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Öffentliche Räume, Zusammenleben und Marginalisierung

Cover Öffentliche Räume, Zusammenleben und Marginalisierung: Welche Wirklichkeiten und welche Herausforderungen prägen die Städte der Gegenwart? Seismo-Verlag (Zürich) 2016. 186 Seiten. ISBN 978-3-03777-221-8. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 35,00 sFr.

Tsantsa 21/2016. Koordination: Annamaria Colombo, Giada de Coulon, Monika Litscher. Französischer Titel: Espace public, cohabitation et marginalités. Quelles nouvelles réalités et quels enjeux pour les villes contemporaines?.
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Thema

„Öffentliche Räume, Zusammenleben und Marginalisierung“ ermöglicht einen längst fälligen Blick auf den öffentlichen Raum: einen Blick von unten und vom Rand. Die Ausgabe 21/2016 der Zeitschrift Tsantsa versammelt sozialwissenschaftliche, in erster Linie kulturwissenschaftliche, sozialanthropologische und soziologische Forschungsergebnisse.

Die Forscherinnen aus der deutsch- wie aus der französischsprachigen Text zeigen auf, wie Menschen am Rand der Normgesellschaft Raum nutzen, erfahren und bewerten. Wie Menschen am Rand den öffentlichen Raum leben und erleben. Dabei geht es um öffentliche Räume wie Strassen und Plätze, aber auch um halböffentliche Räume wie Shopping Centers oder Bahnhöfe. Der Forscherinnenblick ist sozialwissenschaftlich und global.

Aufbau und Inhalte

Die Herausgeberinnen respektive Koordinatorinnen, Monika Litscher, Annamaria Colombo und Giada de Coulon, berichten von ihren eigenen Forschungen in der Schweiz. Da sind etwa die Praxen der Wegweisung unerwünschter Menschen von Bahnhöfen, Strassen, Parks: wer stört, kann von einem öffentlichen Raum, den ja per definitionem alle teilen, weggewiesen werden, Grundrecht der Bewegungsfreiheit hin oder her.

Spannend auch der Bericht von Mitkoordinatorin Giada de Coulon aus Genf. Sie hat eine Gruppe von jungen Männern beforscht, welche in Genf vom Kokainhandel auf der Strasse leben. In den Schweizer Städten geht es darum, ob und unter welchen Umständen marginalisierte Menschen sich Zugang zum öffentlichen Raum erobern und auf welche Art und Weise dieser reguliert wird. Respektive welche Tipps und Tricks die Regierenden kennen, um den Zugang zum öffentlichen Raum zu begrenzen und zu beschneiden.

Ein grosser Gewinn sind die Beispiele von Forschungen fast rund um den Globus. Sue Ann MacDonald lasst in ihrem Beitrag „Regulating Madness in a Mental Health Court“ Sozialarbeiter_innen und Psycholog_innen zu Wort kommen. Sie reflektieren ihre Arbeit und die Veränderungen, welche Regulationen im öffentlichen Raum für ihre Patient_innen mit sich bringen. Dabei wird klar, dass soziale Aspekte wie Obdachlosigkeit oder Armut meist einen viel grösseren Stress mit sich bringen als die psychische Erkrankung und ihre Behandlung an sich.

Virginie Milliot berichtet in ihrem mit feinem Witz geschriebenen Beitrag, wie Sozialarbeiterinnen ihren Auftrag, einen „wilden“ Markt von Lumpensammlern in Paris zu regulieren, schliesslich umdeuten und sich als Übersetzerinnen und Vermittlerinnen sehen. Es gelingt ihnen zumindest teilweise, bürokratische Totgeburten mit Menschlichkeit zu überwinden. So erreichen sie beispielsweise ansatzweise die Anerkennung der Lumpensammler als selbständig Erwerbstätige, als die sie sich sehen.

Die in der Sozialanthropologie wichtige, aber häufig wieder etwas in Vergessenheit geratene Diskussion um die Autorenschaft in ethnologischer Forschung kommt in den beiden Beiträgen „Du trouble à l´assistance“ von Pedro José Garcia Sanchez und Erwan Le Méner sowie jenem von Andrea Kaiser-Grolimund, Carole Ammann und Sandra Staudacher „Research assistants: Invisible but indispensable in ethnographic research“ zur Sprache. Beispielsweise ist es selbstverständlich, dass ethnologische Forschungen, in diesen beiden Beispielen in Burkina Faso und in Tanzania, ohne einheimische Forscherinnen fast nicht möglich sind – schon aus sprachlichen Gründen. Ebenso selbstverständlich ist es jedoch auch, dass die europäischen Beteiligten stets einen viel höheren Lohn haben und meistens auch nur sie am Schluss eine wissenschaftliche Publikation verantworten.

Das Heft thematisiert aber auch noch vieles andere, etwa den Umgang mit „Helferinnen“ in philippinischen Familien, die ethnische Aufteilung des Nachtmarktes in Yaoundé, die Renovation der hauptsächlich von Uiguren bewohnten Altstadt von Kaxgar in China oder auch den Zusammenhang der Wandervögel und heutiger Jugendbewegungen wie Reclaim the Street.

Fazit

Diese Ausgabe von Tsantsa ist ein wahrlich reicher Fundus. Die Artikel sind deutsch, französisch oder englisch geschrieben, mit Abstracts in den anderen Sprachen. Der einführende Übersichtstext der drei Koordinatorinnen dieser Nummer ist in voller Länge in deutscher und in französischer Sprache publiziert. Diese Arbeit, das Zusammentragen ganz unterschiedlicher Arbeiten mit einem gemeinsamen Blick auf den öffentlichen Raum von unten – das ist das Wertvolle an diesem Heft. Noch schöner wäre es meiner Meinung nach gewesen, wenn auch die Sprache der einzelnen Beiträge etwas lesefreundlicher wäre.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 25.08.2017 zu: Öffentliche Räume, Zusammenleben und Marginalisierung: Welche Wirklichkeiten und welche Herausforderungen prägen die Städte der Gegenwart? Seismo-Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-03777-221-8. Tsantsa 21/2016. Koordination: Annamaria Colombo, Giada de Coulon, Monika Litscher. Französischer Titel: Espace public, cohabitation et marginalités. Quelles nouvelles réalités et quels enjeux pour les villes contemporaines?. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22180.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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