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Dieter G. Maier, Jürgen Nürnberger: Jeannette Schwerin

Cover Dieter G. Maier, Jürgen Nürnberger: Jeannette Schwerin. Durch Bildung zu Sozialreform und Emanzipation. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2016. 94 Seiten. ISBN 978-3-95565-171-8. D: 8,90 EUR, A: 9,20 EUR.
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Autoren

Dieter G. Maier, Jg. 1944 ist Soziologe und war bis 2009 als Dozent an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim tätig.

Jürgen Nürnberger, Jg. 1956 ist Bibliothekar und leitet die Bibliothek der Mannheimer Hochschule der Bundesagentur für Arbeit.

Beide Autoren publizierten zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und zum Nationalsozialismus. In der Reihe „Jüdische Miniaturen“ des Berliner Hentrich & Hentrich Verlages erarbeiteten sie weitere biografische Portraits.

Aufbau

Die Schrift „Jeanette Schwerin. Durch Bildung zu Sozialreform und Emanzipation“ ist als Band 190 in der Reihe Jüdische Miniaturen erschienen. Das Portrait über Jeanette Schwerin erzählt die Lebensgeschichte dieser Sozialreformerin Ende des 19. Jahrhunderts. Der Aufbau und die Gliederung richten sich deshalb einerseits am Lebenslauf und andererseits an ihren Tätigkeiten aus. Die Textüberschriften bilden die Gliederung.

Inhalt

Jeanette Schwerin (1852-1899) gilt als Wegbereiterin der deutschen Sozialarbeit und war als jüdische Sozialreformerin im Kontext der ersten Phase der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung aktiv. Seit den 1890er Jahren arbeitete Alice Salomon eng mit ihr zusammen, war auch ihre Sekretärin und führte nach dem frühen Tod der Visionärin ihre Ämter und Vorhaben weiter. Schwerin hatte 1893 in Berlin eine Auskunftsstelle für Wohlfahrtshilfe gegründet, während sie ehrenamtlich in der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur“ wirkte. Damit schuf sie das heutige „Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen“ (DZI). Das DZI ist seit den 1950er Jahren als eine Stiftung organisiert und verfügt über Informationen zur Entwicklung Sozialer Arbeit. Darüber hinaus werden noch heute Informationen gesammelt und dokumentiert.

Die Leser/-innen erfahren, dass Jeanette Schwerin 1852 in Berlin geboren wurde und ihr Vater, ein Nachfahre des jüdisch-spanischen Gelehrten Juda Abarbanell, für sie sehr bedeutsam war. Als Arzt engagierte er sich auch im Berliner Handwerkerverein, der wichtigsten Berliner Bildungseinrichtung für die Arbeiterschaft. Ästhetische Bildung und Volksbildung war sowohl für den Vater, Eduard, als auch für die Mutter, Henriette, so wichtig, dass sie ihre begabte Tochter Jeanette bei ihrem Wunsch zu lernen intensiv unterstützen. Mädchen hatten zu der Zeit noch keine Möglichkeit lange zur Schule zu gehen und zu studieren. Dafür setzte sich die Frauenbewegung ein. Lina Morgenstern (1830-1909) hatte z.B. 1869 eine „Akademie zur wissenschaftlichen Fortbildung für junge Mädchen“ gegründet (vgl. S. 12). Dort wurde das Interesse an Kunst, Poesie und Belletristik geweckt und gepflegt und das Erlernen von Fremdsprachen ermöglicht. Jeanette beherrschte Englisch, Französisch und Italienisch. Die Mutter war Vorsitzende des „Frauenvereins zur Förderung Fröbelscher Kindergärten“ und Mitglied des „Komitees für Ferienkolonien“ und unterstütze die von Lina Morgenstern 1866 gegründet Berliner Suppenküche. Es lag nahe, dass die Tochter auch sozial engagiert wirkte. Im Alter von etwa 20 Jahren heiratete sie den Arzt Alfred Schwerin. Das Ehepaar Schwerin bekam einen Sohn, Eduard, über den es kaum historische Daten gibt (vgl. S. 15).

Als Jeanette Schwerin Ende des 19. Jahrhunderts öffentlich wirksam wurde, wollte sie die gängige Praxis der Wohlfahrtspflege, das Almosengeben und die Organisation von Basaren, reformieren. 1892 gründete sich die „Deutsche Gesellschaft für Ethische Kultur“ der das jüdische Ehepaar beitrat. In Berlin gab es neben der öffentlichen auch eine private Wohlfahrtspflege, die kaum miteinander vernetzt war und so schlug Jeanette Schwerin bei einer der ersten Sitzungen der Gesellschaft vor, eine Übersicht über die vielfältigen sozialen Aktivitäten zu erstellen. In der Auskunftsstelle sollten Notleidende Tipps bekommen in der Bibliothek wurden Drucksachen der Wohlfahrtseinrichtungen gesammelt. „Um die geistige Not großer Teile der Bevölkerung zu beheben, sah es die Deutsche Gesellschaft für Ethische Kultur als eine ihrer ersten Aufgaben an, eine Lesehalle einzurichten“ (S. 28). Schwerin war seit 1888 Mitglied im von Minna Cauer (1841-1922) gegründeten Berliner „Verein Frauenwohl“. Darüber hinaus engagierte sie sich im „Allgemeinen Deutschen Frauen Verein“ (ADF), im Lette Verein und im Berliner „Hausfrauen Verein“. Auf Anregung von Schwerin gründete sich 1897 auch der Verein „Hauspflege“ als Teil des Berliner Frauenvereins.

Um die Armenpflege zu professionalisieren entwickelte Schwerin zunächst einen Vortragszyklus, den die Interessierten belegen und auch bezahlen mussten. Noch 1899, kurz vor ihrem Tod, konzipierte sie mit Alice Salomon eine Ausbildung für Berufsarbeit in der Armenpflege. Der Kurs wurde dann von Alice Salomon abgehalten und gilt als Beginn der professionellen Ausbildung für die Sozialarbeit. Folgende Unterrichtselemente waren vorgesehen: Soziale Hilfsarbeit in der Krippe, im Volkskindergarten oder Hort und Unterweisung in der Erziehungstätigkeit. Des Weiteren: Einführung in die praktische Armenpflege und theoretische Gesichtspunkte der Wohlfahrtspflege. Die jüdische Pflicht zur „Zedaka“, die nach Schwerin auf der Hilfe zur Selbsthilfe aufbaut und ein Ende der Beschämung bedeutete, das sogenannte Elberfelder System der Armenhilfe, das die Individualisierung der Hilfe ermöglichte und der Wunsch nach öffentlicher Beschäftigung von Frauen gab Schwerin die Argumente, Frauen zur Hilfstätigkeit aufzufordern und politisch einzufordern. Jeanette Schwerin kämpfte nicht nur für die berufliche Gleichberechtigung von Frauen, sondern auch für den Arbeitsschutz von Frauen und Kindern. „Ein besonderer Schwerpunkt der Reformbemühungen war für Jeanette Schwerin die gleichberechtigte Beteiligung der Frauen an den Gewerbeinspektionen“ (S. 50). Weibliche Fabrikinspektoren sollten, ähnlich wie in England, den Arbeitsschutz überprüfen. 1898 setzte der Bund Deutscher Frauenvereine eine „Kommission zur Förderung der praktischen Erwerbstätigkeit und wirtschaftlichen Selbstständigkeit der Frau“ ein, deren Vorsitz Schwerin übernahm. 1896 organisierte sie mit anderen Frauen den Internationalen Frauenkongress in Berlin, bei dem sie auch Vortragende und Arbeitsgruppenleiterin war. Ihre Vortragstätigkeit nahm einige Zeit ihres Lebens in Anspruch. Von vielen wurde sie fachlich geschätzt und wirkte darin visionär. Ihre Bemühungen um die Verbesserung der sozialen Lage von Frauen wurde dennoch nicht von allen Mitgliedern der Frauenvereine geteilt. Als Vorsitzende musste sie Positionen ausbalancieren und Konflikte lösen.

1899 verabschiedete sie sich aus der aktiven Frauenarbeit, vielleicht auch in Vorahnung ihres baldigen Sterbens, so die Autoren. Sie hatte ein hohes Ansehen erreicht und mit Helene Lange im gleichen Jahr noch eine Petition beim preußischen Abgeordneten Haus für das Studium von Frauen eingereicht. Am 14. Juli 1899 starb Jeanette Schwerin während einer gynäkologischen Operation. In nahezu allen Tageszeitungen des In- und Auslandes erschienen Traueranzeigen und Nachrufe. Am 14. Oktober gab es sogar eine Gedächtnisfeier, die Jeanette Schwerin als gütige, warmherzige, selbstlose, kluge und arbeitssame Frau, die sie wohl war, erscheinen ließ. Viel von dem, was sie erreichte oder vorhatte ist Teil des heutigen Rechts- und Sozialstaates, schreiben die Autoren (vgl. 78).

Diskussion

Dieter G. Maier und Jürgen Nürnberger ist es gelungen, das Leben von Jeanette Schwerin nachzuzeichnen und ihre Bedeutsamkeit als Sozialreformerin und Mitbegründerin der deutschen Sozialarbeit herauszuarbeiten. Sie präsentieren eine Frau, die auf Grund ihrer Bescheidenheit vermutlich in die Vergessenheit geraten wäre und in Bezug auf die historische Aufgabe zu den wenigen zählt, die durch ihre Bildung doch Spuren hinterlassen hat. Der unermüdliche Arbeitsdrang, die Fähigkeit, die Gunst der Stunde zu nutzen, und Frauenrechte gesellschaftlich diskutierbar zu machen, die Bereitschaft dem öffentlichen Leben mehr Raum als dem privaten einzuräumen und ihre sprachliche Bildung, charakterisieren diese Frau. Sie hebt sich von anderen berühmten Frauen der frühen Frauenbewegung ab. Der Titel des Portraits ist gut gewählt und die Leser/-innen bekommen einen Einblick in die Sozialreformen, die im 19. Jahrhundert auf den Weg gebracht wurden.

Fazit

Die Autoren bereichern nicht nur die Reihe „Jüdische Miniaturen“, sondern auch das Wissen, über Jeanette Schwerin. Die Schrift ist gut lesbar und berührt die deutsche Geschichte und Frauenbewegung sowie die Anfänge der Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit. Allen, die sich dafür interessieren, bietet die Lektüre einen guten Einblick in die Geschichte.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 27.02.2017 zu: Dieter G. Maier, Jürgen Nürnberger: Jeannette Schwerin. Durch Bildung zu Sozialreform und Emanzipation. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-95565-171-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22183.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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