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Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Migration und Familie

Cover Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Migration und Familie. Kindheit mit Zuwanderungshintergrund. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 229 Seiten. ISBN 978-3-658-12236-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das Ziel, empirische Befunde zu in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund systematisch aufzubereiten, zu sortieren, in ihrer jeweiligen Aussagekraft zu analysieren und deren Reichweite zu bewerten.

Das Gutachten beschäftigt sich mit den folgenden Fragen:

  • Wie viel familienpolitischer Unterstützungsbedarf ist für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund notwendig, um Chancen für ein nach ihren Vorstellungen gelungenes Leben in der deutschen Gesellschaft zu eröffnen?
  • Was bedeutet die Migrationserfahrung – die eigene oder die der Eltern und Großeltern – für das Aufwachsen der Kinder in Deutschland?

Im Gutachten werden die drei Teilhabedimensionen Bildung, Einbettung in soziale Netze und Gesundheit daraufhin untersucht, wann ein von Migration geprägtes Familienleben für Kinder mit Risiken und wann mit Chancen verbunden ist.

Die Untersuchung zielt mittels einer eigenständigen empirischen Analyse in den ausgewählten Bereichen frühe Bildung und Betreuung sowie non-formale Bildung und soziale Netzwerke außerhalb der Familie auf Basis von Survey-Daten darauf ab, neue Erkenntnisse mit bereits bestehenden zu vergleichen und so systematische familienpolitische Empfehlungen herzuleiten.

HerausgeberInnen

Der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen des BMFSFJ berät seit seiner Gründung 1970, in der jetzigen Form, mehr als 40 Jahre das Bundesfamilienministerium in unabhängigen gutachterlichen Äußerungen zu familienpolitischen Themen. Dieses Gutachten ist als Gemeinschaftsarbeit des Wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entstanden. In den einzelnen Kapiteln sind die jeweils federführenden Autorinnen und Autoren benannt. Die redaktionelle Endbearbeitung wurde von Herrn Prof. Dr. Dr. Siegfried Keil durchgeführt.

Aufbau und Inhalte

Das vorliegende Buch greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte der Situation der Familie unter Migrationsbedingungen von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden Teile:

  1. „Strukturen und Rahmenbedingungen von Migration“ (Dorbritz, Jürgen et al.)
  2. „Referenzrahmen des Gutachtens: Migration und Teilhabe“ (Diewald, Martin et al.);
  3. „Ausgewählte Befunde und rechtlicher Rahmen der Teilhaberealität“ (Diehl, Claudia et al.);
  4. „Ausgewählte Analysen zum Zusammenhang von Migration und Teilhabe“ (Spieß, C. Katharina et al.);
  5. „Bisherige Befunde und eigene Analysen der Teilhaberealität“ (Andresen, Sabine et al.);
  6. „Empfehlungen“ (Gerlach, Irene).

In der Einführung geben Claudia Diehl, Irene Gerlach und Birgit Leyendecker eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit.

Der Ausgangspunkt für das Gutachten sind folgende Fragen:

  • Wie lässt sich die Teilhabe von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund in gesellschaftlichen Bereichen beschreiben?
  • Welche Differenzierungen nach welchen Merkmalen der Kinder sind notwendig und erklärend für die Analyse der Teilhabe?
  • Wie und unter welchen besonderen Bedingungen gelingt die Teilhabe von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund?
  • Welche Rolle spielen ihre jeweiligen Familien für gelingende oder erschwerte Teilhabe?
  • Welche die Teilhabe von Kindern mit Migrationshintergrund unterstützenden Rahmenbedingungen und Maßnahmen kann Politik bieten? (vgl. S. 4)

Im Kapitel I („Strukturen und Rahmenbedingungen von Migration“ (Dorbritz, Jürgen et al.) wird ein Überblick über das Migrationsgeschehen nach und in Deutschland gegeben und es werden erste Schlaglichter auf die sozio-demografischen Merkmale von Familien mit Migrationshintergrund geworfen.

Im Kapitel II („Referenzrahmen des Gutachtens: Migration und Teilhabe“ (Diewald, Martin et al.) werden zentrale Differenzierungslinien wie Ethnizität, Aufenthaltsdauer und die Frage des rechtlichen Status zur Betrachtung der sehr heterogenen Gruppe der „Familien mit Migrationshintergrund“ aufgezeigt und der für das Gutachten wichtige normative „Suchraum“ des Teilhabekonzepts aufgespannt. Das Kapitel hat die Aufgabe den theoretischen Referenzrahmen des Gutachtens zu entwickeln. Im Zentrum steht das Konzept der Teilhabe, wie es sich in den letzten Jahren zunehmend in vielen Analysen der Sozialpolitik durchgesetzt hat. In diesem Kapitel wird es auf die Frage der Bedeutung von Bilingualität und Bikulturalität eingegangen.

Im Kapitel III („Ausgewählte Befunde und rechtlicher Rahmen der Teilhaberealität“ (Diehl, Claudia et al.) werden die wichtigsten bisherigen Befunde aus den existierenden Studien, Gutachten bzw. Berichten zu den drei ausgewählten Teilhabebereichen Bildung, insbesondere frühe Bildung und Betreuung sowie non-formale Bildung, soziale Netzwerke außerhalb der Familie sowie psychische und physische Gesundheit dargestellt.

Im Kapitel IV („Ausgewählte Analysen zum Zusammenhang von Migration und Teilhabe“ (Spieß, C. Katharina et al.) werden die verwendeten Daten und das methodische Vorgehen sowie die darauf aufbauende eigenständige empirische Analyse der „Teilhaberealität“ in den ausgewählten Bereichen frühe Bildung und Betreuung sowie non-formale Bildung und soziale Netzwerke außerhalb der Familie beschrieben.

Im Kapitel V („Bisherige Befunde und eigene Analysen der Teilhaberealität“ (Andresen, Sabine et al.) werden die wichtigsten Befunde aus der im Kapitel III gesichteten Literatur sowie die Befunde aus den eigenen Auswertungen in den vorangegangenen beiden Kapitel schlussfolgernd zusammengefasst.

Im Kapitel VI („Empfehlungen“ (Gerlach, Irene) folgen abschließend die daran anknüpfenden familienpolitischen Empfehlungen. Dabei werden die Empfehlungen teilweise in den Kapiteln des Gutachtens systematisch hergeleitet (dann findet sich immer ein Verweis auf die Nummer der Empfehlung im Text), andere werden aus dem fachöffentlichen Diskurs aufgenommen und im Gesamtzusammenhang des Gutachtens verankert da das Rad keineswegs immer neu erfunden werden muss.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an Dozierende und Studierende der Fachgebiete Politik, Soziologie, Pädagogik, Medizin und Psychologie, aber auch an Politiker der Bereiche Familien und Inneres, Mitarbeiter bei Integrationsträgern.

Fazit

Das vorliegende Gutachten geht davon aus, dass ein Migrationshintergrund spezifische Risiken, aber auch besondere Chancen der Teilhabe eröffnen mag, und stellt die Frage, inwiefern durch spezifische Merkmale des Migrationshintergrunds induzierte Ungleichheiten in der Teilhabe gegen Chancengleichheitsnormen verstoßen oder nicht (S. 183). Der Blick der Untersuchung wird in diesem Gutachten ausdrücklich auf Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund gerichtet. Das Gutachten fragt nach dem besonderen familienpolitischen Unterstützungsbedarf, der notwendig ist, um Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund Chancen für ein nach ihren Vorstellungen gelungenes Leben in der deutschen Gesellschaft zu eröffnen. Migrationserfahrung – ob direkte oder indirekte – wird dabei für den Sozialisations – und Lebensprozess der Kinder ausdrücklich nicht nur als Belastung begriffen, sondern auch als besondere Chance. Eine der Leistungen dieses Gutachtens besteht darin, dass bei der empirischen Analyse nach drei Zuwanderungsgenerationen unterschieden wird. Der Fokus auf die familialen Rahmenbedingungen gelingender Teilhabe in unterschiedlichen Bereichen und Kontexten unterscheidet das vorliegende Gutachten von den in der Literatur vorliegenden Berichten, die in den letzten Jahren die Situation von Menschen mit Migrationshintergrund und deren Integration in den Blick genommen haben. Eine wichtige Stärke dieser Veröffentlichung liegt in der Entwicklung von konkreten familienpolitischen Empfehlungen. Das Gutachten kann den Zielgruppen nur ausdrücklich empfohlen werden. Es dürfte ihnen eine wichtige Denk- und Arbeitshilfe sein.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 28.11.2017 zu: Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Migration und Familie. Kindheit mit Zuwanderungshintergrund. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-12236-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22186.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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