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Danuša Lišková, Radoslav Štefančík (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation im Wandel der Zeit

Cover Danuša Lišková, Radoslav Štefančík (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation im Wandel der Zeit. Stellungnahmen zu gegenwärtigen Problemen Europas aus Sicht unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. 185 Seiten. ISBN 978-3-8300-9134-9. D: 85,80 EUR, A: 88,30 EUR.
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Thema

Der Untertitel des Buchs ist „Stellungnahmen zu gegenwärtigen Problemen Europas aus Sicht unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen“.

Autor_innen

Die 22 Autor_innen gehören der mit zwei Ausnahmen (Universität Brno und Pädagogische Hochschule Wien) der Wirtschaftsuniversität Bratislava an.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält neben dem Vorwort der Herausgeber_innen 15 Artikel mit einem Umfang zwischen 6 und 18 Seiten. 3

Drei Artikel beschäftigen sich mit der gegenwärtigen Migration nach Europa, sechs mit interkultureller Kommunikation bzw. Kompetenz in Zusammenhang mit Bildung und Sprachen, einer mit interkulturellen Aspekten wirtschaftlicher Verhandlungen, je einer mit Fußball bzw. den sozialen Medien als internationalen Phänomenen und ihren möglichen Auswirkungen auf Interkulturalität, einer mit Interkulturalität und Recht, einer mit den Problemen Jugendlicher im Kontext der Strategie „Europe 2020“ und einer mit Nachhaltigkeit im Management. Vier Artikel sind in Englisch verfasst.

Im Zusammenhang mit der Migration werden die „meistens negativen Einstellungen der slowakische politischen Elite sowie eines Großteils der Gesellschaft gegenüber Flüchtlingen“ (S. 10) analysiert. Als Hauptgrund wird die aufgrund der Geschichte der Slowakei fehlende interkulturelle Kompetenz gesehen. Die sozial-ökonomischen Bedingungen von Migration im Kontext der Globalisierung – unter anderem auch die Verschlechterung der Umweltsituation in den Ausgangsländern – werden unter Rückgriff auf verschiedene theoretische Modelle dargestellt. Die Autor_innen sehen einen Grund für die Migration darin, dass eine neoliberale Ökonomie vorherrscht und die entsprechende Politik Warnungen anderer Theorien unterschätzt. Mit Hilfe sogenannter „Kultureller Dimensionen“ werden massive Kulturunterschiede zwischen Europa und arabischen Flüchtlingen herausgearbeitet.

Die Arbeiten zur interkulturellen Kommunikation beginnen mit der Erörterung verschiedener Modelle der interkulturellen Kompetenz und gehen dann näher auf das Konzept der „cultural intelligence“ ein, zu deren Aneignung auch Lernprogramme führen sollen. Die beiden folgenden Arbeiten beschreiben die Interkulturelle Germanistik bzw. den interkulturellen Fremdsprachunterricht als konkrete Beispiele. Die nächste Arbeit geht auf die Bedeutung der „Realien“ (d.h. einer umfassenden Landeskunde) für den Slowakischunterricht ein, die folgende auf die Bedeutung der kulturellen Kompetenz für Übersetzer_innen. Dieser folgt eine Arbeit zur interkulturellen Prägung der Textsorten „Speisekarte“ und „Schulzeugnis“ und deren Bedeutung für den Fremdsprachunterricht.

Ein sehr kurzer Artikel geht auf die Bedeutung interkulturellen Wissens für die Effizienz von Wirtschaftsverhandlungen ein, ein ähnlich kurzer auf die Interkulturalität von Fußball. „Interkulturalität und Recht“ analysiert deutsches und slowakisches Recht, die z.T. auf eine gemeinsame Geschichte (deutsche Besiedlung und deutschsprachige Rechtsquellen) zurückgehen, sowie deren Unterschiede. Eine weitere Arbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang der sozialen Medien und interkultureller Marketingstrategien.

Die Reduktion der Jugendarmut als große Herausforderung der Europäischen Union behandelt der vorletzte Artikel. Durch Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten soll die Inklusion aller Jugendlichen in die europäische Gesellschaft erreicht werden. Der letzte Artikel plädiert, ausgehend von der enormen weltweiten ökonomischen Ungleichheit für eine nachhaltige Verteilung des Reichtums und die Einführung nachhaltiger Managementstrategien, welche diesen Prozess unterstützen.

Diskussion

Der Begriff der Interkulturellen Kommunikation dient zur Integration dreier thematischer Teilbereiche:

  1. Da ist zuerst das Thema der Migration, welches in drei Arbeiten EU-kritisch kommentiert wird: „Aus der soziologischen. Sicht wird schon längere Zeit die erhöhte Aufmerksamkeit auf die qualitativen Veränderungen in der Migration gelenkt und es wird auf ihre ökonomischen, politischen Folgen und auf Sicherheitsfolgen hingewiesen. Die Frage ist, ob die Erkenntnis – die theoretische Reflexion – der internationalen Migration hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Komplexität auf genügendem Niveau ist. Die neoliberale Ökonomik und Politik übersah und unterschätzte verschiedene Vorschläge, Schlussfolgerungen oder sogar Warnungen aus den theoretischen Quellen., bis die unnatürliche Migrationswelle in einige Staaten der EU nicht entstand. Der nächste Moment, der die Lösung von gegenwärtigen Problemen verkompliziert, ist, dass die Administrative in Brüssel lange davon überzeugt war, dass sie die internationale Migration ähnlich wie andere ökonomische (sozial-ökonomische) Probleme schafft, und zwar auf bürokratische Art und Weise – durch Quoten und Ähnliches, ohne das Abwägen von spezifischen Regionalproblemen und der unterschiedlichen Situation in den einzelnen Mitgliedsstaaten.“ (S. 40)
  2. Der zweite thematische Teil behandelt verschiedene Aspekte dessen, was normalerweise unter „interkultureller Kommunikation“ verstanden wird, nämlich – neben der allgemeinen Beschäftigung mit ihr – ihre Anwendung im Bereich der Bildung, der Sprachlehre, des Dolmetschens bzw. Übersetzens, der Wirtschaft, des Rechts, des Sports und sozialer Medien. Hier ist die Qualität der einzelnen Arbeiten sehr unterschiedlich, was z.T. auch auf die Kürze mancher Artikel zurückzuführen ist.
  3. Der dritte thematische Teil besteht aus zwei Arbeiten zur Jugendarbeitslosigkeit und zur Vermögensverteilung, die eher unter die Rubrik „europa- bzw. weltweite soziale Probleme“ fallen, die aber natürlich etwas mit aktuellen bzw. bereits lang andauernden interkulturellen Interaktionen zu tun haben.

Was besonders auffällt, ist die Sprache: In vielen Arbeiten sind Beispiele sehr verwundener Sätze zu finden, die sich vielfach gerade noch am Standard deutscher nativer Sätze „entlang hanteln“. In der interkulturellen Kommunikation bewirken solche Sprachvarianten unserer östlichen Nachbarn einen gewissen Charme, den ich persönlich nicht missen möchte (zugleich weiß ich, dass die Deutschkompetenz dieser Kolleg_innen sehr sehr hoch ist im Vergleich zu meinen paar Wörtern in ihren Sprachen). Für eine wissenschaftliche Publikation wäre aber doch ein Lektorat sinnvoll gewesen (vgl. das Zitat von S. 40 oben, oder etwa S. 163). Ein Beispiel: „Erik Qualman, ein amerikanischer Fachmann für soziale Medien, ist Vertreter der Theorie, dass es nicht richtig ist, die Frage zu lösen, ob man mit sozialen Medien arbeiten soll, sondern wie man mit ihnen richtig und effektiv arbeiten kann.“ (S. 155)

Das soziale Engagement des letzten Artikels zur Vermögensverteilung ist durchaus sympathisch, wenn es auch verschiedene Faktoren bzw. Perspektiven etwas unklar kombiniert: „Die Nachhaltigkeit als Begriff einer absoluten Verantwortung, die wir gegenüber nächsten Generationen tragen wollen, entwickelte sich in den letzten Jahrzenten zu einem bewährten Synonym der Überlebenskraft der Menschheit. Im alltäglichen Leben findet sie nur einen sehr kleinen Einfluss, was auf die strenge ökonomische Konzentration aller Tätigkeiten zurückzuführen ist. Im Kern jedes Menschen gibt es ein Kode, der Änderungen nur dann erlaubt, wenn diese durch eine Verbesserung der Kapital- oder Vermögensposition verbunden ist. Dieser ökonomische Alibismus ist die Bremskraft einer qualitativen Änderung, was die Menschheit dringend braucht. Somit sind wir zu weiteren Wirtschaftskrisen, Wachstumsschwankungen, Neuverschuldung und ökonomische Flüchtlingswellen verurteilt.“ (S. 184)

Fazit

Titel und Untertitel des Buchs sind nicht ganz korrekt: Die Geschichte der Interkulturellen Kommunikation wird praktisch überhaupt nicht behandelt und die „Stellungnahmen zu gegenwärtigen Problemen Europas“ finden sich nur bezüglich der Migration und der Jugend. Man kann das Buch wohl als eine Art Leistungsschau der Wirtschaftsuniversität Bratislava zu den drei Themenbereichen in hauptsächlich deutscher Sprache sehen. Auch wenn die Qualität der enthaltenen Arbeiten divergiert, ist eine solche für die universitäre Konkurrenz möglicherweise interessant.

Summary

This book contains 15 articles (11 in German, 4 in English) from three thematic areas: 1. migration, 2. intercultural communication in education, languages, translation, sports, law and economics, 3. workless youth in Europe and the worldwide distribution of wealth. The articles are of different length and quality. Concerning migration and distribution of wealth, they show a critical disatnce to EU politics and neo-liberal economy. Some texts contain commonplaces and some do not meet prototypical German standard. Title and subtitle are not completely correct: There is no history of Intercutural Communication and the comments on „Europe´s problems“ concern only migration and youth. The book may be seen as exhibitive for the Bratislava Economic University and from that it may be interesting for academic colleagues to check.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 29.03.2017 zu: Danuša Lišková, Radoslav Štefančík (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation im Wandel der Zeit. Stellungnahmen zu gegenwärtigen Problemen Europas aus Sicht unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-8300-9134-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22182.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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