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Kerstin Jantke, Florian Lottermoser u.a. (Hrsg.): Nachhaltiger Konsum

Cover Kerstin Jantke, Florian Lottermoser, Jörn Reinhardt, Delf Rothe, Jana Stöver (Hrsg.): Nachhaltiger Konsum. Institutionen, Instrumente, Initiativen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 470 Seiten. ISBN 978-3-8487-3222-7. D: 84,00 EUR, A: 86,40 EUR.
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Radikale Entfremdung

Die Lebens-, Gesellschafts- und Kapitalismuskritik zeigt unisono auf, dass der Mensch im Hier und Heute einen radikalen Perspektivenwechsel vollziehen sollte, wie ihn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindringlich gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 1997, S. 18). Es ist die Möglichkeitsform, die diesen Appell kennzeichnet, und in der deutlich wird, dass diese für die Menschheit existentiell notwendige Veränderung (noch) nicht realisiert wird. Dem Menschen gehört nicht die Erde, er gehört zu ihr – diese indianische Weisheit (MAB) ist immer noch nicht Bestandteil eines globalen Bewusstseins. Die Umweltprobleme, wie sie sich als von Menschen gemachtem Klimawandel, der Biodiversität, Landnutzung und zahlreichen weiteren Konflikten darstellen, dürfen weder ausgesessen noch verleugnet, oder ignoriert werden. Bereits die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung hat 1987 im Brundtland-Bericht davor gewarnt, dass ein „business as usual“ überholt sei, die Menschen von einem „throughput growth“, Durchflusswachstum, Abstand nehmen sollten und zum „sustainable development“, einer tragfähigen Entwicklung kommen müssten (WCED, Our Common Future / Unsere gemeinsame Zukunft, Greven 1987, 421 S.)

Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) haben deshalb für die schulische und Erwachsenenbildung den „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ herausgebracht; denn: Nachhaltigkeit als Lebensprinzip muss gelernt und erfahren werden! (Engagement Global, Hrsg., Bonn 2016, 464 S., www.engagement-global.de). Die Frage nach der globalen Verantwortung, die jedes Individuum permanent mit sich trägt und jeder Gesellschaft auferlegt ist, wird als Voraussetzung dafür verstanden, ob die Menschheit human und gerecht überleben kann (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php).

Es ist die anthropologische Vorstellung, dass jeder Mensch das Recht auf ein gutes, gelingendes Leben hat und „Buen Vivir“ zu einer humanen Herausforderung wird, die den real existierenden lokalen und globalen Fehlentwicklungen entgegengesetzt werden muss, dass die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden ( Alberto Acosta, Buen Vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20598.php). In der Politik-, Gesellschafts-, Kapitalismus- und Konsumkritik wird deutlich, dass die Gerechtigkeit in der Welt viel zu wünschen übrig lässt (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, „Deutschland ist das Land mit der größten Vermögensungleichheit in Europa, 3. 4. 2016, www.sozial.de/index.php?id=94). Der französische Soziologe Jean Baudrillar (1929 – 2007) hat darauf hingewiesen, dass Konsum ein Phänomen ist, „das unsere Gesellschaft insgesamt durchdringt und umtreibt, und daher nicht mehr bloß ein Anhängsel der Produktion darstellt, sondern ein selbständiges System mit gesellschaftsweiter Geltung“ ist (Jean Baudrillard, Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18005.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Die vielfältigen, zunehmenden lokalen und globalen Krisen, wie sie sich in der Welt darstellen, lenken den besorgten und analytischen Blick auf das menschliche konsumtive Denken und Verhalten: „Das Konsumverhalten ist Teil einer Lebensweise, die die Erde an immer deutlicher werdende planetare Grenzen führt“. Diese Warnungen sind nicht neu. Bereits vor fast einem halben Jahrhundert haben die Berichte an den Club of Rome deutlich gemacht, dass das Ende des (ökonomischen) Wachstums vorbei sei (1972) und die Menschheit am Wendepunkt ihrer Geschichte stehe (1974). Ob und inwieweit diese Appelle in das individuelle und kollektive Bewusstsein der Menschen eingegangen sind, daran muss man erhebliche Zweifel haben. Das Scheitern der von den Vereinten Nationen propagierten Millenniumsziele gibt kaum Anlass zu Optimismus; freilich (immerhin) der erneute Versuch, Sustainable Development Goals (SDGs) zu formulieren und zu einer globalen Partnerschaft aufzurufen, lassen doch die Hoffnung aufkeimen, dass die Menschheit den notwendigen Perspektivenwechsel hinbekommt. Dazu allerdings ist eine Analyse und Auseinandersetzung mit den Motiven, Gründen und Verortungen bei Konsumentscheidungen notwendig. Es zeigt sich deutlich, dass das individuelle Konsumverhalten immer eingebunden ist und bestimmt wird von der jeweils vorherrschenden Konsumkultur, entweder als kapitalistische, ökonomistische und individualistische, oder ökologische Politik. Es gilt, „Konsumentscheidungen als institutionelles Problem zu begreifen“. Damit erhält der Institutionenbegriff eine analytische und praktische Bedeutung. Konsumieren wird dadurch als soziale Praxis verstanden. Die Auseinandersetzung damit lässt sich zum einen als informelle institutionelle Prägung begreifen, zum anderen als ein formeller, politischer Akt verstehen. Die Mentalitäten, Einflussnahmen, Motivations- und Steuerungsmittel für ein nachhaltiges Konsumverhalten sind entscheidend dafür, wer was wie Initiativen für eine nachhaltige Entwicklung in den jeweiligen Gesellschaften und weltweit in Gang setzt und befördert: „Initiativen für den nachhaltigen Konsum bewegen sich häufig zwischen den Polen schwacher und starker Nachhaltigkeit“.

Die Wissenschaft als disziplinäre und interdisziplinäre Bildungs- und Forschungseinrichtung ist hier in besonderer Weise gefragt. Das Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität (KNU) an der Universität Hamburg hat im Wintersemester 2015/16 eine öffentliche Ringvorlesung durchgeführt. Insgesamt 40 Referentinnen und Referenten haben mit fachbezogenen und fächerübergreifenden Themen aus Gesellschafts-, Wirtschafts-, Geistes-, Rechts- und Naturwissenschaften zu Nachhaltigkeitsfragen und -forschung vorgetragen. Das Herausgeberteam des Hamburger Kompetenzzentrums stellt die Ergebnisse in dem Sammelband „Nachhaltiger Konsum“ vor: Die Umweltwissenschaftlerin Kerstin Jantke, der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Florian Lottermoser, der Rechtswissenschaftler Jörn Reinhardt, der Politikwissenschaftler Delf Rothe und die Ökonomin Jana Stöver.

Aufbau und Inhalt

Neben der ausführlichen Einführung mit dem Slogan „Shoppen gehen im Anthropozän“, wird der Sammelband in drei Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten wird der „Institutionelle Kontext“ dargelegt;
  2. im zweiten geht es um „Instrumente“, und
  3. im dritten Kapitel werden „Initiativen und Akteure“ vorgestellt.

Den ersten Teil beginnt der Politikwissenschaftler Peter Dauvergne von der kanadischen University of British Columbia mit seiner Analyse über das „Problem des Konsums“; und zwar nicht in erster Linie um die Fragen, „für welche Produkte sich individuelle Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden und was sie verbrauchen … (sondern) vor allem darum, wie sich systemische Triebkräfte auf die Mengen, Kosten und Vorteile der Produktion, des Vertriebs und der Entsorgung von Konsumgütern auswirken“. Es geht um die globalen Kosten, die Steuerung, Zurverfügungstellung und Vermeidung des Konsums. Der Autor nimmt dabei die (gängige) „Theorie der ökologischen Modernisierung“ kritisch unter die Lupe und fordert, die Kosten und Auswirkungen des ausufernden kapitalistischen Konsumwettbewerbs unter den Gesichtspunkten der vorherrschenden Einkommens- und Vermögensunterschiede, sowie der real existierenden, ungerechten Weltordnung zu betrachten.

Der Philosoph von der Universität in Liverpool, Thomas Schramme, reflektiert über die Möglichkeiten, Wirkungen und Fallstricke, „wenn Konsumenten umweltfreundliche Entscheidungen treffen“. Auch er ist mit den Strategien und politischen Maßnahmen des Konzeptes „ökologische Modernisierung“ nicht zufrieden, und er thematisiert in seinem Beitrag die Auswirkungen, die sowohl Über-, als auch Fehlkonsum mit sich bringen. Mit den von ihm herausgearbeiteten Alternativen bietet er zwar keine direkt wirksamen Lösungen an; doch die Hinweise, dass „eine Einschränkung des Konsums (nur gelingen könne), wenn sie als kollektive Aufgabe verstanden wird, die mit politischen Mitteln organisiert werden muss“, zeigt er Denk- und Handlungsrichtungen auf, die gegangen werden müssen.

Die Didaktiker von der Universität Koblenz-Landau, Anne-Katrin Holfelder und Ulrich Gebhard von der Universität Hamburg fragen: „Konsum als geeignetes Thema zur Bildung für nachhaltige Entwicklung?“. Die sachlichen, rationalen, emotionalen und institutionellen Ansprüche, die sich an BNE richten, stehen im individuellen, moralischen und lokal- und globalgesellschaftlichen Spannungsfeld zwischen Instrumentalisierung und Bildung. Die (vereinfachenden) Kompetenzmuster eines Ursache-Folge-Schlusses reichen nicht aus, um die individuellen und kollektiven Wirkungen des Konsumverhaltens mit Aufklärung und Bildung zu verändern. Es gilt, die jeweiligen Welt- und Menschenbilder einzubeziehen und zu verdeutlichen, dass „Konsum auch eine soziale Funktion besitzt, die durch implizit wirkende, sozial und kulturell geprägte Aspekte bestimmt wird“.

Florian Lottermoser fragt mit seinem Beitrag „Institutionen-Selektion im nachhaltigen Konsum: Entscheidungs-Klassifikation im Modell der Frame-Selektion“ danach, unter welchen Entscheidungsbedingungen nachhaltigkeitsorientierte Institutionen individuelle Konsumentscheidungen beeinflussen. Das Modell „Frame-Selektion“ (MFS) bietet die Möglichkeit, „die allgemeinen und kausalen Mechanismen hinter sozialen Prozessen zu verstehen und abzubilden, und ordnet die empirische Analyse in Selektionsschritte“. Der Autor stellt die dabei eingesetzten Entscheidungs-Klassifikationen - Presence, Progress, Proximity, Contact, Coherence und Citizen – vor und bringt sie in einen neuen, analytischen Zusammenhang, mit dem Ergebnis: „Institutioneller Einfluss ist nicht per se gegeben und instrumentell erreichbar, sondern bedarf der punktuellen Erfüllung situativer Selektionsbedingungen…“.

Der Hamburger Volkswirtschaftler Grischa Perino stellt die ganz pragmatische Frage: „Hilft Stromsparen dem Klima?“, indem er über klimafreundlichen Konsum und europäischen Emissionshandel spricht. Er zeigt auf, dass sich ein klimafreundliches Konsumbewusstsein auf weitergehende, konsequentere und logischere Begründungszusammenhänge stützen müsste, als es vom EU-Emissionshandelssystem vorgegeben wird; sie habe sogar kontraproduktive und gegenteilige Wirkung. „Um derzeit die Treibhausgasemissionen in der EU zu senken, ist es entscheidend, seinen CO2-Fußabdruck außerhalb des EU ETS zu senken“.

Antonietta di Giulio von der Universität Basel und Doris Fuchs von der Westfälischen Wilhelmsuniversität in Münster forschen über Inter-/Transdisziplinarität und globale Umweltpolitik. Mit ihrem Beitrag „Nachhaltige Konsum-Korridore“ stellen sie Konzepte vor, bringen Einwände zum lokalen und globalen wissenschaftlichen Diskurs und formulieren Alternativen zum gängigen Nachhaltigkeitsdiskurs. Sie lenken dabei den Blick weg von allumfassenden, eher unrealistischen und wenig praktikablen und umsetzbaren Konzepten und zeigen auf, wie die vorhandene Komplexität verständlicher und greifbarer gemacht werden könnte: Es könnte die Erkenntnis sein, dass die Eine Welt bei uns, direkt und lebensweltlich beginnt und wirkt, als „Konsum-Korridore“, in denen ganzheitlich, themen- und fächerübergreifend den Herausforderungen begegnet werden kann.

Den zweitenf Teil beginnt die Hamburger Rechtswissenschaftlerin Marion Albers mit der Frage: „Staatliche Verbraucherinformation: Gewinn für Konsumentenentscheidungen oder Gängelei?“. Es geht um das Spektrum staatlicher Verbraucherinformation und Verbraucherleitbilder. Die vielfältigen, verfassten, diktierten, gewachsenen und mit objektiven und ideologischen Begründungen gemachten Einwirkungen auf nachhaltiges Konsumverhalten der Individuen und der Gesellschaft vollziehen sich in vielfältigen, unterschiedlichen und komplizierten Kommunikationsformen und Techniken. „Der für staatliche Verbraucherinformationen häufig geforderten plakativen Vereinfachung hin zu leicht verständlichen Angaben oder Piktogrammen setzt das Recht Grenzen“.

Die als Vertretungsprofessorin am Lehrstuhl für Internationale Politik der Humboldt-Universität tätige Politikwissenschaftlerin Sandra Schwindenhammer fragt nach „Siegelklarheit oder Label-Hypertrophie?“, indem sie die Potentiale und Grenzen von Standards für den Konsum von Bio-Lebensmitteln im europäischen und deutschen Kontext diskutiert. Sie informiert über die Typologie von Bio-Standards, verweist auf die vielfältigen, unterschiedlichen Kennzeichnungen, die nicht selten eher zur Kundenverwirrung als zur objektiven Information führen. Sie lässt keinen Zweifel daran, „dass die politische Regulierung durch Standard ( ) beim Schutz öffentlicher Güter … nur eine unterstützende Funktion haben (kann) … vielfach sind ordnungspolitische Instrumente und/oder monetäre Anreize notwendig und zielführender“.

Die Hamburger Lebensmittelchemikerin Marina Creydt und der Institutsleiter für Lebensmittelchemie, Markus Fischer, informieren über „Identität und Herkunft nachhaltig erzeugter Lebensmittel“. Sie zeigen auf, dass die Herstellung von Lebensmitteln auf vielfältigen, natürlichen und künstlich produzierten Grundlagen und Basen beruhen. Deshalb müssen auch die Strategien und Methoden zur Sicherung von nachhaltig erzeugten Lebensmitteln fairen und kontrollierten Standards unterliegen. Eine stetige und forcierte Weiterentwicklung von lebensmittelanalytischen Methoden, Instrumentarien und Erkenntnissen ist notwendig. Immerhin: „Durch eigene Initiativen, ständige Qualitätskontrollen, Einrichtung höchster Hygienestandards, Systeme zur Rückverfolgbarkeit sowie aufgrund der staatlichen Auflagen sind die Lebensmittel heut e so sicher und authentisch wie noch nie“.

Der Psychologe von der Raymond A. Mason School of Business am College of William & Mary in US-amerikanischen Williamsburg, Michael G. Luchs, der Marketingexperte von der Smith School of Business der Queen´s University in Kingston, Jacob Brower und die Ökonomin von der Lehigh University in Bethlehem, Ravindra Chitturi, thematisieren mit ihrem Beitrag „Produktwahl und ästhetisches Design“ die emotionsgeladenen Geschäfts- und Handelsbeziehungen im Kontext zwischen Nachhaltigkeit und Funktionalität. Sie informieren über Experimente und Forschungsergebnisse und zeigen auf, dass „Verbraucher/innen … im Trade-off zwischen Funktionalität und Nachhaltigkeit zur Wahl der moralisch minderwertigen Alternative (neigen) … bis ein befriedigendes Niveau an Funktionalität erreicht ist“.

Die Münsteraner Rechtswissenschaftlerin Sabine Schlacke, der Rostocker Jurist Klaus Tonner, der Volkswirtschaftler Erik Gawel von der Universität Leipzig, die Münsteraner Umweltwissenschaftlerin Marina Alt und der Leipziger Ökonom Wolfgang Bretschneider reflektieren mit ihrem Beitrag „Stärkung einer längeren Produktnutzung durch Anpassungen im Zivil- und öffentlichen Recht“ über die Möglichkeiten und gesellschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen für einen nachhaltigen, ressourcenschonenden und umweltfreundlichen Konsum mit „ressourceneffizienten“, „reparaturfreundlichen“ und „langlebigen“ Produkten. Zu bedenken sind dabei die erheblichen, vielfältigen Zielkonflikte, die bei öffentlich-rechtlichen Produktnormierungen und lauterkeitsrechtlichen Eingriffen in das Wettbewerbsrecht auftreten.

Der an der Berliner FU tätige Umweltökonom Alexander Schrode stellt zum Thema „Nachhaltiger Konsum und Ernährung“ Prioritäten und Design als politische Instrumente für eine nachhaltige Ernährungspolitik zusammen. Mit der Nachschau, wie staatliche Politik beitragen kann, um umwelt- und gesundheitsschädliche Effekte bei der Produktion und des Konsums von tierischen Produkten zu mindern und die Nachhaltigkeit der Ernährung zu erhöhen, werden die Aussagen von wissenschaftlichen Studien vorgestellt und auf die Vor- und Nachteile des Konsums hin überprüft. Die Ergebnisse verdeutlichen, „dass der Konsum und die Produktion tierischer Produkte für eine Vielzahl ökologischer … und gesundheitlicher Probleme … mit verantwortlich gemacht werden können“.

Im dritten Teil plädieren die Göttinger Agrarwissenschaftler Anette Cordis, Sina Nitzko und Achim Spiller für „Flexitarier als neuer Konsumtyp bei Fleisch“. Sie informieren über eine deutschlandweite Befragung bei mehr als eintausend Verbraucherinnen und Verbrauchern über ihr (vegetarisches oder fleischreduziertes) Ernährungsverhalten. Ihre Annahmen, „dass ein Verzicht oder eine Reduktion des Fleischkonsums einen wesentlichen Beitrag zu einem insgesamt nachhaltigeren Lebensstil leisten können“, finden sie in der Studie bestätigt, was bedeutet, den neuen Konsumtyp des „Flexitariers“ zu stärken und zu fördern.

Daniela Gottschlich von der Freien Universität in Bozen fragt: „Alles eine Frage des Konsums?“, indem sie Widerstände und Gegenpositionen im Konfliktfeld Agro-Gentechnik diskutiert. Sie verweist darauf, dass die eine Blickrichtung des Konsumenten nicht ausreicht, wenn über nachhaltige Lebensführung nachgedacht wird: „Wie wir mit Natur umgehen, wie wir die vielfältigen Beziehungen zur Natur gestalten, ist gerade nicht nur das Ergebnis der Summe von individuellen Lebensstilen, sondern auch und vor allem das Resultat von politischen Entscheidungen über die jeweiligen Produktionsbedingungen“. Sie macht deutlich, dass die zahlreichen, differenzierten Widerstandsbewegungen gegen agro-gentechnisch veränderte Produkte in Europa erreicht haben, dass die Erzeugung von Lebensmitteln zu einem politischen Thema geworden ist.

Die Osnabrücker Umwelt- und Politikwissenschaftler Jan Pollex, Franziska Haucke und Andrea Lenschow unternehmen mit ihrem Beitrag „Nachhaltiger Konsum zwischen Politik und Konsumente“ einen heuristischen Zugang zu einer komplexen Thematik. Sie stellen die verschiedenen, traditionellen und modernen Theorien und Strategien für nachhaltige Konsumkonzepte vor und stellen fest, „dass die klassische Verbindung zwischen Politik und Bürgern im Bereich des nachhaltigen Konsums schwach ausgeprägt zu sein scheint“, was zur Folge hat, im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs den traditionellen wie vor allem den neuen, digitalisierten Informations- und Kommunikationsformen eine neue Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Die Sozialwissenschaftlerin von der School for Business der Glasgow Caledonian University, Alisa McKay und der Bielefelder Soziologe Detl ef Sack sprechen „Von Märkten, Konsum und einer besseren Welt“, indem sie Nachhaltigkeit und Fairtrade im öffentlichen Sektor thematisieren. Es sind die Katastrophen, Skandale und menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen, die nach allgemeinverbindlichen, sozialen und humanen Standards rufen. Es sind Strategien, um „Consumer Power und Marktmechanismen durch bewusste Kaufentscheidungen zugunsten fair gehandelter Produkte“ zu forcieren.

Jonathan Happ vom Institut für Stadt- und Kulturraumforschung der Leuphana Universität in Lüneburg fragt „Wie viel Einfluss haben Konsumenten?“, indem er auf die Auswirkungen der Fairtrade-Zertifizierung auf die Arbeits- und Lebensbedingungen im afrikanischen Blumenanbau am Beispiel Naivasha in Kenia eingeht. Er weist nach, „dass die Fairtrade-Zertifizierung einen positiven Effekt auf die Lebensverhältnisse der Region besitzt und die Arbeitsbedingungen auf den Farmen verbessert wird, wodurch die Kaufentscheidung des Konsumenten einen spürbaren Einfluss besitzt“, auch wenn die Lebensbedingungen der Menschen dort sich bisher nicht ausreichend zum Guten entwickelt haben.

Die Osnabrücker Sozialwissenschaftler Alexander Meier und Florian Mächig informieren über die Arbeitsweisen, Forschungsdesign und -ergebnisse beim Projekt „Nachhaltiger Konsum von Informations- und Kommunikationstechnologie in der digitalen Gesellschaft“, indem sie über die „Sentiment-Analyse in der nachhaltigen Konsumforschung“ am Beispiel der Fairphone-Community“ berichten.

Der Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Hamburg, Timo Busch und die Sozialökonomin Kim Lenhart fragen: „Suffizienz – neue Unternehmensstrategie für nachhaltigen Konsum?“. Sie thematisieren drei Lösungsansätze für ökologische Nachhaltigkeit: Öko-Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Letztere Theorie strebt eine Verbindung der erstgenannten Ansätze zugunsten einer Reduzierung des Konsums an. „Nur wenn ein Wandel im Bewusstsein der Konsumenten stattfindet, wird sich Suffizienz als eine langfristige und über viele Sektoren hinweg implementierte, ökonomisch sinnvolle Unternehmensstrategie etablieren“.

Fazit

Im Zeichen des „ökologischen Realismus“, wie er im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 in zwei gegensätzlichen Reaktionen und Perspektiven zum Ausdruck kommt – zum einen in dem Ziel, ökonomisches Wachstum wie bisher, nur etwas weniger (growth as usual) zu praktizieren, zum anderen als eine „ Entwicklung ohne ein die ökologische Tragfähigkeit überschreitendes Durchflusswachstum“ (throughput growth) – hat sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ als verpflichtender und notwendiger Perspektivenwechsel hin zu einem guten und gerechten Leben für alle Menschen durchgesetzt. Er ist andererseits zu einem unverbindlichen und illusionären Wunschbild geworden: Nachhaltig ist Alles und Nichts! Da ist es gut, dass es an der Universität Hamburg das „Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität“ (KNU) gibt, in dem Fragen der nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft diskutiert und interdisziplinär erforscht werden. Die in der Ringvorlesung im Wintersemester 2015/16 thematisierten Aspekte umfassen dabei die Spannweite von der Kritik an konsumorientierten Lebensstilen, bis hin zu der konsequentesten Forderung nach Suffizienz als grundsätzliche, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Lebensmaxime. Es sind realistische und utopische Vorschläge, Konzepte und Analysen, die wissenschaftlich die verschiedenen, nachhaltigkeitsrelevanten Handlungsfelder wie etwa Ernährung, Mobilität, Energie, Abfall, u.a. auf den Prüfstand eines nachhaltigen Konsumdenkens und -verhaltens stellen.

Das Ziel des Tagungsbandes ist es, dass die einzelnen Beiträge sich nicht nur an das jeweilige Fachpublikum wenden, sondern auch dazu beitragen sollen, die jeweiligen Fachaspekte im wissenschaftlichen, interdisziplinären Diskurs zu vermitteln und so die notwendige Weiterentwicklung der existentiellen Herausforderung für die Menschheit ermöglicht. Das Buch sollte deshalb in den Schul- und Hochschulbibliotheken nicht fehlen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.01.2017 zu: Kerstin Jantke, Florian Lottermoser, Jörn Reinhardt, Delf Rothe, Jana Stöver (Hrsg.): Nachhaltiger Konsum. Institutionen, Instrumente, Initiativen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-3222-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22156.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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