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Angelika C. Wagner, Renate Kosuch u.a.: Introvision

Cover Angelika C. Wagner, Renate Kosuch, Telse A. Iwers-Stelljes: Introvision. Problemen gelassen ins Auge schauen. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 184 Seiten. ISBN 978-3-17-026927-9. 24,00 EUR.
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Thema

Die Beratungs-, Coaching- und Selbsthilfemethode der Introvision wurde von Angelika C. Wagner entwickelt und empirisch hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht. Nun liegt eine Einführung vor, die sowohl für Selbsthilfe als auch für Einführungskurse zum Thema genutzt werden kann.

Autorinnen

  • Univ.-Prof. Dr. Angelika C. Wagner ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Sie ist die Begründerin des Ansatzes ‚Mentale Selbstregulation und Introvision‘, den sie über einen Zeitraum von 35 Jahren entwickelte und evaluierte.
  • Prof. Dr. Renate Kosuch analysierte innere Konflikte im Berufsalltag und entwickelte die Methode des Nachträglichen Lauten Denkens zum konfliktfokussierten Interview weiter.
  • Prof. Dr. MHEd. Telse Iwers-Stellje lehrt Pädagogische Psychologie an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, befasst sich mit der Auflösung innerer Konflikte in Beratungs- und Supervisionsprozessen und hat den Begriff der Introvision erfunden.

Entstehungshintergrund

Die Publikation von Angelika C. Wagner ‚Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregulation und Introvision‘ stieß auf großes Interesse von WissenschafterInnen und Fachkräften. Ziel der nun vorliegenden Publikation ist laut den Autorinnen, mit einer alltagsnahen Einführung eine breitere Leserschaft zu erreichen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel.

  1. Zunächst widmen sich die Autorinnen dem Begriff der Gelassenheit und differenzieren unterschiedliche Grade der Gelassenheit. Am Ende des ersten Kapitels stellen sie die Entwicklungsgeschichte der Introvision dar.
  2. Das zweite Kapitel erläutert die Grundlage der Introvision, die Theorie der mentalen Introferenz, sowie das für die Introvision zentrale Prinzip des Konstatierenden Wahrnehmens.
  3. Kapitel 3 liefert eine detaillierte Beschreibung des Konstatierenden Aufmerksamen Wahrnehmens inklusive eines empfohlenen Übungsprogramms.
  4. Im vierten Kapitel wird das Verständnis von inneren Konflikten als erlebte Verletzung von subjektiv gültigen Imperativen erläutert und beschrieben, wie Konflikte mittels Nachträglichem lauten Denken aktiviert und subjektive Imperative bis zum sogenannten Kern des Konflikts zurückverfolgt werden können.
  5. Kapitel 5 ergänzt diese Ausführungen durch eine prozesshafte Darstellung der Anwendung der Introvision und veranschaulicht diese durch Fallbeispiele.
  6. Die abschließende Zusammenfassung gibt die Kernprinzipien der Introvision prägnant wieder.

Inhalt

Mit Introvision soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden: ‚Wie ist es möglich, gelassen mit schwierigen Situation umzugehen?‘ Die Autorinnen verstehen unter diesen schwierigen Situationen Konflikte und begründen den Verlust innerer Gelassenheit mit inneren Konflikten, die den Handlungsspielraum einschränken.

Im ersten Kapitel wird der Begriff der Gelassenheit anhand seiner Etymologie, der Abhandlung des Philosophen Kambartel sowie einer buddhistischen Definition skizziert, um darauf aufbauend zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit zu unterscheiden. Die Autorinnen stellen unterschiedliche Grade von Gelassenheit entlang der Psychotonusskala vor und erläutern, dass Gelassenheit erreicht werden kann, indem auf Selbstregulationsmechanismen, Kommentierungen und Bewertungen dieser Selbstregulationsversuche sowie Selbstvorwürfe verzichtet wird. Voraussetzung dafür sei es, die inneren Abläufe bei inneren Konflikten zu verstehen und zu üben, sich dem Kern eines Konflikts zuzuwenden.

Basierend auf dieser Darstellung der Grundüberlegungen wird die Entwicklung der Introvision als Ergebnis eines Langzeitforschungsprogramms zur Entstehung und Auflösung innerer Konflikte beschrieben, das Ende der 1970er unter der Leitung von Angelika C. Wagner begann und seit 1985 an der Universität Hamburg fortgeführt wird. Dieses Langzeitprogramm umfasste drei Phasen, die parallel zu einander verliefen. Ausgehend von der These, dass Imperative in Form von „inhaltlichen Muss-Vorstellungen“, in „überhöhten Ich-Idealen“ und irrationalen „Muss-Vorstellungen“ innere Konflikte verursachen, wurden verschiedene Ansätze entwickelt, die zur Auflösung dieser eingesetzt werden können. Parallel dazu entwickelte Angelika C. Wagner davon ausgehend, dass ein Konflikt aufgelöst werden könne, indem man dem „Schlimmen ins Gesicht“ sehe, das „Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen“ als praktische Methode. Die dritte Phase des Langzeitprogramms beinhaltete die empirische Untersuchung der Wirksamkeit der Introvision.

Im zweiten Kapitel wird anhand der von Wagner entwickelten Theorie der mentalen Introferenz erläutert, was im Zustand der Gelassenheit unterlassen wird. Entsprechend dieser Theorie entsteht Nicht-Gelassenheit durch „hineintragendes Eingreifen in die eigenen mentalen Prozesse“ im Sinne des Imperierens von Gefühlen, Gedanken, Bildern und Absichten. Die Autorinnen beschreiben den Prozess des „ersten Eingreifens“ anhand des Beispiels eines sich verlaufenden Wanderers, der sich angesichts seiner Verunsicherung nicht nach Hause zu finden imperiere, zu wissen, wo der richtige Weg sei. Die Autorinnen betonen, dass dieses Imperieren zur Gewohnheit werden könne und häufig ein „erneutes, sekundäres, zusätzliches Eingreifen“ nach sich ziehe. So werde beispielsweise ein guter Vorsatz gefasst und damit ein neuer Imperativ über den vorhandenen ersten Imperativ gelegt. Der ursprüngliche Imperativ werde mit Hilfe von Anspannung gehemmt und es werde ein hohes Maß an Aufwand für die Selbstkontrolle benötigt. Der genannte Wanderer reagiere auf seine innere Unruhe beispielsweise mit dem Imperativ, fröhlich zu sein. In dieselben Kognitionen könne laut den Autorinnen mehrmals eingegriffen werden, womit Schichten von Introferenz, mentalen Blockaden, inneren Konflikten, Hemmung etc. entstünden. So bilde sich der Wanderer, als er zwischen den Bäumen ein rotes Dach erkennt, ein es handle sich um den Kirchturm seines Wohnortes. Introferenz gehe einher mit einer fokussierten Wahrnehmung und verhindere damit die Aufmerksamkeit sowohl für die äußere Umgebung wie auch für das innere Erleben, wodurch die Handlungsfähigkeit eingeschränkt werde.

Bei der Introvision wird das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen angewandt, um den Kern des Konflikts zu finden und aufzulösen. Dabei wird konstatiert, also mit allen Sinnen (sehen, hören, spüren) festgestellt, wie der Erlebniszustand momentan ist. Dann wird die Aufmerksamkeit (sinnlich) weitgestellt und schließlich ein konstanter Fokus auf das gerichtet, was beim Imperieren ausgeblendet werden soll. Schlussendlich soll dem Wahrgenommenen und Erlebten offene Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Kapitel 3 widmet sich ausführlich dem Konstatierenden Aufmerksamen Wahrnehmen und beschreibt eine Reihe von Übungen, die sowohl im Selbstcoaching wie auch in der Beratung angewandt werden können.

In Kapitel 4 wird den subjektiven Imperativen nachgegangen und es werden Hinweise gegeben, wie diese „Muss/Darf-Nicht“-Vorstellungen erkannt werden können. Unterschieden wird weiters zwischen Arten innerer Konflikte anhand des Akronyms KUMMER: Konflikt-Konflikt, Umsetzungskonflikt, Mag sein- oder Möglichkeitskonflikt, Entscheidungskonflikt, Realitäts- oder Gewissenskonflikt. Damit ein Konflikt aufgelöst werden kann, sei es notwendig, ihn real erfahrbar zu machen. Dazu wurde die Methode des Nachträglichen Lauten Denkens entwickelt. Ziel ist es dabei, nicht bloß zu verbalisieren, sondern die erlebten Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen nachzuerleben. Dabei werden entlang von Imperativen und die diesen zugrundeliegenden Wenn-Dann-Annahmen Imperativketten zurückverfolgt. Folgendes Beispiel hierfür wird skizziert: Imperativ – „Ich darf nicht verspannt sein!“, dahinterliegende Wenn-Dann-Annahme: „Wenn ich verspannt bin, geht es mir schlecht.“ – Imperativ: „Mir darf es nicht schlecht gehen.“ – Wenn-Dann-Annahme: „Wenn es mir schlecht geht, bin ich ein Versager.“ – Kernimperativ: „Ich darf kein Versager sein – verbunden mit Schlimmgefühl (in die Ecke gedrängt sein)!!“. Werden die Kernimperative erkannt, also jene, die „mit einem mehr oder weniger starken ‚Schlimmgefühl‘“ verbunden sind, ohne dass darunter noch ein weiterer Imperativ „auftaucht“, könne der innere Konflikt durch konstatierende Wahrnehmung des Kernimperativs aufgelöst werden. Im oben genannten Beispiel bedeute dies den Satz „Es kann sein, dass ich ein Versager bin.“ konstatierend wahrzunehmen und dabei beispielsweise zu erkennen, dass dies mit der Erinnerung an eine unangenehme Szene („in die Ecke gedrängt sein“) verbunden wird.

Darüber hinaus sollen Konfliktumgehensstrategien identifiziert werden, die die Autorinnen entlang des Merkworts ENTGEHN skizzieren: Emotionale Erregung, Nochmals Imperieren, Theoretisieren, dem Konflikt als Ganzes geringer- oder größer machen oder wegschieben, Erwartungen über den Ausgang des Konflikts, Handeln, Nicht ausgeführte, andere Strategien. Auch hierzu ein Beispiel aus dem Buch und zwar zum konfliktfokussierten Interview zu Prüfungsangst: B: ‚Was geht dir in dieser Situation als erstes durch den Kopf?‘ – K: ‚Ich muss es diesmal einfach schaffen.‘ – B: ‚Es ist so: Es kann sein, dass du es nicht schaffst.‘ – K: ‚Ich muss einfach mehr lernen! Ab morgen sitze ich schon um fünf am Schreibtisch‘ (nochmals imperieren). ‚Andere haben auch Probleme mit dem Seminar‘ (rechtfertigen). ‚Das liegt an meiner Kindheit‘ (theoretisieren). ‚Ach hätte ich doch ein anderes Seminar gewählt‘ (sich eine andere Welt wünschen). ‚Ich gebe das Studium auf‘ (das Problem durch Handeln umgehen). ‚Die Uni ist einfach schlecht organisiert, das geht doch gar nicht‘ (die Schuld auf andere schieben). Aufgabe der Beraterin im konfliktfokussierten Interview sei es, diese Konfliktumgehensstrategien „abzuschneiden“ und die Aufmerksamkeit zurück auf die „Subkognition“ – ‚es kann sein, dass du es nicht schaffst‘ – zurückzulenken.

Im fünften Kapitel wird das Vorgehen bei der Introvision nochmals in Übersicht vermittelt: „Phase 1: Vorbereitung – Phase 2: In den Modus des Konstatierens hineinkommen – Phase 3: Den Kern des Konflikts finden – Phase 4: Konstatierende Wahrnehmung auf den Kern des Konflikts – Phase 5: Introvision ausklingen lassen“. Fallbeispiele veranschaulichen die Prinzipien und Übungen der Introvision.

Diskussion

Das Büchlein beschreibt die theoretischen Grundlagen, handlungsleitenden Thesen sowie den Prozess der Introvision so anschaulich, dass eine Umsetzung in die eigene Praxis auch ohne weitere Schulung machbar erscheint.

Offen geblieben ist für mich die Frage, inwiefern es Erfahrungen mit dieser Vorgehensweise beim Vorliegen von psychischen Erkrankungen gibt. Zwar ist von empirischen Untersuchungen zu inneren Konflikten bei Depressionen und Alkoholismus die Rede, die Praxisbeispiele im Buch beziehen sich jedoch ausschließlich auf alltägliche innere Konflikte im Kontext von Berufstätigkeit und Studium.

Möglicherweise sind die zahlreichen Redundanzen für manche Leser*innen hilfreich, um sich die Inhalte einprägen zu können. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Inhalte des Buches auf deutlich weniger Seiten Platz gefunden hätten.

Die Kombination alltagsnaher, einfacher Sprache mit Fachbegriffen der (Tiefen)Psychologie im Allgemeinen und Introvision im Speziellen, erweckte in mir den Eindruck, dass das Buch an Personen mit psychologischen Grundwissen gerichtet ist, die Introvision im Selbstcoaching oder in der Beratung anwenden wollen. Dieser Leser*innenschaft kann das Buch m.E. auch empfohlen werden.

Fazit

Introvision ist eine Beratungs-, Coaching- und Selbsthilfemethode, die der Auflösung innerer Konflikte durch die Technik der Aufmerksamen Wahrnehmung dient. Mittels Introvision wird die achtsame Wahrnehmung trainiert, Imperativketten, im Sinne von Muss/Darf-Nicht-Vorstellungen, werden erkannt und bis hin zu Kernimperativen zurückverfolgt um schließlich dem sog. Kern des Konflikts aufmerksam zu begegnen.

In diesem Buch wird das Introferenzmodell als Ausgangsbasis für ein Verständnis innerer Konflikte erläutert sowie die Methode der Konstatierenden Wahrnehmung als Strategie zur Auflösung innerer Konflikte ausführlich mittels Fallbeispielen beschrieben.

Das Buch eignet sich m.E. für Fachkräfte, die den der Introvision zugrundeliegenden Thesen zustimmen können und ihre Kund*innen bei der Reduktion und Auflösung innerer Konflikte mittels eines klar strukturierten Interventionsprozesses unterstützen wollen. Auch für Personen, die im Selbstcoaching ihren inneren Konflikten „ins Auge schauen“ möchten, kann dieses Buch hilfreich sein.


Rezensentin
DSA(in) Mag(a) Karin Goger
MMSc. Dozentin Bachelor-Stdgg. und Master-Stdgg. Soziale Arbeit, Fachhochschule St.Pölten GmbH; Lektorin an der Fachhochschule Burgenland; freiberufliche Referentin und Leiterin von Case Management-Lehrgängen; Organisationsberaterin, Supervisorin, Psychotherapeutin
Homepage www.sozialmass.at
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Zitiervorschlag
Karin Goger. Rezension vom 24.03.2017 zu: Angelika C. Wagner, Renate Kosuch, Telse A. Iwers-Stelljes: Introvision. Problemen gelassen ins Auge schauen. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-026927-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22174.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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