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Nadia Mizziani, Michael Dieterich (Hrsg.): Integration von asylberechtigten Menschen

Cover Nadia Mizziani, Michael Dieterich (Hrsg.): Integration von asylberechtigten Menschen. Ein Beitrag aus psychologischer Sicht. SCM R.Brockhaus Verlag (Witten) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-417-26800-3. D: 10,95 EUR, A: 11,30 EUR, CH: 16,50 sFr.

Allgemeine Beratung, Psychotherapie und Seelsorge im Wandel, Band 6.
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Thema

In dem Buch wird das Thema Integration von Asylbewerbern aus einer psychologischen Sicht behandelt. Nadia Mizziani fordert eine differenzierte Betrachtung psychischer Bedürfnisse und Möglichkeiten von Betroffenen. Die Autorin fordert eine Integrationspolitik die eines Integrationskonzepts bedarf, welches auf einem holistischen Menschenbild fußt und so die Gesamtheit von Körper, Geist, Seele und Psyche der Geflüchteten berücksichtigt. Sie verdeutlicht, warum es wichtig ist auf Traumatisierungen und die psychischen Situationen der Asylbewerber, speziell bei Frauen und Kindern, mit Hilfe einer psychologischen Migrationsberatung einzugehen. Es wird davon ausgegangen, dass Integration/Akkulturation ein langandauernder Lernprozess ist, in dem von dem Ist-Zustand ein angestrebter Zustand erreicht wird. Als einen Ansatz hierfür stellt die Autorin das ABPS (Allgemeine Beratung, Psychotherapie und Seelsorge)- Veränderungsmodell vor.

Autorin

Nadia Mizziani hat einen Master in Beratungspsychologie und eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Während ihres Studiums und ihrer Ausbildung sammelte sie viele praktische Erfahrungen im Bereich Migration und Integration. Sie erlebte wie Kinder aufgrund ihres Migrationshintergrunds Ausgrenzung erfuhren und ihre speziellen Bedürfnisse in Bildungswesen keine besondere Berücksichtigung fanden. Sie arbeitet nun als Fachkraft für Migration in Kindertageseinrichtungen und begleitet, berät und unterstützt diese und ihre Hausleitungen und Fachkräfte.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf der Masterthese der Autorin aus dem Jahr 2012. Nadia Mizziani hat selber marokkanische Wurzeln und gibt einen kurzen Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema Menschen mit Migrationshintergrund, ihrer inneren Gefühlswelt und dem anstrengenden und ermüdenden Spagat zwischen zwei Kulturen und der eigenen Identität.

Aufbau

Das Buch ist in drei Hauptgliederungspunkte unterteilt, welche nochmals in weitere Unterpunkte unterteilt werden. Mit einem kurzen Vorwort sowie einer Zusammenfassung des Buchthemas leitet Nadia Mizziani mit einer Einleitung in das Thema des Buchs ein.

Zu Teil 1 Migration und Integration

Teil 1 gibt einen Einblick in die zeitliche Entwicklung der Zuwanderung und dem Paradigmenwechsel in der Migrations- und Ausländerpolitik in der BRD. Der Begriff Migration wirdals eine Wanderung aus einer Notsituation an einen ungewissen sicheren Ort beschrieben und als ein kognitiv, emotional und psychisch langandauernder komplexer Prozess, welcher sich nicht nur im Sozialraum vollzieht.

Auch hat die Identitätsentwicklung im Migrations- und Integrationsprozess eine wesentliche Bedeutung. Auch ist nicht nur die Eigeninitiative der Einwanderer bei der Integration in eine neue Gesellschaft und Kultur gefragt, sondern auch die staatliche und gesellschaftliche Unterstützung der Integrationsbemühungen durch Integrationsangebote und Maßnahmen. Als solche Maßnahmen werden der Integrationskurs und die Migrationsberatungsdienste genannt und die erstmalige gesetzliche Verankerung eines Integrationsanspruchs für Neuzuwanderer im Aufenthaltsgesetz.

Zu Teil 2 Asyl – Vom Flüchtling zum Asylberechtigten

In Teil 2werden die Begriffe Flucht, Migration, Asyl und Einwanderung erörtert und unterschieden. Weiterer Bezug wird in dem Kapitel auf die Migrationsgruppe der Asylbewerber und den Ablauf des Asylverfahrens genommen. Es wird die gesetzliche Verankerung des Rechts auf Asyl im Grundgesetz herangezogen und die unterschiedlichen Aufenthaltstitel benannt, welche ein Asylbewerber erhalten kann. Kritisiert wird hierbei, dass der Fluchtweg ausschlaggebend für die Bearbeitung und Entscheidung über einen Asylantrag ist und nicht die Fluchtmotive der Asylsuchenden.

Dem Thema Frauen auf der Flucht widmet Nadia Mizziani einen eigenen Abschnitt unter 2.2. Hier hebt sie die besonderen Situationen von Frauen, die um Asyl werben, hervor. Sie sind oftmals struktureller Verfolgung und Misshandlungen in ihrer Heimat und auf der Flucht ausgesetzt, welche in der Behandlung der Asylverfahren kaum Berücksichtigung finden. Am Ende zieht Nadia Mizziani ein zwischen Fazit über die Situation von Asylbewerbern und im speziellen von Frauen in Deutschland.

Zu Teil 3 Zum Menschenbild

Der dritte Teil des Buchs beschäftigt sich mit der philosophischen Anthropologie und dem Menschenbild, welche notwendig ist, um Asylbewerber in ihrer „Ganzheitlichkeit zu erkennen und daraus eine vernünftige asylrelevante Leitlinie zu erstellen und entsprechende Aufgaben verfolgen zu können.“(S. 80). „Die in diesem Buch postulierte asylrelevante Leitlinie basiert auf der Menschenwürde, die Aufgaben der Integration werden durch sie bestimmt, sie anzuerkennen und zu schützen ist das Ziel.“(S. 80).

In dem folgenden Kapitel 3.2 erörtert Nadia Mizziani den Kulturbegriff und die Entwicklung einer kulturellen Identität. Sie unterscheidet in die kollektivistische (nicht-westliche) und die individualistische (westliche) Kultur und zeigt die unterschiedlichen Wert-, Norm- und Erziehungsvorstellungen auf. Es wird deutlich, dass Lernen und Entwicklung sich bedingen und den Integrationsprozess unterstützen, da sich Menschen dadurch als handelnde und selbstwirksame Individuen in einem System bewegen können. Die Verhaltensmuster einer neuen Kultur müssen daher erst innerhalb eines Adaptionsprozess erlernt werden.

Im Kapitel 3.3 wird die Notwenigkeit eines holistischen Menschenbildes im Umgang mit Asylbewerbern erörtert, welches Körper, Seele und Psyche des Menschen mit berücksichtigt. Nadia Mizziani erklärt so, warum traumatische Erfahrungen nicht nur einen Teil des Menschen (die Psyche) betreffen, sondern auch die anderen Teile (Körper und Seele) davon beeinträchtigt sein können. Dies hat nicht nur Folgen für die Person mit einer Traumatisierung, sondern auch für die Kinder dieser. Ebenfalls sollten auch die kulturellen und religiösen Hintergründe einer jeden Person in einem holistischen Menschenbild Berücksichtigung finden. Wie nun alle Ebenen des holistischen Menschenbildes beim Akkulturationsprozess und somit beim Integrationsprozess einer Person berücksichtigt werden können, stellt Nadia Mizziani das ABPS-Veränderungsmodell vor.

Weiter beschreibt Nadia Mizziani den Verlauf eines Kulturschocks und wie aus diesem Integration, Assimilation, Separation oder Marginalisierung hervorgehen können. Unter dem Kapitel 3.4 setzt Nadia Mizziani den Migrationsprozess mit daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen ins Verhältnis, im speziellen mit Traumata und posttraumatischen Belastungsstörungen und wie sich diese auf die zwischenmenschliche Bindung, vor allem bei der Mutter-Kind Bindung, auswirken kann. So können laut Nadia Mizziani nicht erkannte und behandelte psychische Erkrankungen und Belastungssituationen sich noch über Generationen auswirken.

Zum Schluss zieht Nadia Mizziani ein Fazit über das Thema und gibt einen Ausblick, wie eine Integrationspolitik mit einem holistischen Menschenbild im Ansatz funktionieren könnte. Hierfür hat sie ein Konzept zusammengefasst, mit Hilfe dessen vorhandene politische Migrationshemmnisse beseitigt bzw. diesen entgegengewirkt wird und integrationsförderliche Faktoren eingerichtet bzw. gestärkt werden.

Diskussion

Es wird zu Recht eine differenzierte Betrachtung jeder einzelnen Person und ihrer Bedürfnisse und Ressourcen im Prozess der Integration in eine neue Gesellschaft und ihrer Kultur gefordert. Innerhalb dieses Prozess finden eine Vielzahl tiefgreifender psychosozialer Prozesse statt, die einer angemessenen Beachtung und Begleitung bedürfen und dies auch recht zeitnah. Jedoch kann eine psychosoziale Beratung nur stattfinden, wenn entweder die betroffene Person über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt, oder es genügend Berater mit Fremdsprachenkenntnissen gibt. Beides ist meiner Erfahrung nach eher selten der Fall. Berater und Therapeuten, die aufgrund ihrer eigenen Herkunft gefragte Fremdsprachen sprechen sind vollends überlaufen.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Einblick in die psychologischen Hintergründe mit denen Asylbewerber zu uns kommen. Es sensibilisiert für eine genauere und differenzierte Betrachtung jeder einzelnen Person. Wünschenswert wäre eine flächendeckende psychosoziale Migrationsberatung im Land und dieses Buch ein erster Schritt zum Umdenken.


Rezension von
Lisa Cordes
B.A. Soziale Arbeit, Sozialarbeiterin in den Bereichen Flüchtlings- und Asylwesen sowie Integration
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Zitiervorschlag
Lisa Cordes. Rezension vom 09.06.2017 zu: Nadia Mizziani, Michael Dieterich (Hrsg.): Integration von asylberechtigten Menschen. Ein Beitrag aus psychologischer Sicht. SCM R.Brockhaus Verlag (Witten) 2016. ISBN 978-3-417-26800-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22173.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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