher dargestellt werden.

Insgesamt ist anzumerken, dass der Autor bei der Leserin/dem Leser ein immenses Filmwissen voraussetzt, wenn er zahlreiche Filmsequenzen als Beispiele heranzieht. Entsprechend einem Trickster kann man sich davon aber statt entmutigen, auch einfach anregen lassen, den einen oder anderen Film „endlich“ anzusehen. Wissen setzt Walden ebenso bezüglich der Digitalisierungsentwicklung und Mediatisierung voraus, insofern er rasant die Entwicklungen anreißt, sie aber nicht in ihrer Tiefe erläutert.

Als großartig möchte ich die Methoden und Übungen, die Walden an vielen Stellen des Buches vorstellt bezeichnen, da sie teilweise (für mich) gänzlich neue Social Media-Übungen beinhalten.

Als offne Frage nehme ich mit, wie es um die weiblichen Trickster bestellt ist. Relativ spät im Buch werden lediglich zwei weibliche Trickster in Beispielen erwähnt: die Kinderbuchheldin Pippi Langstrumpf und die Comic-Heldin Lara Croft.

Fazit

Das Buch „Trickster, Kreativität und Medienkompetenz“ von Thomas Walden eröffnet eine neue Perspektive auf das Verständnis von Medienpädagogik und Medienkompetenz im digitalen Zeitalter. Er stellt die Eigenschaften eines so genannten Trickster, einer archaischen Figur, vor und zeigt auf, wie damit die Herausforderungen der heutigen Digital-Gesellschaft zu meistern sind. Mit seinen zahlreichen Beispielen und Übungen eignet es sich hervorragend sowohl für Lehrende als auch für Studierende. Da es sehr gut lesbar und kurzweilig ist kann es sogar zur privaten Lektüre – Bin ich ein Trickster? – empfohlen werden.

Summary

Thomas Walden´s book „Trickster, Kreativität und Medienkompetenz“ opens a new perspective on media teaching and media literacy in the digital age. The author presents the archaic figur of the so called Trickster and shows how the figure's specific characteristics can help to navigate the challenges of a digital society. The book contains many examples and exercises/methods and therefore I can fully recommend it for teachers as well as for students. The book might also be interesting for those who want to check their own Trickster-Competencies.


Rezensentin
Dipl.-Soz.päd./arb. (FH) Daniela Cornelia Stix
Diplom-Sozialpäd./-arb. (FH), Medienwissenschaftlerin (Master of Arts), Lehrkraft für besondere Aufgaben mit dem Schwerpunkt Medienkompetenz und Gestaltung digitaler Medien in der Sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Sie promoviert zum pädagogischen Einsatz von Sozialen Onlinenetzwerken in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit
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Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 01.08.2017 zu: Thomas Walden: Trickster, Kreativität und Medienkompetenz. kopaed verlagsgmbh (München) 2016. ISBN 978-3-86736-364-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22151.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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