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Elena Kreutzer: Migration in den Medien

Cover Elena Kreutzer: Migration in den Medien. Eine vergleichende Studie zur europäischen Grenzregion SaarLorLux. transcript (Bielefeld) 2016. 375 Seiten. ISBN 978-3-8376-3394-8. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 61,00 sFr.
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Thema

„Migration“ ist seit Jahren das gesellschaftspolitische Thema in Europa. Die Medien bilden die politische Debatte ab, beeinflussen sie aber schon dadurch, in welchem Umfang und mit welchem Tenor sie darüber berichten.

Autorin

Dr. Elena Enda Kreutzer hat eine binational angelegte Doktorarbeit an der Universität Luxemburg und der Universität des Saarlandes abgeschlossen und ist derzeit in einem Projekt zur Integration ausländischer Fachkräfte im Saarland tätig.

Aufbau

Die Studie umfasst neun Kapitel. Nach der Einleitung differenziert die Autorin den lokalen, regionalen und nationalen Raum, wie er in der Grenzregion SaarLorLux angelegt ist.

Im Kapitel 3. gibt sie einen Überblick über die Geschichte der Immigration in Frankreich, Deutschland und Luxemburg und stellt drei maßgebliche Printmedien, nämlich die Saarbrücker Zeitung, den Républicain Lorrain und das Luxemburger Wort vor.

Nach den methodischen Hinweisen (4.) entfaltet sie im 5. Kapitel, mit 180 Seiten der Schwerpunkt, ihre Zeitungsanalyse.

Das Buch schließt mit einem kurzen Fazit (6.), dem Literaturverzeichnis (7.), dem Abbildungsverzeichnis (8.) und dem sog. Codierbuch (9.), also dem Analyseraster.

Inhalt

Um das Thema „Migration in den Medien“ bearbeitbar zu machen, schränkt Kreutzer dieses auf die SaarLorLux-Region und die im Saarland, Lothringen und Luxemburg auflagenstärksten Tageszeitungen und auf den Zeitraum 1990 bis 2010 ein, hier wiederum auf die sog. Künstliche Woche: Stichproben aus jedem Monat mit rotierendem Wochentag repräsentieren das gesamte Material. Im Ergebnis werden über 40 deutsche, 60 französische und 70 luxemburgische Artikel ausgewertet.

Das Migrationsgeschehen ist in den drei Ländern unterschiedlich akzentuiert. So steht der Arbeitsmigration der Türken nach Deutschland ein stärkeres Gewicht der Italiener und Algerier in Frankreich, der Portugiesen in Luxemburg gegenüber.

Migration wird in den genannten Zeitungen im Zeitverlauf unterschiedlich oft thematisiert. In Frankreich etwa gibt es Spitzenwerte dann, wenn sich Flüchtlinge und Solidaritätsgruppen gegen die üble Behandlung der Menschen „Sans Papier“ oder die Missstände in den Banlieues wenden.

Die Zeitungsberichte legen in Form von sog. Topoi gewisse Argumente und Folgerungen, also Tendenzen vor. Dazu gehören die Metaphern „Flut“, „Boot“ oder auch „Schlepper“ (man denkt da nicht gleich an das Einschleppen von Krankheiten?). Es gibt auch positive Assoziationen, etwa Hinweise auf Fachkräftebedarf, demografische Vorteile oder humanitäre Verpflichtungen. Was diese Topoi anbelangt, so sind sie in allen drei Zeitungen recht unterschiedlich, auch wieder unterschiedlich gewichtet. Die Frage ist auch, wer Meldungen generiert. Bemerkenswert, aber auch nicht überraschend ist das Interesse für Europa in der luxemburgischen Presse. Hier sind es auch vielfach europäische Institutionen, die sich zum Thema äußern, und, ebenso wie in Frankreich auch, die Wohlfahrtsverbände und Selbsthilfeorganisationen. Dagegen wird die Debatte in Deutschland (und damit auch die Berichterstattung) durch Parteien und Politiker bestimmt. Die französische Presse thematisiert prominent die (zu bekämpfende) „exclusion sociale“, womit sich die Saarbrücker nun gar nicht befassen.

Diskussion

Die Studie ist als Vergleich der drei regionalen Printmedien angelegt. Es fällt doch auf, dass diese, nicht nur beim Migrationsthema, wenig über die Situation in der Nachbarregion berichten. Grenzüberschreitende Beiträge sind beim luxemburgischen und beim deutschen Blatt noch geringer als beim französischen.

Nun interessiert uns hier jedoch nicht die medienwissenschaftliche Seite, sondern die sozialpolitische, also die Lebenslage von Migrantinnen und Migranten, wozu auch die Einstellungen und Einschätzungen in den Medien hierzu beitragen mögen. Dazu setzt die Autorin auf die Inhaltsanalyse, die sog. Topoi, die dann quantitativ zueinander und im Ländervergleich ins Verhältnis gesetzt werden. Wir erfahren so beispielsweise, dass etwas weniger als 4% der Beiträge im lothringischen Blatt die Überfremdungsängste ins Spiel bringen, während die Saarbrücker zu ca. 8 % die Gefahren und Risiken weiterer Einwanderung beschwören. Die „Flut“-Metapher wiederum spielt in Frankreich nicht die Rolle, da die Einwanderung über viele Jahre hinweg auch mit der Staatsbürgerschaft einhergeht. 6% der lothringischen Beiträge thematisieren das Recht, unterschiedlich zu sein. Fein. Und jetzt?

Welche Rolle spielen Frühstücksfernsehen und Facebook? Die Konzentration auf drei Tageszeitungen ist arbeitstechnisch durchaus verständlich. Wer indes etwas mehr über die veröffentlichte Meinung insgesamt, ja über die öffentlich Meinung in der Region sowieso erfahren will, müsste sich mit den elektronischen Medien und der Zivilgesellschaft befassen. Deren Bedeutung als Gegenstand der Berichterstattung bestätigt die Autorin wiederholt, ohne freilich ihre unmittelbare und praktische Wirksamkeit einschätzen zu können. Wir wissen heute immerhin, dass es die Freiwilligen vor Ort, in den Gemeinden und Vereinen sind, die die Willkommenskultur prägen. Die Printmedien spielen hier vermutlich nur eine marginale Rolle.

So sorgfältig und exakt die Autorin auch vorgeht, das Ergebnis der Studie auch irgendwie interessant ist: Für die gesellschaftlichen Debatte über Migration und die Möglichkeit, die Lebenslage von Einwanderern zu verbessern, ist sie nicht hilfreich. Ja, sie ist auch gar nicht darauf angelegt, es dominiert der medienwissenschaftliche Anspruch, wie gerade auch im 6. Kapitel die geprüften Hypothesen zeigen.

Fazit

Der Buchtitel sagt es klar: Die Studie ist medienwissenschaftlich angelegt. Sie analysiert exemplarische Printmedien in einer grenzüberschreitenden Region in Hinsicht darauf, wie sie Migration thematisieren. Um die Lage von Migrantinnen und Migranten, die politische und zivilgesellschaftliche Praxis geht es hier nur am Rande.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 31.03.2017 zu: Elena Kreutzer: Migration in den Medien. Eine vergleichende Studie zur europäischen Grenzregion SaarLorLux. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3394-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22185.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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