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Jens Uwe Martens, Birgit M. Begus: Das Geheimnis seelischer Kraft

Cover Jens Uwe Martens, Birgit M. Begus: Das Geheimnis seelischer Kraft. Wie Sie durch Resilienz Schicksalsschläge und Krisen überwinden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 205 Seiten. ISBN 978-3-17-031687-4. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
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Thema

Jens-Uwe Martens (Dipl.-Psychologe) und Birgit M. Begus (Dipl.-Soziologin) haben aussergewöhnliche Schicksale sowohl prominenter und wie auch kaum bekannter Personen untersucht und dabei zwölf Resilienzfaktoren identifiziert, die sie dafür verantwortlich machen, dass das Leben auch unter schwierigen Bedingungen gelingen kann. Zusätzlich beschreiben die Autorin und der Autor auch eigene schwere Lebensherausforderungen und ihren persönlichen gelingenden Umgang damit: Martens hat bei einem Flugzeugunfall seine erste Frau und zwei kleine Kinder verloren, Begus musste sich mit dem frühen Tod ihres Sohnes und einer lebensbedrohlichen Diagnose auseinandersetzen.

Aufbau

Nach einer persönlichen Einführung folgen ein Kapitel zur Begriffsklärung unserer inneren Widerstandskraft, anschliessend legen die beiden AutorInnen unter der Überschrift ‚Wie man Schicksalsschläge und Krisen bewältigen kann‘ (das längste Kapitel) anhand von zwölf Resilienzfaktoren verschiedenste Beispiele von gelingender Resilienz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dar: Menschen mit schweren Krankheiten, traumatischen Lebensereignissen, Burnout-Betroffene, KZ-Überlebende u.a.

Ausgewählte Inhalte

Das zentraleKapitel 2 behandelt die zwölf Resilienzfaktoren:

  1. Sehen (und Anerkennen) der Realität,
  2. die optimale Einstellung zum eigenen Schicksal,
  3. Bewusstseinsabspaltung,
  4. sich selbst erkennen – Selbstbewusstsein und Persönlichkeit entwickeln,
  5. für sich selbst sorgen,
  6. Hilfe durch soziale Kontakte,
  7. Verzeihen,
  8. Trauerarbeit leisten,
  9. Aufgaben- oder zielorientiert sein,
  10. sich fit halten,
  11. Sinn erleben,
  12. Vertrauen auf ein höheres Wesen.

Am Ende jedes Faktors legen die AutorInnen dar, welche Einstellungen und Haltungen uns dabei helfen können.

Hierzu einige ausgewählte Beispiele aus dem Buch:

  • Noris lernt als Siebenjähriger mit der Diagnose Typ-1-Diabetes mellitus konstruktiv umzugehen und meint dazu u.a.: „Der Diabetes ist wie ein Schleimmonster. Mit denen muss man nett sein, damit sie nicht wütend werden. Schleimmonster dürfen leben, aber sie dürfen nicht alles bestimmen.“ (S. 33) Ein eindrückliches Beispiel, die Realität (Resilienzfaktor 1) konstruktiv zu akzeptieren.
  • Ein erfolgreicher Kreativdirektor wird entlassen, seine Ehe zerbricht und zusätzlich wird bei ihm noch ein Gehirntumor diagnostiziert – schliesslich landet er bei Starbucks als einfacher Angestellter und entdeckt andere Werte als Geld, Erfolg und Äusserlichkeiten. Seine Einstellung zur Welt ändert sich radikal (Resilienzfaktor 2). Hier – wie auch bei den anderen Punkten – ist die Gestalter-Grundhaltung zentral: sehen wir uns (nur) als hilflose Opfer, die dem Schicksal einfach ausgeliefert sind, oder haben wir einen – vielleicht bisher übersehenen – grösseren Handlungsspielraum, als wir uns vorstellen können? Beim Resilienzfaktor 4 findet sich dazu passend der treffende Satz: „Der einzige Mensch auf der Welt, den ich verändern kann, bin ich selbst.“ (S. 76). An der Geschichte von Natascha Kampusch, die im Alter von zehn Jahren entführt und über acht Jahre lang von ihrem Peiniger gefangengehalten wurde, wird die resiliente Einstellung zum eigenen Schicksal überzeugend näher erläutert: Ausdauer, Durchhaltevermögen, Zähigkeit und innere Distanzierung sind dazu einige Stichworte.

Die AutorInnen versehen den Resilienzfaktor 3 (Bewusstseins-Abspaltung als Resilienzfaktor?) mit einem Fragezeichen: sie meinen damit nicht eine letztlich zu einer Pathologie führende Dissoziation, sondern eine vorübergehende (und letztlich sinnvolle) Betäubung des Schmerzes bei einem überwältigenden Ereignis, um damit nachfolgend besser klar zu kommen.

Am Beispiel des mit fünf Jahren erblindeten schwarzen Musikers Ray Charles erfahren wir, wie wichtig soziale Kontakte (Resilienzfaktor 6) sind und wie zu viel Mitleid eher schwächt. Ein 43-jähriger Redakteur erleidet einen massiven Hirnschlag mit schwerer Schädigung seines Hirnstamms und anschliessender völliger Lähmung. Trotz massivster Einschränkung im Kontaktverhalten schöpft er gerade aus seinen engen Beziehungen seine unglaubliche Kraft. Wie in vielen anderen Beispielen des Buches sind letztlich immer mehrere Resilienzfaktoren an einer günstigen Entwicklung beteiligt, was die AutorInnen mehrmals betonen.

Den Resilienzfaktor Verzeihen (Resilienzfaktor 7) beschreibt Martens u.a. am Beispiel von Nelson Mandela und zitiert den Resilienzforscher Cyrulnik: „Wer hasst, bleibt ein Gefangener seiner Gegenwart.“ (S. 100). Über Erlittenes zu schreiben und zu vergeben (wo das möglich ist) fördert die eigene Gesundheit. Allerdings heisst verzeihen nicht einfach vergessen oder das Vergangene gut beurteilen, was die AutorInnen zu Recht betonen. Dieser Gedanke wird beim Resilienzfaktor 8 weitergeführt: Schreiben half schon Goethe, Kafka oder Anne Frank, und mit Schreiben und über das Erlittene zu sprechen verarbeiten Menschen ihre negativen Erfahrungen aktiv und lösungsorientiert.

Die Bedeutung einer Aufgaben- oder Zielorientiertheit als Resilienzfaktor 9 im Leben wird an der Geschichte des an ALS erkrankten Physikers Stephen Hawking veranschaulicht: Die Ausrichtung auf das, was möglich ist, also die Einstellung auf positive Aspekte, auf die Gegenwart und die Zukunft zu richten, war hier zentral.

Sich fit halten (Resilienzfaktor 10) wird als weiterer Faktor kurz erläutert.

Wer in seinem Leben immer wieder Sinn erlebt bzw. Sinn findet (Resilienzfaktor 11) verfügt über einen wesentlichen Schutzfaktor; am Beispiel des KZ-Überlebenden Psychologen Victor Frankl lernen wir, wie wichtig unsere persönliche Wahl einer Reaktion ist: finden wir auch in unangenehmen Situationen einen Sinn, der uns Kraft verleihen kann oder resignieren wir? Allerdings muss hier angefügt werden, dass Frankl auch Glück hatte – andere KZ-Häftlinge wurden einfach umgebracht.

Das Vertrauen auf ein Höheres Wesen kann – sofern das innere Bild der höheren Macht für den betroffenen Menschen positiv ist – resilienzfördernd sein (Resilienzfaktor 12): am Beispiel der längeren Geschichte einer gläubigen Katholikin, die mit mehreren schweren Schicksalsschlägen konfrontiert wurde, stellen die AutorInnen diesen Zusammenhang dar.

Schliesslich werden die Resilienzfaktoren in einem kurzen Überblick nochmals zusammengefasst und es wird zur Vorsicht gemahnt: Können und dürfen Aussenstehende beurteilen, ob jemand an seinem Schicksal gescheitert sind? Die Antwort der AutorInnen: Ein klares Nein, denn Menschen werden auch unlösbare Aufgaben aufgebürdet.

Dann listen Martens/Begus noch verschiedene Sackgassen auf dem Weg der Bewältigung von Schicksalsschlägen auf: In die Sucht flüchten, die Probleme verdrängen, Hassen, ausgiebiges Selbstmitleid oder längere soziale Isolierung.

Beim kurzen Kapitel 4 über die Angst vor Schicksalsschlägen stützen sich die AutorInnen im Wesentlichen auf die vier Grundformen der Angst nach Fritz Riemann.

Ein nützlicher Selbsttest im Anhang A zur Prüfung der eigenen Widerstandskraft rundet das Buch ab, das mit hilfreichen Gedankenmustern und günstigen äusseren Umständen zur Stärkung der Resilienz beendet wird – jeweils bezogen auf die 12 Resilienzfaktoren.

Diskussion

Ein anschaulich, gut lesbares, verständliches und mit vielen eindrücklichen Fallbeispielen angereichertes Buch, das vielfältige Anregungen zur eigenen Lebensgestaltung vermitteln kann und zum Nachdenken anregt. Einige Punkte sind dabei aber diskussionswert:

  • So steht auf S. 73: „Ich bin für meine Gefühle verantwortlich.“ Das ist nicht falsch, aber wie steht es mit unbewussten Gefühlen? Hier müssten neben der stark kognitiv ausgerichteten Betrachtung auch psychodynamische, psychoanalytische Erwägungen berücksichtigt werden. Sonst ist der Weg nicht weit zur Aussage: Ich bin für mein Glück allein verantwortlich.
  • Als Wege, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten, werden verschiedene Möglichkeiten erwähnt und Virginia Satir und Bert Hellinger werden in einem Atemzug bei der Familienaufstellung aufgeführt – das ist doch überraschend, wenn man die vielfältige fachliche Kritik an Hellinger in Rechnung stellt (vgl. dazu den Wikipedia-Eintrag zu Bert Hellinger).
  • Im Abschnitt zum Resilienz-Faktor 5 (für sich selbst sorgen) beschreiben die AutorInnen am Beispiel eines dreijährigen Knaben, der bei einem Hirntumor falsch behandelt wurde und starb, die ‚Lösung‘ für das Leid der Familie durch den Vater, der beschwörend schreit „wir wollen wieder glücklich sein!“ (S. 80). Sicher ist es wesentlich, nicht im Leid zu verharren – aber ist das so einfach, „sich erlauben glücklich zu sein?“ (S. 81). Und was ist mit den Menschen, denen das nicht (so rasch) gelingt? Sind sie nicht resilient?
  • Das Kapitel 12 mit dem Beispiel der gläubigen Katholikin wirkt auf den Rezensenten sektenhaft und geht weit über eine auf psychologische Fakten basierende Darstellung hinaus: Gesundheilung durch einen spirituellen Lehrer, alle schrecklichen Ereignisse als „göttlichen Plan, der von langer Hand vorbereitet wurde“ zu verstehen (S. 137), das Vorkommen von „kosmischen Eltern, Mutter Erde als kosmische Mutter und die Sonne als kosmischer Vater“ (S. 136) und das totale Vertrauen auf Gott („Gott findet die Lösung, wenn ich mich nicht einmische.“ / S. 138) und ein tägliches Gebet („Ich gebe mich Dir, oh Herr, damit Du mich benützen kannst, alle meine Träume, meine Pläne. Mein ganzes Leben ist in deinen Händen. Ich übergebe mich Dir, oh Herr, damit du mich benützen kannst.“ / S. 138). Hier sind ernsthafte Zweifel und Fragen erlaubt.

Fazit

Der Band bietet einen besonders gut lesbaren und interessanten Einblick in verschiedene Lebensschicksale und deren konstruktive Lösungswege, verknüpft mit 12 zentralen Resilienzfaktoren. Ein insgesamt lesenswertes und anregendes Buch.


Rezensent
Prof. Dr. Jürg Frick
emeritiert, Pädagogische Hochschule Zürich
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Zitiervorschlag
Jürg Frick. Rezension vom 08.02.2017 zu: Jens Uwe Martens, Birgit M. Begus: Das Geheimnis seelischer Kraft. Wie Sie durch Resilienz Schicksalsschläge und Krisen überwinden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-031687-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22169.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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