socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefan Huber: Basisaktivierung als Mittel gegen soziale Exklusion?

Cover Stefan Huber: Basisaktivierung als Mittel gegen soziale Exklusion? Ein Vergleich von Quartiersmanagement und Community Organizing an Berliner Beispielen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. 336 Seiten. ISBN 978-3-643-13483-7.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In benachteiligten Stadtteilen wird in der Regel ein Ansatz der Sozialen Arbeit praktiziert, der das Gemeinwesen im Blick hat. Mit Gemeinwesenarbeit verbinden wir die Vorstellung einer Sozialen Arbeit, die auf die Aktivierung der Bewohnerschaft setzt und sie zu Akteuren macht. Eine der Varianten dieses Ansatzes ist Community Organizing, die aus der amerikanischen Tradition der Gemeindereform kommt. Die Grundphilosophie dieses Ansatzes ist die Realisierung von demokratischen Strukturen, die es ermöglichen, dass jeder Bewohner und jede Bewohnerin an politischen Entscheidungen teil hat und auf die Entscheidungen Einfluss nehmen kann, die das Quartier betreffen.

Mit dem Quartiersmanagement wurde ein anderer Ansatz etabliert.

Quartiersmanagement ist im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt – Investitionen im Quartier“ eingeführt. Dieser Ansatz ist im Grunde Gemeinwesenarbeit mit einem doppelten strategischen Anspruch. Einerseits soll Quartiersmanagement die Bewohnerinnen und Bewohner eines benachteiligten Quartiers zu Akteuren zu machen, soll sie also mit Kompetenzen und Ressourcen ausstatten, die ihnen Interessenartikulation auf sozialer und politischer Ebene ermöglichen. Andererseits muss Quartiersmanagement auch die einbinden können, die sich für die res publica noch nicht interessieren, aber als integriert gelten und andere integrieren könnten, wenn sie Rahmenbedingungen dafür vorfänden. Dazu zählen neben Schlüsselpersonen z. B. der Bäcker und der Friseur, der Zeitungskiosk und andere in ähnlichen Positionen. Diese für die res publica zu interessieren und zu Akteuren zu machen, ist ebenfalls eine konstitutive Aufgabe eines Quartiersmanagement.

Ob beide Ansätze durch Aktivierung der Bewohnerschaft benachteiligter Quartiere helfen, deren Exklusion zu verhindern, ist eine längere Debatte. Auf alle Fälle können sie weitere Benachteiligungen verhindern, die durch das Quartier als benachteiligendes Quartier entstehen.

Autor

Dr. Stefan Huber hat mit dieser Arbeit an der Universität Potsdam promoviert.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in sechs größere Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Problembeschreibung und Lösungsansätze
  3. Basisaktivierende Beteiligungsinstrumente
  4. Berlin
  5. Quartiersmanagement und Community Organizing in Berlin
  6. Partizipation und Sozialkapitalbildung

Den Kapiteln vorangestellt sind ein Abbildungs-, ein Tabellen- und ein Abkürzungsverzeichnis. Am Ende der Arbeit befinden sich ein Literaturverzeichnis und ein Anhang, der ein Verzeichnis der Interviewpartner und die Auswertung der Fragebogen Quartiersmanagement und Community Organizing enthält.

Zu I. Einleitung

In seiner Einleitung formuliert der Autor seinen Forschungsansatz und den Rahmen, innerhalb er seine Forschungsfragen diskutiert. Postdemokratische Verhältnisse, soziale Exklusionsprozesse und Desintegration bestimmen den Sozialstaat, Unzufriedenheit mit den Verhältnissen bescheinigt der Autor einer aktiven Zivilgesellschaft. Stärkere Beteiligung ist gefordert.

Seine Hypothese ist, dass politische Partizipation, die über Bürgerbeteiligungsinstrumente vermittelt wird, zu einer besseren Teilhabe sozial Ausgegrenzter beitragen würde und sich Sozialkapital bildete.

Die forschungsleitenden Fragen sind.

  1. Was bedeutet soziale Exklusion in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts?
  2. Wie können sogenannte benachteiligte Bevölkerungsgruppen (wieder) stärker in den politischen Entscheidungsfindungsprozess einbezogen werden und erfüllen Quartiersmanagement und Community Organzing die theoretischen Anforderungen an Partizipation und Deliberation?
  3. Wie wirken sich beide Instrumente auf die Quantität und Qualität der sozialen Nahbeziehungen aus und fördern diese das Entstehen von Sozialkapital?

Diese Fragen werden entfaltet und im weiteren Verlauf der Einleitung erläutert der Autor seine Argumentationslinie, wie sie sich in der Abfolge der Kapitel widerspiegelt.

Zu: II. Problembeschreibung und Lösungsansätze

Zunächst klärt der Autor den Begriff der Inklusion bzw. der Exklusion Er diskutiert dabei erst einmal den Begriff der Systemintegration, wie Luhmann ihn gefasst hat und wie ihn dann auch Kronauer diskutiert. Kronauer erörtert den Begriff ja im Zusammenhang mit einem sozialen Bewusstsein. Danach sind Menschen, die durch Armut und Arbeitslosigkeit benachteiligt sind, nicht länger eine Bedrohung. Weiter sind Benachteiligungen gesellschaftlich erzeugt und nicht naturwüchsig und drittens hat sich die Einstellung gegenüber den Benachteiligenden geändert.

Der Autor beschäftigt sich dann mit den veränderten Maßstäben für gesellschaftliche Teilhabe und den Vorstellungen einer gerechten Chancenverteilung, stellt das Vier-Phasen-Modell Castels vor, das den Zusammenhang von Integration durch Arbeit und Integration in Netzwerke herstellt und diskutiert dies ausführlich, bevor er dann in einem Exkurs auf den Begriff der sozialen Gerechtigkeit eingeht, in dem er verschiedenen Formen der Gerechtigkeit diskutiert.

Weiter beschäftigt Huber den Begriff der Exklusion, stellt Definitionen vor und diskutiert sie, bevor er sich dann auf einen Begriff von Wehrheim, Kronauer und Bude festlegt, der verschiedene Dimensionen erfasst. Demnach ist Exklusion strukturell bedingt, Prozess und Zustand in einem, multidimensional, kumulativ, mit dem Ausschuss von Teilhabe und Beziehungsgeflechten sowie mit der Distanz zur gesellschaftlichen Mitte verbunden. Dies wird ausführlich erörtert.

Im Folgenden stellt der Autor verschiedene Dimension der Armut vor und diskutiert sie ausführlich. Es geht um die ökonomische Dimension, die räumliche Dimension der Segregation und Gentrifizierung, um die kulturelle Dimension, die politische Dimension und schließlich um die soziale Dimension.

In einem weiteren Abschnitt geht es um die partizipative Demokratie, deren ideengeschichtliche Entwicklung zunächst erörtert wird und deren Formen erläutert werden. Diese Formen werden dann kritisch gewürdigt. Wobei der Autor auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zurückgreift, die einige Hautgegenargumente zusammen getragen hat und an denen entlang er diese kritische Würdigung vornimmt.

In einem weiteren Abschnitt stellt Huber Handlungsoptionen der partizipativen Demokratie vor. Dabei diskutiert er die deliberative Demokratie, die auf offene Diskurse und einvernehmliche Lösungen in Aushandlungsprozessen setzt; dann diskutiert er die Partizipation, der er eine differenzierte Diskussion widmet und die politische und soziale Partizipation diskutiert.

Ein weiterer Abschnitt ist dem Sozialkapital gewidmet. Zunächst geht es um die Ebenen des Sozialkapitals. Auf der Mikroebene geht es um die personelle Ebene, wobei sich der Autor auf Coleman und Bourdieu bezieht. Demnach ist Sozialkapital ungleich verteilt und führt auch zu sozialer Ungleichheit. Auf der Makroebene wird Putman als Protagonist zitiert, der vor allem dem bürgerschaftlichen Engagement in Netzwerken und Vereinigungen eine positive Wirkung zuschreibt. Weiter stellt der Autor Formen von Sozialkapital vor und diskutiert sie und geht dann auf Komponenten von Sozialkapital ein, die den Begriff messbar machen sollen. Dazu gehören Aufmerksamkeit, Vertrauen, Information, Engagement in Vereinigungen und Normen (nach O. Schnur) Diese Komponenten werden ausführlich erörtert.

Zu: III. Basisaktivierende Beteiligungsinstrumente

Der Autor stellt zwei Formen der Basisaktivierung vor: das Quartiersmanagement und die Community Organizing. Er ordnet dabei das Quartiersmanagement in die Kategorie „Aktivierung von oben“ und die Community Organizing in die Kategorie „Aktivierung von unten“ ein. Aber beide wollen aktivieren und zur Aktivierung befähigen. Die vorgenommene Kategorisierung ist in der Praxis missverständlich, weil in beiden die Aktivierung nur von unten gehen kann, und im Übrigen nur in der Anfangsphase der Community Organizing in der Bundesrepublik die Bewegung von unten charakteristisch für die Community Organizing war.

Im Folgenden wird dann das Quartiersmanagement vorgestellt. Zunächst wird auch das Programm „Soziale Stadt“ ausführlich erläutert und das Quartiersmanagement als zentrales Element des Programms eingeordnet.

Desgleichen wird auch die Community Organizing vorgestellt. Die Geschichte von Community Organizing wird kurz gestreift, um dann ausführlicher auf die Prinzipien einzugehen, die Community Organizing tragen und die mit dem Bürgerrechtler Saul Alinsky verbunden sind.

Im weiteren Verlauf des Kapitels werden dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet, die in einer Übersicht anschaulich dargestellt sind. Als Gemeinsamkeiten werden professionelle Begleitung, Vernetzung, Aktivierung und Empowerment, Multiplikatoren, mehrdimensionale Ziele, Ansprache und Einbeziehung der lokalen Wirtschaft und der Methodenkoffer erwähnt.

Zu: IV. Berlin

Hubers Forschungsfeld ist Berlin; die Stadt ist sicher mit besonderen Exklusionsrisiken behaftet, ist die heutige Entwicklung der Stadt durch die voraus gegangene Teilung doch besonders belastet. Der Autor zeichnet diese Geschichte und die soziale Situation Berlins nach. Das Interesse Hubers an Berlin liegt in der Tatsache begründet, dass in Berlin die erste und langlebigste Plattform und zwei Community Organizing Projekte in der Tradition der Industrial Area Foundation bestehen. Nach der Darstellung der rechtlichen Grundlagen Berlins als Stadtstaat erörtert der Autor die Bürgerbeteiligung auf Landesebene und auf Bezirksebene ausführlich.

Er kommt dann zu Indikatoren der sozialen Exklusion in Berlin, die er beschreibt und begründet. Diese Indikatoren sind die Arbeitslosigkeit, die Armutssituation, Bildung sowie soziale Mindestsicherung (ALG II, Sozialgeld, laufende Hilfe zum Lebensunterhalt und Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung). Diese Indikatoren werden auch mit Zahlen unterlegt und veranschaulicht.

Weiter geht es um die politische Beteiligung und Repräsentation wie die Nutzung des aktiven und passiven Wahlrechts. Auch hier werden empirische Daten vorgestellt und erläutert.

Zu: V. Quartiersmanagement und Community Organizing in Berlin

Eingangs verweist der Autor noch einmal auf die schwierigen Berliner Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. In diesen Bezirken kumulieren soziale Probleme und soziale Exklusions- und Segregationseffekte sind hier am stärksten zu beobachten.

Die Fördergebiete der Sozialen Stadt wurden in Berlin in vier Kategorien eingeteilt

  • Gebiete, in den starke Interventionen erforderlich sind;
  • Gebiete, in denen mittlere Interventionen erforderlich sind;
  • Gebiete, in denen Prävention erforderlich ist und
  • Gebiete, in denen eine Verstetigung der Situation ausreicht.

Dies wird erläutert und in das Gesamtprogramm eingeordnet.

Weiter geht der Autor auf die strukturelle Entwicklung des Quartiersmanagement ein, erläutert die unterschiedlichen Fonds und stellt das Quartiersmanagement in einen institutionellen und strukturellen Rahmen mit internen und externen Akteuren und Stakeholdern.

In einem weiteren Abschnitt kommt Huber dann zu den Möglichkeiten und Grenzen des Quartiersmanagements. Dabei geht er noch einmal auf seine Forschungsfragen ein, wie benachteiligte Gruppen stärker in politische Entscheidungsfindungsprozesse einbezogen werden können und wie sich die Teilnahme am Quartiersmanagement auf die sozialen Nahbeziehungen auswirken.

Bezogen auf Partizipation werden Möglichkeiten der Partizipation erörtert, wobei budgetbezogene Instrumente wie die Aktionsfondjury und der Quartiersrat erörtert werden. Dabei geht es auch um das Besetzungsverfahren und um die Zusammensetzung der Akteure und Vertreter der Institutionen im Quartiersrat. Weitere Beteiligungsinstrumente und -möglichkeiten sind Stadtteilkonferenzen, Ideenwerkstätten oder Peergroup-Treffen.

Dann geht es um die Bedingungen der Partizipation. Der Autor verweist darauf, dass die Gremienarbeit relativ voraussetzungsvoll ist. Deshalb sind es eher bildungsaffine Bevölkerungsgruppen, die sich dort engagieren. Weiter nennt er die Planungsunsicherheit als Hindernis für viele. Außerdem verläuft die Grenze auch zwischen Migranten und Deutschen. Die Deutschen engagieren sich eher im Quartiersrat, die Ausländer eher in der Bürgerjury. Niedrigschwelligkeit der Angebote ist ein wichtiges Kriterium. Daneben sind es die Offenheit gegenüber Neuem, die Verortung im sozialen Umfeld und das Vertrauen in die Strukturen, die Beteiligung befördern. Dies wird ausführlich entfaltet.

Im Zusammenhang mit Deliberation diskutiert Huber die Frage, wie man dem Stadtteil eine Stimme geben kann, wie Themen vorgebracht und diskutiert werden und wer welches Rederecht hat.

Im Abschnitt Sozialkapital beschäftigt sich der Autor mit der Frage, wie dieses im Rahmen von Quartiersmanagement generiert werden kann. Zunächst kann durch Nachbarschaftshäuser, Kieztreffpunkte, Bürgerhäuser und ähnliche Einrichtungen informelles Sozialkapital gebildet werden. Formales Sozialkapital entsteht durch Vereine und Organisationen und institutionelle Vernetzungen. Quartiersmanagement kann beides unterstützen und es muss diese Prozesse professionell begleiten.

Der Autor geht dann noch auf Herausforderungen ein, die mit Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozessen einhergehen, wie Verdrängung einer angestammten Bewohnerschaft und ihre sozialräumliche Konzentration in bestimmten Quartieren.

Ein weiterer Teil dieses Kapitels widmet sich der Community Organizing, die sich in Deutschland noch nicht so richtig durchgesetzt hat, gleichwohl in Fachkreisen bekannt ist. Dieser Teil gleicht im Aufbau dem vorherigen. Zunächst wird auf die strukturelle Entwicklung Bezug genommen. Die Bürgerplattform wird in die Struktur der internen und externen Stakeholder eingebettet, was graphisch veranschaulicht wird.

Im Weiteren diskutiert Huber die Möglichkeiten und Grenzen von Community Organizing, wobei er auf seine weiteren Forschungsfragen eingeht. Wie nämlich können benachteiligte Bevölkerungsgruppen (wieder) stärker in den politischen Entscheidungsfindungsprozess einbezogen werden? Und: Wie wirkt sich die Teilnahme an der Community Organizing auf die Nahbeziehungen aus bzw. fördert dies das Entstehen von Sozialkapital?

Der Autor geht darauf hin auf die Partizipation ein, lotet die Möglichkeiten zur Partizipation aus und nennt Beispiele. Dann diskutiert er die Bedingungen für Partizipation und die Beteiligung an der Bürgerplattform. Organizing ist ein stetiger Prozess, der auch spannungsgeladen ist, was die Beziehung zur Verwaltung angeht und was die interne Legitimation betrifft. Dabei wird die spezielle Situation in Berlin erwähnt, die auch die Beteiligung von Organisationen vorsieht. Community Organizing ist aber auch darauf bedacht, diejenigen an den Tisch zu bringen, die bislang keine Chance zur Partizipation hatten. Dies wird ausführlich erörtert.

Die Frage der Partizipation von unten wird auch bei der Deliberation virulent. Der Autor geht auf die Community of interests ein, die Konsens erfordert, notfalls Mehrheitsentscheidungen voraussetzt.

Sozialkapital entsteht in den Bürgerplattformen über die Vernetzung der unterschiedliche Gruppen und Organisationen und der Begleitung durch Organizer – so der Autor. Diese Vernetzung gelingt einmal durch Kooperation, was formales Sozialkapital generiert und zum anderen durch die Entstehung und Stärkung sozialer Bindungen und Beziehungen unter den Teilnehmenden. Die Eigenschaften und Vor – und Nachteile der Sozialkapitalbildung werden ausführlich erörtert, bevor dann zum Schluss auf einige Herausforderungen eingegangen wird.

Zu: VI. Partizipation und Sozialkapitalbildung

Die Ausgangsthese Hubers war, dass Partizipation – vermittelt über Bürgerbeteiligungsinstrumente – zu einer besseren gesellschaftlichen Teilhabe Exkludierter oder von Exklusion Bedrohter beitrage. Bei der Vielschichtigkeit des Exklusionsbegriff, den Huber auch konstatiert, ist die Frage, ob diejenigen, die beteiligt werden können, noch exkludiert sind oder bereits wieder dazu gehören oder ob es Formen der politischen Partizipation gibt, die jemanden in seiner exkludierten Lage zur politischen Partizipation bringen, wenngleich er exkludiert bleibt. Der Autor konzentriert sich auf die politische und soziale Dimension des Exklusionsbegriffs und da kann das Verhältnis von sozialer und politischer Exklusion wichtige Aufschlüsse gerade dann geben, wenn es um die theoretischen Anforderungen an Partizipation und Deliberation geht, die an Quartiersmanagement und Community Organizing gestellt werden.

Dessen ungeachtet versucht der Autor diese Frage nach den theoretischen Anforderungen zu diskutieren; er bescheinigt dem Quartiersmanagement, dass es zwischen staatlichem Auftrag und den Interessen der Bewohnerschaft befangen ist, aber durch eine Vielzahl niedrigschwelliger Angebote etwas bewirken kann. Der Grad der Selbstorganisation ist hoch, wenngleich es seiner Expertenrolle nicht gerecht wird. Auch wird das deliberative Potential nicht ausgeschöpft. Und die wirklich exkludierten Bevölkerungsgruppen werden durch das Quartiersmanagement auch nicht angesprochen.

Die zweite Frage, die der Autor zu beantworten sucht, bezieht sich auf die Wirkung der beiden Instrumente auf die sozialen Nahbeziehungen aus. Fördern diese das Entstehen von Sozialkapital im Sinne Putmans?

Der Autor erläutert noch einmal kurz die Idee Putmans, wonach Sozialkapital ein kollektives Gut sei, das vor allem durch die Teilnahme an Vereinigungen entstehe und zum Funktionieren der Demokratie beitrage. Mit dieser und weiteren Einlassungen Putmans setzt sich der Autor noch einmal ausführlicher auseinander, bevor er zu seiner weiteren Frage kommt, ob das bindende Sozialkapital im Quartier durch die diskutierten Beteiligungsinstrumente im Sinne gesellschaftlicher Kohäsion in ein brückenbildendes Sozialkapital umgewandelt bzw. um dieses ergänzt werden kann.

Das Quartiersmanagement bietet dazu einige Möglichkeiten der Bildung von Sozialkapital im Sinne der Fragestellung. Bürgerplattformen schaffen ebenfalls

Rahmenbedingungen für informelles Sozialkapital und Vertrauen.

Am Schluss dieses Kapitels wird dann noch einmal in einer Tabelle die Generierung von Sozialkapitel beim Quartiersmanagement und bei der Community Organizing verglichen.

Diskussion

Mit Quartiersmanagement und Community Organizing werden zwei unterschiedliche Ansätze der Beteiligungsaktivierung in benachteiligten Quartieren vorgestellt und verglichen. Was der Autor Partizipation von oben (Quartiersmanagement) und von unten (Community Organizing) bezeichnet, ist vielleicht auch Partizipation von außen (Quartiersmanagement) und von innen (Community Organizing). Beide haben ihre Probleme, weil beide auch den Anspruch haben, alle im Quartier zu erreichen und zu Akteuren zu machen. Während Community Organizing von innen doch möchte, das alle ihre Themen formulieren und einbringen, um das Quartier zu gestalten – vielleicht auch, die nicht üblicherweise die Klientel der Sozialen Arbeit stellen –, ist Quartiersmanagement „im Vorteil“, als Element eines Förderprogramms anbieten zu können, sich an der städtebaulichen Aufwertung des Quartiers zu beteiligen, also Themen bereits zu haben, die aktivieren können. Aber auch Quartiersmanagement ist gefordert, den Bäcker, den Friseur, den Handwerker im Quartier zu Akteuren zu machen, die zwar Ressourcen haben, sich aber nicht als Akteure bezeichnen würden. Akteur ist man eigentlich erst, wenn man sich als Teil einer res publica verstehen kann und sich verantwortlich fühlen kann für das Quartier und seine Entwicklung. Anerkennung und Vertrauen in Strukturen des Handeln und der Interaktion sind dann wichtige Voraussetzungen. Bei beiden Ansätzen gerät Partizipation immer auch in institutionalisierte Bahnen der Diskurse und der Entscheidungsfindungsprozesse und gerinnt zu Beteiligungstechniken und -instrumenten. Das macht Beteiligungsverfahren mit dieser Klientel eher schwieriger.

Basisaktivierung soll soziale Exklusion verhindern. Die Arbeit macht deutlich, dass dies nur gelingt, wenn die Dialektik von sozialer Ausschließung und politischer Partizipation ins Blickfeld rückt und Menschen das Gefühl entwickeln können, dass sie über politische Einflussnahme ihre Lebensverhältnisse beeinflussen können und über dieser Prozesse wieder oder noch dazu gehören. Dazu bedarf es aber der sozialen Verortung, das heißt des Vertrauens in lokale Lebenszusammenhänge und sozialräumliche Rahmenbedingungen des Handelns; es bedarf des Gefühls der Zugehörigkeit und des Gefühls, für andere von Bedeutung zu sein. Und das haben noch nicht mal all die, die noch integriert sind.

Fazit

Das Buch bietet einen interessanten Vergleich zweier Ansätze der Beteiligung in benachteiligenden Quartieren im Kontext der Berliner Verhältnisse. Der Ansatz, zwei sehr unterschiedliche Ansätze mit einander zu vergleichen, ist schwierig, aber in der hier vorliegenden Arbeit ist er weitgehend gelungen. Und wenn man sich über beide Ansätze und ihre institutionelle und gesellschaftliche Rahmung interessiert, findet hier eine Reihe von wichtigen Informationen und Anregungen.

Summery

This book deals with two different approaches of Social Work: the community work and community organizing. The place of the comparison is Berlin. Both approaches should activate the people in disadvantaged quarters respective should enable the people there to this activation in such quarters, so that they are able to participate in discussions and decisions about the life conditions in their quarter.

The comparison is difficult, but the author succeeds in this comparison. This book makes clear, what is possible and under which conditions such approaches makes sense. It implies a lot of information and suggestions for the political practice and the social work as well.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
E-Mail Mailformular


Alle 167 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 11.04.2017 zu: Stefan Huber: Basisaktivierung als Mittel gegen soziale Exklusion? Ein Vergleich von Quartiersmanagement und Community Organizing an Berliner Beispielen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. ISBN 978-3-643-13483-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22178.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung